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Gedenkrede an der Katholischen Universität Löwen

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede an der Katholischen Universität Löwen Löwen/ Belgien, 4. August 2014 Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Belgien – Rede an der Katholischen Universität Löwen © Steffen Kugler

Eigentlich, verehrter Herr Rektor, hätte der Präsident, aber noch mehr der Bürger und der Theologe nicht übel Lust, mit Ihnen in einen Diskurs einzutreten nach Ihrer tiefsinnigen und so herzlichen und freundlichen Begrüßung. Aber das würde ein bisschen zu lange dauern und würde unseren Plan, den wir heute noch verfolgen, durcheinander bringen. Also schaue ich Ihnen freundlich und dankbar in die Augen – und seien Sie gewiss, ich nehme viel von dem mit, was Sie uns eben gesagt haben. Danke!

Jetzt bin ich auch hier im flandrischen Teil: Nachdem wir heute Morgen gemeinsam in Lüttich eine so bewegende Zeremonie des Gedenkens erlebt haben – jetzt bin ich hierher nach Löwen gekommen, um auch an die Leiden der flämischen Bevölkerung im Ersten und natürlich auch im Zweiten Weltkrieg zu erinnern. Mit meinem Besuch will ich auch an das große Unrecht erinnern, das der deutsche Überfall auf das neutrale Belgien vor 100 Jahren darstellt. Ihnen, Herr Bürgermeister, danke ich für den freundlichen Empfang in Ihrer Stadt mit den so überaus freundlichen und herzlichen Bürgern. Und ich danke Ihnen, Magnifizenz, dass ich die ehrwürdige Katholische Universität Löwen besuchen darf.

Löwen gehört zu den sieben Märtyrerstädten in Belgien. Vom 25. bis zum 29. August 1914 wüteten hier Deutsche als Besatzer in dieser Stadt: 209 Zivilisten wurden erschossen, 650 in Viehwaggons nach Deutschland geschafft. Am 27. August wurde die gesamte Bevölkerung aus der Stadt vertrieben, nachdem die deutsche Heeresleitung angekündigt hatte, die ganze Stadt in Schutt und Asche zu legen. Dazu sollte es zwar nicht kommen, doch wurden viele Gebäude in jenen Augusttagen 1914 von deutschen Truppen in Brand gesteckt, darunter die altehrwürdige Universitätsbibliothek. Sie brannte vollständig nieder, wurde wieder aufgebaut und fiel dann im Mai 1940, während des zweiten deutschen Einmarsches, erneut den Flammen zum Opfer. Wertvolle Handschriften, Inkunabeln, Bücher, Karten und Münzen gingen verloren. Die Ironie der Geschichte will es, dass beim zweiten Brand auch viele jener Bücher vernichtet wurden, die Deutschland als Reparation für die Zerstörung im Ersten Weltkrieg geleistet hatte.

Besonders der Brand im Jahr 1914 hat die damalige Welt erschüttert. Er hat sie so erschüttert, dass der Universitätsbibliothek von Löwen sogar ein eigener Abschnitt im Vertrag von Versailles gewidmet wurde. Ich habe heute Morgen daran erinnert, an den Meinungsstreit der deutschen und der belgischen Öffentlichkeit – und wie nicht nur irgendwelche Deutsche, sondern die Blüte des Geistes, ganz berühmte Wissenschaftler und Autoren der Ansicht waren, dass auch diese Zerstörung gerechtfertigt sei – eine schreckliche Erinnerung.

Aber Bücher sind das Eine, Menschen das Andere. In Löwen und den anderen belgischen Märtyrerstädten waren Tote zu beklagen, viele Tote.

Wir treffen heute im Gedenken an die Toten zusammen. In Trauer stehen wir vereint an ihren Gräbern. Die Erhaltung des Friedens ist für uns eine Verpflichtung vor den Opfern des Krieges. Mit ihrem Erleben und Sterben haben sie uns eine Erinnerung hinterlassen, die uns auffordert, dafür Sorge zu tragen, dass sich solches Erleben nicht wiederholt.

Ich habe mir in diesem Gedenkjahr die Einträge in Tagebüchern von Soldaten auf verschiedenen Seiten der Front angeschaut. Sie sprechen eine eindeutige, eine erschütternde Sprache. Das Leid, die Nöte und die Ängste waren überall gleich und machten keinen Unterschied zwischen Feind und Freund. Wenn wir heute gemeinsam erinnern, erinnern wir auch, dass das Leid bei allen Gegensätzen ein gemeinsames war.

Löwen und die Führung seiner Universität reichten uns Deutschen früh die Hand zur Versöhnung. 1958 verlieh die Universität Bundeskanzler Konrad Adenauer und Robert Schuman die Ehrendoktorwürde.

In einer bewegenden Ansprache hat der damalige Rektor der Universität, Van Waeyenbergh, gesagt: "Wir sagen nicht in platonischer Weise, wir vergessen; wir sagen in christlicher Caritas, wir lieben!"

Er hatte damit nicht nur die belgisch-deutschen Beziehungen gefördert, sondern auch – in Adenauers Worten – ein ergreifendes Bekenntnis zur Zukunft Europas abgelegt.

Wer heute durch Löwen, diese schöne Stadt, die den Geist früher Bürgerlichkeit atmet, geht, kann sich die Schrecken und Zerstörungen der Vergangenheit kaum noch vorstellen. Kaum bzw. gar nicht mehr können wir uns vorstellen, dass Deutsche erneut über ihre Nachbarn herfallen könnten. Wir haben uns auf der Grundlage gemeinsamer Werte gemeinsam eine Europäische Union geschaffen und erleben heute, dass Menschen in Europa sich nur noch friedlich begegnen und unsere Staaten ihre Werte und die Rechtsgemeinschaft gemeinsam schützen und verteidigen. Und dass darüber hinaus nicht nur intensive Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern gewachsen ist, sondern unzählige Brücken zwischen Menschen und Institutionen errichtet worden sind. Das erfüllt uns gerade an Gedenktagen wie diesem mit Freude und mit Zuversicht. Denn wir wollen nicht nur erinnern, was versöhnungsbereite Menschen vor uns geschaffen haben. Wir wollen vielmehr ihr Werk fortsetzen, und wir wollen es vertiefen.

Haben Sie Dank für diese besondere Einladung. Sie ist ein großes Geschenk für mich und für mein Land.