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Gedenkveranstaltung anlässlich des 70. Jahrestages der Zerstörung Dresdens

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede bei der Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Zerstörung Dresdens Dresden, 13. Februar 2015 Gedenken zum 70. Jahrestag der Zerstörung Dresdens – Rede in der Dresdener Frauenkirche © Jesco Denzel

Dienstag, 13. Februar 1945, das ist der Tag, der sich eingebrannt hat in das Gedächtnis eines jeden Dresdeners, der die folgende Nacht überleben konnte. Es war ein wintertrüber, kurzer Faschingsdienstag. Kinder trugen bunte Hütchen und Pappnasen. Viele Dresdener suchten die Normalität und wollten sich ablenken vom Alltag dieses ewigen Krieges, vom Elend der Flüchtlinge in der Stadt und auch von den Berichten der herannahenden Front.

Fünf Jahre lang hatten die alliierten Bomber die Stadt weitgehend ausgespart. Doch an diesem Abend, so hielt der Romanist Victor Klemperer fest, "brach die Katastrophe über Dresden herein". Er schrieb: "Die Bomben fielen, die Häuser stürzten, […] die brennenden Balken krachten auf arische und nichtarische Köpfe, und derselbe Feuersturm riss Jud und Christ in den Tod; wen aber von den etwa 70 Sternträgern diese Nacht verschonte, dem bedeutete sie Errettung, denn im allgemeinen Chaos konnte er der Gestapo entkommen" – so wie auch der Schreiber selbst, Victor Klemperer, der als Ehemann einer sogenannten "Arierin" noch nicht deportiert worden war. Er überstand die Luftangriffe mit leichten Verletzungen und entzog sich der Verhaftung durch Flucht aus der Stadt.

Aber die barocke Pracht des "Elbflorenz" lag in Trümmern und Tausende verloren ihr Leben. Bomben und Feuer vernichteten sie unterschiedslos: Schuldige wie Unschuldige, Parteimitglieder und Kleinkinder, Kriegsverbrecher und Ordensschwestern, Aufseher und Zwangsarbeiter, kämpfende Soldaten und Flüchtlinge, die, um ihr Leben zu retten, ihre Heimat verlassen und sich nun in Sicherheit geglaubt hatten.

Erich Kästner, der große Sohn dieser Stadt, fand sich noch zwei Jahre später in einer Trümmerwüste wieder: "Das, was man früher unter Dresden verstand, existiert nicht mehr. Man geht hindurch, als liefe man im Traum durch Sodom und Gomorrha. […] Fünfzehn Quadratkilometer Stadt sind abgemäht und weggeweht."

Auch siebzig Jahre später spüren wir die Folgen des Alptraums. Zeitzeugen, die das Inferno miterlebt haben, tragen bis heute Erinnerungen in sich an Orte, an Menschen, die sie nie wiedergesehen haben. Bei vielen hat die Zerstörung langanhaltende Verstörung bewirkt. Manchmal übertrug sie sich noch auf Kinder und Enkel. Für die Stadt wurde die Bombennacht zur tiefen Zäsur, zum Bezugspunkt einer Auseinandersetzung um Selbstverständnis und Identität. Deshalb versammeln wir uns heute, an diesem Jahrestag: Wir trauern mit allen, die seither Leid tragen. Und wir gedenken all derer, die in jener Zeit als Opfer von Gewalt und Krieg ums Leben kamen, nicht nur in Dresden, sondern an all den anderen Orten.

So viele Städte haben im Krieg schreckliche Bombardements erlitten. Städte, die von den Deutschen angegriffen wurden: das polnische Wieluń, Rotterdam, Belgrad, London, Leningrad oder Coventry. Auch Städte, über denen alliierte Piloten ihre Bomben abwarfen: Kassel, Darmstadt, Essen, Lübeck, Berlin, Würzburg, Swinemünde oder Pforzheim. Doch es sind Hamburg und vor allem Dresden, die zum Symbol für die Leiden der deutschen Zivilbevölkerung im Bombenkrieg wurden – wegen der Zahl der Opfer und wegen der ungeheuren Feuersbrünste.

Brandbomben, die den Sprengbomben folgten, entfachten Feuerstürme, die Innenstädte und Keller in Todesfallen verwandelten. In diesem Umfang und mit dieser Zerstörungskraft waren Bombardierungen reiner Wohnviertel bis dahin unbekannt. Ob eine derartige Kriegsführung militärisch sinnvoll, völkerrechtlich zulässig und moralisch vertretbar war, wurde bereits während des Krieges – auch in England und unter den Alliierten – intensiv und kontrovers debattiert. Und bis heute wird immer wieder rechtlich und moralisch über die Grenzfrage gestritten, ob illegitime Mittel überhaupt jemals eingesetzt werden dürfen, um Unrecht zu beseitigen.

Was Dresden darüber hinaus zu etwas Besonderem macht, ist dies: Nirgends wurde Leid so stark politisch instrumentalisiert wie hier. Die Verfälschung der Geschichte begann schon unter nationalsozialistischer Herrschaft, setzte sich fort in Zeiten der DDR und wird selbst heute noch von einigen Unverbesserlichen weitergeführt.

Vor wenigen Jahren hat eine unabhängige Historikerkommission nach sorgfältigen Recherchen die Zahl der Toten vom 13./14. Februar 1945 ermittelt: Es sind bis zu 25.000. Dennoch werden von einigen weit höhere Opferzahlen behauptet, um alliierte Angriffe gegen nationalsozialistische Menschheitsverbrechen aufzurechnen, deutsche Schuld also zu relativieren. Und von anderer Seite wird das Flächenbombardement trotz des ungeheuren menschlichen Leids als gerechte Bestrafung gebilligt, also eine Kollektivschuld unterstellt und deutsche Leiderfahrung damit gänzlich ausgeklammert.

Ich weiß: Seit wir uns in Deutschland über das Ausmaß der deutschen Schuld klar geworden sind, übrigens dank allen, die in den vergangenen Jahrzehnten daran mitgewirkt haben; seitdem fällt es vielen schwer, auch das Leid deutscher Opfer zu sehen. Ich weiß aber auch: Ein Land, das für eine Ungeheuerlichkeit wie den Völkermord steht, konnte nicht damit rechnen, ungestraft und unbeschädigt aus einem Krieg hervorzugehen, den es selbst vom Zaun gebrochen hatte.

Ich will heute dankbar daran erinnern, dass Bürgerinnen und Bürger Dresdens es mindestens zweimal geschafft haben, sich der Instrumentalisierung des Gedenkens zu entziehen. Mit Kerzen in der Hand widersetzten sich in den 1980er Jahren kleine Gruppen mutiger Menschen dem Versuch, das Gedenken staatsoffiziell in antiwestliche Demonstrationen münden zu lassen. Und heute wehren sich zehntausende Dresdener mit dem Symbol der weißen Rose gegen ein Gedenken, das hauptsächlich von rechts, manchmal auch von links außen, im Geiste eines übersteigerten oder umgekehrt eines negativen Nationalismus missbraucht werden soll.

Die weiße Rose, sie erinnert uns nicht nur an die Münchner Widerstandsgruppe gegen die Nationalsozialisten. Weiße Rosen waren es auch, die – gemalt auf zwei Porzellanteller – die Bombenangriffe des 13. Februar unbeschadet überstanden. Einen der Teller, den eine Dresdenerin nach der Feuersbrunst fand, hat sie verschenkt an Überlebende aus Guernica, jener spanischen Stadt, die 1937 von der deutschen Luftwaffe zerstört wurde. Und ihre Bitte um Vergebung, ihr Zeichen der Verbundenheit im Leid, ihr Wunsch nach Aussöhnung wurde verstanden, und er wurde angenommen.

Wir wollen es noch einmal bekräftigen: Wir wissen, wer den mörderischen Krieg begonnen hat. Wir wissen es. Und deshalb wollen und werden wir niemals die Opfer der deutschen Kriegsführung vergessen. Wir vergessen es nicht, wenn wir heute hier der deutschen Opfer gedenken.

Das Gedenken, es verbindet uns nicht nur mit den Toten, das Gedenken verbindet Gedenkende auch miteinander. Denn wir wollen auf die Vergangenheit ja schauen, um Antworten zu finden auf Fragen der Gegenwart und der Zukunft. Was geschehen ist, das soll nicht folgenlos bleiben. Und so suchen wir im Vergangenen nach Orientierung: nach Lehren, nach Vorbildern, vielleicht auch nach Methoden, um in Zukunft Gutes gezielt fördern zu können und Böses gezielt zu verhindern. So entscheiden wir, welchen Geschehnissen in der Vergangenheit wir unsere besondere Aufmerksamkeit schenken und für welche Aspekte wir besonderes Interesse entwickeln.

Wir machen uns dabei deutlich, dass Menschen sich höchst unterschiedlich erinnern. Und Erinnerung führt auch keineswegs automatisch zu gutem und richtigem Handeln. Erinnerung kann eine produktive Kraft für eine Gesellschaft sein. Aber an vielen Orten der Welt sehen wir auch heute wieder, wie eine selektive, quasi gezinkte Erinnerung dazu dient, destruktive, revanchistische oder nationalistische Ziele durchzusetzen. Auch im eigenen Land werden wir fortwährend darüber sprechen, manchmal auch darüber streiten müssen, was wir wie erinnern.

So ist es keineswegs selbstverständlich, dass wir hier heute in der Frauenkirche mit Vertretern der einstigen Kriegsgegner zusammenkommen. Wir kennen aus der Geschichte ganz andere Reaktionen auf Zerstörungen, auf Gebietsverluste, auf Niederlagen. Ich erinnere daran, wie es den Deutschen ging nach dem Ersten Weltkrieg. Da sahen sie sich, jedenfalls in ihrer Mehrheit, durch den Versailler Vertrag gedemütigt. Und sie sannen auf Revanche – auch eine Art von Erinnern. Ähnlich reagierten seither verschiedene Staaten, noch in jüngster Zeit haben wir das erlebt, auf dem Balkan etwa. Wir merken es, und es soll uns warnen. Wenn Wunden offen gehalten werden, kann Feindschaft nicht vergehen. Wenn das Ressentiment kultiviert wird, wächst der Wunsch nach Rache und Vergeltung. Ein Erinnern, das ausschließlich auf die Schuld des Anderen verweist, bringt Völker gegeneinander auf, statt sie im friedlichen Dialog einander anzunähern. Manipulierung und Instrumentalisierung des Erinnerns erleben wir auch in jüngster Zeit in beängstigender Wucht.

Es ist noch nicht lange her, da dachten auch Politiker und Militärs in Deutschland: "If right or wrong – my country!" Die unbedingte Loyalität gegenüber dem Vaterland war wichtiger als die Frage nach dem guten oder verwerflichen Tun eben dieses Vaterlandes. Bitter mussten das die Widerständler vom 20. Juli erfahren: Der geplante Tyrannenmord galt den meisten als Vaterlandsverrat. Ich hingegen halte es mit Carl Schurz, dem Lehrersohn aus dem rheinländischen Liblar, einem Mann des 19. Jahrhunderts, einem Freiheitskämpfer, der hohen Respekt erfuhr, aber nicht in Deutschland, sondern als unabhängiger amerikanischer Politiker. Seine Devise lautete: "My country, right or wrong; if right, to be kept right; and if wrong, to be set right". Wenn wir im Recht sind, gilt es, Recht zu bewahren. Und wenn wir im Unrecht sind, gilt es, das Recht zu setzen.

Unser Erinnern, heute und seit Jahren, richtet sich nicht mehr an einer Norm aus, für die die Verteidigung der Ehre des Vaterlandes, des eigenen Landes, Priorität hat. Wir sind nicht mehr bereit, Verfehlungen und Verbrechen zu leugnen oder zu entschuldigen, die im Namen unserer Nation geschehen sind. Die meisten von uns haben sich auch von jenem Selbstbild als Opfer verabschiedet, in dem sich viele in der Nachkriegszeit eingerichtet hatten, als sie das Selbstmitleid pflegten und sich gegen das Leid der Opfer von Deutschen abschotteten. Inzwischen wissen wir nämlich: Wer bereit ist, die Fixierung auf das eigene Schicksal zu überwinden, erfährt auch einen Akt der Selbstbefreiung. Er lernt, sich in größerem, historischem Kontext neu zu sehen, und er wird empfänglich für das Schicksal des Anderen.

Zwar erleben wir manchmal immer noch so etwas wie Konkurrenz zwischen verschiedenen Opfergruppen. Doch zunehmend gelingt es, unser Erinnern am Humanum auszurichten, an der Wahrung und Verteidigung dessen, was den Menschen zum Menschen macht: an seiner Würde und seiner Fähigkeit zum Mitgefühl.

Eine Frucht dieses Denkens ist dann Verständigung über nationale Grenzen hinweg. Und so freuen wir uns, heute hier in der Frauenkirche auch Gäste aus Großbritannien, aus Polen, aus Russland und aus den verschiedensten Ländern der Welt begrüßen zu können. Das begleiten wir mit tiefer Dankbarkeit und mit großer Freude. Haben Sie Dank, dass Sie alle hierher gekommen sind. Sie sollen wissen: Kein bleibender Groll hat sich bei uns eingenistet, so wie er sich nicht bei Ihnen eingenistet hat. Wir fühlen uns vereint in einem Gedenken, das getragen ist von unserer Hinwendung zu den Opfern und der Anerkennung ihres Leidens. In dem auch eine tiefe Empathie zum Ausdruck kommt, die uns Anteil nehmen lässt an dem, was Menschen als Folge des Krieges geschehen ist – sei es in London oder Warschau, in Leningrad, Dresden oder Breslau. Wir vergessen nicht – und stellen miteinander das Schicksal aller Opfer in die Mitte unseres Denkens und Fühlens.

Einst war die Ruine der Frauenkirche ein Mahnmal gegen den Krieg. Ich erinnere mich noch gut, wenn ich aus Rostock kommend, hierher kam und diesen Haufen der Steine sah, dieses Schwarz-Grau, ein Mahnmal. Heute ist die wieder aufgebaute Kirche ein Symbol für Frieden und für Versöhnung.

Vor 25 Jahren ging von Dresden der Ruf nach Unterstützung für den Wiederaufbau der Frauenkirche aus, und es reagierten bewundernswürdig auch die Kriegsgegner von einst. Vor zwanzig Jahren sagte der Herzog von Kent als Vertreter der britischen Krone Dresden ein neues Turmkreuz zu. Vor zehn Jahren überreichten Abgesandte aus Coventry der Gemeinde der Frauenkirche ein Nagelkreuz, angefertigt aus drei großen Zimmermannsnägeln. Sie stammten aus dem Dachstuhl der von deutschen Bomben zerstörten Kathedrale – wahrlich ein Symbol der Versöhnung.

Heute ist die Frauenkirche ein "Lernort des Friedens". Das Geld für den Wiederaufbau wurde in Nah und Fern gesammelt: Zwei Drittel der Spendensumme kamen aus privater Hand und aus den verschiedensten Gegenden der Welt, gerade auch aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten von Amerika. Was für ein großes Zeichen der nationenübergreifenden Solidarität! Welch ein Erfolg auch des Bibelwortes, das in der Versöhnungsliturgie von Coventry so aufklingt: "Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus."

Ja, wir haben es gelernt und haben es erfahren: Der Mensch ist ein Wesen, das trotz vielfältigen Scheiterns, trotz zerstörerischer Potentiale aus aufrichtiger und respektvoller Erinnerung heraus zu Großem fähig ist: zu menschlichem Miteinander, zur Verständigung und zum Frieden.