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Galadinner beim Besuch in der Slowakei

Bundespräsident Joachim Gauck bei einer Ansprache (Archivbild) Archivbild Bundespräsident Joachim Gauck bei einer Ansprache (Archivbild) © Steffen Kugler

Heute Bratislava, morgen Prag.

Vor 25 Jahren war nicht absehbar, dass diese beiden Städte schon bald zu zwei unabhängigen Staaten gehören würden. Vor allem: Es war nicht absehbar, dass so ein Umbruch friedlich, samten verlaufen könnte. Wer damals als Dissident auf die Straße ging, der riskierte viel: seine bürgerliche Existenz und – diese Angst lief mit – vielleicht sogar seine Gesundheit oder sein Leben.

Die Mutigen von 1989 sind unvergessen. Die Mutigen von Warschau, von Budapest und von Leipzig, wo wir, verehrte Präsidenten, in diesem Jahr schon waren. Und natürlich die Mutigen von Bratislava und Prag.

Jenseits des Atlantiks wird uns Deutschen manchmal ein besonders großer Anteil am Ende des Kalten Krieges zugeschrieben, weil die Mauer mitten durch unser Land verlief. Tatsache ist aber: Widerstand gegen die kommunistischen Regime regte sich in Mittel- und Osteuropa schon deutlich früher. Dafür stehen die Charta 77, die Solidarność seit 1980 und die oppositionelle Bewegung in Ungarn seit 1987. Sie alle diskutierten die ideologische Öffnung, lange bevor in Berlin der erste Schlagbaum geöffnet wurde. Und sie alle trugen auf ihre Weise dazu bei, den Eisernen Vorhang zu überwinden. Denken wir nur an den Abbau der militärischen Grenzanlagen bei Sopron, das Ende der Trennung zwischen Bayerisch Eisenstein und Železná Ruda im Böhmerwald oder die Wiedereröffnung der Grenzbrücken an March und Donau bei Devín.

Keine Frage: Es gab mehrere Friedliche Revolutionen, an unterschiedlichen Orten und in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Der britische Historiker Timothy Garton Ash hat das schon am 23. November 1989 gegenüber Václav Havel, dem Dichter, Bürgerrechtler und späteren Präsidenten, auf den Punkt gebracht:

"In Polen dauerte es zehn Jahre, in Ungarn zehn Monate, in der DDR zehn Wochen, vielleicht wird es in der Tschechoslowakei nur zehn Tage dauern."

Trotz mancher Unterschiede in den Abläufen wirken die Friedlichen Revolutionen bis heute verbindend. Einer der besten Beweise dafür sind Sie – die Mitglieder der Visegrád-Gruppe.

Und einer der schönsten Orte, sie zu würdigen, ist Bratislava. Denn hier schlägt das Herz der Gruppe, wenn Sie mir diesen emotionalen Ausdruck erlauben. Schließlich hat die Slowakei nicht nur den Vorsitz inne. Sie ist auch das Land, das an alle anderen grenzt und sie verbindet.

Lieber Herr Staatspräsident Kiska,

Ihre Einladung gibt mir die Möglichkeit, den V4 – meine Wertschätzung auszusprechen. Die Wiedergeburt Mitteleuropas ist auch das Verdienst dieser Gruppe. Die Osterweiterung der Europäischen Union, unsere Partnerschaft in der NATO – all das konnte auch deshalb gelingen, weil sich vier Länder mit sehr ähnlichen Zielen und ähnlichen Schwierigkeiten erfolgreich zusammengetan haben. So viele Herausforderungen der Transformation konnten gemeinsam bewältigt werden. Ich wünsche Ihnen, dass sie auch künftig wieder zu Gemeinsamkeiten finden werden.

Welche Aufgaben liegen vor uns? Die EU-Kommissarinnen Bieńkowska und Jourová oder ihre Amtskollegen Sefčovič und Navracsics könnten dazu jetzt umfassend referieren. Vor ein paar Jahren wäre in einer solchen Runde bestimmt eines der europäischen Lieblingsbeispiele – das Straßennetz – zur Sprache gekommen und jemand hätte augenzwinkernd gesagt: Man kann mit dem Auto so bequem von Bratislava nach Brüssel fahren, auch nach Bordeaux oder Barcelona. Warum nicht genauso komfortabel von Berlin nach Prag, von Brünn nach Košice oder von Budapest nach Warschau?

Heute wünschte ich allerdings, das wären unsere einzigen Verbindungsprobleme in Europa. Stattdessen ist mit dem Ukraine-Konflikt eine ganz andere Problemlage entstanden, eine Situation, die uns so deutlich vor Augen führt wie lange nicht mehr, welchen Stellenwert Europa als Friedensprojekt hat. Für mich steht außer Zweifel: Die Europäische Union muss weiterhin geschlossen handeln.

Es hilft der Ukraine in ihrer schwierigen Lage ganz besonders, wenn alle drei ihrer Nachbarn in der EU – Polen, die Slowakei und Ungarn – mit Gas-Lieferungen aushelfen. Ich kann mir kaum ein besseres Zeichen vorstellen, um die Energiegemeinschaft und die Östliche Partnerschaft der EU mit Leben zu erfüllen.

Vielleicht können Sie mir zustimmen: Wer den Bogen von 1989 bis heute im Zeitraffer betrachtet, wird viel Ermutigendes darin finden. Wir durchleben gerade angespannte Zeiten in Europa. Aber ich bin mir sicher: Die Erinnerung an 1989 kann uns bestärken, die eingeschlagene Richtung beizubehalten. Frieden, Freiheit und Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Solidarität, all das soll Maßstab unseres Handelns bleiben. Vielen Dank, dass Sie diesem Bekenntnis heute eine Bühne geben.