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Abendessen mit dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft


Bis vor ein paar Tagen stand hier vorne im Ehrenhof, wo Sie hereingekommen sind, noch der Weihnachtsbaum. Den haben unsere Gärtner inzwischen – wie an den meisten Stellen – abgeräumt.

Die fleißigen Gärtner konnten mit der Stimmung, die sie abgeräumt haben, etwas nicht verhindern, was uns alle bewegt hat. Gleich zu Beginn des Jahres sind wir in unfriedliche Gezeiten und Gedanken gestürzt worden, unschuldige Menschen in unserem Nachbarland sind umgekommen, und zwar in einer Brutalität, die ganz Europa und viele Menschen darüber hinaus hat zutiefst erschrecken lassen.

Natürlich war das schön, dass sich dann in Paris, auch in Berlin und vielen anderen Städten rund um die Welt, Menschen zusammengefunden haben, die das nicht einfach schweigend hinnehmen, sondern die ihre Gefühle und Gedanken und ihre Solidarität gegen den Terror, gegen die Bluttaten stellen und sich zur Freiheit und Demokratie bekennen. Aber diese Ereignisse, die wir zu Beginn des Jahres so haben über uns kommen lassen müssen, sie werden uns begleiten. Wir werden in vielfältiger Weise, vielleicht auch in neuer Weise, Auseinandersetzungen erleben, und ich will dies ganz bewusst an den Beginn des Abends stellen. Wir werden auch wieder andere Gedanken haben und miteinander austauschen, aber es lohnt sich, in Werte zu investieren und in Haltungen, die bereit sind, solche Werte zu akzeptieren und solche Werte zu verteidigen, und das hängt auch zentral mit dem zusammen, was Sie alle miteinander hier verbindet.

Lassen Sie mich aber auf das Thema kommen, das uns alle in besonderer Weise bewegt: Das ist die Bildung, besonders die internationale Bildung. Auch wenn das nicht sein Ziel ist, so beflügelt der Föderalismus auch die Bildungsdebatte. Denn der Bildungsföderalismus kennt in Deutschland viele Kritiker, aber auch viele Verfechter. Und das belebt die Debatte. Beide Seiten sind ständig im Gespräch miteinander und streiten auch gelegentlich.

Auch der Bund und die Länder, das haben wir gerade in der letzten Zeit erlebt, nehmen an diesen Debatten teil. Auch sie suchen den besten Weg, mehr Bildung und sicherere Bildung zu garantieren. Seit Ende des vergangenen Jahres ist das sogenannte Kooperationsverbot im Hochschulbereich weitestgehend weggefallen, und jetzt können Bund und Länder auf eine Weise intensiver zusammenarbeiten, wie sie es sich durchaus schon früher gewünscht haben. So wird es auch mehr gemeinsame Initiativen und Projekte geben.

Auch an den Hochschulen ist in den vergangenen Jahren immer wieder heftig debattiert und gestritten worden. Und zwar keineswegs nur über Finanzierungsfragen, über Pakte und Exzellenzinitiativen, sondern auch über neue Maßnahmen und Bachelorstudiengänge und über Studiengebühren.

Immer wieder geht es auch um die Frage, wie es eigentlich um die Bildungsgerechtigkeit in unserem Land steht. Darauf komme ich noch zurück. Jedenfalls finde ich: Es ist begrüßenswert, dass wir in Deutschland über unser Bildungssystem so intensiv und bisweilen sogar emotional diskutieren. Mit der Emotionalität kann es immer dann schief gehen, wenn unsere Ängste uns jagen und wir nicht mehr die Zeit haben, darüber nachzudenken, wie begründet oder unbegründet bestimmte Elemente von Furcht sind. Aber manchmal brauchen wir auch eine emotionale Beteiligung, damit es einen gewissen Beschleunigungsprozess gibt.

Jetzt zu unseren Bundesländern: Sie vergleichen sich ja oft miteinander. Und wir wollen dann zum Beispiel wissen, ob sächsische Schüler besser sind als bayerische und schleswig-holsteinische, oder andersherum? Gelegentlich verlieren wir im föderalen Wettbewerb das aus dem Blick, was uns eigentlich helfen könnte und zu Zeiten der Bildungsdebatten auch geholfen hat – nämlich den internationalen Blick.

Aber gerade die internationalen Vergleichsstudien haben uns doch in den vergangenen Jahren viele neue Erkenntnisse gebracht über Lehrmethoden, über eigenständiges Arbeiten von Schülern, über die Rolle der Lehrkräfte, auch über soziale Zusammenhänge an den Schulen. Wir haben von anderen Ländern manches gelernt, was wir verbessern können. Ähnlich wie andere Länder von uns lernen, im Bereich der beruflichen Bildung etwa. Das fällt mir immer wieder auf, wenn ich in andere Länder komme, welch großen Schatz wir da haben. Aber wir haben eben auch selbst zu lernen, und ich denke, wir haben mit der Fähigkeit zur Selbstkritik der letzten Jahre auch bewiesen, dass wir Fehlentwicklungen korrigieren können.

Es war vor mehr als zehn Jahren – Stichwort: PISA-Schock – als wir genauer hingesehen haben, was der internationale Wettbewerb über uns und unsere Standards sagt. Wir merkten dann, dass wir die Schülerinnen und Schüler nicht so gut ausbilden konnten, wie viele von uns es damals mit ziemlicher Sicherheit angenommen haben. Dass in den letzten Jahren alle angepeilten Ziele erreicht wurden, das wird man nicht sagen können. Allerdings wollen wir auch konkrete Fortschritte nicht übersehen, etwa dass heute weniger Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen und mehr junge Leute die Hochschule besuchen. Ich weiß, dass es zu beiden Themen eine Menge Kommentare geben kann, aber man muss diese Dinge auch einmal festhalten und konstatieren: Wir dürfen uns auch als Deutsche gelegentlich über Erfolge freuen und das nicht nur im Bereich der Wirtschaft. Denn auch im gesellschaftlichen Bereich ist das unbedingt erforderlich, um ein gesundes "Ja" zum eigenen Land, zum eigenen Gemeinwesen formulieren zu können.

Also: Es gibt Fortschritte. Und wir sehen: Weichenstellungen können gelingen. Und Überlegungen, welche Weichenstellungen die richtigen sind, sind hilfreiche Überlegungen. Für diesen Weg nun brauchen wir verlässliche und kritische Wegbegleiter, und einer dieser Wegbegleiter, und für mich ein besonders wichtiger, ist der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft.

Hier verfolgen Unternehmen und Stiftungen das gemeinsame Ziel, Bildung und Forschung in unserem Land besser und leistungsfähiger zu machen. Ihre Arbeit, meine Damen und Herren, ist so vielfältig wie wichtig. Sie analysieren die aktuellen Entwicklungen, Sie geben Empfehlungen, auch Optionen für die Zukunft, und Sie fördern Talente.

Seit der ersten PISA-Studie irritiert uns in Deutschland ein Ergebnis besonders. Dass nämlich die Chancen, dass die Bildung dem Einzelnen einen guten Start ins Leben ermöglicht, doch immer stark an die Herkunft gekoppelt sind. Natürlich ist es eine Tugend, dass wir unsere Kinder und Kindeskinder so gut fördern, wie wir nur können. Aber wir dürfen nicht darüber hinwegsehen, dass die Kinder bildungsferner Eltern eben tatsächlich nicht die Lebenschancen wie andere haben, das ist doch immer wieder neu bedenkenswert. Es entspricht übrigens auch nicht dem Gerechtigkeitsempfinden der meisten Menschen, wenn wir solche Unterschiede perpetuieren, sie mit Schweigen begleiten und unsere Änderungswünsche ganz woanders hin tragen, meinetwegen in den Spitzensport – den ich auch gefördert wissen möchte. Aber das, worüber ich gerade spreche, ist noch wichtiger.

Es geht um individuelle Lebenschancen, es geht um Ressourcen, die eigentlich zu erschließen wären. Wir müssen nicht nur bei Erdöl und Erdgas darüber nachdenken, wie man komplizierte und verborgene Schätze heben und mit neuen Technologien fördern kann. Das kann man auch in anderen Bereichen machen – Ressourcen zu fördern.

Also: Sozialer Aufstieg soll unabhängig von der Herkunft für jedes unserer Kinder erreichbar sein. Gute Bildung steht jedem zu, und sicherlich können wir auf diesem Weg von anderen Ländern in Europa lernen. Wir wissen also, dass wir in unserem Bildungssystem noch viel tun müssen, um dem Ideal der Bildungsgerechtigkeit nahe zu kommen.

Nun ist es mir eine besondere Freude, mit Professor Güntürkün einen renommierten Experten zu begrüßen, und ich bin ganz gespannt, welche Hinweise, Tipps und welche Freude am Lernen Sie uns heute Abend vermitteln werden. Ich habe Sie erst ein Mal an der Nationalen Akademie Leopoldina in Halle hören dürfen. Es war für mich ein ergreifendes Erlebnis. Sie werden uns durch Ihr Fachgebiet und damit auch durch einen wesentlichen Teil unserer Gesellschaft führen. Zudem besitzen Sie als Biopsychologe ein großes Talent dafür, hoch komplexe und komplizierte Sachverhalte anschaulich zu vermitteln.

Sie, Professor Güntürkün, sind ein Vermittler von Wissen. Wir alle sollten uns darum bemühen, nicht nur beispielsweise glänzende Fachleute im Bereich des Stiftungswesens oder Unternehmenslenker, sondern auch Vermittler zu sein. Das, was wir können, was uns und unser Unternehmen, was unser Gemeinwesen, weitergebracht hat, muss vermittelt werden. Diese Erfahrung macht auch in die Politik. Sie begreift, es geht nicht nur darum, bestimmte politische Zusammenhänge zu verstehen und zu gestalten – auch ist die Fähigkeit wichtig, dieses politische Wissen zu vermitteln und es weiter zu tragen. Und das gilt natürlich auf diesen Gebieten, um die Sie sich hier kümmern. Wir brauchen neben der Entdeckung jener Menschen, die zu stiften bereit sind, neben der Fähigkeit, unser Unternehmen so durch die schwierigen Zeiten zu führen, auch die immer stärker herauszulockende Fähigkeit, das, was uns am Herzen liegt, auch so darzustellen, dass andere Leute davon bewegt werden und so dem Gemeinwohl noch besser zu dienen.

Deshalb ist es vielleicht ganz gut, dass wir heute so einen Menschen unter uns haben, der es vermag, andere Leute mit seiner wissenschaftlichen Begeisterung anzustecken. Lassen Sie mich noch einen Blick ins Ausland werfen. Ich habe die Bedeutung akademischer Brücken bei Besuchen im Ausland selbst erlebt – als leuchtendes Beispiel dafür, dass Veränderungen möglich sind. Ich erinnere mich zum Beispiel an meinen Staatsbesuch in der Türkei. Es war bei allen Herausforderungen besonders schön, dass ich an der Eröffnung der Deutsch-Türkischen Universität teilnehmen konnte. Genauso schön wie es ist, wenn deutsche Unternehmen in Südamerika oder in Asien sich nicht nur um die Fertigung kümmern, sondern sich dort auch in der Berufsausbildung engagieren.

Damit wären wir bei einem weiteren Stichwort des Abends: der Internationalisierung von Wissenschaft, Bildung und Forschung. Und ich freue mich wirklich, dies sagen zu können: Unsere Hochschulen haben in den letzten beiden Jahrzehnten auch hier Gewaltiges erreicht, sie sind viel internationaler als noch vor Jahren. Auch die Zahl deutscher Studierender im Ausland nimmt übrigens weiter zu. Wenn wir über internationale Bildung diskutieren, dann schauen wir zunächst auf jene jungen Menschen, die zu uns kommen an Schulen, an Hochschulen und an Forschungseinrichtungen. Wir hören immer wieder, Wissen und damit die Fähigkeit zur Innovation sind die eigentlichen Ressourcen unseres Landes. Ein offenes, ein aufnahmebereites und ein aufnahmefähiges Bildungs- und Wissenschaftssystem tragen dazu bei, unsere Ressourcen zu stärken, auch im Vergleich mit anderen Ländern. Müssen wir aber nicht mehr dafür tun, dass erfolgreiche Absolventinnen und Absolventen unseres Bildungssystems hier in den deutschen Arbeitsmarkt integriert werden, und zwar unabhängig von ihrer Herkunft? Und müssen wir nicht jungen Menschen mit Migrationshintergrund – damit meine ich auch, aber nicht nur Flüchtlingskinder – die gleichen Bildungschancen ermöglichen wie den übrigen deutschen Kindern? Und welche Mittel müssen wir zum Beispiel bei Sprachförderung investieren zum Wohl der gesamten Gesellschaft?

Eins ist deutlich: Neben den Politikern in den Ländern und Kommunen im Bund, ist auch die Wirtschaft gefragt. Engagement für mehr Zukunftsfähigkeit zu zeigen, das ist auch eine zivilgesellschaftliche Aktivität. Ich bitte Sie also alle, denen ich hier heute Abend dankbar bei diesem Essen begegnen werde: Setzen Sie Ihr Engagement fort zu Gunsten von Bildung und Wissenschaft in Deutschland und der internationalen Zusammenarbeit!

Herr Professor Güntürkün, Sie sagten einmal, Sie arbeiteten vor allem mit zwei Standardtieren: Tauben und Menschen. Heute, vermute ich, werden letztere im Fokus stehen, das nehme ich jedenfalls an, und ich freue mich auf Ihren Vortrag.

Seien Sie alle noch einmal von Herzen willkommen!