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Informations- und Begegnungsreise mit dem Diplomatischen Korps

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede beim gemeinsamen Mittagessen mit dem Diplomatischen Korps und den Missionschefs internationaler Organisationen in Travemünde Travemünde, 21. Mai 2015 Informations- und Begegnungsreise mit dem Diplomatischen Korps – Rede vor dem gemeinsamen Mittagessen in Travemünde © Sebastian Bolesch

Wir sind heute ausgeflogen in den Norden Deutschlands, nach Schleswig-Holstein, das sich als Land zwischen den Meeren bezeichnet. Schleswig-Holstein verbindet: zum Beispiel die Nordsee mit der Ostsee und zwar durch den Nord-Ostsee-Kanal. Den gibt es schon ziemlich lange, bereits 1887 wurde mit dem Bau begonnen. Und was wir manchmal vergessen: Der Kanal ist die meistbefahrene künstliche Wasserstraße für Seeschiffe der Welt. Schleswig-Holstein ist Treffpunkt und Drehschreibe für den ganzen Ostseeraum. Die Stadt Lübeck hatte als Zentrum der Hanse eine ganz besondere Rolle in der Geschichte. Zu seiner Glanzzeit vom 13. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts gehörten dem Hansebündnis rund 200 Städte an. Diesen Geist der Zusammenarbeit pflegen die Hansestadt Lübeck und andere Hansestädte weiterhin mit der Feier des "Internationalen Hansetages der Neuzeit". Im vergangenen Jahr hatte ich die Freude und die Ehre, dabei zu sein und vor dem wunderschönen Holstentor mit den Lübeckern und zahlreichen Gästen die Hansetage zu eröffnen.

Dies ist eine Gegend, in der Weltoffenheit Tradition hat, auch wenn man ehrlich sagen muss, dass inzwischen die Stadt Hamburg, etwa in der internationalen Wahrnehmung, die Stadt Lübeck überrundet hat. Das stört die Lübecker aber nicht weiter, sie sind stolz auf ihre Tradition und auf ihre lebendige und blühende Stadt.

Jetzt noch ein Wort zu dem schönen Lübecker Stadtteil Travemünde, in dem wir nun über Mittag zu Gast sind.

Schon im 19. Jahrhundert trafen sich hier weit gereiste Gäste, unter ihnen bekannte Dichter, Komponisten und Maler. Sie kamen zur "Sommerfrische" – ein schönes altes deutsches Wort, das einige noch kennen: Fjodor Dostojewski, Richard Wagner und Edvard Munch – um nur einige zu nennen. Der Ort hatte kosmopolitisches Flair. Dieses Hotel hier, in dem wir sind, war Teil der besonderen Atmosphäre. Es sollte als sogenanntes "Conversationshaus" errichtet werden. So schwebte es der Lübecker Bürgerschaft einmal vor. 1914 wurde der Bau dann allerdings unter dem Namen "Kursaal" eröffnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog ein Casino ein. In der sogenannten "goldenen Ära" kamen selbst Hollywoodstars gelegentlich zum Glücksspiel an die Ostsee.

Im Jahr 1955, es war die Zeit vor der Mauer, war ich Oberschüler. Damals konnten die Ostdeutschen einfach noch in den Ferien in den Westen fahren. So habe ich mit einem Freund zusammen auf dem Fahrrad hier den Norden Westdeutschlands erkundet. Ich kam ja aus Rostock – Rostock liegt auch an der Ostsee. In Travemünde sah dann aber für mich alles anders aus. 1955 waren die Kriegsfolgen im Westen gelegentlich noch spürbar, aber hier in Travemünde kaum noch. Ich dagegen kam aus einer Gegend, die sehr lange brauchte, um die Zerstörungen und die Prägungen des Krieges wieder auszugleichen. Viele Jahre kam ich dann nicht mehr hierher. 1961 wurde die Mauer gebaut. Mit meinen kleinen Kindern ging ich dann in Warnemünde an der Ostsee spazieren. Wir standen auf der Mole und sahen die großen weißen Schiffe rausfahren, Fährschiffe nach Dänemark. Unsere kleinen Jungs an der Hand sagten: "Oh, da möchten wir mitfahren!" Und dann sagten wir, die Eltern: "Das geht nicht. Da können wir nicht rauf.""Ja warum denn nicht?""Das dürfen nur Westdeutsche. Das Schiff fährt nach Dänemark, da dürfen wir nicht hin." Und was sagt ein Vorschulkind dann? Es sagt: "Wieso nicht? Das ist ja total blöd!" Und was sagt man dann als Vater oder als Mutter? Man versucht die Kinder zu beruhigen, mit dem unnatürlichen Zustand irgendwie fertig zu werden.

Ich erzähle die Geschichte, weil für Ostdeutsche und Westdeutsche die Ostsee eine ganz unterschiedliche Bedeutung hat. Viele meiner ostdeutschen Landsleute sind bei dem Versuch in die Freiheit zu fliehen, in der Ostsee ertrunken. Einige haben sich mit dem Surfbrett oder mit einem kleinen Boot auf den Weg gemacht. Aber die Volksarmee hat jeden Tag mit ihren Schiffen alles bewacht und hat die Fliehenden gefangen. Davon könnte ich jetzt lange erzählen. Ich möchte Sie, meine lieben Gäste, auch auf einem solchen Ausflug daran erinnern, dass es nicht immer so war wie heute im wiedervereinigten Deutschland. Meine Generation hatte vielmehr das Gefühl: "Ich werde es nie erleben, dass Deutschland, dass Europa wieder vereinigt ist." Und nun treffen wir uns hier aus allen Teilen der Welt! Und ich freue mich besonders über diejenigen, die auch von der Ostsee kommen und heute im vereinten Europa das Gefühl haben, dass wir unseren Kindern erklären müssen, was eine Grenze überhaupt ist.

Ich erzähle das auch, weil wir uns in diesem Jahr an 70 Jahre Kriegsende erinnern. Kürzlich habe ich in Schloß Holte-Stukenbrock an das furchtbare Schicksal von Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion erinnert. Ich bin dankbar, Exzellenzen aus den früheren Ländern der Sowjetunion, dass Sie mich begleitet haben an diesen historischen Schreckensort, mit dem sich so viele schlimme Erinnerungen verbinden.

Wenn wir uns heute der Schönheit des Landes erfreuen; wenn wir uns heute bewusst machen, über welchen ökonomischen, politischen und kulturellen Erfolg sich unser Land als Teil von Europa freuen darf, dann tun wir das vor dem Hintergrund belastender, ja zum Teil böser und tödlicher Gefahren. Auch wenn wir hier auf einem Ausflug beisammen sind, kann es nicht schaden, an die dunklen Zeiten des Kontinents zu erinnern. Diese Erinnerung gehört ja, Exzellenzen, gelegentlich auch zu Ihrer Arbeit ebenso wie zur Arbeit der deutschen Regierung und des deutschen Präsidenten.

Wir alle haben Probleme damit, dass die Sicherheitsarchitektur Europas und der Welt nicht mehr so ist, wie wir sie uns vor 25 Jahren, als die Mauer fiel, vorgestellt haben. Damals erschien es vielen von uns, als wären nun die wesentlichen Probleme beseitigt. Sicher sind viele Schwierigkeiten verschwunden, aber neue sind entstanden. Es gibt eine neue Unsicherheit bezüglich des Völkerrechts, und es gibt neue terroristische Bedrohungen. Egal ob im Osten oder im Süden Europas, wohin wir auch blicken, haben wir die unterschiedlichen Bedrohungsszenarien jeweils vor Augen: Es knirscht im tektonischen Gebälk der Weltordnung.

Deutschland, das Land, in dem Sie arbeiten, ist heute glücklicherweise nicht Verursacher großer Krisen und ungeheuerlicher Vernichtungsstrategien. Als Stabilitätsanker möchten wir zusammen mit Ihren Ländern Sicherheit und Frieden schaffen. Deshalb freue ich mich, dass wir auf diesem Ausflug diplomatische Aktivitäten und persönliche Begegnungen verbinden können. Ich will bei dieser Gelegenheit bekräftigen, dass ich mir nicht vorstellen kann, Präsident eines anderen Deutschlands zu sein als dieses Deutschlands, das Garant sein möchte für Frieden, Freiheit, Menschenrechte und Sicherheit. Ich wünsche mir, dass Sie in den Ländern, aus denen Sie kommen, Botschafter dieses Friedenswillens Deutschlands sind. Wir möchten mit Ihnen zusammen daran mitwirken, dass wir in zehn Jahren, wenn wir uns wiedertreffen sollten, nicht mehr ein so deutliches Knirschen im Gebälk der Weltordnung hören, sondern wenigstens den einen oder anderen Erfolg miteinander erarbeitet haben.

Ich spreche also zum Abschluss vom Zusammenhalt und von der Zusammenarbeit. Wir in Deutschland wollen beides erreichen, und wir tun viel dafür, um Kompromisse dort zustande zu bringen, wo bessere Lösungen nicht möglich sind.

Lassen Sie mich schließen mit einem Dank an alle, die uns heute als Gastgeber begegnen. Ich danke den Vertretern des Landes Schleswig-Holstein. Wir werden heute Abend den Herrn Ministerpräsidenten noch treffen. Ich danke Bürgermeister und Stadtpräsidentin, ich bin allen dankbar, die uns hier etwas erklären. Frau Ministerin Sporendonk, herzlichen Dank für Ihre ganztägige Begleitung.

Meine verehrten Botschafterinnen und Botschafter, ich freue mich auf einzelne Begegnungen, um von Ihnen zu hören, was Ihnen auf dem Herzen liegt.