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Abendessen für die Mitglieder des Ordens Pour le mérite

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede anlässlich eines Abendessens für den Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste im Großen Saal in Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 31. Mai 2015 Abendessen anlässlich des Ordens Pour le mérite für Wissenschaften und Künste – Rede im Großen Saal in Schloss Bellevue © Carsten Koall

Ich möchte Sie einladen, mit mir zurückzudenken an das Konzert von heute Vormittag, wo ein großer Künstler uns so etwas wie eine Offenbarung – das sollte ich als Theologe vielleicht nicht sagen –, aber doch so etwas wie eine Erleuchtung geschenkt hat. Und ich will Ihnen sagen, wie das, was ich persönlich erlebt habe, und das, was der Orden und was Sie als große Vertreter der Wissenschafts- und Kunstwelt darstellen, wie das für mich zusammengekommen ist.

Mit dem Wort Demut möchte ich beginnen. Denn ich glaube, es ist etwas ganz Merkwürdiges bei manchem von uns geschehen. Dass wir total glücklich waren, meine Enkel würden sagen "happy", und gleichzeitig tief demütig. Wie kann so etwas geschehen? Ist Glück nicht ein so existenzausfüllendes und existenzsprengendes Lebensgefühl, das der Gestus der Demut gar nicht dazu passt? Aber hier passte er. Ich gehöre nicht zu denen, denen es gegeben ist, die Tiefen der Musik zu verstehen. Ich kann mich nur, wenn alles gut geht, an ihr erfreuen und sie genießen. Manchmal kann sie mich trösten und manchmal beglücken.

Jetzt komme ich zum nächsten Begriff, an den ich denken musste. Es ist der Begriff der Schwelle. Sie, lieber großer Meister, lieber Sir András, haben mich, diesen unmusikalischen durchschnittlichen Deutschen, an eine Schwelle des Verstehens geführt, und da ich gerade vom Glück gesprochen habe, wissen Sie, dass ich eigentlich über die Schwelle gegangen bin. Gleichwohl konnte ich nicht dorthin gelangen, wo Sie sind mit Ihrem vertieften Verständnis. Und deshalb danke ich Ihnen ganz besonders dafür, dass Sie ein Medium benutzt haben, das Sie gar nicht benutzen müssen: Aus Liebe zu uns haben Sie Worte benutzt. Sie haben Worte gefunden, um die Tiefen, die Sie hören und empfinden können, auch jenen aufzuschließen, die sie nicht hören und nicht empfinden können, Sie haben uns über die Schwelle gebracht, immer tiefer hinein, dorthin, wo das Glück wohnt und die Vollkommenheit, wohin wir nie gelangen, aber wonach wir uns von Herzen sehnen, immer dann, wenn wir ein Menschenherz haben, das gerade schlägt.

Deshalb danke ich Ihnen auch für diesen Dienst, uns mit Worten das erschlossen zu haben oder zumindest einen Teil davon, von dem große Musiker sicher meinen, alle müssten es ganz automatisch verstehen.

Ich weiß: Einige von Ihnen haben diese Gabe des nichtwissenschaftlichen Wortes, des führenden, hinleitenden, einladenden Wortes. Das bewundere ich sehr. Ich glaube, dass nicht jeder, der Großartiges zu schaffen imstande ist, auch in gleicher Weise fähig ist, davon zu erzählen, einladend davon zu sprechen. Und deshalb gehört natürlich zu jeder Universität der Gelehrte, der vielleicht sogar weltbekannt ist wegen seiner großen Entdeckungen, wegen der großen Preise, die er bekommen hat. Aber dieser Gelehrte muss nicht automatisch auch ein großer Lehrer sein.

Gerade deshalb brauchen wir diejenigen, die sich die Mühe machen, das, was sie aus der Tiefe des Wissens und der Kunst herausgeholt haben, in unsere Welt zu tragen. Es warten neue junge Menschen, die wachgeküsst werden wollen, um zu den Leistungen zu kommen, zu denen Sie alle gelangt sind, die Sie im Orden Pour le mérite sich versammelt haben. Diese Fähigkeit, von der ich hier spreche, ist sicher für die forschenden Menschen und für die Künstler nicht das Eigentliche. Das Eigentliche ist für die einen die Erkenntnis und für die anderen die Meisterschaft. Aber wenn Sie dann Erkenntnis und Meisterschaft mit Worten beschreiben können, so dass diejenigen, die immerfort vor den Schwellen stehen, diese Schwellen erreichen und sogar überschreiten können, dann ist das auch ein glückhaftes Geschehen. Ein zweites Glück. Eine Annäherung an Erfüllung und Tiefe.

Und wenn man dann so spricht über die Dinge, die einem an einem ganz normalen Sonntag widerfahren können, dann sind wir ziemlich dicht an Geheimnissen des Lebens, für die wir kaum Worte haben. Wir stammeln sie daher, und die Dichter und die Musiker kommen ihnen vielleicht am Nächsten. Aber immer sprechen wir nur in Abbreviaturen oder, um mit der Schrift zu sprechen, wir schildern das Vollkommene in einem Spiegel, der nicht besonders deutlich zeichnet. Aber wir haben keine anderen Möglichkeiten, als das zu tun. Und manchmal, in geheimnisvollen, schönen, beseligenden Stunden, gelingt mehr, als man sich vorher ausrechnen kann. Und so eine Stunde habe ich heute Morgen erlebt. Und dafür danke ich Ihnen.

Und eben, als ich über das dienende Wort gesprochen habe und über die großen Gaben, die sich in einem solchen Raum versammeln, da habe ich natürlich auch über Sie gesprochen. Und deshalb gehört zu der persönlichen Begegnung zwischen den Individuen Joachim Gauck und András Schiff natürlich auch das Wissen um eine beglückende Gemeinschaft von Menschen, die in seltenen Momenten fast so etwas erleben wie eine unio mystica. Aber die dann wieder auf ganz eigenen Wegen unterwegs sind, um desperate Abläufe der Welt in einen Sinnzusammenhang zu bringen oder intensiv danach zu fragen, ob es diesen überhaupt gibt. Und so erleben wir einen Bundespräsidenten, der einen glücklichen Tag hat.

Und wer ist der Schöpfer dieses Glücks? Sie sind es!

Ich trinke auf Ihr Wohl, auf das Wohl von Sir András aber auch auf das Wohl von Professor Sheehan, der heute Geburtstag hat.