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Ordensverleihung zum Tag der Deutschen Einheit

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede in Schloss Bellevue bei der Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland anlässlich des Tages der Deutschen Einheit Schloss Bellevue, 6. Oktober 2014 Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland anlässlich des Tages der Deutschen Einheit – Rede in Schloss Bellevue © Sebastian Bolesch

Wenn mich bei Gelegenheit mal wieder jemand fragt: "Was meinen Sie, was macht eigentlich unser Deutschland so aus?" Dann sage ich ganz einfach: "Kommen Sie doch mal zu einer Ordensauszeichnung oder zum Bürgerfest ins Schloss Bellevue nach Berlin, dann muss ich nichts weiter erklären, dann sehen Sie es einfach!"

Und wenn wir es etwas genauer formulieren, so wie am heutigen Tag, dann würde ich sagen:

Unser Land, das ist ein Land mit Lehrerinnen und Lehrern, Schornsteinfegern oder Ärztinnen, Mitarbeitern im Sicherheitsdienst oder Sozialarbeiterinnen, die sich weit über ihre eigenen beruflichen Pflichten und Tätigkeiten hinaus, manchmal zu Hause, manchmal an ganz anderen Orten in der Gesellschaft engagieren. Sie organisieren Hilfe, wo sie nötig ist, sie geben ihre Erfahrungen weiter, sie brüten neue Ideen aus. Sie sind da, wenn andere sie brauchen.

Es ist ein Land mit großartigen Wissenschaftlern, großartigen Künstlern, Verlegern, Schauspielern, Filmemachern, Komponisten und Musikerinnen, Schriftstellern, Journalisten, Karikaturisten, Kunstvermittlerinnen.

Sie alle, wir alle, machen es zusammen noch nicht zu einem perfekten Land. In manchem würden wir es uns sicher auch anders wünschen. Aber insgesamt ist es doch ein gutes Land, vor allem, weil es Bürgerinnen und Bürger wie Sie hat!

Sie, liebe Ehrengäste, die ich Sie heute eingeladen habe, könnten unterschiedlicher eigentlich gar nicht sein: Alter und Lebenswege sind unterschiedlich, Herkunft, Engagement, auch Bekanntheitsgrad. Nach manchem von Ihnen dreht sich auf der Straße niemand um, obwohl Sie mir genauso wichtig sind wie diejenigen, nach denen man sich umdreht. Einige werden nach der Feier ganz unbemerkt durch Berlin spazieren gehen können. Und die anderen arbeiten jahrelang in der Öffentlichkeit oder in verantwortungsvollen öffentlichen Ämtern. Alle übernehmen irgendwo Verantwortung.

So verschieden Sie und Ihr Engagement auch sein mögen, eines kann ich behaupten: Wir ehren heute lauter Prominente. Denn prominent, also "herausragend" sind Sie alle – jede und jeder auf seine eigene Weise.

Herausragend sind Sie, weil Sie vorausgegangen sind: in wissenschaftliches, künstlerisches oder journalistisches Neuland. Einer von Ihnen, er ist heute nicht unter uns, ist sogar ganz weit hinausgegangen in seinen Forschungen, nämlich bis ins Universum. Oder aber, indem Sie beschlossen haben: Hier muss einer, eine aktiv werden, sich politisch engagieren, etwas organisieren, andere motivieren, erkennen, was notwendig und gut ist – Unterstützung für Ältere oder für die Jüngeren und Jüngsten. Hilfe für Menschen in akuter Not oder für Menschen mit dauerhaftem Hilfsbedarf. Sie engagieren sich gegen Rechtsextremismus und Rassismus, für Gleichberechtigung, für eine offene Erinnerung an deutsche Vergangenheit, für mehr Naturschutz oder für eine gute Nachbarschaft, für eine Verständigung zwischen Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft oder Nationalität und für so vieles anderes mehr.

Eins eint Sie, dass Sie gesagt haben: Ich tue etwas!

Wir stellen immer wieder fest: Es braucht einen ersten Anstoß. Dann kann aus etwas Kleinem etwas ganz Großes werden.

Das wird mir besonders deutlich, wenn ich an diese Woche denke. In drei Tagen werde ich in Leipzig sein und wir werden den 25. Jahrestag der großen Leipziger Demonstration vom 9. Oktober feiern. Den Tag, an dem deutlich wurde: das Ganze ist nicht nur ein Aufbruch, sondern es wird eine friedliche Revolution. Jenen Tag, an dem in Leipzig aus den zuvor Einzelnen, die sich getraut hatten, sich zu versammeln und gegen das Regime zu protestieren, tausende, zehntausende, ja hunderttausend Menschen wurden. Der Tag, an dem klar wurde: Wenn wenige Mutige die vielen Ängstlichen oder Bequemeren ansprechen und mitreißen, dann kann daraus etwas Gewaltiges entstehen, dann können Mauern fallen.

Ich freue mich, dass wir heute einige von diesen Anstiftern zur Freiheit ehren. Für das, was sie damals getan haben – aber auch für das, was sie seither unternommen haben, um an die Jahrzehnte der Repression und an den Wert der Freiheit zu erinnern.

Wenn wir heute die Bilder der Demonstrationen sehen, dann erscheint uns inzwischen alles sehr fern. Aber ich bin mir sicher: Jeder, der damals mit auf der Straße war, kann auch heute noch dieses Gefühl der Ermächtigung spüren: Wir sind das gewesen, wir, das Volk, haben das erreicht! Ohne dieses Selbst-Bewusst-Werden, ohne Bürgersinn, ohne die Wiederentdeckung der Existenzform des Bürgers wäre das SED-Regime nicht gestürzt worden.

Und nun zu uns heute: Auch eine freiheitliche Gesellschaft kommt ohne diesen Bürgersinn, ohne diese Selbstbewusstheit und dieses Selbstbewusstsein nicht aus. Wir mögen in einem vereinten, freiheitlichen, demokratischen Deutschland leben – aber eben nicht in einem Paradies, in einer vollendeten Gesellschaft, in der wir es uns bequem machen könnten. Und es reicht uns auch nicht aus, über Ungerechtigkeit nur zu klagen oder darüber, dass der Staat doch bitteschön hierfür und dafür sorgen soll. Wir haben uns bewusst gemacht, wir alle sind Teil dieses Staates. Wir alle sind gefordert, das zu tun, was in unserer Reichweite liegt, tagtäglich.

Im Osten Deutschlands ist die Einladung, Bürger zu werden, nun 25 Jahre alt. Ich weiß, viele haben es als beflügelnd erlebt, endlich etwas unternehmen und auf den Weg bringen zu können. Zeigen Sie, die Sie dort aktiv sind, wie gut sie tut, diese selbstbewusste Haltung der Eigenverantwortung. Machen Sie anderen Mut! Mir machen Sie insgesamt jedenfalls Mut.

Es ist ermutigend für mich zu sehen, wie viel Ideenreichtum und Leistungsbereitschaft, wie viel Verantwortungsbewusstsein und Solidarität in Ihren Lebensläufen und in Ihrem Engagement steckt. Details werde ich nicht nennen, wir hören nachher die ausführlichen Ordensbegründungen. Nur so viel vorab: Es sind lauter Geschichten von Menschen, die etwas bewegt haben und bewegen, weil sie selbst von etwas erfasst sind. Mit dieser Ordensverleihung sagen wir: Danke, dass unser Land auf Sie bauen kann!

"Alles Gute, was geschieht, wirkt nicht einzeln. Seiner Natur nach setzt es sogleich das Nächste in Bewegung." So hat es einer unserer ganz Großen, nämlich Johann Wolfgang Goethe formuliert. Dieser Satz gilt auch für Ihr Engagement: Eines zieht oft das nächste nach sich. Bei vielen Ordensbegründungen kann man nur staunen: hier einen Verein gegründet, da einen anderen unterstützt, sich darüber hinaus noch engagiert als Beraterin, als Elternsprecher. Manchmal fragt man sich: Wie schaffen Sie das bloß? Eine Antwort, meine Damen und Herren, sitzt mit Ihnen zusammen hier in unserem Saal: Und das sind Ihre Angehörigen. Auch Ihnen gehört ein guter Teil des "Dankeschön", denn Sie, die Angehörigen, tragen das Engagement der Geehrten mit.

Liebe Ehrengäste, viele von Ihnen haben sicher schon einmal gehört: "Ohne Sie geht es nicht". Das will ich – bevor es ganz feierlich an die Übergabe der Orden geht – bekräftigen:

Ohne Sie wäre unser schönes Deutschland nicht so, wie wir es lieben und schätzen. Und ich brauche weder Umfragen noch Rangfolgen, um sagen zu können: Hier ehren wir Deutschlands Beste!