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Verleihung des James-Simon-Preises

Bundespräsident Joachim Gauck im Austausch mit der Preisträgerin Barbara Lambrecht-Schadeberg im Berliner Bode-Museum anlässlich der Verleihung des James Simon-Preises Berlin, 3. Dezember 2014 Verleihung des James Simon-Preises – Austausch mit der Preisträgerin Barbara Lambrecht-Schadeberg © Guido Bergmann

Ich bin privilegiert, und zwar deshalb, weil ich in meinem Amt immer mehr die Gewissheit bekomme, ein Land repräsentieren zu dürfen, das viel besser ist, als die eigenen Landsleute von ihm denken. Es ist diese Blütenlese von engagierten Menschen, die, egal zu welcher Bevölkerungsgruppe sie gehören, ein Gefühl dafür haben, dass sie ihr Leben reicher und schöner machen können, wenn sie sich in Beziehung setzen zu etwas oder zu jemand anderem.

Es sind Menschen, die ihr Leben nicht in einer rein privaten Existenz, und sei sie noch so glanzvoll, verbringen mögen. Das ist der besondere Gewinn, der aus so einem Abend kommt. Sie haben mir nun die Gelegenheit gegeben, in diesem besonderen Bereich neue Erfahrungen zu sammeln und neue Menschen kennen zu lernen, die dieses Füreinander-da-sein mit einer eigenen Farbe, einer eigenen Gabe, einer eigenen Qualität verbinden.

In einer Zeit mit Nachrichten über allerhand Bedrohungen, Infragestellungen von einer für uns unbedingt gültigen Wertebasis etwa durch neue kriegerische und aggressive Aktionen, durch Mord und Totschlag, da trösten wir uns manchmal durch solche Glücksmomente, durch Sternstunden lebendiger Menschlichkeit. Manchmal bewundern wir auch eine Nachricht, die wir gar nicht für möglich halten: Da konstruiert jemand ein Gerät, das es schafft, nach jahrelanger Reise in den Fernen des Weltraums auf einem Areal zu landen, das kleiner ist als der Berliner Tiergarten.

Das hätte übrigens einen Mann begeistert, dessen Name eben schon rühmend erwähnt wurde, nämlich James Simon. Weil sein Kulturbegriff ein weiter war. Der nicht nur darauf aus war, eine schöne Gemäldesammlung herbeizuschaffen, sondern dem es am Herzen lag, sich umzuschauen, was den Menschen dienen könnte und was den Menschen noch fehlt zum gelingenden Leben.

Ein grenzenloses Verständnis von Kultur also und damit verbunden ein sehr großer Anspruch an sich selbst.

Kultur als das, was den Menschen zum Menschen macht, das wird ihn interessiert haben. Und was die Menschen "kultiviert", das wollte er fördern. Das mochten die Wissenschaften sein oder die Geschichte, aber auch das gerechte und gute Gemeinwesen.

Deswegen hatte es für ihn die gleiche Selbstverständlichkeit, sich zu engagieren für die Wohlfahrt der Bevölkerung: durch die Errichtung von Volksbädern und Ferienkolonien; für die Wissenschaft: durch die Unterstützung archäologischer Expeditionen und Grabungen; oder für die Kunst, wenn er die Einrichtung und Förderung von Museen betrieb. Und schließlich gab es die Belange misshandelter oder ausgebeuteter Kinder.

James Simon war ein gut verdienender Unternehmer, ein Kaufmann. Es ist so schön zu sehen, dass er dieses Vermögen nicht nur eigenen Zwecken zuwenden wollte.

Es erfüllt mich mit Freude, als Bürger wie als Präsident, dass es Ihrer Stiftung am Herzen liegt, genau diese Haltung zu fördern. Voller Schmerz erinnern wir uns hier in der Mitte Berlins an ein Berlin der Mäzene und Stifter. Sehr häufig, auffallend häufig, waren es jüdische Gelehrte und Unternehmer, egal ob wir nach Hamburg blicken, nach Berlin oder Frankfurt, immer wieder wird uns das begegnen, dieser Reichtum einer deutschen, ganz besonders von Juden geförderten Kultur. Diese innige Verwobenheit alter Träume und Sehnsüchte aus der Judenheit mit dem Staat Preußen, wie er sich positiv darzustellen vermochte, als Förderer der Wissenschaft und der Künste.

Dieses lebendige Berlin, das so unendlich viel verloren hat: Eben nicht nur Gebäude und Architektur, sondern auch Bürgerkultur, die wohl nie wieder so sein wird, wie unsere Vorväter sie in der Mitte Berlins erlebt haben. Aber wir gehen heute in dieselbe Richtung und wir erleben Menschen, die wieder etwas neu ins Leben rufen, was wir mit diesem Preis und seinem Namensgeber ehren und würdigen. Das ist für uns alle schön. Wir sind Mitwirkende, nicht nur Zeitzeugen. Wir wirken daran mit, eine solche Kultur wieder als unsere lebendige Kultur zu zeigen.

Ich bin froh und glücklich, in dieser Zeit Bundespräsident zu sein, unser Land so zu erleben, wie es sich heute an diesem Tag darstellt. In meiner Jugend hätte ich dieses Deutschland noch nicht antizipieren können. Ich war zu sehr geschlagen von den Verlusten, die dieses Land anderen zugefügt hat und die es schließlich selber erlitten hat.

Man muss nicht nur in den Bereich der Kultur schauen oder bei den Erleuchteten und Begnadeten in den Universitäten. In der Mitte der Gesellschaft, in den Institutionen der Gesellschaft, da sind die, die in diesen Institutionen Verantwortung tragen und dafür sorgen, dass sich die Dinge zum Guten wenden. Und wenn wir dies alles zusammenfügen zu einem Gesamtbild unserer heutigen Gesellschaft und dieses heutigen Deutschland, dann können Sie vielleicht meine Verwunderung, mein Staunen, meine ständige Freude nachvollziehen, dass ich Bundespräsident in diesem heutigen Deutschland sein darf.

Sehen Sie mir dieses kleine Extemporieren bitte nach. Aber ich will mir die Gelegenheit nicht vergehen lassen, eine Folie zu entrollen, die mir als Hintergrund wichtig erscheint, wenn wir solche schönen Feste des Geistes, der menschlichen Kultur und des Mäzenatentums miteinander feiern. Ich habe eben von James Simon gesprochen, und er ist derjenige, der in mir diese Erinnerung an eine verlorengegangene, jetzt aber wieder wachsende Kultur hervorgerufen hat. Deshalb freue ich mich, dass Sie es sich zur Aufgabe gemacht haben, Herr Raue, mit Ihrer Stiftung diesen Geist, der anderen Freude macht am Leben, am Gestalten wachzuhalten. Es ist im besten Sinne ein Bürgergeist, der zu bürgerschaftlichem Engagement fähig ist. Er ist nicht selbstverständlich, aber er ist anwesend und indem wir preisen, was noch zu wenig da ist, freuen wir uns einerseits und richten andererseits eine Erwartung an unsere Gesellschaft und an unsere Mitmenschen: da geht noch mehr!

Ich mag hier nicht von diesem Pult gehen, ohne daran zu denken, mit welchem leidenschaftlichen Patriotismus einst Bürger jüdischer Herkunft diesem Land und seinen Menschen gedient haben. Und ich möchte, dass wir alle daran mitwirken, diese Erinnerung tief in unserem Herzen zu bewahren und damit auch heute junge Menschen anzustiften.

Wir feiern heute also nicht nur die aktuelle Preisträgerin, sondern, bei jeder dieser Preisverleihungen, auch diesen Geist und diesen konkreten Menschen, in dem sich dieser Geist verkörpert hat.

Lieber Herr Raue, ich bin ganz zuversichtlich dass diese selbstgewählte Aufgabe bei Ihnen und Ihren Mitstreitern in guten Händen ist und bin ganz sicher, dass Sie wie ich unverdrossen um Nachahmer werben. Wir beide sind uns völlig einig, es gibt viele engagierte, vermögende Menschen – nicht nur Vermögende, ich habe eben von allen Bereichen, allen Schichten der Bevölkerung gesprochen, in denen dieser Dienst am Nächsten und dieses Engagement, freiwillig Dinge zu tun, die nicht eingefordert werden, lebendig sind.

Aber wir wollen uns ganz besonders auch über diejenigen freuen, die unseren großen Museen, unseren Theatern, unseren Schulen, unseren Universitäten, unseren Orchestern helfen, diese großartigen Leistungen zu vollbringen, für die unser Land in aller Welt bekannt ist und junge Leute aus aller Welt anzieht, um hier zu studieren und hier zu leben.

Wenn wir uns erinnern an James Simon, dann erinnern wir uns an Menschen, die uns immer wieder durch tagtägliche Entscheidungen bezüglich ihres Geldes oder ihrer Arbeitsschwerpunkte sagen: Wir leben nicht nur für das, was wir erwerben, sondern wir leben dafür, mit anderen Menschen gemeinsam bessere Tage zu erleben. Menschen, die etwas verändern wollen, Menschen, die mehr zu geben und zu leisten vermögen als andere.

Wir dürfen eine Veranstaltung wie diese als ein Gespräch verstehen zwischen uns und Menschen, die lange vor uns gelebt haben. Die uns mit ihren Lebensthemen und ihrer Lebenshaltung ein Thema für unser Leben gegeben haben.

Ist es nicht schön, wenn wir das so sehen? Ich sehe das jedenfalls so, und ich könnte mir denken, dass ganz viele unter Ihnen genau spüren, dass wir alle mit Frau Lambrecht-Schadeberg und allen unseren Preisträgern etwas Gemeinsames haben, etwas, das uns verbindet über die Zeiten hinweg.

Gott und den Menschen sei Dank. Herzlichen Glückwunsch!