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Meisterfeier der Handwerkskammer Dresden

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache in der Messe der sächsischen Landeshauptstadt anlässlich der Meisterfeier der Handwerkskammer Dresden Dresden, 22. November 2014 Meisterfeier der Handwerkskammer Dresden – Ansprache in der Messe der sächsischen Landeshauptstadt © Clemens Bilan

Sie, liebe Jungmeisterinnen und Jungmeister, haben mich schon überrascht, bevor diese Feierstunde begonnen hat. Als Mensch von der Küste und Sohn eines Kapitäns dachte ich zu wissen, was eine Koje ist. Aber eben im Foyer habe ich dazugelernt. Kojen schwimmen nicht nur auf dem Meer, es gibt sie auch im Landesinneren, wenn Raumausstatter eine Prüfung ablegen.

Am liebsten würde ich alle Meisterstücke dieses Jahrgangs – es sind ja über 400 – einmal probesitzen, probefahren oder probetragen. Das geht natürlich nicht. Als ich die Absolventenliste sah, dachte ich: Von Ihnen könnte ich wohl fast alles bekommen – eine neue Uhr, einen neuen Haarschnitt, einen Mosaikfußboden für Schloss Bellevue. Oder frische Brötchen! Das sage ich insbesondere, weil ich weiß, wie viele Backstuben in den letzten zehn Jahren schließen mussten. Im Foyer war die hohe Qualität Ihrer Arbeit zu erkennen. Der Kammerbezirk Dresden kann richtig stolz sein auf das, was hier geleistet wird. Ihnen allen, meine Damen und Herren, herzlichen Glückwunsch zum Meisterbrief!

Natürlich gratuliere ich auch allen, die ich eben nicht aufgezählt habe in meiner kurzen Liste. Und ich freue mich über alle, die hier in Ost-Sachsen diesen großen Erfolg errungen haben. Dass wir diese Kultur unserer Meister haben, diese Handwerkskultur, das ist genauso wenig selbstverständlich wie die Kultur des Mittelstandes in Deutschland. Ich meine die Tatsache, dass man bei uns hervorragende nichtakademische Ausbildungswege beschreiten kann, dass es gelingt, mit dem Handwerk einen anerkannten Platz im Leben zu finden. Dass unsere Handwerker, die Handwerksmeister und die vielen, vielen Fachleute anerkannt sind in unserer Gesellschaft. Dass sie nicht erst anerkannt sind, wenn sie mit einem Doktortitel von der Uni kommen – auch das ist ein großes, schönes Stück Deutschland.

Ich habe mir einmal vorgestellt, Sie alle würden uns Ihre Berufsbilder präsentieren, und wir würden dann zum Beispiel herausfinden: was daran ist einfach Weitergabe von Tradition? Und wie oft musste sich die Tradition wandeln, für die Zukunft öffnen? Das kann man im Bereich des Handwerks sehr gut sehen. Deshalb gehört zu dieser Kultur des Landes, über die ich eben gesprochen habe, auch die Mischung aus Tradition und Moderne. Ich finde, dass sie ein Markenzeichen des Handwerks ist.

In einer Broschüre zum deutschen Handwerk findet sich der Satz: "Tablet und USB-Stick mit den Updates sind mir wichtiger als der Lötkolben." Das war das Zitat eines Anlagentechnikers. So ist das eben, wenn sich die Moderne an die Tradition andockt. Ein schönes Beispiel für den Wandel, der alle Ihre Berufe prägt und dafür sorgt, dass das Handwerk immer auf der Höhe der Zeit bleibt.

Darin versteckt sich natürlich auch eine Botschaft an Sie, liebe Jungmeisterinnen und Jungmeister. Sie haben gerade viel gelernt und wollen jetzt verschnaufen, aber ich muss Ihnen sagen: Wandel bedeutet lebenslanges Lernen. Ich bin schon über 70 Jahre. Ich dachte, ich wäre Rentner, doch auch ich muss noch dauernd hinzulernen. Sie werden das auch erfahren in Ihrem Beruf. Wenn Sie zehn oder 20 Jahre aktiv gewesen sind, dann kommen noch einmal neue Herausforderungen auf Sie zu, und neues Lernen wartet auf Sie. Aber das hält uns jung und dazu sagen wir "Ja".

Da wir gerade beim Lernen sind, will ich nicht unerwähnt lassen, dass ein neues Element, ein neuer Lernschritt dazugekommen ist – eine neue Möglichkeit, besser gesagt. Denn der Meisterbrief berechtigt inzwischen auch zum Hochschulstudium. Ich bin ein Befürworter dieser Öffnung, weil ich für eine konsequente Durchlässigkeit bin. Ich glaube, dass eine Gesellschaft, die diese Durchlässigkeit schafft, die besten Voraussetzungen dafür bietet, als eine gerechte Gesellschaft bezeichnet zu werden. Und ich wünsche mir diese Übergänge eigentlich für alle Bereiche. Wir werden dann nämlich spüren, was alles möglich ist, wenn Menschen durch eigene Leistung, durch eigenen Ehrgeiz, durch eigenen Fleiß aufsteigen und somit beweisen können, dass nicht die Herkunft für den beruflichen Erfolg ausschlaggebend ist.

Wenn wir uns das vor Augen halten, dann müssen wir uns immerfort auch klarmachen: Diese Durchlässigkeit entsteht nicht, weil wir sie uns nur laut wünschen. Sie entsteht, wenn Wege geebnet werden und wenn wir diese Wege tatsächlich gehen. Da muss Politik, da müssen Verbände und Kammern, da müssen wir alle als Bürger mitwirken.

Wir schauen auf die Hauptschülerin, die nachträglich Abitur macht und ein Studium aufnehmen kann. Aber wir schauen auch auf die, die als Studienabbrecher einen Moment orientierungslos sind und dann zum Beispiel im Handwerk hervorragende Ausbildungs- und Karrieremöglichkeiten entdecken. Ich will noch einen Namen nennen: Unter uns ist der Maler und Lackierer Lars Arwerd Grothe, der heute seine Urkunde entgegennehmen wird. Ich erwähne ihn deshalb, weil er mit 55 Jahren der älteste Jungmeister in Ihrer illustren Schar ist. Und da ich gerade über lebenslanges Lernen gesprochen habe – dieser Jungmeister ist ein gutes Beispiel dafür.

Zum lebenslangen Lernen gehört auch die Erkenntnis: Erfolg bemisst sich nicht allein an dem, was man gelernt hat, nicht nur an verinnerlichten Zahlen, Fakten oder Fähigkeiten. Erfolg hängt auch entscheidend davon ab, wie man mit dem Gelernten umgeht. Ob man zögerlich oder entschlossen handelt, ob man Ausdauer an den Tag legt, Kreativität und Führungsstärke. Wir wissen es alle: Ein Patentrezept für den Erfolg gibt es nirgends. Aber es gibt die Möglichkeit, das eigene Tun regelmäßig zu hinterfragen: Finde ich mich wieder in dem, was ich beruflich mache? Kann ich mit der Verantwortung, die mir zugewachsen ist, auch wirklich umgehen? Kann ich wirklich im vollen Sinne Meisterin oder Meister zu mir selber sagen? Wer das mit "Ja" beantwortet, der ist auf einem guten Weg.

Die Verantwortung, die ich meine, geht über das hinaus, was man als Betriebsleiter oder -inhaber immer anstreben muss: schwarze Zahlen. Erfolgreich führen, das bedeutet mehr. Der Meister etwa, der seinem Azubi in der Freizeit Nachhilfe in Mathematik gibt; die Unternehmerin, die den heimischen Sportverein unterstützt; oder der ehrenamtlich Aktive in der Handwerkskammer, der Bewerber mit Migrationshintergrund gezielt berät und unterstützt – solche Beispiele sind nicht nur Wunschdenken meinerseits, sondern all das gibt es. Das ist tägliche Wirklichkeit an vielen Orten unseres Landes. Diese Beispiele zeigen, welche Verantwortung Handwerkerinnen und Handwerker in unserer Gesellschaft und für unser Gemeinwesen übernehmen, heute und – da bin ich optimistisch – auch in Zukunft. Als Bürgerinnen und Bürger wird uns abgefordert, dass wir nicht nur in unserem eigenen privaten Viertel aktiv und erfolgreich sind, sondern dass wir unsere Potentiale verbinden mit unserem Gemeinwesen. Das ist die Haltung, die ich mir wünsche von verantwortlichen Menschen, sei es im Handwerk oder wo auch immer.

Mir ist noch etwas wichtig: Nutzen Sie Ihren Meistertitel und nutzen Sie die Möglichkeiten Ihrer Betriebe, selber junge Leute gut auszubilden. Wir haben in Deutschland das Duale Ausbildungssystem, um das uns viele Menschen rund um die Welt beneiden. Ich muss ehrlich sagen, dass ich das vorher gar nicht wusste, weil ich dachte, so wie wir das machen mit unserer Berufsausbildung, sei das selbstverständlich. Ich bin nun im Laufe meiner Präsidentschaft in vielen Ländern zu Gast gewesen, und fast überall – ich würde sagen zu 99 Prozent – bin ich auf dieses Ausbildungssystem angesprochen worden, weil viele Menschen in der Welt es als einen der Garanten für unseren wirtschaftlichen und auch politischen Erfolg sehen. Das hat mich mit Stolz erfüllt.

Ich möchte, dass Sie wissen: Wenn Sie Auszubildende in Ihrem Betrieb haben, ist das ein großer Schatz. Und dass wir diese Form der Ausbildung weiter hegen und pflegen und nicht davon träumen, dass unser Land seinen Bildungsauftrag erst dann erfüllt hat, wenn wir zu 95 Prozent eine Hochschule absolviert haben. Ich habe nichts gegen Hochschulabsolventen, ich bin selber einer, aber ich meine: Was würden wir machen, hätten wir nur Uni-Absolventen? Deshalb bin ich immer froh, wenn ich unter Handwerkern bin. Manchmal wünschte ich mir auch, Herr Ministerpräsident, dass wir mehr Handwerksmeister in unseren Parlamenten hätten, wegen der Bodenständigkeit.

Jetzt wünsche ich mir noch eins, liebe Meisterinnen und Meister. Es gibt in vielen Handwerkerbiografien eine besondere Bewunderung für einen Meister, der einem in der Ausbildung etwas Herausragendes vermittelt hat, der mit seinen charakterlichen Qualitäten oder wegen seiner beruflichen Fähigkeiten besonders überzeugen konnte. Ich wünschte mir, dass Sie sich solche Leute auch für Ihre Existenz als Meisterin, als Meister zum Vorbild nehmen. Wir wollen, dass eine zukünftige Generation einmal so voller Stolz auf Sie schaut, wie Sie und Ihre Väter auf Ihre Ausbilder geschaut haben. Und damit das passieren kann, komme ich nochmal auf das lebenslange Lernen zurück. Wir werden kompetenter, wenn wir mit dem Lernen nicht aufhören. Wir werden überzeugender. Und wir werden nebenbei auch erfolgreicher.

Ich habe mich sehr gefreut zu hören, dass die Meisterkurse hier im Kammerbezirk den Blick auf die Welt schon ins Pflichtprogramm übernommen haben. Aktuell sind es die Austauschprogramme, die Sie mit Frankreich durchführen, auch mit Polen, Tschechien oder Ungarn. Das ist nicht selbstverständlich, aber es ist etwas, das wir brauchen, wenn unser Europa immer mehr zusammenwachsen soll. Denn wir sind ja hier nicht nur im sächsischen oder im deutschen Arbeitsmarkt. Der Arbeitsmarkt, von dem wir sprechen, hat sich immer mehr erweitert in den letzten Jahrzehnten, und er wird sich weiter erweitern.

Ich mache jedes Jahr an der Ostsee Urlaub, und der ansässige Rohrdachdeckermeister erzählte mir, dass er gerade in der Karibik solche Dächer hergestellt habe. Ich sagte: Mein Gott, vom Fischland aus Mecklenburg zieht einer in den fernen Welten umher und deckt dort Dächer – das ist ja kaum zu glauben.

Ich bin mir sicher, solche Reiselustigen sitzen auch hier unter Ihnen und machen später in der Welt für deutsche Wertarbeit Reklame. Ich denke etwa an die zwölf deutschen Handwerker, die bald nach Paris zum Weihnachtsmarkt am Louvre fahren und dort Arbeiten verkaufen, oder an die spanischen Lehrlinge, die hier in der Region ihre Ausbildung absolvieren. Das finde ich großartig, ich gratuliere Ihnen dazu.

Liebe Jungmeisterinnen und Jungmeister,

bleiben Sie so offen und so beweglich, wie Sie es in den vergangenen Jahren gelernt haben. Das ist nicht nur gut für den Freistaat, sondern für ganz Deutschland. Dass Sie diese Haltung an den Tag legen, ist die wichtigste Voraussetzung, um Unwägbarkeiten, die immer auf uns zukommen, nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch zu bewältigen. Wir wissen, dass Sie, wenn Sie selbständig werden, in ein sehr komplexes Beziehungsgeflecht ganz verschiedener Akteure eintreten, im Bereich der Ökonomie, im Bereich der weltweit agierenden Betriebe. Und wir wissen, dass wir in Deutschland mehr Risikobereitschaft brauchen. Wir könnten lernen von anderen Teilen der Welt, wo der Begriff Risiko mit Chancen verbunden wird. In unserem Land ist es oft noch so, dass der Begriff Risiko verbunden wird mit der Möglichkeit des Scheiterns. Und das, was ich hier in der sächsischen Mentalität erlebe, ist, dass Sie imstande sind, die Potentiale zu erkennen, die auf uns zukommen, wenn wir bei der Verwirklichung von unternehmerischen Zielen ins Risiko gehen.

Ich spreche nicht von unkalkulierbaren Risiken, sondern einfach von der Bereitschaft, die Herausforderungen der Zukunft wirklich anzunehmen mit aller Kraft, die wir haben. Deshalb ist für mich auch jeder Schritt in die Selbstständigkeit, der gewagt wird, jede Bereitschaft, ein Unternehmen neu zu gründen, etwas, das nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch wichtig ist – diese Ermächtigung des Einzelnen, als Akteur in den öffentlichen Raum einzutreten: Das ist es, was mir als politischem Menschen gefällt, wenn ich in den Bereich unserer Wirtschaft schaue.

In nächster Zeit bieten sich dafür gute Optionen. In den kommenden Jahren stehen rund 200.000 Handwerksbetriebe in Deutschland vor dem Generationenwechsel. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks wirbt zu Recht voller Selbstbewusstsein und mit großer Unterstützung aus Sachsen mit der Kampagne "Handwerk. Die Wirtschaftsmacht. Von nebenan." Darin schwingt viel mit: wirtschaftliche Stärke, Kundennähe und regionale Verbundenheit. Es ist ein Motto, das zum Mitmachen einlädt.

Mitmachen – das gilt, wie ich es schon ausgeführt habe, eben nicht nur im engeren wirtschaftlichen Sinne. Jetzt will ich es mal ganz konkret auf das Mitmachen, nicht auf der politischen Ebene, sondern in den Kammern anwenden. Wir brauchen Menschen, die ihre Erfahrungen in den Gremien der Handwerkskammern einbringen. Es ist wichtig, dass wir dieses Element der Selbstorganisation Ihrer Branche am Leben erhalten oder – um beim Thema zu bleiben – zur Betreuung der künftigen Meisterkurse aktivieren. Dass Kenntnisse und Erfahrungen im Handwerk weitergegeben werden, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist engagierten, oft ehrenamtlich tätigen Männern und Frauen zu verdanken, die über das eigene Unternehmen hinaus aktiv werden. Herzlichen Dank an all die Menschen, die das tun. Mein Dank gilt natürlich genauso den Menschen, die als Ausbilderinnen und Ausbilder hier unter uns sind. Wenn wir den Meisterinnen und Meistern gratulieren, den neuen und jungen, dann gratulieren wir Ihnen, den Ausbilderinnen und Ausbildern, gleich mit!

Jetzt noch einmal zurück zu Ihnen, liebe Jungmeisterinnen und Jungmeister. Es würde mich freuen, wenn Sie das Gefühl mit nach Hause nehmen: Es lohnt sich, ein Lernender zu bleiben. Der Meisterbrief steht für die Tatsache, dass man Ihnen viel zutraut. Falls Sie ihn später schön gerahmt an die Wand hängen und mal in weniger fröhlichen Momenten daran vorbeigehen, erinnern Sie sich vielleicht an diese Feierstunde und an die Botschaft: Der Meisterbrief ist nicht nur eine verbriefte Leistung, er ist auch so etwas wie ein Versprechen für die Zukunft. Wer ihn hat, kann vieles meistern. Genau das wünsche ich Ihnen!