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Ansprache des Bundespräsidenten beim zweiten Tag des Bürgerfestes 2014

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede beim Bürgerfest im Park von Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 6. September 2014 Bürgerfest des Bundespräsidenten – Rede im Park von Schloss Bellevue © Henning Schacht

Was für eine wunderbare Aussicht von hier, genau passend zum Namen Bellevue: ein Park voller Bürgerinnen und Bürger! Das ist das schönste Geschenk, das Sie Daniela Schadt und mir zu unserem Bürgerfest machen konnten. Wir freuen uns sehr, dass Sie unserer Einladung so zahlreich gefolgt sind. Wir finden es schön, dass Sie uns besuchen und sich dabei im Schloss Bellevue umsehen, wo sich im präsidialen Alltag Botschafter, Abgeordnete, Minister, die Kanzlerin, Präsidenten und Könige begegnen. Und seien Sie gewiss: Die heutigen Begegnungen sind mir genauso wichtig wie die eben genannten.

Drei Dinge braucht ein gelungenes Fest: gute Gäste, gute Stimmung und gute Gespräche. Punkt eins ist erfüllt. Für die gute Stimmung haben wir einiges vorbereitet: Kulinarisches und Kulturelles, im Schloss werden Sie sogar von einem Marquis begrüßt. Der ist extra aus Potsdam für Sie angereist. Hier wohnen ja inzwischen keine Blaublüter mehr.

Gute Gespräche lassen sich zwar nicht so genau vorbereiten wie unser Veranstaltungsprogramm, aber wir wollen versuchen, sie anzubahnen. Es geht uns heute darum, unsere freie Bürgergesellschaft zu feiern und in sommerlich-leichten, vielleicht auch etwas ernsteren Momenten zu zeigen, wie es aussehen kann, wenn Bürger aktiv werden.

Das Wort "Ehrenamt" klingt für manche Menschen inzwischen etwas angestaubt, andere haben gleich eine jahrelange Verpflichtung vor Augen. Deshalb will ich lieber von bürgerschaftlichem Engagement sprechen und möchte Sie einladen, die große Vielfalt von Beteiligungsformen zu entdecken – und vielleicht sogar eine passende für sich selbst zu finden. An einem Treffpunkt hier auf dem Festgelände, den wir "Ort der Begegnung" nennen, können Sie zum Beispiel testen: Welcher Engagement-Typ bin ich? Ein potentieller Fußballtrainer mit der Aussicht, die eigenen Enkel bis in eine Liga zu führen, oder eher eine Lesepatin für 30 Minuten Kurzeinsatz in der Mittagspause? Wer mit offenen Augen und mit offenem Herzen durch den Park spaziert, wird viele Betätigungsmöglichkeiten entdecken: Wie man Kitakindern Freude am Gärtnern und an gesunder Ernährung vermittelt, warum Humor beim Heilen hilft, oder wann es sich lohnt, ein Mehrgenerationenhaus zu besuchen.

Sie merken, in allen Projekten geht es um ein besseres Miteinander. Ich danke unseren zahlreichen Partnern, die dafür mit ihren Materialien und Aktionen nach Bellevue gekommen sind und keinen organisatorischen und finanziellen Aufwand gescheut haben. Vom kleinen Stiftungsprojekt bis zum großen Unternehmen: Ihnen allen herzlichen Dank! Ich spreche wohl in unser aller Namen, wenn ich hinzufüge: Es geht uns nicht darum, hier eine heile Welt zu präsentieren. Bürgerschaftliches Engagement ist gerade dort gefragt, wo etwas fehlt, wo etwas schiefläuft und verbessert werden kann in unserer Gesellschaft.

Wenn wir beispielsweise zeigen, wie Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam leben, lernen oder Sport treiben, dann steckt darin auch die Botschaft: Fernab solcher Vorbilder sind längst noch nicht alle Barrieren überwunden in unserem Land.

Ähnliches gilt für die Initiativen zum Thema Integration. Wir zeigen Beispiele des Gelingens, etwa die beeindruckenden Bildungsbiografien der START-Stipendiaten, aber wir sagen auch: Alltagsdiskriminierung und Rechtsradikalismus gibt es in Deutschland weiterhin. Wir brauchen deshalb auch weiterhin Bürgerinnen und Bürger, die sich für Toleranz und Zivilcourage stark machen.

Oder versetzen wir uns einen Augenblick in die Erlebnisse der jungen Leute, die mit der Aktion Tagwerk Bildungsprojekte in Afrika unterstützen. Natürlich kann man mit ihnen darüber sprechen, wie gut es sich anfühlt, eine selbst erarbeitete Summe an Gleichaltrige in Burundi oder Ruanda zu übergeben. Aber man kann auch diskutieren, was über solche Initiativen hinaus noch geschehen muss, damit die millionenfache Armut und andere gravierende Probleme auf dem afrikanischen Kontinent überwunden werden. Deutschland ist keine Insel. Wir blicken gerade in den vergangenen Wochen immer wieder sorgenvoll auf die Nachrichten aus aller Welt, aus den Ebola-Gebieten, aber auch aus der Ukraine, aus dem Irak und aus dem Nahen Osten. All das wollen wir nicht gänzlich ausblenden, wenn wir heute dieses Fest feiern. Bürger zu sein heißt auch, den eigenen Standpunkt einzubringen – gerade in komplexen Debatten. Die soziale Temperatur in unserem Land wird nicht allein von der Politik bestimmt. Sie hängt ab von den Momenten, in denen Menschen sagen: Dieses oder jenes Thema mache ich mir zu eigen, ich fühle mich zuständig.

Wenn ich in diesen Wochen über engagierte Bürgerinnen und Bürger spreche, dann muss ich unweigerlich an meine prägende Lebenserfahrung denken, an die Friedliche Revolution, die sich nun zum 25. Mal jährt. 1989 war es der Mut der Vielen, der einen Eisernen Vorhang zu Fall brachte. Heute sind Mauern anderer Art zu überwinden. Sie sind nicht mit Eisen und Beton verstärkt, sondern meistens aus Vorurteilen oder Ignoranz gezimmert. Deshalb brauchen wir den Mut der Vielen immer wieder. Entscheidend dabei ist nicht, ob es sich um eine Bürgerinitiative gegen Umweltsünden oder um eine Solidaritätsbekundung für das benachbarte Asylbewerberheim handelt. Entscheidend ist, dass wir wirklich tätig werden, dass wir Mitstreiter finden und ein Ziel formulieren. Heute – genau wie damals – braucht unsere Gesellschaft Bürgerinnen und Bürger, die sich für ihre Anliegen in Bewegung setzen.

In einer Demokratie bedeutet das auch, von der Politik echte Debatten, wenn nötig auch Kontroversen, über den richtigen Weg einzufordern und dann: wählen zu gehen, mitzubestimmen, die Verantwortung nicht den anderen zu überlassen. Wir haben keine Wahlpflicht in Deutschland, aber glücklicherweise das Recht auf freie, gleiche und geheime Wahlen – ein Recht, um das Millionen Menschen auf der Welt vergeblich kämpfen. Wenn Sie, liebe Gäste, das nächste Mal einen Wahlschein im Briefkasten haben – wie jüngst die Brandenburgerinnen und Brandenburger –, dann denken Sie bitte daran: Der Wahlakt ist freiwillig und gerade deshalb eine der wichtigsten Formen von Engagement in unserer Demokratie.

Und nun: Lassen Sie uns die Bürgergesellschaft feiern! Daniela Schadt und ich freuen uns sehr, einen solchen Tag gemeinsam mit Ihnen erleben zu dürfen. Nutzen wir ihn!