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Eröffnung des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentages

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede auf dem Stuttgarter Schlossplatz anlässlich des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentages Stuttgart, 3. Juni 2015 35. Deutscher Evangelischer Kirchentag – Rede auf dem Stuttgarter Schlossplatz © Steffen Kugler

Natürlich komme ich gern zum Kirchentag. Einmal, weil ich seit meiner Jugend immer wieder Kirchentage besucht habe. Zum anderen, weil ich zu Zeiten der deutschen Teilung in meiner mecklenburgischen Heimat selbst Kirchentage organisiert und geleitet habe und so auch auf die Leitungsebene der Kirchentagsarbeit gekommen bin.

Aber wenn ich jetzt komme, so ist das ja der Besuch des Präsidenten, und er ist nicht begründet in einer persönlichen Traditionslinie.

Mein Besuch sagt Ihnen vielmehr, dass das politische Deutschland mit Respekt und Freude darauf blickt, dass zum 35. Mal die große evangelische Laienbewegung ein bewegendes und inspirierendes Begegnungsforum schafft.

Auf der geistlichen Ebene begegnen hier Menschen ihrem ewigen göttlichen Gegenüber, jener Kraft, die als prophetisches Wort oder als Heiliger Geist Menschen stärkt, leitet und in Bewegung bringt. Menschen hungern und dürsten auch nach einem ihre Existenz bestimmenden Sinn ihres Lebens. Sie erfahren den Glauben als eine Quelle, die solchen Durst zu stillen vermag.

Sie empfangen in ihm etwas, das staatliche Instanzen nicht spenden können. Aber was sie empfangen, ist zum Nutzen nicht nur des Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt. Staat und Gesellschaft haben etwas davon, dass Menschen sich inspirieren und aktivieren lassen, dass Menschen Werte leben und bewahren, dass sie unter Umständen dafür sogar kämpfen und leiden können.

Und dann sind ja Kirchentage auch immer Begegnung zwischen den Glaubens- und Lebenswelten. Wie stellen sich die Motivierten und Aktivierten zu den Problemen der Zeit? Kirchentage sind auch Motivationstraining für alle, die nicht an den großen Problemen dieser Zeit vorbeisehen wollen.

Armut, Ungerechtigkeit, Friedlosigkeit, Intoleranz und Umweltzerstörung belasten die Menschen in vielen Teilen der Welt. Und Menschen, die aus dem Glauben leben, wollen angesichts dessen nicht Zuschauer bleiben. Sie suchen vielmehr Antworten, die sie zum Handeln befähigen. Und manche lernen, einfach Fragen zu stellen, die sie und andere aufwecken können.

Und nun lassen Sie mich noch eine weitere Begegnungsebene nennen, die Kirchentage anbieten. Es sind die Begegnungen und Gespräche mit denen, die aus anderen als christlichen Gründen die öffnenden Fragen stellen und nach dem Sinn oder Ziel ihres Lebens suchen. Mit denen, die aus anderen Religionen Anleitung empfangen, die aus anderem Denken heraus Denkanstöße geben oder mit denen, die aus der Musik, aus den Künsten überhaupt inspirierende Seelennahrung bereithalten für alle, die in den Banalitäten der Zeit zu ersticken drohen.

Und zu alledem gehören dann noch Begegnungen zwischen Wählerinnen und Gewählten, zwischen Konsumenten und Produzenten, zwischen Visionären und Machern – und hier in Stuttgart auch zwischen Schwaben und der Restmenschheit!

Ja und so danke ich allen, die an der Vorbereitung, Finanzierung und an der Verwirklichung dieses wichtigen Treffens mitgewirkt haben. Ich danke auch deshalb, weil zu den schönsten Aufgaben eines Bundespräsidenten die Würdigung des freiwilligen Engagements der Bürger gehört. Und hier bin ich ja nicht nur auf einem Kirchentag, sondern auf einem Festival des Ehrenamts.

Liebe Ehrenamtliche, jetzt spreche ich euch einmal direkt an: Liebe Ehrenamtliche, unser Land sieht schön aus, weil Ihr es schön macht! Danke! Ich glaube übrigens, dass Ihr schon etwas davon habt, was die Kirchentagslosung 2015 uns allen wünscht mit dem Motto "damit wir klug werden". Und wenn wir von dieser Losung nicht nur unseren Verstand, sondern auch unser Herz anregen lassen, wird es uns mit Gottes Hilfe sogar gelingen, nicht nur klug, sondern klüger zu werden.