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Verleihung des Verdienstordens

Bundespräsident Joachim Gauck verleiht Sarah Prenger den Verdienstorden für ehrenamtliches Engagement im Großen Saal in Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 5. Dezember 2014 Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland anlässlich des Tages des Ehrenamtes – Überreichung des Verdienstordens an Sarah Prenger im Großen Saal in Schloss Bellevue © Henning Schacht

Ihnen allen ein herzliches Willkommen! Franz Schuberts Melodien passen gut zum heutigen Tag des Ehrenamtes. Das Thema Sehnsucht ist mit ihnen angeklungen und ins Gemüt gegangen. Sehnsucht ist ja auch oft, was Menschen wie Sie, liebe Ehrengäste, antreibt Besonderes zu tun: Ihr eigenes Leben reicher zu machen, indem Sie das Leben anderer beschützen, bewahren, schöner und reicher machen.

Bevor ich Sie, die 14 Frauen und zwölf Männer, mit dem Verdienstorden auszeichne, will ich denen danken, die uns eben diese Freude bereitet haben – unseren jungen Musikern: Theresa Pilsl, Gesang; Tilman Hussla, Violine; Meike Lu Schneider, Violine; Kundri Lu Schäfer, Viola und Martin Knörzer, Violoncello.

Wunderbar. Jetzt suchen wir noch die passende Überschrift für diese Veranstaltung heute am 5. Dezember. Sie wissen: Tag des Ehrenamtes. Manche mögen "Ehrenamt" nicht mehr so richtig hören, klingt ihnen ein bisschen altmodisch. Ich finde das eigentlich nicht. Aber wenn Sie wollen, können Sie auch den Begriff "Engagement", verwenden, können Zusätze wählen wie "freiwillig", "sozial", "bürgerschaftlich" oder "kulturell". Diese Feinheiten sind für mich nebensächlich. Für mich ist der 5. Dezember vor allem ein Tag des Gebens. Und unter diese Begrifflichkeit möchte ich unsere Veranstaltung stellen: Geben.

Sie wissen vielleicht, was ich früher gemacht habe, als ich in einem anderen Leben Pastor war. Da ist mir oft ein Satz aus der Heiligen Schrift begegnet: "Geben ist seliger denn nehmen". Das passt in die Adventszeit, wenn wir uns auf Weihnachten vorbereiten. Bald werden wir wieder geben wollen. Es ist uns dann sogar eine Freude, zu geben. Wir spüren, dass Geben nicht nur Verpflichtung ist, sondern dass es aus dem Herzen kommt. Wir wollen uns besinnlich zeigen, zeigen, dass es ein Miteinander und Füreinander gibt, das uns erfreut und stark macht. Achtsamkeit, Gemeinsinn und Solidarität rücken in den Mittelpunkt.

Sie, liebe Ehrengäste, verkörpern diese Haltung nicht nur im Advent, sondern in allen zwölf Monaten des Jahres. Sie geben etwas, das nicht mit Geld vergütet wird. Und Sie geben auf ganz unterschiedliche, vielfältige Weise.

Lassen Sie mich mit dem Wertvollsten beginnen: Sie geben Zeit. Wer einen Verdienstorden erhält, gehört zu den langjährig Engagierten, zu denen, die ihre Feierabende als Übungsleiter in der Sporthalle verbringen, die als Botschafterinnen der Kultur Konzerte vorbereiten, die als Vereinsvorsitzende zu Fachkonferenzen eingeladen werden, oder die als Stadtrat und ehrenamtliche Ortsbürgermeisterin lange Abendsitzungen bestreiten.

Wie viele Stunden freiwilliger Arbeit kämen wohl zusammen, wenn wir sie hier im Saal zusammenrechnen würden? Zweifellos unbezahlbar viele!

Unbezahlbar für beide Seiten. Ich höre immer wieder: Engagierte empfinden solche Stunden nicht nur als Momente des Gebens, sondern auch als Momente der eigenen Bestärkung – Momente, in denen sie etwas zurückbekommen, weil sie sich als Teil einer Gemeinschaft erleben. Zeit für andere ist dann eine Zeit bestärkender Selbsterfahrung, auch wenn man das oft erst im Nachhinein merkt.

Liebe Ehrengäste, ich möchte Ihnen besonders dafür danken, dass Sie neben den bereichernden Augenblicken Ihrer Arbeit auch die damit verbundenen Risiken annehmen. Viele von Ihnen gehen bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit bis an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit: im Zivil- und Katastrophenschutz, im Sanitäts- und Rettungsdienst, in Beratungsstellen für Opfer sexueller Gewalt, in der Seelsorge. Sie geben Hilfe, wenn sie am nötigsten ist.

Vor allem: Sie geben Lebensmut – etwas, das kein Gesetz der Welt in Bahnen lenken oder verordnen könnte. Das gelingt nur freiwillig, von Mensch zu Mensch.

Bürgerschaftliches Engagement ist unersetzbar und unverzichtbar in unserem Land. Wer durch die Broschüre mit den Begründungen für die heutigen Auszeichnungen blättert, wird viele Beispiele dafür finden.

Die Situation Schwerstkranker hätte sich nicht so verbessern können ohne die Expertise und den unermüdlichen Einsatz von Selbsthilfegruppen und spezialisierten Verbänden. Das große Thema Inklusion und Barrierefreiheit wäre längst nicht da, wo es heute auf der politischen Agenda steht, wenn nicht so viele Freiwillige seit Jahrzehnten darum kämpfen würden. Und manche positive Entwicklung an unseren Schulen gäbe es nicht ohne all die engagierten Elternvertretungen, ohne die Hausaufgabenhelfer, um es mal ganz konkret zu machen an der Basis, ohne Mentoren und Projektpartner – oft auch aus der Wirtschaft –, die sich für ein leistungsfähiges und auch chancengerechtes Bildungswesen einsetzen.

Sie, liebe Ehrengäste, geben beides: konkrete Unterstützung im Einzelfall und Denkanstöße für die Politik. Das macht freiwilliges Engagement manchmal zur Gratwanderung. Denn wir wissen es alle, und ich will es nochmal ganz deutlich sagen: Ehrenamt soll und darf nicht zum Lückenbüßer werden, wenn dem Staat Mittel fehlen. Zugleich ist klar: Ohne die Erfahrungen aus der Praxis, ohne Menschen, die in Vorleistung gehen und zeigen, wie sich Probleme lösen lassen, wären Bund, Länder und Kommunen oftmals gar nicht in der Lage, Verbesserungen im großen Rahmen anzustoßen.

Ich danke deshalb auch für den Rat, den Sie in den politischen Raum hinein geben, für Ihre Impulse an die Politik. Viele von Ihnen sind in Gremien aktiv. Und ich bitte Sie, bleiben Sie streitbar. Auch das müssen wir manchmal sein, wenn es um gute Dinge geht. Es funktioniert nicht alles nur mit einem Lächeln und von selbst. Manchmal muss gekämpft werden, manchmal bedarf es deutlicher

Widerworte. Ich glaube, jede und jeder von Ihnen wird solche Erfahrungen schon gemacht haben. Ehrenamt wird oft romantisch verklärt, aber es findet in einer Welt mit Konflikten statt, sehr ernsthaften und sehr schwierigen Konflikten. In einer demokratischen Gesellschaft geht eigentlich nichts von selbst. Um vieles muss gerungen und gestritten werden, auch um das nötige Geld natürlich, wenn neue Wege gebahnt werden sollen. Sie stellen nötigenfalls den zweiten, dritten, vierten oder fünften Antrag, um Ihr Projekt zu sichern und Ihre Ideen zu verwirklichen. Sie beweisen also neben allem anderen auch Ausdauer. Der Verdienstorden soll Dank dafür sein, dass Sie nicht aufgeben, wenn es schwierig wird.

Wir werden gleich zu jeder und jedem Einzelnen von Ihnen hören, wie langer Atem zu Erfolg führen konnte.

Es freut mich besonders, dass zahlreiche Beispiele für gelungene Integration dabei sind. Keine Frage, freiwilliges Engagement gibt Halt und Zusammenhalt, etwa im gemeinsamen Projekt junger Deutscher und gleichaltriger Sinti und Roma, oder in einer deutsch-türkischen Begegnungsstätte, oder in einer Förderinitiative für Zuwanderer mit dem schönen Titel "Bilde deine Zukunft".

Einige Ehrengäste sind sogar selbst zu Wanderern zwischen den Kulturen geworden. Ihr Engagement reicht bis nach Afghanistan, in den Sudan, nach Vietnam und Südamerika, oder – wie der Name "United World College" so treffend sagt – um die ganze Welt.

Kann man sich mehr für eine Ordensverleihung wünschen? Wohl kaum, meine Damen und Herren.

Ich habe in unserer Liste sogar Indizien dafür gefunden, dass freiwilliges Engagement eine vielversprechende Zukunft hat – trotz des demografischen Wandels, trotz der oft zu hörenden Nachwuchssorgen. Es gibt im Saal so einige, die zu meiner Alterskohorte gehören, und in unseren Kreisen ist oft zu hören: "Na, wenn es uns nicht mehr gibt, dann geht alles den Bach runter". Um diesem Gefühl etwas entgegen zu setzen, haben wir heute unter den Ehrengästen auch Menschen, die ganz deutlich zur Generation meiner Enkelkinder gehören. Das erfreut nicht nur den Großvater, sondern auch den Bundespräsidenten. Eine dieser beiden jungen Frauen zeigt, wie Ehrenamt im ländlichen und dünn besiedelten Raum gelingen kann. Erlauben Sie mir deshalb das Fazit: Engagement gibt Hoffnung.

Diese kurze Rede war dem Geben gewidmet, man könnte auch sagen: der ehrenamtlichen Hingabe. Jetzt kommen wir zu dem Teil der Feierstunde, auf den wir uns wohl am meisten freuen – zu den Orden, zur tatsächlichen Übergabe.

Jede dieser Übergaben ist mit einem Dank verbunden. Das ist nicht nur der Dank des Bundespräsidenten, sondern der Dank der Bürgerinnen und Bürger dieses Landes an Menschen, die uns alle ermutigen. Ich wünsche mir, dass dieser doppelte Dank – zusätzlich zu dem sichtbaren, anfassbaren und ansteckbaren Orden – Sie, liebe Ehrengäste, mit besonderer Freude erfüllt. Haben Sie Dank für alles, was Sie unserem Land gegeben haben!