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Verleihung des Ehrenbürgerrechts des Landes Berlin

Bundespräsident Joachim Gauck dankt mit einer Ansprache für die Auszeichnung mit dem Ehrenbürgerrecht des Landes Berlin Berlin, 19. November 2014 Verleihung des Ehrenbürgerrechts des Landes Berlin – Dankesworte im Roten Rathaus von Berlin © Sandra Steins

Danke Berlin!

Ich bin jetzt also Ehrenbürger Ihrer Stadt, es scheint tatsächlich beschlossene Sache zu sein. Sie haben auch nicht weiter protestiert. Und ich freue mich darüber. Herzlichen Dank, das fühlt sich gut an.

Besonders danke ich natürlich den Mitgliedern des Abgeordnetenhauses von Berlin und Ihnen, lieber Herr Wowereit, für Ihre wunderbaren Worte. Eine solche Rede erfreut in besonderer Weise, genauso wie das Siegel unter einer Urkunde. Mein Verhältnis zu Berlin haben Sie ganz treffend angedeutet. Als ich ein junger Mensch war, da war Berlin die Hauptstadt meiner Unterdrücker geworden. Und es war nicht mehr das lebendige Berlin, in seiner Differenziertheit als Ost und West, das als gemeinsam zu erlebende Entität noch vor 1961 ein Lebensraum war, der unterschiedlich, aber doch auch einladend und interessant war.

Natürlich hängt meine Beziehung zu Berlin auch an frühen Begegnungen. Das ist eben so, das geht nicht raus aus einem, wenn man aus dem Norden kam. Das ging ja leicht, Ausstieg am Zoo. Wir hätten mit geschlossenen Augen dort aussteigen können und hätten gewusst, wir waren in Berlin. Es roch anders. Das wissen viele nicht mehr. Aber die Älteren aus dem Osten, die wissen das. Der Sprit roch anders, die Zigaretten rochen anders, die Leute scheinbar auch, die Läden sowieso. Dann gingen wir ins Kino, durften mit Ostgeld bezahlen.

Schönen Dank an die damals Regierenden, die das so trefflich eingerichtet hatten. Man gab uns Bücher, man gab uns Lebensräume, man zeigte uns, wo angesagte Kneipen waren, unvergessen.

Und dann die bittere Zeit, die danach kam. Geht man ans Brandenburger Tor oder geht man nicht? Jeder Sachse, jeder Thüringer, jeder Brandenburger, jeder Mecklenburger fragte sich das. Das Brandenburger Tor war ja lockend. Es war ein schönes Stück Berlin. Du kommst aus dem immer noch von Kriegswunden gezeichneten Ost-Berlin und gehst aufs Tor zu, und dahinter sagte man später, nach dem Mauerbau, zu den Kindern oder Freunden: "Da hinten, guck mal unter dem Tor durch, da siehst Du die Siegessäule". Oder wir waren an anderer Stelle und sagten: "da, Springer, das Hochhaus". Und jeder hatte so seine besonderen Stellen. Aber man machte das nicht gerne mehrfach. Warum immer wieder gegen die Wand rennen?

Also suchten wir uns Orte, weit weg von der Mauer, wo sich Menschen trafen, mit denen wir uns verstanden. Oder die uns inspirierten. Die uns aus der Kirchenszene oder der freien Künstlerszene Impulse gaben, die wir dann mitnahmen in die Provinz.

Und dann gab es seltene Dinge, den Besuch von Martin Luther King zum Beispiel, seine Predigt in der Marienkirche. Ich war Gott sei Dank dort, eingeladen von einem Onkel, der in der Kirche Verantwortung trug. Und ich war dann natürlich öfter da aus dienstlichen Gründen, wenn Christen oder Kirchentagsleute sich in Berlin mit Westlern trafen. Und natürlich war ich dann beruflich hier als Abgeordneter. Aber die Zeit davor geht nicht aus meinen Gefühlen heraus und sie bestimmt mein Verhältnis zu Berlin.

Es ist eine Stadt für ältere Menschen wie für mich, die die Freuden und Schmerzen eines Individuums, das sich für Politik interessiert, widerspiegelt. Und wenn diese Stadt der gebrannten Kinder zu einem der gebrannten Kinder "Du" sagt, dann ist das schön, dann freuen wir uns. Und so stehe ich nun in einer Reihe mit hochgeehrten Menschen, da schwankt man zwischen Demut, Dankbarkeit und Stolz. Ist das wirklich so, gehörst Du dazu: Max Liebermann, Marlene Dietrich, Werner Otto, Marie Elisabeth Lüders, Richard von Weizsäcker, Helmut Schmidt? Ich erhalte irgendwann auch ein Bild, das hängt man hier im Rathaus auf.

Und unter den bislang Geehrten sind auch Männer, denen man sich in besonderer Weise verbunden fühlt. Gerade wegen der Politik und gerade wegen der Freuden und Leiden, die mit dem Namen dieser Stadt verbunden sind: Wolf Biermann, Hans-Dietrich Genscher, Helmut Kohl, Michail Gorbatschow. Und im Fernsehen ist wohl nie zuvor das berühmte Zitat eines weiteren Berliner Ehrenbürgers – Ronald Reagan – so oft wiederholt worden: "Tear down this wall!".

Erst vor wenigen Tagen – Sie haben uns daran erinnert, Herr Regierender Bürgermeister – haben wir an das Jubiläum des Mauerfalls vor 25 Jahren gedacht. Wir sind uns wohl alle einig hier im Raum, dass die Mauer nicht gefallen wäre ohne die Friedliche Revolution, ohne die Menschen auf den Straßen. Und irgendwann war einer der großen Träume nicht nur: Wir können Freiheit. Sondern: Wir finden als Nation wieder zueinander. Wir sind auch EIN Volk.

Das konnte man in Berlin in besonders herzergreifender Weise erleben. Rund um die Welt haben viele Menschen aus ein und demselben Anlass Tränen vergossen. Tränen des Glücks bei Menschen, die niemals in Berlin waren. Und Tränen des Glücks sind auch bei manchen geflossen, die als Immigranten aus Deutschland weggehen mussten in schlimmen Zeiten – und zwar als sie miterlebten, was wir hier gemeinsam 1989 erlebt haben.

Es gibt die Tradition der Unterdrückung, diese Stadt war Hauptstadt verschiedener Unterdrücker. Und es gibt die Tradition der Freiheit. Und alles ist in dieser Stadt lebendig, alles mischt sich. Deutschlands wahr gewordene Einheit in Freiheit: Es ist dieses Wunder, das ich am intensivsten mit Berlin verbinde.

Und so ist für mich die Erinnerung an 1989 auch gleichzeitig eine Erinnerung, die bis in das 19. Jahrhundert zurückreicht. Natürlich denken Menschen, die die Freiheit lieben, an einen König, der sein Haupt beugen muss vor den Gefallenen der Freiheitsbewegung. Wir denken eben auch an 1848, wenn wir in Berlin über Freiheit sprechen. Und selbstverständlich denken wir an die, die an ihrem Freiheitswunsch gestorben sind. Die Vereinigung, die ich leitete, "Gegen Vergessen – für Demokratie", hat ihren Sitz im Bendlerblock. Und wir kommen jedes Jahr dort zusammen, um an die zu denken, die an ihrer Freiheitsliebe gestorben sind.

In direkter Nachbarschaft von meinem Amtssitz, dem Schloss Bellevue, gibt es diese große Straße, diese Allee, das ist die Straße des "17. Juni". Und ich bin dankbar, dass Sie auch darauf eingegangen sind in Ihrer Laudatio, lieber Herr Wowereit. Mir ist diese räumliche Nähe zuerst gar nicht so bewusst geworden, aber als wir uns in den letzten Jahren verschiedentlich an 1953 erinnerten, da war es wie eine Wiederentdeckung für mich. Ich konnte übrigens auch gar nicht begreifen, warum ich und auch die allermeisten meiner Freunde in der Demokratiebewegung von 1989 uns gar nicht auf die 1953er berufen haben. Wir haben es nicht getan, wir waren so beschäftigt mit unseren Problemen und mit unseren Gestaltungsaufgaben, die sehr schnell auf uns zukamen, dass uns diese Traditionslinie gar nicht bewusst war. Wie schnell kann man wichtige Ereignisse vergessen. Schade, denn so viele großartige Freiheitserhebungen gibt es in Deutschland ja nicht zu erinnern. Da kann man die wenigen, die es gibt, doch in seinem Herzen behalten.

An dieser Stelle will ich einmal ganz nebenbei einem meiner Vorgänger im Amt danken, Gustav Heinemann, der unserer Nation ein Freiheitsmuseum geschenkt hat. Es ist in Rastatt. Gelegentlich kann man dort einmal vorbeischauen.

Heute natürlich wissen wir sehr genau, was uns verbunden hat, die 1953er und uns 1989er. Es war die Sehnsucht nach Demokratie und nach Freiheit. Und hier in Berlin hat sich diese Sehnsucht in politischen Aktionen machtvoll artikuliert. Hier wurde dafür auch gelitten und Gott sei es geklagt, 1953 auch gestorben. Und Gott und den Menschen sei Dank, ist 1989 niemand auf den Straßen gestorben.

Ich war 1953 noch zu jung, um mitzugehen. Aber was in Berlin los war, haben wir über das West-Radio natürlich verfolgt. Und so weit wir in Städten lebten, wo auch was los war, das war in meiner Heimatstadt Rostock so, wo die Arbeiter auf der Werft gestreikt haben, waren wir total bewegt. Jetzt ändert sich das Land, so ging es durch unsere Herzen, und wir werden es erleben, wir werden ein anderes Land erleben.

Dann diese vielen kalten Winter der Diktatur – mit Mauerbau und Stacheldraht und Stasi. Wir Älteren, die vorher noch da sein konnten, und Berlin, den Westen, dann doch nicht erreichen konnten. Im Grunde sind viele von uns aber immerfort geistig dort gewesen. Mancher empörte sich mit den 1968ern. Viele, auch ich, waren phasenweise ideelle Gesamt-68er. Manchmal hatten wir dann auch Mitleid mit den armen Berliner Polizisten, die von den aufrührerischen Jugendlichen so schlecht behandelt wurden. Ich will mit diesen kleinen Erinnerungsfetzen nur andeuten, dass wir räumlich getrennt, aber gedanklich und ideell vielfach verbunden waren mit der westdeutschen und Westberliner Politikwelt.

Übrigens, eine merkwürdige Geschichte will ich noch erzählen. Unmittelbar vor dem Bau der Mauer war ich in Berlin mit meiner jungen Frau. Wir hatten keine Wohnung, lebten in einem Kellerzimmer. Und Tante Lisa aus der Paulsborner Straße sagte im Sommer 1961: Ich gehe weg, der Russe kommt. Ich gehe nach Bayern. Da ist Franz Josef Strauß. Und dann sagte sie etwas sehr Verführerisches: Meine Wohnung, wollt ihr die übernehmen? Eine ferngeheizte Zwei-Zimmer-Wohnung mit Bad und Küche. Und das junge Paar stand dort und schaute sich an, es war so heimatverbunden, und sagte: Ach nein, wir kommen lieber zu Besuch. In 14 Tagen kommen wir wieder. Eine Woche später, an einem Sonntag, war die Mauer da und wir nie mehr.

Sie, Herr Regierender Bürgermeister, haben schon die Geschichte erzählt, wie ich zurück musste in den Osten am 8. November 1989. Am 9. November war in Rostock Donnerstagsdemo. Jeden Donnerstag war in Rostock das, was andernorts montags war. Ich war Sprecher des Neuen Forums. Ich war bei den Gottesdienstvorbereitungen und bei der anschließenden Demo natürlich dabei. Als ich herunter kam von meinem Podium, wo ich die Leute dann verabschiedet habe vor dem Rostocker Rathaus, am 9. November, abends, spät, schon fast nachts. Kamen zwei Volkspolizisten kamen und sagten: "In Berlin!" Ja, Berlin kannte ich, ich war gestern da. "Also in Berlin, da geht die Mauer auf." Da habe ich sie angeguckt und gesagt: "Ich komme gerade von da, da geht alles seinen sozialistischen Gang." Und dann beharrten sie auf ihrer Wahrheit. Ich ging durchs dunkle Rostock nach Hause, schaltete den Fernseher an und war mitten in Berlin, obwohl ich in Rostock war.

Meine Tränen haben sich vermischt mit denen, die hier aus Glück und Freude geweint wurden. Da kam etwas über mich, und ich wurde Berliner.

Es folgte, wie Sie erwähnt haben, die Wahl in die freie Volkskammer. Ich habe dort viele Freunde – einige von ihnen sind hier, ich freue mich darüber – getroffen, wieder getroffen oder neu kennengelernt. Es dauerte nicht mehr lange und aus diesem Berlin, was es einst zu meiden oder zu ersehnen galt, wurde das alltägliche Berlin, eine Heimat, in der die Verschiedenen sich wohlfühlen können. Ich lebte erst in Mitte, dann in Schöneberg in Hörweite der Freiheitsglocke. Jetzt hat es mich nach Dahlem verschlagen, wer weiß wie lange. Also, jedenfalls hatte ich genügend Zeit, in diesen Jahren nach 1990 die Stadt als eine Hauptstadt des Wandels und des Aufbruchs kennenzulernen.

Und das Schöne, wenn so etwas geschieht, spürt man immer dann, wenn Wandel und Aufbruch auch in einem selber passieren. Das betrifft Ansichten, Einstellungen, Lebensmöglichkeiten, neue Koalitionen und Bündnisse. Vielleicht auch alte Feindschaften, die sich dann doch langsam relativieren. Aber die Ermöglichungsstruktur dieses Ortes Berlin ist ungeheuer. Es ist eine Ermöglichungslandschaft. Und das hat mich mitgerissen. Wirklich, ich bin ein Hardcore-Mecklenburger. Trotzdem, wenn ich hier wegziehen müsste – das wäre schwer. Also mitten hinein in so eine Struktur eines sehr heimatverbundenen Mannes kommt dieses öffnende Element eines Daseins, das einem das Schlagwort offene Gesellschaft als alltägliche und private Lebensmöglichkeit erfahren lässt. Das ist das Schöne an dieser Stadt. Deshalb freue ich mich, hier zu Hause zu sein.

Ich kann an diesem Platz nicht stehen, ohne an eine Zeit meines Lebens zu denken, die für mich nicht besonders schön war. Sie war sehr wichtig, aber nicht besonders schön. Das ist die Zeit, als ich Bundesbeauftragter für die Stasiunterlagen sein durfte. Es war deshalb eine schwierige Zeit, weil man so viel erklären musste und auf eine Haltung bei Teilen der Gesellschaft stieß, die bei klaren Erkenntnismöglichkeiten Erkenntnisgewinnung verweigerte. Dieses Verweigerungspotential einer Bevölkerungsgruppe, die nicht angekommen war, das gab es nicht nur in Berlin, aber eben auch in Berlin.

Deshalb war dieser emanzipatorische und partizipatorische Ansatz zur Aktenöffnung in vieler Weise diskreditiert von jenen, die eine offene Aufarbeitung der Vergangenheit als schädlich betrachteten. Sie hatten dazu unterschiedliche Argumente: bürgerliche oder linke oder einfach Bequemlichkeitsgründe. Es war jedenfalls eine Zeit der Differenzen, und ich musste damals lernen: Wenn ein Land zu einem inneren Frieden kommen will, dann kann man das par ordre du mufti machen. Motto: jetzt mal Ruhe. Versöhnung ist angesagt. Wir befehlen strenges Schweigen und schließen alle Akten mit unangenehmen Wahrheiten.

Es gibt Lösungsversuche dieser Art, insbesondere dann, wenn Bürgerkriege drohen, dann hat das auch eine gewisse politische Ratio. Bei uns drohte kein Bürgerkrieg. Und deshalb haben wir eine andere, eine aufklärerische Variante gewählt, die übrigens in unsere politischen Köpfe gekommen ist wegen der Entwicklungswege der westdeutschen Gesellschaft nach dem Kriege. Mit Schweigen hatten es viele, allzu viele versucht, mit Verdrängen noch mehr, mit Wissen und Aufklärung die Wenigen, die aus dem Exil zurückgekommen waren und die Opfermilieus. Sie alle durften reden. Aber die Mehrheit wollte nichts hören. Und es bedurfte erst einer massiven Hinwendung, unterstützt durch die junge Generation, durch Künstler, Wissenschaftler, um ein allgemeines kathartisches Aufwachen in der Gesellschaft zu erleben. Und dies geschah eben nicht durch Leugnung oder Relativierung der Fakten, sondern durch ernsthaftes Auseinandersetzen, so ernsthaft, dass sogar Trauer und Scham, Elemente, die man sonst nur dem Individuum zuspricht, zu gesellschaftlichen Phänomenen wurden.

Eben dadurch wurde die alte Bundesrepublik zu einem Land, in dem sich die Verschiedenen beheimaten konnten, wo Glaubwürdigkeit hergestellt wurde nach diesem unendlich tiefen Fall. Und auf diesen Boden nicht aufzubauen nach 1990, was wäre denn das für eine Torheit gewesen? Also sind wir mit aufklärerischem Ansatz an diese Aufarbeitung der Vergangenheit gegangen – und nicht etwa mit einem Ansatz der Rachsucht und der Vergeltung.

Ich habe neulich einen schönen Satz gelesen bei einem Menschen, der jünger ist als ich. Es ist ein Russe, er heißt Wladimir Sorokin, er hat über Berlin folgendes gesagt: "Die Stadt hat zwei wichtige Eigenschaften: Weite und die Abwesenheit von Hochmut." Da fühlt man sich doch zu Hause!

Berlin ist aber nicht die einzige Stadt, die so ist. Nehmen wir Köln. Das ist eine Stadt, wo es so ähnlich wäre, wenn man die Stadt beschreiben wollte. Diese Mischung der unterschiedlichen Kulturen, die Durchlässigkeit, dass man sich nicht in Szenen beheimaten muss, sondern teilhaben kann am Ganzen. Dass die Salons sich öffnen für die Unterschiedlichen. Dass die Kneipen nicht reserviert sind für diese oder jene. Alle diese Dinge zeugen von einer wachen offenen Kultur dieser Stadt, die gelernt hat, was wir gewinnen, wenn wir Verschiedenheit und Unterschiedlichkeit als Gewinn betrachten.

Manchmal geraten Beschreibungen des modernen Berlin sogar zu Liebeserklärungen. Hier will ich, um nicht in Rührung zu verfallen, mich noch einmal der Worte eines andern bedienen. Sie stammen von Tilman Gerwien. Zitat: "Heute bist Du die lässigste Hauptstadt der Welt. Alle kommen. […] Modemacher, Start-up-Gründer, Immobilienhaie, Plattenaufleger, Künstler und solche, die sich dafür halten […]. Südeuropäische Akademiker auf Jobsuche tummeln sich hier, […] Amerikaner, die sich in New York langweilen. Inzwischen gibt es sogar eine veritable israelische Community mit koscheren Supermärkten und Cafés. […] Geschätzt 30.000 Israelis leben hier. […] Gibt es ein größeres Kompliment?" Ende des Zitats. Ich habe es etwas eingekürzt, er hat noch mehr unterschiedliche Gruppen aufgeführt.

Es kann sein, dass es bessere Zitate gibt. Aber ich kann es nicht besser ausdrücken, dass Berlin eine Stadt geworden ist, die die Verschiedenen verbindet – und sie eben nicht mehr eine Stadt ist, bei der einem zuerst Teilung einfällt. Ich kann mir nicht vorstellen, Herr Regierender Bürgermeister und Herr Präsident, dass diese Stadt jemals perfekt sein wird. Ich weiß auch nicht, ob ich mir das vorstellen soll. Denn das würde heißen, sie aus der Wirklichkeit zu entfernen und die Wirklichkeit, so würde der Theologe sprechen, bevölkert diesen Stern, der sich Erde nennt, mit Wesen nach dem Sündenfall – also mit Menschen, die allesamt nicht perfekt sind. Deshalb wäre der Wunsch nach einer perfekten Hauptstadt geradezu verwegen. Er würde uns ja geradezu aus dieser Welt herauskatapultieren, dazu ist Berlin aber viel zu irdisch. Und das wird es auch bleiben. Deshalb wollen wir aber nun die Pannen und Missverständnisse, die wir ja auch reichlich kennen, die wollen wir nicht hochloben, so soll es nun auch wieder nicht sein, sondern das wollen wir demütig und mit der Bereitschaft zu erneuter Verantwortung und zu erneuter Kraftanstrengung tragen, wir, die Bürger, und Sie, die diese Stadt regieren.

Wir wollen diese Stadt weiterhin erleben als eine Stadt der Toleranz und der Weltoffenheit. Und ich freue mich, dass Sie daran mitgewirkt haben, lieber Herr Regierender Bürgermeister. Toleranz ist eines der Stichworte, Verantwortung wäre ein anderes. Sie erhalten demnächst jede Menge Abschiedsreden. Mir ist das sehr bewusst, ich möchte dem nun wirklich nicht vorgreifen. Aber an dieser Stelle möchte ich Ihnen eben nicht nur danken für die Ehrung hier, sondern ich danke Ihnen auch für Ihre Arbeit, 13 Jahre lang als Regierender Bürgermeister der Stadt, die ich eben so voller Liebe beschrieben habe. Sie haben in unterschiedlichen Bündnissen und Koalitionen den Wandel vorangetrieben. Sie haben aus dieser Stadt einen Ort gemacht, in dem die Menschen gerne sein wollen.

Wenn man so alt ist wie ich, ich bin 74, dann wundert man sich, dass dieses Land von sehr vielen Menschen rundherum in der Welt als das angenehmste Land der Welt beschrieben wird. Und genauso wundert es mich dann, wenn diese Stadt, von der so viel Unheil ausgegangen ist, von so vielen Menschen als Heimat oder als Ort der Freude und der Begegnung gesucht wird. Was für ein Glück, das wir das erleben dürfen.

Ich will etwas anderes noch erwähnen, was mir immer wieder den Mut gibt, selber eine Meinung zu haben und zu pflegen und sie auch zu äußern. Berlin ist auch eine Stadt der Kritik. Und Kritik können wir alle gut. Wir können uns auch alle gut schlecht fühlen. Aber unter uns, in diesem Berlin, leben gerade auch in unseren Zuwanderermilieus so viele Menschen, die Berlin ganz großartig finden, die ihre Startchancen wirklich zu schätzen lernen. Sie sind jung und hungrig und aufstiegswillig, und sie möchten auch Leistung erbringen. Und sie begegnen dann in den Berliner Cafés denen, die sagen: Leistung ja, aber das ist doch nicht alles. Und dann kommen diese Gespräche in Gang, und dann reiben sich diese Milieus, und wir erleben: es geht! Es geht auch mit einem Geist dauernder Anwesenheit von Kritik.

Dazu gehört auch, dass einige der Aktivitäten, die mir hier so ans Herz gewachsen sind, die aus der bürgerschaftlichen Mitte kommen, mit einer ganz großen Verve von Kritik an irgendwelchen Entscheidungen gestartet sind. In dem sie ihre Kritik vortragen, erwächst in ihnen der Impuls, sich einzusetzen bei der Gestaltung. Dieses Element, sich verantwortlich zu fühlen, das ist für mich das Wesentliche, das einen Bürger ausmacht: Ich bin zuständig. Ich bin verantwortlich. Ich kann etwas tun. Diese Mischung aus Kritik und Engagement ist etwas, was mir in dieser Stadt immer wieder auffällt und was ich ganz besonders bemerke, weil ich eben aus Mecklenburg komme – schöne Gegend.

Jetzt wollen wir aber zum Schluss kommen. Ich habe eben kurz gestreift, dass aus den Milieus, die hier noch nicht so lange wohnen, oft entscheidende Anstöße kommen. Ein Lebenswille, ein "Ja" zur Gestaltung, ein Erkennen der freien und offenen Räume, die unsere Gesellschaft bietet. Ein sich Nicht-Festbeißen an den Mängeln und Defiziten unserer Politik. Und das passiert ganz besonders in den Zuwanderermilieus, in denen sich Aufstieg, Neugründung und ein Ja zu unserer Gesellschaft entwickelt. Es kann manchmal auch nebenbei geschehen. Ich habe mich immer gefreut, wenn ich hier in ein Taxi gestiegen bin, das von einem Iraner gesteuert wird. Die Menschen, die einst aus dem Iran weggegangen sind und hier wohnen, die können uns jede Menge erzählen, was diese Stadt und dieses Land bedeutet. Das war für mich erfrischend, denn ich bin viel Taxi gefahren.

Natürlich waren die nicht alle Iraner, die die Taxis gesteuert haben. Ich habe oft andere Texte gehört. Gestern in Bonn habe ich Menschen getroffen, die mit dem Avicenna-Werk, das neu gegründet wurde, als Bildungsförderungswerk, aus dem muslimischen Milieu kommend, als Studierende, als Doktoranden ihren Weg gehen. Und immer, wenn ich solche Begegnungen habe – und die hat man in Berlin eben oft –, sagt man: Ja, das ist unser Berlin, das ist unser Deutschland. Das gehört zusammen.

Jetzt könnte ich Ihnen noch eine Aufzählung all der Orte machen, an denen die Demokratie institutionell zu Hause ist. Ich habe mir sicherheitshalber ein paar davon aufgeführt. Aber beim Rundblick hier im Saal habe ich festgestellt: Es sind zu viele Abgeordnete, Verantwortungsträger, Journalisten unter uns, sie kennen diese Orte und Symbole der Demokratie alle in- und auswendig.

Sie haben aber heute gemerkt, dass es mir im Kern nicht um die Schönheit der Architektur geht, auch nicht um die Wichtigkeit der Institutionen, ich selber bin ja gewählt in eine. Ich weiß, dass Institutionen wichtig sind. Es geht mir um dieses Miteinander von Menschen, die sich – ob gebrannte Kinder oder ganz junge, die ins Leben hineinfinden –, die sich verabredet haben: Wir wollen sein, wie wir sein möchten, Bürger eines freien Berlin und eines freien Deutschlands.

Danke für diese Gabe heute.