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Gedenken an die Opfer des Flugzeugabsturzes in Südfrankreich

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede beim Trauerakt zum Gedenken an die Opfer des Flugzeugabsturzes in den französischen Alpen Köln, 17. April 2015 Trauerakt zum Gedenken an die Opfer des Flugzeugabsturzes – Rede im Kölner Dom © Steffen Kugler

Ja, da ist er wieder, dieser Schock, der uns am 24. März getroffen hat.

An diesem Tag ist für viele Familien und für viele Freunde das Schlimmste geschehen, was vorstellbar ist: ein geliebter Mensch aus unserer Mitte wird plötzlich in den Tod gerissen – ein Mensch, den wir gerade noch fröhlich verabschiedet oder in den folgenden Stunden mit Freude erwartet hatten.

Seit diesem Tag ist für diese Familien und Freunde nichts mehr, wie es war. Es ist etwas zerstört worden, das in dieser Welt nicht mehr geheilt werden kann.

Wie schmerzvoll das ist und wie herzzerreißend, das ist heute zu spüren, und das war bei dem Gedenkgottesdienst in Haltern vor drei Wochen zu spüren. Frau Ministerpräsidentin, wir haben damals in so viele todtraurige Augen geschaut an jenem Tag. Und nicht nur einmal hörte ich den Satz: "Sie war unser einziges Kind". In diesen Begegnungen zerreißt es einem das Herz, dieses Wissen, dass keine Macht der Welt einen solchen Verlust ungeschehen machen kann. Aber wenn wir das nicht vermögen, so heißt es doch nicht, dass wir Menschen nichts vermögen. Indem wir neben unserem leidenden Mitmenschen stehen bleiben, indem wir zueinander stehen, entsteht zwischen uns ein Band des Mitleidens und des Mittrauerns.

Ja, wir sind verbunden durch Trauer, durch Schmerz und zugleich durch eine tief empfundene Ratlosigkeit. Aber wir sind doch auch verbunden durch gegenseitige Unterstützung, durch Hilfe, durch das Füreinander-Da-Sein. In Leid und Not haben wir näher zueinander gefunden. Dieses Band der Gemeinsamkeit spüre ich in diesen Tagen sehr stark, es verbindet unendlich viele Menschen mit den Familien der Opfer, nicht nur mit den Familien in Deutschland, auch in Spanien und allen anderen Ländern. Und es verbindet uns hier im Kölner Dom und überall im Land, auch im Gespräch und in Korrespondenz mit vielen Staatsoberhäuptern aus dem Ausland, die den Angehörigen der Opfer und unserem ganzen Land ihr Mitgefühl ausgesprochen haben. Auch für diese Verbundenheit bin ich sehr dankbar.

Trauer und Schmerz brauchen ihre Zeit. Bis der Trost wirklich tröstet, und bis wir weitergehen können im Leben, bis dahin hilft oft nur das Wissen und das Gefühl, nicht allein zu sein. Dass wir erfahren: wir werden begleitet, wir werden gehalten, wir werden auch getragen.

Ich habe vom Schock des 24. März gesprochen. Für viele von uns war die Erkenntnis, die dann folgte, vielleicht noch schlimmer – als wir erfahren mussten, dass die Ursache mit größter Wahrscheinlichkeit kein technisches Versagen war, sondern offenbar von einem Menschen bewusst herbeigeführt worden war. Dieser eine hat die vielen anderen mit in den Tod gerissen, den er für sich selber gesucht hatte. Uns fehlen Worte für diese Tat. Bei unzähligen Menschen im Land gab es eine furchtbar belastende Mischung von Gefühlen – da war dieses ungläubige Erschrecken, diese Fassungslosigkeit, die Trauer, die bei vielen in Wut und Zorn umschlug. Gleichzeitig fühlten wir uns den Hinterbliebenen noch näher – so als müssten wir sie unterstützen, um dieses ungeheuerliche Wissen, das den Verlust eines geliebten Menschen noch schrecklicher macht, irgendwie zu ertragen. Und dann konfrontierte uns die schreckliche Tat eines einzelnen Menschen mit einer sehr grundsätzlichen Tatsache.

Wir sind alle im täglichen Leben auf Vertrauen angewiesen. Ein Leben ohne Vertrauen ist nicht vorstellbar, nicht in der Familie, nicht unter Freunden, auch nicht in der Gesellschaft. Es gibt kein vollkommen kontrollierbares, zu hundertprozentiger Sicherheit führendes Leben. Wir müssen einander vertrauen – den Autofahrern, die uns in der Kurve entgegenkommen, den Köchen, deren Gerichte wir im Restaurant bestellen, den Installateuren, die unsere Gasleitung bauen oder kontrollieren. Nirgendwo kommen wir ohne Vertrauen aus.

Und dann gibt es eine Reihe von Berufen und Aufgaben, deren Ausführung mit einer besonders herausragenden Vertrauensstellung verbunden ist: die Lehrer unserer Kinder, Ärzte und Pfleger, Psychologen, Pfarrer, Seelsorger. Und zu diesen besonderen Vertrauenspersonen zählen auch Lokführer, die Schiffskapitäne und Piloten. Sie alle tragen in ihrem Beruf Verantwortung für das Leben vieler anderer Menschen.

Und wenn hier, an dieser empfindlichen Stelle, Vertrauen missbraucht wird, dann trifft uns das ins Mark. In ein Flugzeug zu steigen ist ja für die meisten von uns eine alltägliche Situation. Als wir die Schreckensmeldung hörten, spürten wir auch: Es hätte jeden von uns, hätte auch mich, treffen können. Wir wissen: Weder vor technischen Defekten noch vor menschlichem Versagen gibt es absolute Sicherheit – und erst recht nicht vor menschlicher Schuld.

Umso mehr danke ich heute allen, die Tag für Tag an ihrer Stelle das in sie gesetzte Vertrauen rechtfertigen, die pflichtgetreu und gewissenhaft für all diejenigen arbeiten, die ihnen buchstäblich anvertraut sind. Sie arbeiten in Firmen, Behörden und Institutionen, die wir lange kennen, die für ihre Sorgfalt und Integrität bekannt sind, die nach Regeln und Vorschriften arbeiten, und die deswegen unser Vertrauen verdient haben und weiter verdienen.

In den vergangenen Wochen ist über das schreckliche Ereignis viel gesagt und geschrieben worden. Nicht alles war notwendig. Aber vieles war doch hilfreich für die Selbstverständigung in unserer Gesellschaft.

Wir haben über seelische Krankheiten und ihre Folgen nachgedacht. Und auch über die Verantwortung, die daraus für die Betroffenen selbst, für ihr berufliches und privates Umfeld und für die gesamte Gesellschaft erwächst.

Wir haben auch über die Rolle der Medien und eine verantwortungsbewusste Berichterstattung angesichts solcher Katastrophen debattiert.

Schließlich haben wir auch immer wieder über die möglichen Gründe und Motive für die Tat nachgedacht. Auch hier gilt: Wir wissen nicht, wie es im Innern des Kopiloten ausgesehen hat, der sich und 149 anderen das Leben nahm. Wir wissen nicht wirklich, wie es in seinem Kopf aussah in der entscheidenden Sekunde, in den entscheidenden Minuten. Wir wissen aber, dass auch seine Angehörigen am 24. März einen Menschen verloren haben, den sie geliebt haben und der eine Lücke in ihrem Leben hinterlässt – auf eine Weise, für die sie genauso wenig einen Sinn finden, wie all die anderen Hinterbliebenen.

Vielleicht ist es ja das, was uns so erschreckt hat: die Sinnlosigkeit des Geschehens. Wir sind konfrontiert mit einer verstörenden Vernichtungstat. Da ist keine Antwort zu finden auf die Frage, warum so viele Menschen durch den Entschluss eines Einzelnen in den Tod gehen mussten. Zu Trauer und Schmerz kommt so noch das tiefe Erschrecken hinzu vor den Abgründen der menschlichen Seele, ja unseres menschlichen Daseins überhaupt. Wir erschrecken auch über das Böse, das sich hier gezeigt hat, weil es durch keine Psychologie und durch keine Technik gänzlich aus der Welt zu schaffen ist. Mögen Menschen auch noch so sehr wünschen in einer Welt ohne Leid, ohne Versagen, ohne Schuld zu leben, verwirklichen lässt sich ein solcher Wunschtraum nicht.

Was uns aber dennoch Ja sagen lässt zu einem Leben, das von Bedrohung und Tod begleitet ist, ist die Tatsache, dass der Mensch zum Guten fähig ist. Auch und gerade im Angesicht von Katastrophen, von Unglück, von Leid, wachsen Menschen oft über sich hinaus. In schweren und in fordernden Zeiten zeigen wir, welche Kraft zum Guten in uns steckt. Wir erleben, dass in den Menschen ein oft verborgenes, humanes Vermögen steckt, das sich unter besonderen Umständen zeigt. Wir schauen einander dann an und erfahren uns und unsere Gesellschaft eben nicht so, wie sie uns auf den ersten Blick oft erscheint, als kalt und egoistisch. Viele von denen, die heute trauern und leiden, haben in den vergangenen Tagen diese Erfahrung gemacht.

In den vergangenen Wochen haben viele Menschen in Frankreich, besonders im Gebiet des Absturzes, alles getan, das ihnen möglich war, um die Angehörigen zu empfangen, um die Toten zu bergen und den Hergang der Katastrophe zu erforschen. Wir denken heute deshalb mit großer Dankbarkeit an die Helfer vor Ort, deren Augen Schreckliches gesehen haben.

Wir danken den Polizisten, Feuerwehrleuten, Bergführern, Sanitätern, den Ärzten, Laborkräften, Kriminologen, den Luftverkehrsspezialisten und den vielen, die in Frankreich mehr als ihre Pflicht getan haben – nicht nur in Frankreich, aber besonders dort. Und eine ganze Reihe von diesen Menschen ist heute unter uns.

Ich danke auch den französischen Behörden in den Kommunen, dem Departement und der Region bis hin zu den Ministerien und dem Präsidenten der Französischen Republik. Auch den deutschen Behörden, dem Auswärtigen Amt, der Botschaft in Paris sowie dem Generalkonsulat in Marseille gebührt Dank und Anerkennung. Und wie wichtig war es für alle, dass die Frau Bundeskanzlerin und Sie, Frau Ministerpräsidentin, vor Ort waren. Und schließlich haben Lufthansa und Germanwings geholfen und unterstützt, wo es möglich und nötig war.

Ganz persönlich bedanke ich mich auch noch bei allen Französinnen und Franzosen, die Anteil genommen haben auch am Leid der Angehörigen aus Deutschland, indem sie ihre Häuser geöffnet und ihre Herzen geöffnet haben und den Angehörigen so in ihrer Trauer geholfen haben. Für dieses berührende Zeichen der Freundschaft zwischen unseren Ländern sind wir alle zutiefst dankbar. Und deshalb freue ich mich, dass Staatsminister Alain Vidalies bei uns ist.

In schweren Stunden stehen unsere Völker erst recht zusammen. Das zeigen auch die vielen Beweise der Anteilnahme, die aus allen Teilen Europas, ja der ganzen Welt bei uns eingetroffen sind.

Aus Spanien kamen ebenfalls sehr viele Todesopfer. Auch unsere beiden Länder sind in der Trauer besonders verbunden und so begrüße ich stellvertretend aus Spanien Herrn Innenminister Jorge Fernández Díaz.

Gerade der Flugverkehr steht für eine zusammenwachsende Welt. Die Fluglinien verbinden nicht nur Erdteile, jede einzelne Maschine ist häufig mit Menschen aus den verschiedensten Nationen besetzt. Die Fragilität der Existenz, vor allem, wenn wir unterwegs sind, ist eine alltägliche und gemeinsame menschliche Erfahrung.

Hier im Dom zu Köln werden seit alters her ganz besonders die Heiligen Drei Könige verehrt, die auch als Weise aus dem Morgenland bekannt sind. Die Bibel erzählt von ihnen. Niemand kennt ihre Nationalität oder die Religion ihrer Heimatländer. Erzählt wird nur, dass sie einem Stern folgten, der sie durch die Dunkelheit an ein großes Ziel führte.

Das wünsche ich allen, die heute klagen und trauern und um ihre Liebsten weinen, das wünsche ich uns allen, die wir das Weiterleben bisweilen wie eine Last empfinden mögen: Ich wünsche uns einen Stern, der uns sicher und klar leitet durch die Dunkelheiten unseres Lebens. Der uns begleitet und uns leitet und uns sagt:

Du bist nicht allein.