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Mittagessen anlässlich des Besuchs der Präsidentin der Republik Kroatien

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede im Schinkelsaal in Schloss Bellevue anlässlich des Besuchs der Präsidentin der Republik Kroatien Schloss Bellevue, 17. März 2015 Begrüßung der Präsidentin der Republik Kroatien – Rede im Schinkelsaal in Schloss Bellevue © Steffen Kugler

Herzlich willkommen im Schloss Bellevue!

Es ist schön, dass Sie so kurz nach Ihrem Amtsantritt zu uns nach Deutschland gekommen sind. Ich danke Ihnen für dieses Zeichen des Vertrauens und der Freundschaft. Und ich freue mich, dass wir uns heute kennenlernen und die Tradition des engen Dialogs zwischen unseren Ländern fortführen können.

Unsere Gesellschaften sind seit Jahrzehnten aufs Engste miteinander verwoben. Mehr als 200.000 Kroaten leben in Deutschland, viele von ihnen haben hier eine Heimat gefunden. Umgekehrt haben Millionen Deutsche Kroatien als Urlaubsland lieben gelernt, von den nördlichen Adriainseln bis nach Dubrovnik im Süden. Oft können sie sich dort auf Deutsch verständigen: Fast ein Drittel aller kroatischen Schüler lernt die deutsche Sprache, das ist eine wirklich beeindruckende Zahl.

Auch die Partnerschaften zwischen kroatischen und deutschen Städten zeigen es: Die Menschen in unseren Ländern, gerade auch die jungen, haben Interesse aneinander. Was für eine gute Ausgangslage für eine gemeinsame Zukunft in unserem Europa! Richtig ist aber auch: Wir dürfen uns nicht auf dem Erreichten ausruhen. Wir müssen offen und neugierig bleiben und den Dialog immer wieder fördern. Dankbar habe ich deshalb zur Kenntnis genommen, dass Sie gleich zu Beginn Ihrer Amtszeit die Förderung des Austauschs unter Wissenschaftlern durch die Alexander-von-Humboldt-Stiftung besonders gewürdigt haben. Mehr noch: Ich freue mich, dass Sie die kroatisch-deutschen Beziehungen zu einem Schwerpunkt Ihrer Präsidentschaft machen wollen.

Als ich im Dezember 2012 zu Besuch bei Ihrem Amtsvorgänger Ivo Josipović in Zagreb war, hatte Ihr Land gerade den Weg für den Beitritt in die Europäische Union geebnet. Es hatte unter großen Anstrengungen Reformen vorangebracht und stand kurz davor, Teil des gemeinsamen Europas der Demokratie, der Freiheit und Toleranz zu werden. Als Außenministerin und Ministerin für europäische Integration haben Sie diese Politik damals maßgeblich mitgestaltet.

Mit dem Beitritt zur Europäischen Union im Sommer 2013 ist für viele Kroaten ein Traum wahr geworden. Und wir alle in Europa sind unserem gemeinsamen Traum eines geeinten Kontinents wieder ein Stückchen näher gekommen. Heute ist Kroatien ein enger und verlässlicher Partner auch auf europäischer Ebene. Ihr Land bereichert Europa, und es profitiert von Europa. Wir wissen aber auch: Wandel kostet viel Kraft und viel Zeit. Kroatien hat unter der Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre gelitten. Viele Menschen haben keine Arbeit, vor allem Junge und Qualifizierte verlassen das Land.

Frau Präsidentin, Sie haben mit großer Leidenschaft an die Kraft und die Einheit der Kroaten appelliert. Vieles muss weiter vorangetrieben werden, etwa der Ausbau des Rechtsstaats, die Bekämpfung der Korruption, die Sicherung tragfähiger öffentlicher Finanzen oder die Modernisierung der Wirtschaft. Wir brauchen in ganz Europa Innovation und Unternehmergeist, um Wachstum und neue Arbeitsplätze zu schaffen. Viele mittelständische Unternehmen aus Kroatien und Deutschland arbeiten bereits erfolgreich zusammen, und für Investitionen wollen wir gern werben.

Deutschland wünscht sich ein selbstbewusstes, reformbereites und prosperierendes Kroatien als engen Partner in der Europäischen Union. Es wünscht sich aber auch ein Kroatien, das seine Schlüsselrolle in Südosteuropa wahrnimmt.

Ihr fest in der Europäischen Union verankertes Land fördert die engen Beziehungen zwischen der Europäischen Union und den Staaten des Westlichen Balkans, die noch nicht Mitglied sind. Es ist europäischen Werten und Standards verpflichtet und zugleich eng in der Region vernetzt. Der Beitritt Kroatiens hat den Nachbarländern Mut gemacht. Er zeigt, dass es auch für sie eine echte Beitrittsperspektive gibt. Und er macht deutlich: Reformen zahlen sich schon mittelfristig aus. Auf der Westbalkankonferenz hier in Berlin haben die beteiligten Staaten Ende August vereinbart, ihre Zusammenarbeit auszubauen. Deutschland wird diesen Prozess weiter unterstützen, und ich bin mir sicher: Er wird bald Früchte tragen.

Auch die Versöhnung in Südosteuropa bleibt eine Herausforderung. Der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien hat Wunden geschlagen, die nur langsam verheilen. Kroatien hat sich mit diesem Kapitel seiner Geschichte auseinandergesetzt. Es hat sich der schmerzhaften Erkenntnis gestellt, dass auch Kroaten im Kampf für die territoriale Integrität Verbrechen begangen haben. Es ist gut, Frau Präsidentin, dass Sie sich weiter für Versöhnung, Dialog und Kooperation in der Region einsetzen wollen.

Bei meinem Besuch in Zagreb habe ich mit Studenten über Politik und Moral, über Verantwortung und Schuld diskutiert. Ich habe gespürt: In Ihrem Land wächst eine Generation heran, für die alte Trennlinien nicht mehr so wichtig sind, die lieber das Gemeinsame leben will. Diese junge Generation macht Mut!

Sie macht Mut, weil es in Zukunft zu unseren wichtigsten Aufgaben gehören wird, den Zusammenhalt in und zwischen unseren pluralistischen Gesellschaften zu stärken. Das kann nur gelingen, wenn wir auch die Rechte sozialer Minderheiten schützen und den Anderen in seiner jeweiligen Individualität als Gleichen anerkennen. Wenn wir Patriotismus, das leidenschaftliche Engagement für unser Gemeinwesen, nicht verwechseln mit aggressivem Nationalismus, der mit Ausgrenzung und Abwertung des Anderen einhergeht. Im geeinten Europa müssen wir das Miteinander der Verschiedenen gestalten, auf dem festen Fundament unserer gemeinsamen Werte.

Auch Frieden und Sicherheit sind auf unserem Kontinent keine Selbstverständlichkeiten, sondern ein zerbrechliches Gut. Heute sehen wir mit Sorge, wie die internationale Ordnung an manchen Stellen aus den Fugen gerät. Terroranschläge und die militärischen Auseinandersetzungen im Osten unseres Kontinents verunsichern Kroaten und Deutsche. Wir in Europa müssen uns deshalb weiter für unsere Überzeugungen engagieren: für Demokratie und Menschenrechte, für Solidarität und Toleranz. Das liegt, nicht zuletzt, auch in unserem gemeinsamen Interesse.

In diesem Sinne erhebe ich mein Glas: Auf Ihr Wohl, Frau Präsidentin, auf die Republik Kroatien, die kroatisch-deutsche Freundschaft und die Einheit Europas!