Navigation und Service

Besuch des Instituts Pierre Werner in Luxemburg

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede am Institut Pierre Werner anlässlich des Staatsbesuchs im Großherzogtum Luxemburg Luxemburg, 4. November 2014 Staatsbesuch im Großherzogtum Luxemburg – Rede am Institut Pierre Werner © Guido Bergmann

Es ist schön, heute Vormittag bei Ihnen im Institut Pierre Werner zu sein. Dieses Institut ist ein ganz besonderer Ort der Begegnung und des Austausches zwischen Luxemburg, Frankreich und Deutschland, ein Haus der europäischen Freundschaft und der kulturellen Inspiration, des voneinander Lernens - eine Institution also in der Tradition des "Geistes von Colpach", den Sie, liebe Frau Goetzinger, uns eben so lebhaft vor Augen geführt haben. Ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie uns mitgenommen haben auf diese ideengeschichtliche Reise.

Lassen Sie uns also dem Geist von Colpach weiter nachspüren, einer Haltung, die hier in Luxemburg seit Jahrzehnten zum nationalen Selbstverständnis gehört. Ich möchte dabei nicht nur zurück, sondern auch nach vorn schauen und fragen, was dieser Geist heute für uns bedeutet, für uns alle in Europa.

Wir haben es gehört: In den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, in der kurzen Phase des Friedens zwischen den beiden Weltkriegen, kamen namhafte Intellektuelle und Politiker in der Residenz von Aline und Emil Mayrisch zusammen, um ihre Stimme gegen Nationalismus und Totalitarismus zu erheben. Es waren weltoffene Frauen und Männer, die sich nach einer Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich, nach einer stabilen Friedensordnung auf dem Kontinent sehnten. Sie träumten davon, Gegensätzlichkeit in Vielgestaltigkeit zu überführen. Ohne Zweifel: In Colpach trafen sich die Vordenker des europäischen Projekts.

Manch einem, der damals dabei war, erschien dieser wunderbare europäische Kosmos wie ein Märchenland. Aber wir wissen: Die Hoffnungen auf Frieden und Völkerverständigung, sie erfüllten sich nicht, zumindest noch nicht. Der "Große Krieg", der 1914 ausbrach, vor genau 100 Jahren, war nicht der letzte auf Europas blutgetränkter Erde. Nur ein Vierteljahrhundert später begann mit dem Überfall Deutschlands auf Polen der Zweite Weltkrieg. Er brachte eine nie gekannte Zerstörungskraft mit sich, und mit dem, was die Nationalsozialisten ins Werk setzten, der systematischen Vernichtung der europäischen Juden, erlebte unser Kontinent einen nie dagewesenen Bruch der Zivilisation.

Auch über die Bevölkerung Luxemburgs brachten Deutsche während der beiden Weltkriege großes Leid, daran möchte ich hier und heute erinnern. Am 2. August 1914 – also schon zwei Tage vor dem Einmarsch in das neutrale Belgien – marschierten deutsche Truppen auf dem Weg nach Frankreich in das neutrale Luxemburg ein, viele Menschen im Großherzogtum litten während der Besatzung Hunger und Not. Auch im Zweiten Weltkrieg besetzten deutsche Soldaten Ihr Land. Ganze Jahrgänge wurden gezwungen, für die Wehrmacht zu kämpfen oder Arbeitsdienst zu leisten. Tausende Luxemburger wurden verhaftet oder deportiert, Hunderte starben.

Wir Deutsche dürfen – und werden – nicht vergessen, welches Unrecht Luxemburgern in den Kriegsjahren angetan wurde. Und wir sind immer wieder dankbar für das, was Sie uns nach dem Krieg geschenkt haben: Sie haben nämlich die Hand zur Versöhnung gereicht. Staunend und dankbar haben wir dieses Geschenk angenommen.

Die Frauen und Männer, die nach 1945 für eine wirtschaftliche, politische und kulturelle Zusammenarbeit in Europa eintraten, standen unter dem Eindruck dieser furchtbaren historischen Erfahrungen, dieses millionenfachen Leids. Was sie über Grenzen hinweg verband, war die Sehnsucht nach einer politischen Ordnung, die auf dem normativen Fundament der Menschenrechte und der Würde des Einzelnen gründete. Sie suchten nach Möglichkeiten, Frieden und Sicherheit, Freiheit und Demokratie dauerhaft zu sichern.

Die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, an der Luxemburg, Frankreich und Deutschland mitwirkten, war der erste große Schritt auf dem langen Weg zu gemeinsamen Institutionen, auf dem langen Weg zu einem geeinten Europa.

Luxemburg hat den europäischen Einigungsprozess über Jahre hinweg geprägt und mitgestaltet. An der Schnittstelle zwischen germanischem und romanischem Sprachraum gelegen, hat Ihr Land schon früh versucht, zwischen Frankreich und Deutschland zu vermitteln. Viele Luxemburger, Joseph Bech etwa oder Pierre Werner, einer der Väter unserer gemeinsamen Währung, sie waren überzeugte Europäer der ersten Stunde. Bis heute prägen Politiker aus Ihrem Land die europäischen Institutionen, in Ihrer Hauptstadt schlägt das Herz des europäischen Rechts, und die Gemeinde Schengen ist zur Chiffre geworden für den europäischen Raum der Freizügigkeit. Keine Frage: Luxemburg ist ein Sinnbild der europäischen Einigung, seine Bürgerinnen und Bürger haben den Geist von Colpach verinnerlicht.

Sorgen bereitet mir allerdings, dass diese Geisteshaltung, dieser Gründungsimpetus der Europäischen Union, in manchen Teilen Europas zu verblassen droht. Heute stehen wir vor einer widersprüchlichen Situation:

Auf der einen Seite leben wir mehr Europa denn je. Nie waren unsere Länder so vernetzt wie heute, nie gab es so viel Austausch über Grenzen hinweg. Ein beeindruckendes Beispiel ist die Kooperation zwischen Luxemburg, Lothringen, Rheinland-Pfalz, Saarland und der Wallonie. Ich denke aber auch, 25 Jahre nach den Revolutionen in Ostmitteleuropa, an die Osterweiterung der Europäischen Union. Und gerade die junge Generation, die "Generation Erasmus", wie wir sie gerne nennen, fühlt sich mehr denn je in Europa zu Hause. Sie studiert, arbeitet und feiert zusammen, und mindestens eine Sprache verbindet sie.

Auf der anderen Seite werden in vielen Ländern europaskeptische Stimmen laut, die unsere gemeinsamen Institutionen pauschal kritisieren. Antieuropäische Parteien, die einen Rückzug in den Nationalstaat propagieren und die europäische Solidarität aufkündigen wollen, erhalten Zulauf.

Ich halte das für eine gefährliche Entwicklung. Denn es gibt in dieser Frage kein Entweder-oder, sondern nur ein Sowohl-als-auch: Die Nationalstaaten bleiben in Europa unverzichtbar, als Bezugspunkt von Identität ebenso wie als politische Grundeinheit der Demokratie. Aber jedes europäische Land allein wäre viel zu klein, um auf der Weltbühne politisch handlungsfähig zu sein und in Sicherheit leben zu können. Es gilt heute für große Länder ebenso wie für kleine: Ohne die Nachbarn als Freunde und Verbündete geht nichts. Unsere Staaten könnten nicht länger bewältigen, was die Bürger von ihren Regierenden erhoffen, ja: verlangen.

Noch etwas: In Europa stehen wir heute für gemeinsame Werte und Interessen, für die wir uns im Weltmaßstab nur mit vereinten Kräften wirkungsvoll einsetzen können. Krisen und Kriege auch in unserer unmittelbaren Nachbarschaft machen uns bewusst, dass das Friedensprojekt Europa keineswegs eine Idee von gestern ist.

Die Europaskepsis zeigt aber auch: Eine rationale Begründung reicht nicht aus, um Zweifler zu gewinnen, denn die europäische Integration ist ein kompliziertes Projekt. Was wir brauchen, ist eine gemeinsame ideelle Heimat – eine Heimat, wie sie Luxemburger, Franzosen und Deutsche in der Zwischenkriegszeit suchten und in Colpach fanden:

Je älter Institutionen werden, desto selbstverständlicher erscheinen sie den jüngeren Generationen. Die Nachkriegsgeneration, die unter dem Eindruck der Massenmorde auf unserem Kontinent stand, sie wusste und sie spürte es: Das gemeinsame Europa ist keine Laune der Geschichte. Es ist vielmehr die Institution gewordene Lehre aus der Geschichte, eine Sicherung gegen Verirrung und Verführung.

Dieser tiefe Sinn unserer europäischen Einrichtungen droht heute manchmal in Vergessenheit zu geraten. Zu den großen Aufgaben der Gegenwart und der Zukunft gehört es deshalb, ihn immer wieder deutlich werden zu lassen. Wir müssen zurückschauen, um ermessen zu können, welch langen Weg wir in Europa zurücklegen mussten, um dorthin zu kommen, wo wir heute stehen. Wir müssen das Wissen über unsere gemeinsame Geschichte an die junge Generation weitergeben, um unser Haus Europa wetterfest zu machen für die Zukunft.

Dazu gehört auch, dass wir uns mit den Sichtweisen und den Erzählperspektiven unserer Nachbarn vertraut machen. Wir haben in Europa, das wird niemand bestreiten, eine gemeinsame Geschichte, aber jedes Land hat doch auch sein eigenes Narrativ. Es erzählt Geschichte als Geschichte der eigenen Nation. Es ist so vor allem die eigene Perspektive, die uns vor Augen steht. Ich wünsche mir, dass wir noch stärker auch die Perspektiven der anderen Völker Europas kennenlernen und berücksichtigen, ihre Leiden und ihre Träume, ihre Traumata und ihre Triumphe. So kann es uns gelingen, dass wir unsere europäische Geschichte auch als gemeinsame erzählen.

Deshalb freue ich mich, dass ich Anfang August bei der Gedenkfeier zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges am Hartmannsweilerkopf gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Hollande den Grundstein für eine französisch-deutsche Gedenkstätte legen konnte. Und deshalb freue ich mich, dass es Institutionen wie das Institut Pierre Werner gibt. Es trägt mit seinen Veranstaltungen und seinem Engagement dazu bei, dass europäische Gemeinsamkeit wachsen kann.

Die Nachkriegsgeneration verlässt nun langsam die politische Bühne. Wir werden die Energie und den visionären Geist dieser Gründer vermissen. Die nächste Generation wird sich nun auf sich selbst verlassen und auf jene Institutionen und Initiativen, die sie vorfindet. Es sind Orte der Selbstvergewisserung und Orte der Begegnung, an denen sich das Gefühl der Zusammengehörigkeit festigen kann. Denn nur in einem Klima des Vertrauens können Solidarität, Kompromissfähigkeit und kulturelle Vielfalt in Europa gedeihen.

Wir dürfen auch nicht nachlassen in unseren Bemühungen, eine europäische Öffentlichkeit zu schaffen, eine Agora, in der über Grenzen hinweg Meinungen ausgetauscht und offen diskutiert werden kann.

Pioniergeist und Leidenschaft wünsche ich mir in vieler Hinsicht: Lassen Sie uns mutig sein und Neues wagen, in den Medien ebenso wie in der Wissenschaft und der Kultur! Europa ist ein Prozess, der ständig neuer Impulse und Ideen bedarf, auch neuer kultureller Foren und Formate, in denen wir das Miteinander der Verschiedenen erleben können.

Karl Jaspers, der deutsche Philosoph, der ebenfalls zu den Gästen in Colpach gehörte, hat einmal gesagt: "Die Menschheit zur Freiheit zu bringen, das heißt sie zum Miteinanderreden bringen." Ich wünsche mir, dass das überall in Europa so gut gelingt wie hier bei Ihnen im Institut Pierre Werner.