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Eröffnung der Familienunternehmer-Tage

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede zur Eröffnung der Familienunternehmer-Tage im Berliner E-Werk Schloss Bellevue, 23. April 2015 Eröffnung der Familienunternehmer-Tage – Rede im Berliner E-Werk © Steffen Kugler

"WIR SIND DIE WIRTSCHAFT!" In Großbuchstaben, mit Ausrufezeichen. Das gefällt mir. Wenn eine Veranstaltung mit so viel Selbstbewusstsein und Elan im Titel wirbt, kommt man als Bundespräsident sehr gern vorbei. Ich bin dem einen oder anderen von Ihnen auch schon in der Nähe Ihres Unternehmens oder auf der gesellschaftlichen Ebene begegnet. Vielen Dank für die Einladung, bei Ihnen sprechen zu dürfen.

Dieses Jahr scheint ein gutes Wirtschaftsjahr zu werden. Ihr Programm lässt zugleich die Herausforderungen erkennen, denen wir begegnen müssen: Energie, Rente, Mindestlohn, Erbschaftsteuer, Digitalisierung – alles wichtige und zum Teil auch hoch umstrittene Themen.

Es würde mich sehr freuen, wenn Ihre Debatten über den Saal, über die Tagung hinaus ins Land wirken würden. Denn die Bürgerinnen und Bürger sind mit den Familienunternehmen ja auf vielfältige Weise verbunden, sei es als Mitarbeiter, Kunden oder Nachbarn – nicht zuletzt als diejenigen, die vom Engagement des örtlichen Mittelstandes in den unzähligen Sportvereinen, Musikschulen, Jugendklubs oder anderen kulturellen Einrichtungen profitieren. Gerade Familienunternehmer stehen in so vielen konkreten Fällen für Soziale Marktwirtschaft, für gelingendes Miteinander von Wirtschaft und Gesellschaft. Ihre gewichtige Stellung in unserem Land bringt zugleich große Verantwortung für das Gemeinwesen mit sich. Beim Thema Steuern wird das besonders erkennbar und bei Ihnen anhand der Erbschaftsteuer ja auch intensiv diskutiert.

Sie sind dem Standort Deutschland eng verbunden. In einigen Fällen dank Ihrer Vorfahren schon seit Jahrhunderten. Dass sich die traditionsreiche deutsche Mischung aus Beharrlichkeit und Veränderungsbereitschaft, aus Heimatliebe und Weltoffenheit so lange behaupten würde, war jedoch nicht selbstverständlich. Als uns in den 1980er Jahren eine neue Welle der Globalisierung erreichte, galten Familienunternehmen für manche schon als so gut wie tot, zu gemütlich, gestrig, Old Economy. Die Beraterbranche prognostizierte ihnen einen schnellen Untergang.

Die Geschichte hat uns offenkundig eines Besseren belehrt. Es gibt sie noch, die deutschen Familienunternehmen, sogar erfolgreicher denn je! Der "German Mittelstand" ist heute weltweit ein geschätzter Begriff. Für kleine, mittlere, große, auch sehr große Firmen – Familienunternehmen, deren Namen und Produkte fast jedes Kind kennt, genauso wie für weitgehend unbekannte Betriebe, die in Nischenbereichen zu Weltmarktführern geworden sind. Von Erntemaschinen über Gebäudesanierung bis zur Ausstattung von Theaterbühnen: Diese Hidden Champions sind es oft, die von Kunden aus aller Welt beauftragt werden und die damit Arbeitsplätze sichern.

Sie, sehr geehrte Familienunternehmerinnen und Familien-unternehmer, haben es geschafft, in einem zunehmend globalisierten Umfeld wettbewerbsfähig zu bleiben. Mehr noch. Schauen wir nach Ostdeutschland, wo nach Jahrzehnten der Planwirtschaft kein Unternehmertum, vielerorts auch kaum noch Unternehmergeist existierte.

Denken wir zum Beispiel an das Land Sachsen, früher vor dem Krieg, und vergleichen es mit dem heutigen Bundesland Baden-Württemberg. Sachsen hatte einst eine sehr ähnliche Struktur mit großen bedeutenden mittelständischen Unternehmen – und nach dem Ende des Sozialismus war all diese Unternehmenskultur einfach weg. Natürlich gab es arbeitende Menschen, aber diese Eigenverantwortung, die einen Unternehmer eben ausmacht, die konnte lange nicht trainiert werden. Das ist einer der Gründe, warum es immer noch Unterschiede in der Mentalität zwischen ostdeutschen und westdeutschen Ländern gibt. Diese Mentalitätsunterschiede liegen ja nicht im Charakter begründet, sondern einfach in den Lebens- und Trainings-möglichkeiten, die wir haben. Deshalb müssen wir uns ab und zu bewusst machen, dass die Pflege eines eigenständigen Unternehmertums nicht nur von ökonomischer Bedeutung ist, sondern durchaus auch von politischer Bedeutung für das Funktionieren einer Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die nicht ständig nur daran denkt, wie man Geld ausgibt, sondern auch daran, wie man die Mittel erwirtschaftet, die wir brauchen zur Ausgestaltung unseres Gesellschaftsmodells der Sozialen Marktwirtschaft. Ich glaube, es tut uns gut, an einem Tag wie heute noch einmal in Erinnerung zu rufen, welche Leistungen gelungen sind, als diese ökonomisch brachliegenden Gebiete in Ostdeutschland wieder auf Vordermann gebracht wurden, allerdings auch mit schweren Verwerfungen, viel Arbeitslosigkeit, das gehört einfach mit zu einer vernünftigen Rückschau.

Und es gehört dazu, dass wir uns immer wieder einmal sagen: Dieses Land hat tiefste Krisen hinter sich und hat es geschafft, trotz dieser Krisen überlebensfähig und zukunftsfähig zu werden. Ich betone das, weil wir uns durch ängstliche Fluchtstrategien nicht retten können, sondern nur durch ein mutiges, selbstbewusstes, risikofreudiges und engagiertes Eintreten für Zukunftsstrategien. Das ist es, wofür ich die 180.000 deutschen Familienunternehmen als Bundesgenossen so schätze. Sie sind eine Macht, die in der Gesellschaft Zeichen setzt für Selbstbewusstsein, für Verantwortung und für Gemeinwohlorientierung. Ich freue mich, dass Sie das auch in Ihrem Verband betonen.

Solche Erfolge und solch ein Selbstbewusstsein haben natürlich eine Herkunft. Das führt mich zu einem anderen wichtigen Punkt, den man immer wieder klar benennen sollte: Die Interessen von selbständigen Unternehmern und die von angestellten Managern sind nicht zwingend deckungsgleich. Für Sie gibt es kein "too big to fail", keine Rettung durch die Allgemeinheit, also den Steuerzahler. Sie, meine Damen und Herren, stehen für das ein, was Sie erwirtschaften, genauso wie für das, was Sie versäumen oder was Sie verlieren. Familienunternehmer können nicht einfach den Posten wechseln, wenn es eng wird. Sie bleiben, manchmal über Generationen hinweg. Sie denken langfristig, nicht zuletzt im Sinne ihrer Kinder, Enkel und Urenkel.

Dieser Unterschied ist wichtig, und er muss nicht von Nachteil sein. Im Gegenteil. Kürzlich war von einer Studie zu lesen, die den "Vorteil Familie" in Krisenzeiten belegte. Nach 2008 zum Beispiel mussten viele Familienunternehmen zwar größere Umsatzeinbußen verkraften als nicht familiengeführte Unternehmen. Trotzdem haben sie nicht mehr Personal abgebaut als ihre Wettbewerber, aus Verantwortungsgefühl, auch mit kaufmännischem Weitblick. Denn diese Personalpolitik schadete nur kurzfristig ihrer Bilanz, mittelfristig blieb der deutsche Arbeitsmarkt stabil, und die Fachkräfte standen dann beim konjunkturellen Aufschwung sofort wieder zur Verfügung.

Offenbar gilt für Familienunternehmer bis heute der Leitsatz, den Thomas Mann seinen Buddenbrooks einst in die Chronik schrieb: "Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können!"

Ein Jahrhundert später sind viele Geschäftsmodelle und viele Töchter hinzugekommen. Von wachsender Bedeutung für die Wirtschaft insgesamt ist außerdem die Tatsache, dass der ehrbare Kaufmann – oder die Kauffrau – nicht nur die Unwetter auf dem eigenen Feld, sondern auch auf den Weltmärkten einkalkulieren muss. Wirtschaften ist schneller und komplexer geworden. Mehr denn je gilt: Der Erfolg von gestern darf nicht dazu verleiten, in eine arglose Routine zu verfallen. Produktionszyklen werden kürzer – und entsprechend höher wird der Druck auf Innovation, auf Forschung, auf Entwicklung. Das eigene Geschäftsmodell ist also permanent zu hinterfragen. Nicht nur in der Politik werden die größten Fehler meistens dann gemacht, wenn gerade alles gut läuft. Auch unternehmerische Tradition muss sich fortwährend im Wettbewerb behaupten.

Es liegt mir fern, ausgerechnet hier bei Ihnen in Alarmismus zu verfallen. Aber trotzdem möchte ich ein wenig auf neuralgische Punkte schauen. Es stimmt mich nachdenklich, dass die Innovationsausgaben der kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland seit Ende der 1990er Jahre zurückgehen. Die Großunternehmen haben ihre Ausgaben für Innovation im selben Zeitraum konstant erhöht. Die Zahlen klaffen also immer weiter auseinander. Die Ursachen dafür sind vielfältig, von Finanzierungsschwierigkeiten im Mittelstand über Outsourcing bis hin zu der These, dass wegen nachlassender Gründungstätigkeit der nötige Nachwuchs an innovationsfreudigen kleineren und mittleren Unternehmen fehlt.

Was hindert den deutschen Informatikstudenten daran, in einer Garage Bill Gates oder Mark Zuckerberg nachzustreben? Das verschulte Bachelor-Master-System, das keine Zeit für Extras lässt, sagen die einen. Der Mangel an Garagen in deutschen Universitätsstädten, sagen die anderen. Unser Sicherheitsdenken, sagen die dritten.

Beim letzten Argument, dem Sicherheitsdenken, möchte ich einen Augenblick verweilen. Das erzeugt heimatliche Gefühle in mir. Nicht allem, was heimatliche Gefühle erzeugt, ist man ja besonders zugeneigt. Aber dies ist so ein Problem, da lohnt es sich hinzuschauen, denn es hat mit Mentalitäten zu tun, und Mentalitätswandel lässt sich nicht einfach verordnen. Er vollzieht sich signifikant langsamer als der Wandel unseres Intellekts. Deutschland wurde in den vergangenen Jahren immer wieder bescheinigt: Uns fehlt eine angemessene Einstellung zum Scheitern. Der Gedanke, dass ein Garagenexperiment ein Semester kosten und nichts einbringen könnte, hält viele davon ab, es überhaupt zu versuchen. Uns fehlt oft der Glaube an die Erreichbarkeit großer Ziele. Vor allem fehlt das Bewusstsein, dass für Erfolge auch Risiken in Kauf zu nehmen sind. Und dass Scheitern auf den zweiten Blick unter Umständen sogar ein Gewinn sein kann.

Wir sollten es längst besser wissen: Die Suche nach Indien machte Kolumbus zum Entdecker von Amerika. Und Penicillin wurde in London einst durch puren Zufall entdeckt. Warum fällt es uns Deutschen oft so schwer, etwas anderes zu akzeptieren als das perfekte Ergebnis im ersten Anlauf? Weil es keine Versicherung gibt, die uns in diesem Fall schützen könnte?

Ja, ich sprach über Mentalitätswandel, und der braucht Zeit. Aber er hat doch immerhin begonnen, wie man in vielen Unternehmen sehen kann und wie es uns auch Ihre "Jungen Unternehmer" vor Augen führen. Die Junioren Ihres Verbandes haben den Umgang mit Krisen tatsächlich als Chance für sich erkannt. "Die Kunst des erfolgreichen Scheiterns" hieß es im Februar beim jungen Unternehmertag in Frankfurt am Main. Hier in Berlin gibt es übrigens eine ganze Veranstaltungsreihe mit Geschichten über misslungene Startups und über Neuanfänge. Einige Teilnehmer mussten drei, vier oder fünf Mal Anlauf nehmen, um endlich schwarze Zahlen schreiben zu können – und sie stehen dazu. Dieses neue Selbstbewusstsein könnte Schule machen. Es würde mich jedenfalls freuen, wenn Sie, liebe Junioren und Juniorinnen, Ihre produktive Sicht auf das Scheitern weiterhin mit vielen anderen Talenten teilen würden!

Mit Talenten meine ich übrigens nicht nur die jungen Leute. Ich habe mich in den vergangenen Monaten viel mit dem demographischen Wandel, der Gesellschaft des längeren Lebens beschäftigt und suche noch Verbündete. Einhundert Meter von hier habe ich kürzlich dazu eine Grundsatzrede anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung gehalten, in der auch die Mitwirkung älterer Menschen an den Gestaltungsprozessen in Politik und Wirtschaft dargestellt wurde. Ich habe mich dann selber betrachtet und gefunden, ich könnte ja auch als Exponat in so einer Ausstellung auftreten, die über die weitere Verwendbarkeit nach dem Rentenalter Auskunft gibt.

Ganz im Ernst, vielleicht hilft uns ein kleiner Vergleich: Dass Frauen geschäftstüchtig sind und Menschen mit Migrationshintergrund erfolgreiche Unternehmen führen, hat sich inzwischen herumgesprochen – allmählich steigen die Quoten. Warum sollte das nicht auch für die Klasse der Senioren funktionieren? Siebzig ist das neue Sechzig, sagen die Mediziner. Es bleibt also in vielen Fällen noch ausreichend Zeit und Kraft, um etwas Neues auf die Beine zu stellen. Ich würde es sehr begrüßen, wenn unsere Gesellschaft über die Rolle von älteren Menschen neu nachdenkt – in einer erweiterten und dynamischeren Weise, als es bisher geschehen ist.

Auch für etablierte Arbeitgeber stellt sich die Frage, wie es gelingen kann, in einer schrumpfenden Gesellschaft innovativ und produktiv zu bleiben. Dabei gibt es nicht nur menschliche, moralische oder solidarische Fragen, sondern auch ökonomische Fragen, die uns auf einen neuen Pfad führen müssen. Die Antworten sind untrennbar mit den Strategien zur Fachkräftesicherung verbunden, ganz besonders jenseits der Metropolen, im ländlichen Raum.

Auch der Blick auf Ihre Stammbelegschaften könnte – ich finde: sollte – sich mit dem demographischen Wandel ändern. Wir brauchen neue Bilder vom Alter! Denn nicht nur das Unternehmen insgesamt, auch jeder Einzelne muss in einer Gesellschaft des längeren Lebens möglichst lange leistungsfähig bleiben – körperlich wie mental.

Dazu können Arbeitgeber etwas beitragen. Das gesetzliche Renteneintrittsalter ist ja nur eine von vielen Stellschrauben. Mindestens genauso wichtig ist die Anpassungsbereitschaft in den Betrieben, wenn Mitarbeiter sagen: "Ich würde gern noch länger arbeiten". Oder wenn sie fragen: "Klappt das auch in Teilzeit?". Zugegeben, Unternehmer, die den demographischen Wandel ernst nehmen, müssen dafür einigen Aufwand betreiben, Investitionen in neue Arbeitsplatzmodelle oder neue Fortbildungskonzepte zum Beispiel. Das ist natürlich für kleine familiengeführte Betriebe, die keine üppige Personalabteilung und Personalausstattung haben, eine echte Herausforderung. Aber die Mühe lohnt sich, weil sie eine der wichtigsten Ressourcen stärkt, die deutsche Unternehmen haben: qualifizierte Mitarbeiter.

Heute Nachmittag, so habe ich gelesen, wird es bei Ihnen heißen: "Wer stellt welche Weichen für die Wirtschaft?" Darüber wird das Podium trefflich streiten können. Ich wünsche Ihren Unternehmertagen, dass die besten Thesen und Vorschläge die Veranstaltung überdauern und dann breit diskutiert werden: Wie gelingt es uns, dem Unternehmergeist in Deutschland mehr Fürsprecher, mehr Freiräume zu verschaffen? Wie fördern wir das nötige Klima, wie gestalten wir die nötigen Rahmenbedingungen, damit sich möglichst viele Menschen zur Selbständigkeit und Selbstverantwortung eingeladen, ja ermächtigt fühlen? Unabhängig davon übrigens, in welche sozialen Umstände sie hineingeboren wurden. Unabhängig davon, welches Geburtsland in ihrem Pass steht. Unabhängig natürlich davon, ob sie Mann oder Frau, jung oder alt, vom Schicksal reich beschenkt oder auf die Probe gestellt wurden.

Wenn wir dieser Art von Chancengerechtigkeit in unserer Gesellschaft näher kommen, wäre nicht nur die Zukunft der Familienunternehmen gesichert.

In diesem Sinne:

Lassen Sie uns die Ziele nicht zu bescheiden formulieren.

Wir sind die Wirtschaft. Wir sind die Politik. Wir sind die Bürger. Wir sind zuständig.