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Neujahrsempfang zu Ehren engagierter Bürgerinnen und Bürger

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede im Großen Saal in Schloss Bellevue anlässlich des Neujahrsempfangs Schloss Bellevue, 9. Januar 2015 Neujahrsempfang des Bundespräsidenten – Rede im Großen Saal in Schloss Bellevue © Guido Bergmann

Zwei Tage nach dem Attentat in Paris kann dieser Neujahrsempfang nicht so unbeschwert stattfinden wie in anderen Jahren. Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen der Opfer. Und unsere Gedanken sind bei der Frage: Wir reagieren wir als Gesellschaft auf das, was geschehen ist? Am wichtigsten ist mir, dass wir uns nicht den Ängsten hingeben. Damit würden wir den Feinden der Freiheit nur in die Hände spielen. Das genaue Gegenteil muss uns gelingen. Wir müssen uns an das erinnern, was uns stark macht. Als ich vorhin draußen vor den Kameras stand, habe ich gesagt: Unsere Demokratie ist stärker als der Terror. Und hier vor Ihnen möchte ich hinzufügen: Unsere Demokratie ist auch deshalb stark, weil es Menschen wie Sie gibt, liebe Ehrengäste – politisch und sozial engagierte Bürger aus allen Teilen unserer Republik. Ich freue mich sehr, dass Sie hier sind.

Das Entscheidende, das ich mit dieser Einladung zum Ausdruck bringen möchte, lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Dankeschön!

Ich danke jeder und jedem Einzelnen von Ihnen. Was Sie leisten, ist herausragend, und es ist alles andere als selbstverständlich. Mehr noch: Ihr Einsatz ist unverzichtbar für unsere Gesellschaft.

Stellen wir uns nur einmal vor, wir müssten ohne Ehrenamtler und Freiwillige in das neue Kalenderjahr gehen. Was fehlte – gerade in diesen Tagen! – ohne die vielen Engagierten in der Flüchtlingshilfe, ohne all die Integrationslotsen? Wieviel öffentliche Sicherheit könnten wir gewährleisten ohne die freiwilligen Feuerwehrmänner und -frauen, ohne das THW und die Rettungsschwimmer? Wieviel Umweltschutz gäbe es ohne unermüdliche Aktivisten? Wie sähe es im Bereich der kirchlichen Gemeinden und Vereine oder im Breitensport aus ohne ehrenamtliches Engagement? Was würde aus dem kulturellen Leben in Städten und Gemeinden ohne die privaten Galerien, die kleinen Festivals und freien Theatergruppen, ohne die Jugend- und Seniorenklubs, ohne die Landfrauen oder Heimatvereine? Ich könnte auch fragen: Gäbe es so manche Sportanlage, so manches Museum und manche Gedenkstätte noch, wenn sie nicht ehrenamtlich geführt würden? Und gäbe es – in Zeiten des demografischen Wandels – an manchen Orten noch so viel Leben, wenn sich ehrenamtliche Bürgermeister, Ortsvorsteher und Gemeinderatsmitglieder nicht so leidenschaftlich für die Anpassung von Infrastrukturen und die Vermittlung sozialer Werte einsetzen würden?

Sie merken: Ich sehe in Ihrer Arbeit nicht nur das schmückende Beiwerk unserer Demokratie. Sie leisten weit mehr. Sie schaffen und erhalten viele Arten von Lebensqualität. Ohne Engagement wie Ihres wäre Deutschland ärmer. Es wäre nicht das, was es ist – eine Gesellschaft, die Pluralismus und Freiheit schätzt und sich zugleich als Gesellschaft des Miteinanders und Füreinanders begreift. Dieses Selbstverständnis lässt sich nicht per Gesetz vorschreiben. Es muss wachsen und dauerhaft gepflegt werden. Genau das tun Sie, liebe Gäste: Sie pflegen unser Gemeinwesen. Sie sind die wahren Patrioten dieses Landes!

Als ich gelesen habe, welche verschiedenen Erfahrungen heute hier im Saal versammelt sind, da dachte ich: Es gibt trotz aller Unterschiede ein gemeinsames Motiv. Sie alle stiften gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie alle setzen sich in besonderem Maß dafür ein, dass eine Gemeinschaft mehr ist als die Summe von Einzelinteressen.

Das beginnt schon in der kleinsten und persönlichsten Form der Gemeinschaft, der eigenen Familie. Wir haben heute beispielsweise eine Mutter unter uns, die 14 Kinder zur Welt gebracht hat. Ihr Mann verstarb früh, und trotzdem ist es ihr gelungen, allen 14 den Weg ins Leben zu ebnen – mit aufopferungsvoller Liebe, mit Fleiß und einer Haltung, die ich bewundere: jeden Morgen zuversichtlich aufzustehen, trotz knapper Zeit jedem Kind gerecht zu werden, auch wenn die Verantwortung und die tägliche Arbeit so unendlich groß sind.

Außergewöhnliches Engagement entsteht oft aus persönlicher Betroffenheit und wächst dann weit darüber hinaus. Unsere Gästeliste macht das sehr deutlich. Ich denke etwa an die Mutter, deren Sohn beim Afghanistan-Einsatz gefallen ist. Noch Jahre später schenkt sie im "Netzwerk der Hilfe" anderen Hinterbliebenen Trost. Aus großem Kummer ist bei ihr und durch sie große Kraft erwachsen. Eine solche Entwicklung habe ich in vielen Erzählungen engagierter Menschen wiedergefunden: Sie haben eine schwere Krankheit überstanden, vielleicht einen Angehörigen oder Freund in schweren Stunden begleitet – und gründeten dann Selbsthilfegruppen, um anderen mit ihren Erfahrungen zu helfen. Oder Sie haben als Vater und Mutter gesehen, wie wichtig es ist, Talente zu fördern – und starteten Initiativen, um möglichst vielen Jugendlichen den Klavierunterricht, die Teilnahme bei "Jugend forscht", das Abitur oder ein Studium zu ermöglichen.

Die meisten Projekte fangen klein an und werden manchmal so groß, dass sie bedeutende gesellschaftliche Entwicklungen anstoßen. Bei Themen wie Integration, Inklusion und Bildung ist das besonders offensichtlich. Viele von Ihnen wissen aus der sozialen Arbeit: Es waren und sind die Freiwilligen, die entscheidende Impulse für die Politik geben und Ideen für Verbesserungen einbringen. Willkommensklassen und Mentorenprogramme gibt es heute tausendfach in unserem Land, weil engagierte Bürgerinnen und Bürger gezeigt haben, wie viel sich damit erreichen lässt. Barrierefreiheit ist eine gesetzliche Vorgabe, weil Ehrenamtler bewiesen haben, dass sie funktionieren kann und weiter offensiv dafür werben.

Menschen wie Sie, liebe Gäste, sorgen durch ihren freiwilligen Einsatz jeden Tag dafür, dass sich das öffentliche Bewusstsein und damit unsere gesellschaftliche Realität verändern. Sie holen zum Beispiel Menschen in unsere Mitte, die von den meisten längst abgeschrieben wurden. Ich habe dabei die Emmaus Bewegung vor Augen und das Ehepaar, das junge Inhaftierte während des Hafturlaubs in die Familie aufgenommen und mit ihnen die Rückkehr in die Freiheit vorbereitet hat. Mehr als 20 Jahre lang – ein ehrenamtliches Lebenswerk!

Engagierte wie Sie, meine Damen und Herren, überwinden Grenzen im besten Sinne des Wortes. Schon die Titel Ihrer Projekte sind oft eine Einladung zum Umdenken. Ich zitiere mal einen, er heißt "Nebenan in Afrika". Prägnanter kann man kaum ausdrücken, dass auch die globale Gemeinschaft Zusammenhalt braucht. Nähe bemisst sich nicht allein in Kilometern, es sind gemeinsame Aufgaben und Herausforderungen, die Nähe stiften.

Viele von Ihnen engagieren sich entsprechend. Sie schicken Hilfsgüter und Spenden nach Kenia, Syrien oder in die Ukraine für die Kinder von Tschernobyl. Sie geben Flüchtlingen unter dem Dach der Kirche oder in Privatunterkünften Asyl. Sie springen dort ein, wo die Not am größten ist – zum Beispiel als Arzt in unbezahlten Sprechstunden, wenn Migranten ohne Aufenthaltsstatus medizinische Hilfe brauchen.

Und Sie haben den Mut, Probleme auch Probleme zu nennen, in ihrer ganzen Vielschichtigkeit, etwa eine junge Frau mit Migrationshintergrund, selbst in glücklicher Ehe lebend, die als eine der ersten gegen häusliche Gewalt und prügelnde Männer im Stadtteil Flagge zeigte.

Vor allem diese mutige, progressive Seite des sozialen Engagements möchte ich stärken. Denn das Ehrenamt steht nicht nur für Tradition – es öffnet auch Türen in die Zukunft und es bildet unsere Gesellschaft so facettenreich ab, wie sie ist. Dazu gehört eben auch die Feuerwehrfrau mit vietnamesischen oder türkischen Wurzeln. Dazu gehört der Jugendklub, der einmal in der Woche Einblicke in die Vielgestaltigkeit des Islams gibt. Und dazu gehört das Bekenntnis: Das Miteinander der Verschiedenen ist kein Selbstläufer. Integration ist weder leicht noch konfliktfrei, aber wir bemühen uns um ihr Gelingen in einer offenen Aushandlungsgesellschaft – jeden Tag aufs Neue.

Sie ahnen jetzt vielleicht, was ich Ihnen für das Jahr 2015 wünsche: die Kraft, Ihre erfolgreiche Arbeit fortzusetzen, Mitstreiter und Nachahmer zu finden, auch die Offenheit, neue Wege zu beschreiten, wenn die alten nicht mehr weiterführen. Vor allem möchte ich Ihnen die Gewissheit geben: Es wird anerkannt, was Sie machen.

Wie ich an den lebhaften Tischgesprächen hier im Saal sehe, nutzen Sie die Gelegenheit, um sich auszutauschen und so Fäden zu einem über den Tag hinaus tragenden Netz zu knüpfen. Über den Tag hinaus gilt auch meine wichtigste Botschaft, die ich zum Schluss gern noch einmal mit einem einzigen Wort wiederhole: Dankeschön!