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Worte des Gedenkens im Anschluss an den ökumenischen Gottesdienst anlässlich der Erinnerung an den Völkermord an Armeniern, Aramäern und Pontos-Griechen

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede im Anschluss an den 'Ökumenischen Gottesdienst im Berliner Dom anlässlich der Erinnerung an den Völkermord an Armeniern, Aramäern und Pontos-Griechen' Berlin, 23. April 2015 Worte des Gedenkens im Anschluss an den Ökumenischen Gottesdienst – Rede im Berliner Dom © Thomas Köhler

Zuerst ein Wort des Dankes an Sie, meine Herren, die Sie für Ihre Kirchen Verantwortung tragen, dass Sie diesen Gottesdienst in der Mitte der Stadt Berlin veranstaltet haben und dass sie uns dazu eingeladen haben. Meine Anwesenheit hier bezeugt, dass in diesem Deutschland der Staat und die politisch Verantwortlichen sich immer verpflichtet wissen, die Vergangenheit ehrlich, angemessen und selbstkritisch aufzuarbeiten.

In dieser Stunde gedenken wir der Angehörigen des armenischen Volkes, die vor einem Jahrhundert zu Hunderttausenden Opfer von geplanten und systematischen Mordaktionen geworden sind.

Unterschiedslos wurden Frauen und Männer, Kinder und Greise verschleppt, auf Todesmärsche geschickt, ohne jeden Schutz und ohne jede Nahrung in Steppe und Wüste ausgesetzt, bei lebendigem Leibe verbrannt, zu Tode gehetzt, erschlagen und erschossen.

Diese geplante und kalkulierte verbrecherische Tat traf die Armenier aus einem einzigen Grund: weil sie Armenier waren. Ähnliches traf ihre Leidensgenossen, die Assyrer oder Aramäer und die Pontos-Griechen.

Mit unserem heutigen Wissen und vor dem Hintergrund politischer und humanitärer Schrecknisse der vergangenen Jahrzehnte steht uns heute klar vor Augen: Das Schicksal der Armenier steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von der das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist.

Im Schatten von Kriegen wurden diese Verbrechen begangen. Der Krieg diente auch als Legitimation für die Untaten. So geschah es im Ersten Weltkrieg den Armeniern – und so geschah es im Laufe des Jahrhunderts auch andernorts und so geschieht es bisweilen bis heute vielen anderen religiösen und nationalen Minderheiten. Als Spione wurden sie bezeichnet, als Handlanger ausländischer Mächte, als Störenfriede der nationalen Einheit, als Klassen- oder Rassenfeinde, als Krankheitsherd im Volkskörper.

Wir gedenken der Opfer, damit sie und ihr Schicksal nicht vergessen werden. Wir erinnern an sie um ihrer selbst willen. Es ist vor allem die Erinnerung an die unveräußerliche Würde jedes Menschen. Diese Würde kann nicht vernichtet werden, aber an ihr kann man sich unendlich versündigen, wenn man sie missachtet und mit Füßen tritt.

Wir erinnern an die Opfer, damit sie im Gedenken noch einmal eine Stimme bekommen, damit ihre Geschichte erzählt wird, jene Geschichte, an die nichts mehr erinnern sollte.

Ja und wir erinnern der Opfer auch um unserer selbst willen. Wir können unsere eigene Menschlichkeit nur bewahren, wenn nicht nur die Sieger die Geschichte und das Gedächtnis von uns Lebenden bestimmen, sondern auch die Geschlagenen, die Verlorenen, die Verratenen und die Vernichteten.

Eine Erinnerung an die Opfer wäre aber nur halbiertes Gedenken, wenn nicht auch von Tätern gesprochen würde. Ohne Täter gibt es keine Opfer. Die Täter, die damaligen Machthaber im Osmanischen Reich und ihre Handlanger, waren, wie im Grunde alle Täter bei rassistisch, ethnisch oder religiös motiviertem Massenmord, auf fanatische Weise überzeugt von der Richtigkeit ihres eigenen Handelns.

Die jungtürkische Ideologie suchte im ethnisch homogenen, religiös einheitlichen Nationalstaat eine Alternative zu der verloren gehenden Tradition des Neben- und Miteinanders der verschiedenen Völker und Religionen im zerfallenden Osmanischen Reich. Trennung nach Volksgruppen, ethnische Säuberungen und Vertreibungen bildeten Anfang des 20. Jahrhunderts oftmals die düstere Seite der Entstehung von Nationalstaaten. Einheits- und Reinheitsideologien enden aber nicht selten in Ausschluss und Vertreibung und in letzter Konsequenz in mörderischer Tat. Im Osmanischen Reich entwickelte sich daraus eine genozidale Dynamik, der das armenische Volk zum Opfer fiel.

Wir befinden uns mitten in einer Debatte darüber, welche Bezeichnung für das Geschehen vor 100 Jahren am angemessensten ist. Achten wir aber darauf, dass sich diese Debatte nicht auf Differenzen über einen Begriff reduziert. Es geht vor allem darum – und sei es nach 100 Jahren – die planvolle Vernichtung eines Volkes in ihrer ganzen schrecklichen Wirklichkeit zu erkennen, zu beklagen und zu betrauern. Sonst verlieren wir den Kompass für unsere Orientierung und die Achtung vor uns selbst.

Wenn wir Verständigung erzielen in der Beurteilung der Geschichte, wenn wir Unrecht benennen, selbst wenn es die Unsrigen taten, wenn wir gleichermaßen bezeugen, ja leben, dass wir Recht und Menschenrechte achten, dann wahren wir die Würde der Opfer und schaffen eine gemeinsame humane Basis für das Zusammenleben im Innern und über Grenzen hinweg.

Indem wir erinnern, setzen wir niemanden, der heute lebt, auf die Anklagebank. Die Täter von einst leben nicht mehr und ihren Kindern und Kindeskindern ist jene Schuld nicht anzulasten. Was die Nachfahren der Opfer aber zu recht erwarten dürfen, das ist die Anerkennung historischer Tatsachen und damit auch einer historischen Schuld. Es gehört zur Verantwortung der heute Lebenden, sich einer Politik verpflichtet zu fühlen, die das Lebensrecht und die Menschenrechte jedes Einzelnen wie auch jeder Minderheit respektiert und schützt.

Im Fall der Armenier folgen wir also keinem anderen Prinzip als der tiefen menschlichen Erfahrung: Wir können uns von Schuld befreien, wenn wir sie bekennen und wir können uns von Schuld nicht befreien, wenn wir leugnen, verdrängen oder wenn wir sie bagatellisieren. Wir in Deutschland haben mühevoll und teilweise mit beschämender Verzögerung gelernt, der Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus zu gedenken, vor allem der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden. Und wir haben dabei auch zu unterscheiden gelernt zwischen der Schuld der Täter, die vorbehaltlos anerkannt und benannt werden muss, und der Verantwortung der Nachkommen für ein angemessenes Gedenken.

Es hat seinen tiefen Sinn und seine klare Berechtigung, an den Mord an dem armenischen Volk auch hier bei uns in Deutschland zu erinnern. Unter uns leben Nachfahren von Armeniern und Türken mit ihrer je eigenen Geschichte. Für ein friedliches Miteinander ist es aber wichtig, dass alle sich an den gleichen aufklärerischen Prinzipien bei der Aufarbeitung der Vergangenheit orientieren.

In diesem Fall müssen auch wir Deutsche insgesamt uns noch einmal der Aufarbeitung stellen, wenn es nämlich um eine Mitverantwortung, unter Umständen gar um eine Mitschuld, am Völkermord an den Armeniern geht.

Es waren deutsche Militärs, die an der Planung und zum Teil auch an der Durchführung der Deportationen beteiligt waren. Hinweise von deutschen Beobachtern und Diplomaten, die im Vorgehen gegen die Armenier den Vernichtungswillen genau erkannt hatten, wurden übergangen und ignoriert. Denn das Deutsche Reich wollte die Beziehungen zum osmanischen Verbündeten nicht gefährden. Reichskanzler Bethmann Hollweg, der von einem Sonderbeauftragten recht detailliert über die Verfolgung der Armenier informiert war, bemerkte im Dezember 1915 lapidar: "Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht". Das ist schwer zu hören aber gleichzeitig rufen wir uns ins Gedächtnis, dass es gerade auch Deutsche gewesen sind, allen voran der hoch engagierte Johannes Lepsius, durch deren publizistische Tätigkeit das Leiden der Armenier in aller Welt bekannt wurde.

Es war der Sanitäter Armin Theophil Wegner, der mit Fotografien das Schicksal der Armenier festgehalten und es in Lichtbildervorträgen nach dem Krieg in Deutschland bekannt gemacht hat. Und es war der Österreicher Franz Werfel, der mit seinem Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" dem Widerstand der Armenier gegen ihre geplante Vernichtung ein künstlerisches Denkmal setzte. Dieses Buch wurde nach seinem Erscheinen 1933 in Deutschland schnell verboten – in den Judenghettos von Bialystok und Wilna wurde es aber gelesen und zwar als Vorzeichen dessen, was den Juden bevorstand. Beide, die Zensoren des Dritten Reiches und die Juden haben somit das Buch und die darin erzählte Geschichte vollkommen richtig verstanden.

Als Adolf Hitler in seinem Einsatzbefehl vom 22. August 1939 den Oberbefehlshabern der deutschen Heeresgruppen den Überfall auf Polen befahl und dabei seine Pläne erläuterte, "mitleidlos Mann, Weib und Kind polnischer Abstammung und Sprache in den Tod zu schicken", da schloss er in Erwartung eines kollektiven Desinteresses mit der rhetorisch gemeinten Frage: "Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?"

Wir reden davon! Wir! Noch heute, einhundert Jahre später, reden wir ganz bewusst davon – davon und von anderen Verbrechen gegen Menschlichkeit und Menschenwürde: Wir tun dies, damit Hitler nicht Recht behält. Und wir tun es, damit kein Diktator, kein Gewaltherrscher und auch niemand, der ethnische Säuberungen für legitim hält, erwarten kann, dass man seine Taten ignoriert oder vergisst.

Ja, wir reden weiter auch über ungeliebtes Wissen, über verweigerte Verantwortung und über alte Schuld. Wir tun es nicht, um uns an eine niederdrückende Vergangenheit zu binden, wir tun es um wachsam zu sein, um rechtzeitig zu reagieren, wenn Vernichtung und Terror Menschen und Völker bedrohen.

Es ist gut, wenn wir gemeinsam erinnern, nicht getrennt durch Konfessionen und Religionen oder Sprachen, nicht getrennt nach ethnischen und staatlichen Grenzen. Heute sind wir dankbar für jedes Zeichen von Erinnerung und Versöhnung aus aller Welt. Und besonders freue ich mich über jedes ermutigende Zeichen der Verständigung und des Aufeinanderzugehens zwischen Türken und Armeniern.

Niemand braucht Angst zu haben vor der Wahrheit. Ohne Wahrheit keine Versöhnung. Nur gemeinsam können wir überwinden, was uns getrennt hat und was uns trennt. Nur gemeinsam haben wir eine gute Zukunft in dieser einen, uns gemeinsam anvertrauten Welt.