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Ordensverleihung an den Astronauten Alexander Gerst

Bundespräsident Joachim Gauck verleiht dem Astronauten Alexander Gerst das Verdienstkreuz 1. Klasse im Großen Saal von Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 13. Januar 2015 Verleihung des Verdienstkreuzes 1. Klasse an den Astronauten Alexander Gerst – Gratulation im Großen Saal von Schloss Bellevue © Sandra Steins

Die Sehnsucht nach einer Unendlichkeit, die alles Irdische und alle Erdenschwere hinter sich lässt, das ist ein Traum unendlich vieler Menschen aus unterschiedlichen Epochen der Menschheit. Der Blick zu den Sternen erfasst uns oftmals von Kindesbeinen an und bewegt manche ein Leben lang.

Vielleicht beginnt es bei einigen mit einem alten Kinderlied "Weißt du wieviel Sternlein stehen…". Auf die unruhige Frage nach der Anzahl der Sterne kommt dann die tröstende Antwort aus alten Zeiten: "Gott, der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet / an der ganzen großen Zahl".

Es hat vielleicht manchmal etwas Tröstliches gehabt für die Menschen zu wissen, dass die unendlich vielen Sterne vollzählig sind. Es gibt ein Gedicht von Hans Carossa, "Der alte Brunnen". Da wacht ein Mann plötzlich nachts auf, weil der Brunnen, den es im Hof gibt, aufgehört hat zu plätschern. Der Herr des Hauses beruhigt ihn dann: Es ist bloß ein Wanderer an den Brunnen getreten, um zu trinken, die Welt ist noch in Ordnung, das Wasser wird gleich wieder rauschen und dann: "die Sterne steh’n vollzählig überm Land". Das ist offenbar ein tröstlicher Begriff der Weltordnung, kosmische Harmonie. Kosmos heißt ja im Griechischen beides: Weltall und Ordnung – und im Übrigen auch Schmuck. Weltall, Ordnung und Schmuck, also: Schönheit – große Begriffe, auch Inbegriffe großer menschlicher Sehnsucht. Damit sind wir eigentlich bei Ihnen.

Denn von Kindesbeinen an gibt es in Ihnen diese Sehnsucht. Ein Mann, der es beruflich mit der kosmischen Ordnung der Dinge zu tun hat, so stellen wir uns das als Laien vor, solch ein Mensch ist einfach zu beneiden. Das Weltall zu erforschen, die Ordnung des Universums wissenschaftlich immer genauer zu erkunden und dabei immer neu auch die Schönheit der himmlischen und irdischen Phänomene zu erfahren – das ist schon eine großartige Beschäftigung. Ich denke mir mal die Strapazen weg und schaue auf das Erhebende und das Schöne eines solchen Berufes. Und dazu kann man ja eigentlich nur gratulieren.

Als am Anfang der bemannten Raumfahrt plötzlich Astronauten und Kosmonauten geboren wurden, da wollten möglichst viele Jungen diese neuen Berufe ergreifen. Aber es gab nur sehr wenige Planstellen. Und außerdem musste man vorher in der Regel ein richtig guter und richtig erfahrener Pilot gewesen sein, am besten beim Militär.

Heute ist das anders. Heute werden Wissenschaftler gesucht und eingestellt, Menschen, die vorher schon physikalische, astronomische, technische, geologische, geophysikalische Phänomene erforscht haben. Und dennoch ist eines gleich geblieben: die Faszination für einen außergewöhnlichen Beruf, den immer noch viele Menschen ergreifen möchten, heute übrigens gleichermaßen Frauen wie Männer.

Sie, Herr Gerst, haben es unter Tausenden geschafft – als ich die Zahl der Bewerber gehört habe, konnte ich mich ein wenig in Sie hineinversetzen. Sie haben ja weniger gewusst, dass Sie es schaffen würden als Ihre Freunde und Verwandten. Ich weiß nicht, ob die Großmutter dazugehört, die glaubte: Der wird’s packen, der Bub. Aber jedenfalls haben Sie mir erzählt, dass einige Ihnen Nachrichten geschickt haben wie: Du bist dafür da, Du bist dafür geboren, Du kannst das. Sie haben es also geschafft und das allein ist ja schon ein Grund, stolz zu sein. Dann kommen die harten Trainingsphasen, die Sie überstanden haben und in denen Sie gewachsen sind. Sie haben geistig und körperlich Topform erreicht. Sie haben mir vorhin beschrieben, wieviel so ein Raumanzug wiegt, in dem man unendlich viele Stunden im Training verbringen muss. Wie schwierig es ist, dort hineinzukommen – das ist ja nur die körperliche Seite. Dann haben Sie mir erzählt, dass Sie gelernt haben, Russisch zu sprechen, da kommt zum Körperlichen noch etwas dazu, und ich schweige von den ganzen wissenschaftlichen Vorbereitungen für die Experimente, die Sie an Bord zu vollbringen hatten.

Ich finde es bemerkenswert, dass Sie Ihre Erfahrungen nicht für sich allein behalten wollten. Sie haben offenkundig Freude daran, uns, die Öffentlichkeit und Ihre Mitmenschen, daran teilhaben zu lassen, was Sie leisten, was Ihre Aufgabe ist, aber auch wie Ihre Aufgabe Sie erfüllt.

Sie haben uns Ihre Erfahrungen aus dem All mitgeteilt und Sie haben uns faszinierende Fotos gezeigt, schon während des Fluges. Vielleicht haben Sie gemerkt, dass es Ihnen Freude macht – nicht nur die wissenschaftliche Arbeit, sondern auch die Vermittlung der wissenschaftlichen Arbeit. Ich finde es sehr wichtig, dass Sie in diesem Land, das einst eine Spitzennation für Hochtechnologie und Forschung war, den Willen und die Begeisterung für Forschung und Technologie wachhalten. Sie sind ein schönes Rollenmodell dafür. Nutzen Sie Ihre kommunikativen Fähigkeiten, die Ihnen zu Eigen sind, um in der deutschen Jugend auch die Begeisterung für ferne Ziele weiter wachzuhalten.

Raumfahrt ist ja einerseits bei Ihnen und bei manchem anderen vielleicht so etwas wie eine wahr gewordene Jungenphantasie. Aber sie ist eben auch Spitzenforschung. Sie vermittelt tiefe Erkenntnisse über physikalische, biologische und chemische Zustände in der Schwerelosigkeit. Auch astronomische Erkenntnisse über das Werden und Wesen des Universums werden entscheidend gefördert. Nicht zuletzt wird die Raumfahrt immer wichtiger für die Beantwortung globaler Zukunftsfragen der Menschheit – etwa Klimawandel und Erwärmung.

Aber, das wissen wir, Raumfahrt ist auch umstritten, weil sie teuer ist. Ich bin überzeugt davon: Unser menschlicher Forschungs- und Erkenntnisdrang wird wohl dazu führen, dass wir immer wieder neu Zeugen spektakulärer Pioniertaten werden. Und dass sich in der Politik auch Bereitschaft finden wird, dies zu fördern. Es war doch ein großartiger Triumph menschlichen Könnens, als vor einigen Wochen eine Sonde auf dem im Weltraummaßstab wirklich winzigen Himmelskörper gelandet ist, 500 Millionen Kilometer entfernt. Der Mensch wird auf Dauer auf solche und ähnliche wissenschaftliche Unternehmungen sicher nicht verzichten wollen.

Als mit Neil Armstrong damals der erste Mensch auf dem Mond gelandet war und er selber von einem großen Schritt für die Menschheit sprach, titelte eine große deutsche Zeitung: "Der Mond ist ein Ami!" Diese Nationalisierung haben die großen internationalen Projekte und die Raumstationen längst hinter sich gelassen. Und das ist auch gut so, und das sollte unbedingt so bleiben.

Sie selber, Herr Gerst, haben davon geschrieben und auch in Interviews beschrieben, wie reibungslos und wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen Europäern, Amerikanern und Russen dort oben bei den Vor-, Mit- und Zuarbeiten auch am Boden ist. Diese Zusammenarbeit sollte nicht wissenschaftliche Ausnahme, sondern Vorbild und Anstoß für Frieden, Ausgleich und Zusammenarbeit hier unten auf der Erde sein. So wünschen sich jedenfalls unzählige Menschen das und das nicht nur hier in Deutschland.

Sie haben Ihre Mission "blue dot" genannt – in Erinnerung an den Ausdruck, der jemandem eingefallen ist, als man zum ersten Mal im Bild unsere blaue Erde als den kostbaren, belebten Punkt vor der Schwärze des Weltalls sehen konnte.

Die ersten Menschen, die mit eigenen Augen diese blaue kleine Erde über der Wüste des Mondes aufgehen sahen, waren die Astronauten von Apollo 8. Genau am Weihnachtsabend des von Unruhen und Attentaten, von Krieg und Okkupation geprägten Jahres 1968 hatten sie zum ersten Mal den Mond umkreist. Und als sie zum ersten Mal aus dem Mondschatten wieder Funkkontakt zur Erde aufnehmen konnten, lasen sie den Anfang der biblischen Schöpfungsgeschichte vor.

Auch wer diesen biblischen Glauben nicht teilt, kann so wieder eine Ahnung von dem Geschenk bekommen, das die Erde ist und dieses Geschenk, das haben wir zu bewahren, wir alle, die wir das Glück haben, sicher und in Frieden auf diesem unserem blauen Planeten leben zu können.

Jetzt aber, Herr Gerst, kommen wir zu etwas Wichtigem, zu der Amtshandlung. Ich darf ich Ihnen jetzt etwas überreichen, das es nur auf der Erde gibt: das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.