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Ehrenessen für Eberhard Jüngel zum 80. Geburtstag

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache beim Mittagessen zu Ehren von Eberhard Jüngel anlässlich seines 80. Geburtstages im Schinkelsaal in Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 16. Januar 2015 Mittagessen zu Ehren von Eberhard Jüngel – Ansprache anlässlich des 80. Geburtstages im Schinkelsaal in Schloss Bellevue © Steffen Kugler


Wenn ein Professor an einer traditionsreichen Universität ein Hauptseminar auf den Freitagabend legt, so dass jeder studentische Teilnehmer sein Wochenende erst spät beginnen kann, dann möchte der Professor entweder, dass möglichst kaum jemand teilnimmt, oder er weiß, seines Wertes und seines Ranges bewusst, dass dieser Termin keinen wirklich Interessierten abschrecken dürfte.

So wird es mir jedenfalls für das Sommersemester 1980 aus Tübingen berichtet: Hauptseminare wann auch immer hatten bei Professor Jüngel mehr als 100 Teilnehmer. Sie waren, sehr verehrter Jubilar, nicht nur ein geschätzter, Sie waren ein verehrter akademischer Lehrer, dem es an Hörerinnen und Hörern wahrhaftig nie mangelte. Das ist deshalb bemerkenswert, weil sich kaum anspruchsvollere Kollegs vorstellen lassen als die Ihren. Zeugen dafür sind heute hier versammelt. Sie haben Ihre Studenten lieber über- als unterfordert.

Und Sie haben selber Freude am Denken im umfassendsten Sinn dieses Begriffs und versuchten, die strenge Arbeit am Argument und am Begriff auch Ihren Hörerinnen und Hörern zu vermitteln. Sie konnten sich mit vielen Positionen der Theologie und auch der Kirchenleitung leidenschaftlich auseinandersetzen, Sie haben auch die gegensätzlichsten Auffassungen ernst genommen – nur eines haben Sie nie leiden können: das, was Sie gelegentlich die intellektuelle Verschlafenheit nannten. Die Kantische Maxime "sapere aude", "habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen", war für Sie nicht nur eine Maxime der philosophischen Aufklärung, sondern sie gehörte mitten in das Geschäft der Theologie. Wie oft haben Sie diese Maxime Ihren Studenten vorgestellt.

Wobei der Gegensatz, den ich gerade beiläufig zwischen Aufklärung und Theologie konstruiert habe, in Ihren Augen ja nicht existiert. Im Gegenteil. Für Sie ist Theologie konsequente Aufklärung. Aufklärung über den Menschen und seine existenzielle Situation, Aufklärung über das Dasein in dieser konkreten Welt und Aufklärung über Gott und sein menschgewordenes Gleichnis, Jesus von Nazareth. Für Sie fasst sich alles, was über Gott zu denken und theologisch auszulegen ist, in dem Satz aus dem Johannesbrief zusammen: Gott ist die Liebe. Und wo deshalb nach Kant die Aufklärung der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit ist, da ist für Sie und Ihre Theologie der im Denken verantwortete Glaube der Ausgang, die Befreiung des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Liebesunfähigkeit.

Was Sie in Ihrem Hauptwerk "Gott als Geheimnis der Welt" auf einem anspruchsvollen Denkweg ausgelegt haben, das haben Sie immer auch für Nichttheologen verständlich machen können, als leidenschaftlicher Prediger, der Sie auch sind. Auf ungemein einladende Weise, in einer Sprache, die dem hohen Anspruch der Einfachheit genügt, haben Sie es vermocht, vom Geheimnis Gottes zu erzählen. Es wird nicht aufgelöst wie ein Rätsel, sondern es wird, wie Sie sagen, umso geheimnisvoller, je besser man es versteht – und gerade das drängt zur Sprache und zum Erzählen. Narrative Theologie im besten Sinne ist das Geheimnis des Predigers Jüngel.

Eine zentrale Kategorie des menschlichen Lebens ist für Sie die Freiheit. Gerade weil der Glaube an die Rechtfertigung des Sünders für Sie jene "feste Burg" ist, von der der Reformator spricht, leben und fordern Sie die Freiheit eines Christenmenschen, ob in der Universität, in der Politik, in der Kirche oder in der Gesellschaft. Wenn Freiheit bedroht ist, erheben Sie Ihre Stimme.

Vielleicht sollten wir uns gerade in diesen Tagen daran erinnern, mit welchem Bekennermut, der für Sie zum Professorenamt gehört, Sie in den 1970er Jahren vor Ihre Studenten traten, die sich zu Teilen in utopischen Phantasien oder gar in Sympathie zu Terroristen verloren.

Mitten im sogenannten "Deutschen Herbst", als die Universität Tübingen glanzvoll ihren 500. Geburtstag feierte, sprachen Sie beim Festgottesdienst über den Zusammenhang von Freiheit und Wahrheit – und Sie legten den Satz des johanneischen Christus "Die Wahrheit wird euch frei machen" geradezu apodiktisch aus: "Die Freiheit hat ihren Ursprung in der Wahrheit. Was nicht wahr ist, macht auch nicht frei. Und die Wahrheit hat in der Freiheit ihr Ziel. Was nicht frei macht ist auch nicht wahr".

Was Sie damals im Hinblick auf den Terrorismus der sogenannten Roten Armee Fraktion sagten, hat in diesen Tagen eine bestürzende Aktualität gewonnen. Ich zitiere: "Was wir jetzt brauchen, ist Mut zur Freiheit, ja – Freiheit zur Freiheit. Der Terrorismus droht uns äußerlich und innerlich unfrei für die Freiheit zu machen. Das darf ihm auf keinen Fall gelingen. Angesichts des Terrors kommt es erst recht darauf an, der Wahrheit zum Recht und so dem Recht zur Wahrheit zu verhelfen. Dann werden wir frei für die Freiheit". Heute so wahr wie 1977.

Sie haben sich eingemischt, Sie haben das Wort ergriffen, wo Sie glaubten, dazu aufgerufen zu sein. Und Sie haben das mit jener bemerkenswerten Angstfreiheit getan, die zu Ihrem Begriff von Freiheit wesentlich gehört. Keine Angst vor Auseinandersetzungen, keine Angst vor Polemik und ernstem Streit. Vor allem aber auch, wie Sie oft gesagt haben: Keine Angst vor der Angst! Lieber richtige Gegner als falsche Freunde. Theologie ist bei Ihnen nie weichgespült. Nichts ist Ihnen so verhasst wie voreilige Harmonie, die Sie intellektuelle "Schummelei" nennen, und die Sie besonders in Fragen der Ökumene und des Dialogs der Religionen für gefährlich halten.

In Ihnen hat die deutsche Universität einen der wirklich großen akademischen Lehrer gefunden. Akademische Freiheit, hoher wissenschaftlicher Anspruch – an andere, aber vor allem an sich selbst –, Liebe zur Wahrheit und eine Leidenschaft, sich als akademischer Bürger für alle Belange der Universität, aber auch des Gemeinwesens einzusetzen, das alles hat Ihr Wirken, nein, Ihr ganzes Leben bestimmt.

Deswegen war es genau richtig, dass Sie Kanzler des Ordens Pour le Mérite waren. Mit der intellektuellen Großzügigkeit, die Ihnen eigen ist, mit dem Charme des weise gewordenen Gelehrten, mit der sprachlichen Gewandtheit und mit der Souveränität des innerlich freien Menschen haben Sie das Amt in fast ehrfurchtgebietender Weise ausgeübt.

Lieber Herr Jüngel,

über vieles andere wäre noch zu sprechen, manches können wir sicher gleich beim Essen noch vertiefen. Gespannt bin ich zum Beispiel auf die eine oder andere Information darüber, wie es war, als Dekan in Tübingen und Bürger der DDR Assistenten auf das Grundgesetz zu vereidigen – und über dies und das aus Ihrer jahrzehntelangen Tätigkeit in der Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands, als Richter am Staatsgerichtshof Baden-Württemberg, als Ephorus des Tübinger Stifts.

Jetzt aber wollen wir uns erst einmal das Essen schmecken lassen. Ich habe gehört, dass Sie nicht nur ein leidenschaftlicher, sondern auch ein exzellenter Koch sein sollen. Ich hoffe also sehr, dass wir mit dem, was wir heute anbieten, bestehen können.

Jetzt aber darf ich Sie alle bitten, das Glas zu erheben auf Eberhard Jüngel, den großen "Gottesgelehrten" unserer Zeit.