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Gesprächsrunde "ZusammenHALTen – Gegen Gewalt, für Dialog"

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede zur Eröffnung der Gesprächsrunde 'ZusammenHALTen – gegen Gewalt, für Dialog' im Großen Saal in Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 21. Januar 2015 Gesprächsrunde "ZusammenHALTen – gegen Gewalt, für Dialog" – Rede zur Eröffnung im Großen Saal in Schloss Bellevue © Henning Schacht

Herzlich willkommen zu einem Treffen, von dem ich eigentlich wünschte, es müsste gar nicht stattfinden. Denn uns führt ja heute die Sorge zusammen – eigentlich sind es vielfältige Sorgen.

Als wir diese Veranstaltung allerdings planten, ahnten wir nicht, wie tagesaktuell unser Gespräch und unsere Begegnung sein würden. Wir konnten nicht wissen, welche Zuspitzung wir erleben würden und sind dann erschrocken, als die Mordanschläge in Paris uns gezeigt haben, wie verwundbar unsere offene Gesellschaft ist. Die Terroristen zielten auf Menschen, aber eben zugleich auf das freie Wort, auf den säkularen Staat, auf unsere Werte, auf die Menschenwürde.

Heute wollen wir den Blick gemeinsam auf das Einwanderungsland Deutschland richten, und eins will ich vorweg sagen: Dass Einwanderung notwendig ist und in der Regel bereichernd, das wird nur noch von wenigen bestritten. Dass Menschen, die aus Bürgerkriegsgebieten zu uns kommen, Anspruch auf Schutz haben und auf Hilfe, das stellt kaum jemand in Abrede. Deutschland akzeptiert auch zunehmend, dass es ein Land der Vielfalt ist. Und darüber können wir froh sein, das war vor zwei, drei Jahrzehnten noch deutlich anders.

Aber auch wenn wir weitgehend friedlich und gut in einer Gesellschaft der Verschiedenen zusammen leben, so können und wollen wir nicht übersehen: Es gibt Konflikte. Kleine fanatisierte Gruppen lehnen die offene Gesellschaft und ihre Werte und Normen ab. Und dann gibt es noch die Konflikte, die ihre Ursache andernorts haben, und die nach Deutschland hineinwirken. Konflikte im Nahen und Mittleren Osten etwa, die ihren Widerhall auch jüngst auf deutschen Straßen gefunden haben. Wir sind zum Beispiel mit Antisemitismus konfrontiert, nicht nur in seiner alten, sondern auch in neuen Formen. Und wir hören, dass mehrere hundert junge Menschen sich sogar dazu verleiten ließen, im Namen des Islam in einem fremden Land gegen unschuldige Menschen in den Krieg zu ziehen. Wir sehen mancherorts Islamfeindschaft und Fremdenfeindlichkeit. Und wir erleben bisweilen Übergriffe auf Moscheen und Synagogen.

Über diese Radikalisierung möchte ich heute mit Ihnen diskutieren – oder besser gesagt: Ich möchte mich von Ihnen informieren lassen. Mich interessiert, wie Sie in Ihrer Umgebung, an der Basis, in Ihren Arbeitsfeldern, in Ihren Milieus, in Ihren Aufgabengebieten die Probleme wahrnehmen, von denen ich nur in der Zeitung lese oder von meinen Mitarbeitern höre. Es ist ein intensiver Austausch, den ich mir wünsche, auch nicht als einmaliges Geschehen. Ich kann mir durchaus vorstellen, solche oder ähnliche Runden weiter fortzusetzen. Ich möchte, dass wir über Lösungsansätze debattieren und nicht nur darüber, dass wir eine Menge von Problemen noch nicht gelöst haben. Und ich möchte, dass das alles in dem gemeinsamen Bemühen um ein gutes Miteinander zusammenläuft.

Ich habe zu diesem Treffen bewusst Praktiker eingeladen. Man muss nicht habilitiert sein, um hier an diesem Tisch Platz zu nehmen. So finden wir uns hier zusammen: Betroffene, Insider, Menschen, die an der Basis arbeiten, in den Stadtvierteln, in den Initiativen, in Bürgergruppen. Und ich möchte Sie bitten, detailliert über Ihre Erfahrungen zu berichten, damit in unserem Kreis möglichst viel von dem Wissen zusammengetragen wird, das ansonsten nur in den einzelnen Kommunen und Communities verbreitet ist und verbleibt.

Wir haben uns heute in einer Runde zusammengefunden, die einen breiten Erfahrungsschatz zusammentragen soll. Und das ist einer der Gründe, warum ich froh bin, Sie alle hier zu sehen. Viele kennen einander bis heute vielleicht nicht gut. Ich kenne nur einige wenige von Ihnen. Solcherlei Treffen tun unserer Gesellschaft gut: Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Glaubens, geprägt von unterschiedlichen Kulturen, sie leben oft noch zu sehr nebeneinander her. Es gibt nicht nur Distanz zwischen Einheimischen und Zugewanderten, es gibt auch Distanz zwischen Zuwanderern unterschiedlicher Herkunft. Und wenn Sie das beschwert, dass ich das sage, dann sage ich einfach, es gibt auch Distanz zwischen Deutschen und Deutschen. Oder wenn ich nach Sachsen gucke, zwischen Ossis und Ossis. Und diese Distanzen sind ziemlich erheblich. Man kann nicht sagen, dass sie nicht existieren. Und es würde uns auch nichts nützen, darüber nicht zu sprechen. Deshalb ist die Feststellung von Differenz zunächst nur eine Verbeugung vor der Realität, in der wir leben.

Manchmal stört uns diese Feststellung natürlich und wir sehnen uns nach einer harmonisierenden Gesamtschau, in der wenig oder gar nicht von Konflikten geredet wird. Aber in der Regel hilft eine solche Haltung nicht viel weiter. Ich sehe schon, dass Distanz manchmal verständlich ist – wenn etwa Vorbehalte fortbestehen, die ihre Ursachen in den Herkunftsländern haben. Ja, so ist das mit Traditionen und Mentalitäten, so etwas ändert sich langsam. Doch wenn es gelingen soll, die vielen Verschiedenen in der gemeinsamen Heimat Deutschland zusammenzuführen, trotz einer belastenden Vergangenheit, trotz unterschiedlicher Kulturen, trotz verschiedener Lebensstile, dann müssen wir eben das Gemeinsame stärken. Solange Bürger einander misstrauen, werden sie Abstand voneinander halten. Aber wenn Menschen verschiedener politischer Überzeugungen, verschiedener Abstammungen und verschiedener Religionszugehörigkeiten die Begegnung bewusst suchen, dann werden sie auf einen Weg gelangen, der Ihnen erlaubt, Vertrauen aufbauen und befestigen zu können. Sie werden sogar lernen, sich aufeinander zu verlassen. Sie werden es auf der Basis gemeinsamer Werte tun, die uns im demokratischen und pluralistischen Deutschland miteinander verbinden.

Wir leben in einer Zeit großer Veränderungen. Viele Menschen irritiert die Vielzahl der Herausforderungen, sie irritiert die ganze Unübersichtlichkeit unseres Landes, aber noch mehr in Europa und in der globalisierten Welt. Dann gibt es andere Formen der Verunsicherung. Sie haben wirtschaftliche Gründe. Menschen geraten an die Ränder der Gesellschaft oder sie fühlen sich ausgegrenzt und unbeheimatet in der Gesellschaft. Sie suchen dann nach Sicherheit und nach irgendeinem Zusammenhalt im Vertrauten. Doch dieses Vertraute droht ihnen in einer Gesellschaft zu entgleiten, in der durch Vielfalt nicht nur Bereicherung, sondern auch Fremdheit und Verunsicherung entstehen können.

Es wäre fahrlässig, solche Entwicklungen klein oder schön zu reden, denn viele Menschen suchen nach Orientierung und manche wünschen sich klare Konturen und bisweilen die beliebten einfachen Lösungen. Das gilt nun für Einheimische wie für Eingewanderte. Die Verführung liegt dann immer in einer Präferierung von Schwarz-Weiß-Denken. So erleben wir, wie Feindbilder entstehen oder wieder wach gerufen werden, wie an die Stelle des Dialogs Abgrenzung und manchmal auch Gewalt treten, und wie das Argument durch das Ressentiment ersetzt wird.

Eine derartige Polarisierung, manchmal in Gewalt und Extremismus mündend, untergräbt den inneren Frieden und damit eine wesentliche Grundlage unserer Demokratie. Die Polarisierung schwächt, was unser Land stabil und berechenbar gemacht hat und was Vertrauen zwischen den Bürgern geschaffen hat.

Und deshalb wünsche ich mir, unsere heutige Veranstaltung möge getragen sein vom Geist der Kundgebung am Brandenburger Tor vor etwas mehr als einer Woche: Wir alle sind Deutschland. Das ist unser Thema. Und wir wissen, dass wir aufgrund einer gemeinsamen Verfassung und gemeinsamer Werte zusammengehören. Wir können auch heute ein Zeichen setzen und ZusammenHALT demonstrieren. Möge Vertrauen dort entstehen, wo bisher noch keine Berührungspunkte existierten. Möge Vertrauen dort gefestigt werden, wo wir uns bereits aufeinander zubewegt haben.

Lassen Sie uns bauen an dem notwendigen, ja unerlässlichen ZusammenHALT, der unsere freie Gesellschaft stark macht und sie befähigt, sich extremistischer Tendenzen zu erwehren.

Ich danke Ihnen allen, dass Sie gekommen sind. Ich bin gespannt auf das, was wir miteinander erleben werden und darf nun an Shelly Kupferberg übergeben. Sie ist geboren in Tel Aviv, aufgewachsen in Berlin und ist seit vielen Jahren tätig als Journalistin und Moderatorin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft, Religion und Musik.

Frau Kupferberg, ich danke Ihnen.