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Gegenempfang anlässlich des Staatsbesuchs des Präsidenten der Republik Estland

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede beim Empfang vom Präsidenten der Republik Estland, Toomas Hendrik Ilves, im Berliner Konzerthaus anlässlich des Staatsbesuchs Berlin, 19. Mai 2015 Staatsbesuch des Präsidenten der Republik Estland – Rede beim Empfang von Toomas Hendrik Ilves im Berliner Konzerthaus © Carsten Koall

Geschenke zu machen ist eine Kunst – eine Kunst, lieber Herr Präsident, auf die Sie und Ihr Land sich vorzüglich verstehen. Heute haben Sie uns beschenkt, indem Sie uns dieses besondere Konzert mitgebracht haben. Aber es kommt noch besser: Wir hatten nicht nur die Freude, Werke des großen estnischen Komponisten Arvo Pärt zu hören. Arvo Pärt gibt uns auch noch die Ehre, heute Abend hier zu sein. Ich begrüße Sie herzlich, lieber Herr Pärt!

Seit Jahrhunderten sind Estland und Deutschland kulturell eng miteinander verbunden. Sehr unterschiedliche Menschen haben dazu beigetragen. Pastoren, Dichter, Philosophen und deutsch-baltische Adelsfamilien, die Künste und Wissenschaften pflegten und förderten. An die Verbindungen, die sie schufen, konnten wir nach den zerstörerischen und trennenden Ereignissen unserer Geschichte wieder anknüpfen. Unrecht und Leid, das die Nationalsozialisten auch Estland zufügten, haben die gemeinsame Tradition nicht vernichten können. Auch das Sowjetregime hat die kulturellen Wurzeln, die uns verbinden, nicht zu kappen vermocht. Entschlossen hat Ihr Volk das deutsch-baltische Erbe als Teil seiner Geschichte und Identität bewahrt und verteidigt.

Mit der wiedererkämpften Unabhängigkeit konnten Ihre Landsleute einen weiteren estnischen Wesenszug neu entfalten: die schöpferische Neugier auf Neues. Ihr Land kann stolz sein auf seine Vielfalt und Qualität kulturellen Schaffens – auf eine Musik-, Literatur-, Theater- und Filmszene, die ganz Europa bereichert.

Estland und Deutschland haben ihre historischen Beziehungen auf zahlreichen Feldern weiterentwickelt. Dafür genügt ein kurzer Blick auf Ihr umfangreiches Besuchsprogramm, lieber Herr Ilves. Ich freue mich, dass Sie morgen und übermorgen Schleswig-Holstein und Hamburg besuchen, um sich dort unter anderem über die Zusammenarbeit in Wirtschaft und Wissenschaft zu informieren.

Wie breit und lebendig der Austausch zwischen unseren Ländern ist, konnten unlängst auch die Besucher des "Deutschen Frühlings" in Tallinn erleben. Die Deutsche Botschaft Tallinn und zahlreiche Beteiligte präsentierten Lesungen, Konferenzen, Schülerwettbewerbe, Ausstellungen und Konzerte. Womit wir wieder bei der Musik wären.

Estland ohne Musik, ohne Volksmusik – undenkbar! Ich habe mir sagen lassen, dass die Sammlung estnischer Volkslieder mehr als 1,4 Millionen Seiten umfasst. Und zu den traditionsreichen estnischen Liederfesten kommen tausende von Sängern zusammen. Gewaltige Zahlen, die sich auf die simple Formel bringen lassen: Musik verbindet. Und sie macht stark. Die estnische Volksliedkultur steht für den Kampf um Identität und Unabhängigkeit. Besonders bewegt hat mich natürlich die "singende Revolution". Als damals in Estland und den anderen baltischen Ländern die riesigen Scharen von Menschen zusammenkamen, um singend gegen das Sowjetregime und für die Unabhängigkeit zu demonstrieren, war das ein Weckruf, den wir auch in Ostdeutschland hörten. Und als ich viele Jahre später als Präsident bei Ihnen in Estland sein durfte, da haben wir nicht nur miteinander geredet, sondern auch gemeinsam gesungen.

Musik verbindet – das trifft zweifellos auch auf Ihre Werke zu, lieber Herr Pärt. Oft werden Sie mit dem Satz zitiert, "dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird". Mit dieser Entdeckung haben Sie Menschen in aller Welt bezaubert. Ich freue mich sehr, dass wir diesen Zauber heute Abend hier in Berlin erleben dürfen.