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Eröffnung des Italienisch-Deutschen Dialogforums

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache bei der Eröffnung des ersten Italienisch-Deutschen Dialogforums 'Italian German High Level Dialogue' im Teatro Regio in Turin Turin/ Italien, 11. Dezember 2014 Eröffnung des ersten Italienisch-Deutschen Dialogforums – Ansprache bei der Eröffnung im Teatro Regio in Turin © Steffen Kugler

Meine Amtszeit, bislang gut zweieinhalb Jahre, hat mich auf diesen Tag und auf dieses Forum in spezieller Weise vorbereitet – denn jedes Mal, wenn ich in Schloss Bellevue in mein Amtszimmer trete, dann werde ich gleichsam Zeuge eines italienisch-deutschen Dialoges: Dort hängt nämlich das wunderbare Gemälde des Italieners Canaletto, das die barocke Stadt Dresden zeigt. Drehe ich mich nur ein wenig, so schaue ich auf die "Italienische Landschaft" des Deutschen Adolf Friedrich Harper.

Ich danke Ihnen also, Herr Staatspräsident, lieber Herr Napolitano, dass Sie den Anstoß gegeben haben zu diesem Turiner Forum. Und es erscheint mir sehr passend: Gerade Sie – als italienischer Patriot und als früher Kämpfer gegen Faschismus wie Nationalsozialismus, als großer Freund Deutschlands und als leidenschaftlicher Europäer –, gerade Sie haben immer den Dialog zwischen unseren Ländern, ja zwischen den Ländern unseres Kontinents befördert.

Wenn es – wie hier in diesen Tagen – um Perspektiven des Verhältnisses zwischen Italien und Deutschland geht, dann muss ich an ein weiteres Gemälde denken: an Friedrich Overbecks "Italia und Germania". Zu sehen sind zwei junge Frauen, offenbar Schwestern, jedenfalls einander zugewandt, die Hände als Ausdruck ihrer Verbundenheit ineinander gelegt. Ja, Italien und Deutschland sind tatsächlich so etwas wie Schwestern. Und zwar Schwestern als Teil einer europäischen Familie, die gemeinsame Wurzeln und Werte hat. Diese Gemeinsamkeiten bilden ein festes Fundament für Vertrauen und für Freundschaft. Die Unterschiede zwischen uns dagegen sind Ausdruck historisch gewachsener Diversität in unserem Europa, die wir in den vergangenen Jahrzehnten endlich zu schätzen gelernt haben.

Gemeinsamkeiten gibt es also zwischen unseren Ländern ebenso wie Unterschiede. Was unser Verhältnis aber weit weniger bestimmt, ist Gleichgültigkeit – und das ist gut so. Denn täglich schauen wir aufeinander, täglich beziehen wir uns aufeinander. Manchmal jedoch glauben wir, den jeweils anderen bestens zu kennen und versäumen es, diese Überzeugung zu hinterfragen und genauer hinzuschauen.

Immer wieder hat Italien Deutschland geprägt – und Deutschland Italien. Die Wirkung der italienischen Kultur und Künste auf Deutschland, auf die deutsche Geistesgeschichte können wir jedenfalls kaum überschätzen. Auch deshalb hat Deutschland heute in keinem anderen Land so viele Kultureinrichtungen wie in Italien, von denen viele sogar zu den ersten ihrer Art gehören. Ich denke beispielsweise an das Deutsche Archäologische Institut – es besteht bereits seit 1829 -, an die Bibliotheca Hertziana und die Deutsche Schule in Rom wie an die Villa Vigoni am Comer See.

Italien war und ist ein Sehnsuchtsland der Deutschen. Der Dichter Goethe reiste nach Italien, um sich vom Legationsrat Goethe zu lösen. Er stand in Diensten des Herzogs von Sachsen-Weimar und wollte in Italien die Quellen der Kreativität aufs Neue sprudeln lassen. Bis heute ist die kulturelle Ausstrahlungskraft Italiens über die Alpen hinweg ungebrochen. Wer einen italienischen Opern- und Theatersaal besucht und dort Theater all‘italiana sieht, der versteht diese Faszination sehr gut. Und ich freue mich sagen zu können: Heute sind auch Deutschland und gerade die Metropole Berlin voller "fascino", voll solcher Faszination für Italiener.

Die Neugier aufeinander ist ungebrochen, und so wünsche ich mir, dass von diesem Turiner Treffen ein Signal ausgeht: Lassen Sie uns die Neugier aufeinander weitergeben an die jungen Menschen in unseren Ländern. Wir wollen das Interesse fördern, wo wir können. Denn es macht wahren Dialog aus, dass wir uns öffnen für den anderen und uns auf ihn einlassen. Dass wir auch die Sprache des anderen zu lernen bereit sind. In jüngster Zeit sind zum Beispiel wieder mehr italienische Studierende nach Deutschland gekommen, und auch die Zahl deutscher Studierender in Italien ist angestiegen – das sind ermutigende Zeichen.

1951 brach Konrad Adenauer zu seiner zweiten Auslandsreise als Kanzler der jungen Bundesrepublik auf. Die Reise führte ihn nach Rom. Mit Alcide De Gasperi teilte Adenauer, wie er selbst schrieb, "die Überzeugung, dass Europa geeinigt werden" müsse. Dass das Projekt einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft scheiterte, war für beide Politiker ein herber Rückschlag. Kurz darauf, und drei Jahre nach seinem Rom-Besuch, musste Adenauer den tragischen, plötzlichen Tod seines Freundes De Gasperi verwinden. Doch ihr gemeinsamer Beitrag zu einem freien und starken Europa lebt in unserer heutigen Europäischen Union fort.

In dieser Union, in diesem Europa sind Italien und Deutschland enge Partner. Diese Partnerschaft hat sich bewährt, auch wenn es um das Schwierige und Schmerzhafte ging. Unsere beiden Länder haben sich mit der italienisch-deutschen Historikerkommission gemeinsam ihrer Geschichte gestellt. Es ist gut, dass die Empfehlungen der Kommission seit Sommer 2013 umgesetzt werden. Zu den konkreten Projekten gehört auch die Restaurierung einer Kapelle in Sant’Anna di Stazzema, an jenem Ort, an dem Deutsche ein schreckliches Verbrechen verübt haben und zu dem Sie, lieber Herr Napolitano, mich im vergangenen Jahr zu begleiten bereit waren. Eine gemeinsame Erinnerungskultur zu schaffen, die der Komplexität der italienisch-deutschen Geschichte gerecht wird, das ist eine herausfordernde und wichtige Aufgabe, für Wissenschaft und Politik ebenso wie für unsere Gesellschaften.

Eine Herausforderung für unsere Gesellschaften ist zweifellos auch das unsichere wirtschaftliche Umfeld, in dem wir uns bewegen. Wir Europäer sind gut in den weltweiten Handel integriert, und Italien und Deutschland sind in der Geschichte immer wieder Schrittmacher der Globalisierung gewesen. Wir können Vieles erreichen, aber wir sollten nicht annehmen, es würde ohne Aufwand ewiglich Bestand haben. Errungenschaften kann nur bewahren, wer sich Veränderungen nicht verschließt. Wir lernen das gerade wieder in Europa. Leistungsstarke Firmen, besonders aus Asien, aus Nord- und Lateinamerika, fordern heimische Unternehmen heraus. Die europäischen Länder leiden unter nachlassender Wettbewerbsfähigkeit und hoher Staatsverschuldung. Und auch wenn es unterschiedliche Meinungen zur Frage gibt, wie wir die andauernde Krise meistern und weitere Gefahren verhindern, so ist doch offensichtlich, dass umfassende Reformen in unseren Volkswirtschaften notwendig sind – auch um Arbeitslosigkeit dauerhaft zu bekämpfen.

Wir alle hier wissen, dass solche Reformen Beharrlichkeit erfordern und dass ihre Erfolge sich nicht von heute auf morgen einstellen. Doch nur, wenn wir sie beherzt angehen, werden wir unserer Jugend die Chance eröffnen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und mit ihren Leistungen zum Wohl der ganzen Gesellschaft beizutragen. Italien hat jüngst wichtige Schritte auf diesem Weg eingeleitet.

Und so spüre ich in Deutschland große Anerkennung für die ehrgeizigen Reformpläne der Regierung Matteo Renzis – und für das klare Bekenntnis zu Europa, in das diese Pläne eingebettet sind. Ich wünsche der italienischen Regierung, dass es ihr mit diesen Schritten gelingt, aufs Neue das immense kreative Potenzial freizusetzen, für das wir anderen Europäer Italien so bewundern.

Die italienisch-deutschen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen sind eng. Ich glaube, sie können durch die anstehenden Reformen in Italien noch weitere Impulse erhalten. Das Turiner Forum, bei dem sich so viele Unternehmerinnen und Unternehmer aus unseren beiden Ländern versammeln, ist eine gute Gelegenheit, über diese Perspektive zu sprechen. Auch die Mailänder EXPO 2015 kann Anstöße für weitere wirtschaftliche Vernetzung geben.

Nicht nur wirtschaftlich steht Europa vor großen Aufgaben, auch außenpolitisch ist die Europäische Union gefordert. Wir sehen das an den militärischen Auseinandersetzungen im Osten unseres Kontinents und an dem Flächenbrand im Nahen Osten. Wir sehen es dort, wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Und wir können unsere Augen nicht vor den Herausforderungen verschließen, wenn wir den Menschen in die Augen schauen, den vielen Tausenden, die auf der Flucht vor Gewalt und Not an den Grenzen Europas ihr Leben riskieren. Es gilt, darauf Antworten zu finden, und zwar gemeinsam. Wir sind es den betroffenen Menschen schuldig, wir sind es aber auch uns selber schuldig, unseren Werten und Überzeugungen.

Die Rolle Europas auf der internationalen Bühne zu stärken, das ist einer der Schwerpunkte der laufenden italienischen EU-Ratspräsidentschaft. Mit Federica Mogherini ist nun eine Italienerin das Gesicht Europas in der Welt. Und die Welt wird Europa besonders dann achten, wenn die europäischen Staaten zusammenhalten und sich hinter Frau Mogherini versammeln. Ich erwähne diese Selbstverständlichkeit, weil Europa im Jahre 2014 so manchem Europäer wie eine etwas in die Jahre gekommene Liebe vorzukommen scheint. Wir müssen uns aber immer wieder der Grundlagen unseres Bündnisses versichern. Und dazu zählen ohne jeden Zweifel die Demokratie und die Menschenrechte. Diese großartigen Errungenschaften zu bewahren und zu verteidigen, das sollte unser höchstes Ziel sein.

Den Geist der europäischen Einigung in die Zukunft zu tragen, das ist die gemeinsame Aufgabe von Italien und Deutschland.

Der Schriftsteller Carlo Levi beschrieb seine Heimatstadt Turin als einen Ort, in dem "Ideen und Freundschaften mit Hingabe gepflegt werden und die baumbestandenen Alleen so lang, weit und leer sind, dass man glaubt, die Worte könnten fliegen und sich ungehindert entfalten."

Möge diese wunderbare Stadt die Gespräche und Begegnungen dieses Treffen genauso anregen wie einst Carlo Levi.