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Bürgerempfang in Rheinland-Pfalz

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede beim Bürgerempfang im Rheinischen Landesmuseum Trier, 3. September 2014 Besuch in Rheinland-Pfalz – Rede beim Bürgerempfang im Rheinischen Landesmuseum © Sandra Steins

Daniela Schadt und ich freuen uns in besonderer Weise, in diesem Land der Schätze zu Gast sein zu dürfen. Wir sind natürlich nicht zum ersten Mal hier, aber wir haben die Stationen, die Sie, Frau Ministerin, eben genannt haben, zum ersten Mal gesehen, auch den berühmten Trierer Goldschatz, der eben beschrieben worden ist von der Landesmutter.

Also, ich möchte heute über Schätze sprechen. In jeder Station, bei der wir heute waren, ob im Berufsbildungswerk, bei den mittelständischen Unternehmen, in der Jugendherberge oder hier im Museum, überall sind mir Schätze begegnet – aber solche mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten. Und jeder Schatz ist auf seine Weise wertvoll. Wenn ich daran denke, welche Mühe dieses Land bereits seit langem darauf verwendet, niemanden zurückzulassen – auch Menschen mit Behinderung nicht zurückzulassen, sondern sie zu integrieren in das berufliche und gesellschaftliche Leben. Wenn ich daran denke, wie man nicht nur für das schöne Land selber, sondern über die Grenzen hinaus den europäischen Gedanken pflegt und gestaltet. Wenn man daran denkt, wie die Inklusion hier in der ganz normalen Arbeit dieser schönen Jugendherberge gepflegt wird. Und wenn man sich vorstellt: Was wäre Deutschland eigentlich ohne seine Kultur des Mittelstandes, ohne die besondere Verantwortungsbereitschaft mittelständischer Unternehmer? Was wäre eigentlich Deutschland ohne diese Güter?

Und so lohnt es sich manchmal zusammenzutragen, was eigentlich dieses Land lebenswert macht. Und da ist so ein Goldschatz, – so berühmt und bedeutend er auch sein mag – eher nebensächlich. Aber ich sage Ihnen, wenn ich Sie so vor mir stehen sehe, dann ist meine Begeisterung größer, als wenn ich vor dem Goldschatz stünde.

Und wissen Sie, was das Besondere ist an dieser Begegnung mit diesem Schatz, den ich in Ihnen vor mir sehe? Ein Nachfolger von mir wird, wenn er spät genug kommt, Sie alle nicht mehr treffen. Aber er wird andere treffen, die an ihrer Stelle das tun, was Sie heute tun und bevor Sie hier in Ihren Vereinen, in Ihrem Amt tätig waren, da waren es andere, die sich für das Gemeinwesen, für ihre Gemeinde, für ihre Kirchengemeinde, für den Sportverein, für die Kultur, für die Umwelt eingesetzt haben. Das heißt, es gibt Schätze, die wir vererben können, ohne dass wir sie in materiellen Ziffern, in materiellem Wert definieren können.

Das sind Haltungen. Das sind die Haltungen von Menschen, die wissen: Wir verlieren uns selbst, wenn wir die Beziehung zu unserer Umwelt kappen. Wir vereinzeln und wir finden eben nicht das Glück, sondern in unserer Sucht, etwas Besonderes zu sein, verlieren wir die Lust am Dasein miteinander. Und es ist so schön, dass Sie im täglichen Leben ein Gespür genau dafür entwickelt haben: dass wir etwas gewinnen, wenn wir etwas geben, nämlich Zeit, Kraft, Anstrengung. Wir haben doch auch dort, wo wir ehrenamtlich tätig sind, nicht immer nur Lust. Das sind ja nicht nur Engel, mit denen wir in Berührung kommen. Man muss bei jedem seine besondere Gabe entdecken, und manchmal müssen wir auch die kleinen Schwächen ertragen, die jeder von uns den Mitmenschen ab und an zumutet. All das gehört dazu.

Aber es ist diese Fähigkeit zu sehen: Lebe ich nicht reicher, wenn ich nicht nur mich selbst als Zentrum des Daseins betrachte?

Mir fällt es leicht, diese Worte zu sprechen, weil ich als Bundespräsident ein besonderes Geschenk habe, das mir fortwährend in meiner Amtsführung zuteil wird. Dass diese Amtsführung manchmal auch fordernd ist, das will ich gar nicht verhehlen. Aber immer, wenn ich im Lande bin oder wenn ich Besuch bekomme in Berlin, im Schloss Bellevue, treffe ich besondere Menschen.

Überhaupt treffe ich vor allem jene, die etwas Besonderes einbringen können, über die man sich freuen kann. Das ist oft so, als würde man mir immer einen Korb mit Erntedankfrüchten vorbeibringen.

Und die Begegnung mit Ihnen ist eine schöne Einstimmung auf das Bürgerfest, das in wenigen Tagen in Schloss Bellevue stattfindet – ein Empfang für Freiwillige aus ganz Deutschland. Daniela Schadt und ich freuen uns schon sehr auf die Begegnung mit diesen ehrenamtlich Tätigen. Und dies hier und heute ist eine Begegnung, die mich schon mit Vorfreude erfüllt auf das, was wir beide dann beim Bürgerfest erleben werden.

Daniela Schadt und ich haben eine Menge solcher Begegnungen. Und jedes Mal, wenn wir dann nach Hause kommen, wächst unsere Begeisterung über dieses Land. Und jetzt müssen Sie mich mal angucken: Ich bin 74 Jahre alt. Als ich ein Kleinkind war, herrschte noch Krieg. Ich wuchs im Kommunismus der Nachkriegszeit auf. Und als ich politisch zu denken anfing, fühlte ich mich heimatlos. Weil ich es widerlich fand, was die Generation meiner Eltern mit diesem Land und mit unseren Nachbarn gemacht hatte. Es gab Phasen in meinem Leben, da habe ich das Land geradezu gehasst. Und viele in meiner Generation können sich erinnern, dass sie so etwas auch erlebt haben. Als sie nach dem Krieg vor ihrem eigenen Land erschraken. Und dann hat die junge Bundesrepublik eben mit ihren Bundesländern Schritt für Schritt Demokratie buchstabiert, aufgebaut und schließlich glaubwürdig gemacht. Und als die Institutionen standen, kam das demokratische Empfinden der Leute dazu und schließlich hatten die Ostdeutschen 1989 Lust, sich mit diesem Deutschland wiederzuvereinen, in dem es schon Dinge gab, von denen wir Ostdeutsche nur geträumt hatten.

All das ist jetzt, in diesem Jahr, 25 Jahre her – 1989, in diesem Herbst werden wir daran erinnern.

Es sind durchaus ein paar Leute unter uns, die zu meiner Alterskohorte gehören. Die Jüngeren unter Ihnen bitte ich, sich für einen Moment meine Augen anzueignen – und diese irgendwie doch wunderbare Verwandlung eines Landes von einem Zentrum des Bösen zu einem vorzeigbaren, vielleicht manchmal gar vorbildlichen Stück Europa einmal anzuschauen. Und dann bitte ich Sie, einen ganz kleinen Moment einfach zu schauen und zu schweigen und dieses tiefe Gefühl der Dankbarkeit in sich selber zuzulassen.

Und damit komme ich zu den Schätzen zurück. Denn all das haben Sie, das haben Leute wie Sie vor Ihnen aufgebaut. Und wenn ich umherreise in der Welt, dann gibt es so viele Menschen in Asien, in Südamerika, in Afrika, die gar nicht mehr danach fragen, wo die großen USA sind, sondern die nach Deutschland fragen. Und sich fragen, ob wir nicht Erfahrungen haben, die wir ihnen anbieten können. Mein Gott, wenn mir das einer in meiner Jugend gesagt hätte, ich hätte es nicht geglaubt.

Natürlich hat auch jedes Land Mängel. Und dieses wunderbare Rheinland-Pfalz hat vielleicht auch nicht immer – so hört man jedenfalls – alles richtig gemacht. Das alles übersehe ich keineswegs. Und trotzdem, aus meiner Perspektive und von dem Hügel meines Alters aus betrachtet, ist doch alles, was ich vorher über Schätze gesagt habe, nicht falsch. Das zeigt uns, dass wir – in klarer Erkenntnis auch unserer Grenzen und Mängel – ein fröhliches "Ja" sagen können zu diesem Land. Und nicht nur wegen seiner Institutionen oder weil wir das Glück haben, dass unsere Regierung demokratisch gewählt ist und dass wir gute Richter und Verwaltungsbeamte, ein ziviles Militär und ansprechbare Polizisten haben, sondern vor allem, weil Sie da sind, die Bürgerinnen und Bürger mit ihrem Bürgersinn, mit ihrer wunderbaren Form, sich den anderen zu schenken. Man soll sich nicht überschätzen, aber man soll sich auch nicht unterschätzen. Und in diesem Maß der Erkenntnis dessen, wozu wir imstande sind, dürfen wir unser Land gelegentlich feiern, etwa am 3. Oktober.

Ich danke Ihnen.