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Empfang anlässlich des Petersberger Klimadialogs

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede für Fachminister und Vertreter aus rund 35 Staaten anlässlich des Petersberger Klimadialogs Schloss Bellevue, 18. Mai 2015 Empfang anlässlich des Petersberger Klimadialogs – Begrüßung der Fachminister und Vertreter aus rund 35 Staaten gemeinsam mit Bundesministerin Barbara Hendricks und dem französischen Außenminister Laurent Fabius © Jesco Denzel

Herzlich willkommen im Schloss Bellevue. Sie haben ernste Aufgaben vor sich. Denn: Wir stehen am Scheideweg. 

Ein oft bemühter Satz, eine Floskel fast. Und doch muss ich ihn heute aussprechen. Dieser Satz ist im Jahr 2015 in seiner Ernsthaftigkeit für kaum ein Thema so angemessen und so passend wie für jenes, das Sie alle hier in Berlin zusammenführt: Wie werden die Grundlagen für den internationalen Klimaschutz ab dem Jahr 2020 aussehen? Oder wenn wir es weiter fassen wollen: Wie können wir unserer Verantwortung gegenüber künftigen Generationen auf diesem Planeten gerecht werden? 

Viele Menschen auf unserer Erde sind beunruhigt durch den Wandel des Weltklimas. Manche, gerade in den ärmsten Ländern, sind durch Fluten und Dürren bedroht. Klimaschwankungen kennen Menschen aus der Geschichte des Planeten seit vielen, vielen Jahrhunderten. Doch im 21. Jahrhundert verdichten sich die Hinweise darauf, dass die wesentliche Ursache dieses Mal beim Menschen liegt: Wir sind es, die diesen Klimawandel verursacht haben und ihn gegenwärtig auch beschleunigen. Wir lesen das zum Beispiel im jüngsten Bericht des Weltklimarats IPCC.

Dort lesen wir auch: Das Ziel, das sich die Weltgemeinschaft gesetzt hat – nämlich den Anstieg der Temperatur seit Beginn des Industriezeitalters auf maximal zwei Grad Celsius zu begrenzen – dieses Ziel ist noch realistisch. Dazu ist allerdings eines notwendig – schnelles und entschlossenes Handeln. Nur wenn wir dazu kommen, wird uns gelingen, dieses Ziel zu erreichen. Und wir dürfen nicht vergessen: Fast ein Grad wärmer ist es schon heute.

Zu welchen Schritten die Menschheit bereit ist, um einer weiteren Klimaerwärmung entgegenzutreten, das will die Weltgemeinschaft noch in diesem Jahr entscheiden. Heute mutige Entscheidungen aufzuschieben, würde die bereits existierenden Schwierigkeiten vergrößern. Oder in den Worten des englischen Ökonomen Nicholas Stern: "Verzögerung ist gefährlich." Der Preis des Nichthandelns wird immer höher, nicht nur in ökonomischer Hinsicht. Deshalb ist es so entscheidend, dass der Gipfel von Paris am Ende dieses Jahres ein Erfolg wird. Nur so können wir zu belastbaren Vereinbarungen und tragfähigen Lösungen kommen. Und ich bin sicher, dass Sie alles daran setzen werden, dass das geschieht.

Klimaverhandlungen, das wissen wir alle, sie dauern. Seit Jahren, seit Jahrzehnten wird verhandelt. Wer sich darauf einlässt, muss Geduld mitbringen. Ich bin der Bundesregierung dankbar, dass sie in diesem langfristigen Prozess mit dem Petersberger Klimadialog ein wichtiges Forum des internationalen Austauschs etabliert hat. Offene Fragen werden hier auch offen diskutiert.

Wir sehen in diesem Jahr ermutigende Zeichen: Anders als vor dem Kopenhagener Gipfel haben sich dieses Mal alle Parteien auf einen gemeinsamen Text – jedenfalls als Verhandlungsgrundlage – geeinigt. Und mehr Staaten als je zuvor sind bereit, sich an Schritten gegen den Klimawandel zu beteiligen. Und das ist gut so. Denn ebenso wenig, wie der Klimawandel an Landesgrenzen Halt macht, können wir es uns leisten, ausschließlich in Kategorien nationaler Interessen zu denken. Das sollte jede Regierung beherzigen, wenn sie die Höhe des individuellen Klimaschutzbeitrages festlegt, mit dem sie die Emissionen ihres Staates mindern will. Diese Beiträge sind zwar freiwillig, sollten aber dem entsprechen, was unsere Länder zu leisten in der Lage sind. Denn es gilt, Vertrauen zu schaffen und zu festigen. Um gemeinsam handeln zu können, brauchen wir eben Verbindlichkeit. Auch mit Finanzierungszusagen – etwa für den Grünen Klimafonds – machen wir unseren Willen und unser Engagement sichtbar.

Ich freue mich, dass Deutschland frühzeitig solche Zusagen gemacht hat. Denn Deutschland kommt mit der G7-Präsidentschaft in diesem wichtigen Jahr besondere Verantwortung zu. Und Deutschland wird sich auch dafür einsetzen, mit seinen Partnern weltweit ambitionierte Kompromisse in Klimafragen zu finden und dafür zu werben – damit es zu der weltweiten Allianz gegen den Klimawandel kommt, die wir uns doch alle wünschen. 

So hoffe ich, dass es noch viele weitere verbindliche Finanzzusagen geben wird, und dass damit die Grundlage für einen breiten Konsens im neuen Klimaschutzabkommen gelegt ist.

2009, nach dem Klimagipfel von Kopenhagen, hatten wir alle eine Lektion zu lernen: Ein globaler Strukturwandel als Reaktion auf die Herausforderungen durch den Klimawandel lässt sich nicht allein durch politische Verhandlungen auf internationaler Ebene anstoßen. Vielmehr braucht es dafür auch die Kräfte der Bürgergesellschaft und auch der Wirtschaft. Es braucht dazu freiwillige Initiativen und auch Bildungsangebote, die die Bürgerinnen und Bürger unserer Länder erreichen und sie einbinden.

Mit entschiedenem Handeln können wir die Grundlage für weitere Innovationen und Investitionen legen, die uns auf dem Weg zu einer klimaschonenden Wirtschaftsweise voranbringen. In Wissenschaft und Forschung wurden in den vergangenen Jahren schon viele Hürden genommen, um ohne die schädlichen Treibhausgase auszukommen, und zwar nicht nur in der Energiewirtschaft. Lassen Sie uns die Chancen erkennen und nutzen, die in diesem Wandel hin zu einer ressourcen-neutralen oder wenigstens ressourcen-effizienten Wirtschaft liegen.

In fairem Wettbewerb kann es gelingen, einen globalen Wirtschaftskreislauf zu schaffen, der zunehmend auf Energie aus fossilen Quellen verzichtet. Das bedeutet, Emissionen aus wirtschaftlicher Produktion nicht in Länder mit niedrigeren Umweltstandards zu verlagern. Das künftige Klimaschutzabkommen soll auch in dieser Hinsicht eine neue Etappe auf dem Weg zu einer klimaneutralen Wirtschaftsordnung einläuten. Auch für die anderen ökonomischen Instrumente – etwa den Emissionshandel – gilt: Sie funktionieren nur dann, wenn sie von einer Allianz von Staaten im Geiste der Zusammenarbeit getragen werden.

Wir wissen, dass die Folgen des Klimawandels gerade ärmere Regionen und Länder hart treffen. Hier zu helfen, ist Aufgabe der Weltgemeinschaft. Gerade die reicheren Länder sollten hier Ihrer besonderen Verantwortung – und zwar auch im eigenen Interesse – gerecht werden.

Trotz der Unterschiede zwischen armen und reichen Staaten erinnert uns nichts so sehr wie die Risiken des Klimawandels daran, dass wir alle dasselbe zum Leben benötigen: Luft zum Atmen. Wasser zum Trinken. Wir alle nennen diese Erde unsere Heimat.

Einer der großen deutschen Dichter, Friedrich Schiller, fasste diesen Gedanken vor mehr als 200 Jahren in die folgenden Worte:

"Unter demselben Blau, über dem nämlichen Grün / Wandeln die nahen und wandeln vereint die fernen Geschlechter."

Die Menschheit steht vor einer Aufgabe, wie es sie in ihrer Geschichte noch nicht gegeben hat. Und doch können wir sie lösen, wenn wir unsere Zusammengehörigkeit begreifen. Wir sind nicht machtlos, wir sind nicht hoffnungslos – und wir sollten vor allem nicht verantwortungslos sein!

Es liegt in unserer Hand, welchen Pfad wir an dieser Gabelung des Weges einschlagen wollen. Sie, meine Damen und Herren, können dazu in diesem Jahr einen ganz besonderen Beitrag leisten. Viele Menschen schauen mit großen Erwartungen auf Sie und auf Ihre Arbeit.

Ich wünsche Ihnen dabei viel Erfolg.