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Festakt zur Eröffnung der Ausstellung "Die Wikinger"

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung 'Die Wikinger' im Abgeordnetenhaus Berlin, 9. September 2014 Ausstellungseröffnung "Die Wikinger" – Rede beim Festakt im Abgeordnetenhaus © Sandra Steins

Mythen entstehen aus dem Unbestimmten – wenn sich unsere Bilder vom Entfernten oder vom Vergangenen nur aus vager Kenntnis speisen. So ist gerade der Norden, unbekannt und faszinierend zugleich, zu einem Raum geworden, für den die Phantasie mythische Orte gebiert. Nehmen wir Thule, das die Menschen im übrigen Europa seit der Antike fasziniert. Für den griechischen Entdeckungsreisenden Pytheas ist dieses Thule ein Land aus Feuer und Eis, gelegen im Nordatlantik. Oder die sagenhaften Hyperboräer: Bewohner eines weit entfernten Landes jenseits des Nordwindes, in dem sechs Monate im Jahr die Sonne scheint.

Schließlich die Wikinger, um die herum vielleicht der wirkmächtigste Mythos des Nordens entstanden ist. Ein Mythos zudem, der mit den historischen Bedingungen zum Teil nur wenig zu tun hatte. Den Wikingern wurden einerseits Wagemut, Entdecker- und Abenteurergeist zugeschrieben. Sie galten aber auch als blutrünstige Barbaren, die sich, aus dem kalten Norden kommend, bei zahlreichen Wikingerzügen über jede damals im christlichen Europa gültige Norm der Zivilisation hinwegsetzten und eine Spur der Zerstörung hinterließen. Als Abenteuergeschichten finden sich diese Raub- und Beuteexpeditionen in manchen der isländischen und norwegischen Sagen wieder, etwa der berühmten Edda.

Das raunend Ungefähre dieser Überlieferung war der Stoff, aus dem auch die politische Instrumentalisierung entstand, die insbesondere im 20. Jahrhundert um sich griff. Im nationalsozialistischen Deutschland geschah dies in einer Weise, die man abscheulich nennen muss: Das vermeintliche Herrenvolk der Deutschen sollte aus Sicht der Nationalsozialisten seinen Ursprung in den Reihen der Wikinger suchen. Der Wahn des rassischen Denkens gipfelte – mit Blick auf die Wikinger – in der Schaffung der Division "Wiking" innerhalb der Waffen-SS, die gegen die Rote Armee eingesetzt wurde.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich unsere Vorstellung von jener historischen Epoche, die wir Wikingerzeit nennen, stark gewandelt. Mit anderen Worten: Unser Bild von Wikingern, Warägern und Normannen ist sehr viel differenzierter geworden. Wir wissen heute, dass sie vieles waren: Händler und Krieger, Entdecker und Bauern, Siedler und Söldner. Gewiss, die Wikingerzüge waren untrennbar verbunden mit Aggression, Tod und Leid. Doch war Gewalt eben nicht nur für die Bewohner des damaligen Skandinavien, sondern im ganzen hochmittelalterlichen Europa ein akzeptiertes Mittel der Politik. Das galt für das Fränkische Reich ebenso wie für Byzanz. Ob Gewaltanwendung jeweils als moralisch gut oder schlecht verstanden wird, hängt auch vom Standpunkt des Betrachters ab – nicht zuletzt vom geografischen. Zur Arbeit des Historikers gehört es auch, sich diese Standortgebundenheit bewusst zu machen, sich den Respekt für zeitlich und räumlich ferne Weltbilder zu bewahren – ohne dabei die eigenen Wertmaßstäbe über Bord zu werfen. Die deutsche Sprache kennt dafür ein schönes Wort: "verstehen".

Und so wollen wir seit Jahren immer mehr erfahren über die Wikingerzeit und ihre Akteure. Die Ausstellung "Die Wikinger" entwirft das Panorama einer vielschichtigen und komplexen Welt. Sie macht ein Netzwerk sichtbar, das über vier Kontinente reichte – von Zentralasien bis Grönland und Nordamerika, vom Polarkreis bis zum Mittelmeer.

Wie stark der Austausch und die Wechselwirkungen damals waren, das belegt nicht zuletzt die große Bedeutung zeitgenössischer Quellen über die Wikinger, die gar nicht von ihnen selbst stammen, sondern zum Beispiel von gelehrten Kirchenmännern im übrigen Europa und von Geographen der islamischen Welt. Der kulturelle Austausch war keineswegs beschränkt auf eine kleine Elite, sondern hatte weitreichende Wirkungen. Auch das zeigt diese Ausstellung: mit zahlreichen Stücken, die den wechselseitigen Einfluss deutlich machen, bei Herstellungstechniken übrigens ebenso wie bei den damaligen Kleidungsstilen.

Skandinavien erlebte während der Wikingerzeit einen tiefgreifenden Wandel: Nicht zuletzt wurden die Grundlagen für jene drei skandinavischen Königreiche gelegt, die bis heute Bestand haben. Gegen Ende des 11. Jahrhunderts schließlich waren weite Teile Skandinaviens christlich geprägt. Was die Wikinger von ihren Reisen mit zurückbrachten, das veränderte auch ihre eigene Gesellschaft und Kultur. Dass der Prozess der Christianisierung nicht geradlinig verlief, das zeigt ein einzelnes Ausstellungsstück: ein Anhänger in der Form des altnordischen Symbols schlechthin – ein Thorshammer, in den jedoch ein Kreuz eingearbeitet ist.

Es fasziniert mich, wie viele Erkenntnisse die Wissenschaft in den vergangenen Jahren über die Wikinger zutage gefördert hat. Und ich sage bewusst "zutage gefördert", denn gerade die Rolle der Archäologie mit immer wieder aufs Neue spektakulären Funden ist ganz erstaunlich. Und ein besonders staunenswerter Fund steht nun im Lichthof des Gropius-Baus und damit im Mittelpunkt dieser wunderbaren Ausstellung: das bisher größte erhaltene und aufwendig rekonstruierte Wikingerschiff Roskilde 6.

Für die Wikinger hatten Schiffe – mit so schönen Namen wie "Wellenpferd" – wesentliche und vielfältige Bedeutung. Sie waren Transportmittel, aber auch Kriegsgerät und Bestattungsort. Für mich wurde heute ein Wikingerschiff zu einem Ort der Begegnung, als ich mit Ihnen, Majestät, an Bord eines nachgebauten Exemplars gehen konnte, das auf der Spree vor Anker liegt.

Ich danke den beteiligten Museen – dem Dänischen Nationalmuseum Kopenhagen, dem British Museum London und dem Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin – für ihre gute Zusammenarbeit, die diese Ausstellung erst möglich gemacht hat. Mein besonderer Dank gilt Ihnen, Majestät, dass Sie mir die Ehre erweisen, sie gemeinsam mit Ihnen zu eröffnen.

Heute ist das Interesse an der Welt der Wikinger wohl so groß wie nie zuvor. Ich wünsche mir, dass die Faszination für die Nordmänner und ihre Zeit auch dazu beiträgt, dass möglichst viele Menschen hinter den Mythos schauen, wenn sie diese wunderbare Ausstellung besuchen.