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Festakt anlässlich 50 Jahre Ruhr-Universität Bochum

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache im Auditorium Maximum beim Festakt anlässlich 50 Jahre Ruhr-Universität in Bochum Bochum, 6. Juni 2015 Festakt anlässlich 50 Jahre Ruhr-Universität Bochum – Ansprache im Auditorium Maximum © Volker Hartmann

Ich freue mich sehr, hier bei Ihnen in Bochum zu sein. Wir feiern mit diesem Festakt den 50. Geburtstag einer Institution, die in besonderer Weise für den Wandel, ja man könnte sagen, für die Neuerfindung dieser Stadt und auch der ganzen Region steht. Hier, tief im Westen, wo man – wie mal jemand sagte – den Pulsschlag aus Stahl noch immer spürt, ist auf Flözen und Gruben, auf Halden und Schlacken längst etwas Neues emporgewachsen, und das feiern wir heute. Es ist faszinierend zu sehen, wie eine Mischung aus Traditionsbewusstsein und Reformgeist das Revier in den vergangenen Jahrzehnten vorangebracht hat. Sie alle hier sind stolz. Es gibt einen alten Stolz auf Maloche und Bergbau und Industrie, Sie halten Zechen, Fördertürme und Kokereien in Ehren, aber Sie haben den Blick geweitet und neue Schätze gehoben.

Die Ruhr-Universität war und ist Motor dieses Wandels, ein Symbol für Innovation und Weltoffenheit. Sie prägt Bochum und die Metropolregion Ruhr nun schon seit einem halben Jahrhundert. Heute ist sie der größte Ausbildungsbetrieb und der größte Arbeitgeber der Stadt, und sie zählt zu den größten Hochschulen Deutschlands. Für Studenten und Forscher aus Europa und aus der ganzen Welt ist sie geworden, was ihr Architekt einst erträumte: ein Hafen im Meer des Wissens.

Wie viele wissenschaftliche, politische und kulturelle Impulse von ihr ausgehen, davon zeugt auch die Liste ihrer ehemaligen Studierenden: ein Bundestagspräsident, zwei Landesministerinnen und andere hochrangige Politiker stehen ebenso darauf wie namhafte Juristen und Ökonomen, Bischöfe und Schriftsteller – und natürlich Herbert Grönemeyer. Hier in Bochum lehrten Koryphäen wie der Kunsthistoriker Max Imdahl, der Historiker Hans Mommsen oder die Philosophen Hermann Lübbe und Kurt Flasch. Und hier wurde Kurt Biedenkopf, über dessen Anwesenheit ist mich besonders freue, 1967 zum damals jüngsten Rektor der Republik. Bis heute ist die Ruhr-Universität zudem das Sinnbild für eine wichtige Weichenstellung in der deutschen Bildungspolitik. Denn auch die hat sich ja vor 50 Jahren weitgehend neu erfunden.

Begonnen hat das alles, wir erinnern uns, im Juni des Jahres 1965 mit der feierlichen Eröffnung der Universität. Damals hatte Georg Picht der Bundesrepublik gerade eine "Bildungskatastrophe" prophezeit. Er forderte mehr Geld für Schulen und Hochschulen, mehr Studierende, bessere Chancen für benachteiligte Kinder. "Bildungsreform" – das wurde in den folgenden Jahren zum Projekt einer ganzen Generation und hat wohl auch einer ganzen Epoche den Namen gegeben. Die Bochumer Universität öffnete also zur rechten Zeit ihre Tore, und sie wurde, gemeinsam mit anderen neu gegründeten Hochschulen, zu einer tragenden Säule der Bildungsexpansion.

Von Anfang an war die Ruhr-Universität als Reformprojekt angelegt. Dass in der Hochschulpolitik ein frischer Wind wehen sollte, daran ließ schon die Architektur im industriellen Stil keinen Zweifel: Betonschiffe, mitten im Kohlenpott verankert. Aber auch sonst hat die Bochumer Universität viele neue Wege beschritten. Ob es der Verzicht auf die traditionelle Fakultätsstruktur war oder die für damalige Verhältnisse geradezu revolutionäre Einführung eines zentralen elektronischen Bibliothekskatalogs: Immer wieder wurde sie zur Vorreiterin neuer Entwicklungen. Dass Innovationskraft und Reformwille auch in jüngster Zeit ungebrochen sind, selbst dann, wenn nicht sofort jeder zustimmt, davon zeugt die frühe, fächerübergreifende Umstellung auf Bachelor- und Master-studiengänge. Die Ruhr-Universität, sie beweist: Universität ist ein lebendiger Prozess, der nie zum Stillstand kommt.

Wie Ihre Universität sich im Laufe der Jahre entwickelt hat, das lässt sich auch an Zahlen ablesen: In den ersten Jahren füllten hier 10.000 Studierende die Hörsäle, Bibliotheken und Labore, heute sind es viermal so viel. Mehr als 110.000 Frauen und Männer haben bislang auf diesem Campus ihr Studium absolviert, mehr als 18.000 sind promoviert worden. Aber die Ruhr-Universität zeichnet sich nicht nur durch Masse aus, sondern auch durch Klasse. Das zeigen die vielen Projekte, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert werden. Und das zeigen auch die Erfolge im Wettbewerb um Exzellenz. Es ist beeindruckend, was Sie hier leisten in Forschung und Lehre!

Was seit eh und je zu herausragenden Universitäten gehört, sind Neugier und Offenheit. Auch hier setzt die Ruhr-Universität Maßstäbe: Sie ist kein Elfenbeinturm, sondern eine offene und lernende Institution, gut vernetzt in der Region und zugleich der Welt zugewandt. Hier in Bochum laden Sie Schüler und Kulturfreunde auf ihren Campus ein, und Sie sind mit dabei, wenn es darum geht, die Zukunft der Stadt zu gestalten. Sie akquirieren erfolgreich Stipendien für begabte Studierende hier bei der örtlichen Wirtschaft. Sie engagieren sich in der "Ruhr-Allianz" und unterhalten enge Beziehungen zu Hochschulen in aller Welt. Auf allen Ebenen und über Grenzen hinweg fördern Sie den Austausch und stiften Begegnungen. Das lässt Ideen wachsen und gedeihen. Und es zeigt: Gelebte "universitas" gelingt besonders gut im Zusammenspiel der Verschiedenen.

Die Ruhr-Universität ist eine Blume im Revier – schon wieder muss Grönemeyer herhalten –, die immer wieder neu erblüht und das nun schon seit fünfzig Jahren. Sie ist der beste Beweis für das Wandlungspotenzial unserer Universitäten, aber auch für den Einfluss auf unsere Gesellschaft. Sie steht für neue Bildungswege und für sozialen Aufstieg. Und sie hat den Blick längst in die Zukunft gerichtet. Ihre Entwicklung macht deshalb Mut, dass wir auch die großen bildungspolitischen Herausforderungen meistern können, vor denen unser Land heute steht.

Denn wir wissen doch alle: Trotz großer Anstrengungen und Erfolge haben wir in Deutschland weiterhin ausdauernd und intensiv daran zu arbeiten, dass tatsächlich Chancengerechtigkeit verwirklicht wird. An den Hochschulen wird das besonders deutlich: Ob jemand ein Studium aufnimmt, das hängt noch immer, jedenfalls vielfach, davon ab, aus welchen familiären Verhältnissen er stammt. Ob das Elternhaus des Kindes als "bildungsnah" oder "bildungsfern" gilt, das hat immer noch Auswirkungen auf den Bildungsweg und den Lebensweg junger Menschen. Herkunft entscheidet also in unserem Land immer noch zu oft über Zukunft. Und damit wollen wir uns keinesfalls abfinden! Es ist doch gerade die Aufgabe guter Bildung, solche Unterschiede auszugleichen und Durchlässigkeit zu ermöglichen.

"Bildung ist Bürgerrecht", diesen Satz hat Ralf Dahrendorf vor fünfzig Jahren geprägt, im Eröffnungsjahr der Ruhr-Universität. Und gerade hier in Bochum, wo das Wort "Bildungsaufsteiger" einen so guten Klang hat, wo es unzähligen Menschen aus Arbeiter- und Einwandererfamilien gelungen ist, sich eine neue Perspektive zu erarbeiten, gerade hier möchte ich daran erinnern. Dahrendorfs Plädoyer für ein Bildungssystem, das allen Menschen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft faire Chancen bietet, das ist heute so aktuell wie vor fünfzig Jahren. Und vielleicht mehr denn je stehen wir vor der Aufgabe, dafür zu sorgen, dass in unserem Bildungssystem niemand verloren geht.

Ich weiß sehr wohl: Nach dem Pisa-Schock ist viel getan worden, und es hat sich sicherlich an vielen Stellen auch viel verbessert. Aber wir können und müssen noch mehr tun, um das Bürgerrecht auf Bildung zu sichern. Es geht dabei um jeden Einzelnen, aber es geht auch um die Zukunft der Gesellschaft. In einem Land nämlich, dessen Bevölkerung schrumpft und dessen Wirtschaft im weltweiten Wettbewerb steht, ist es geradezu überlebensnotwendig, dass alle Menschen ihre Möglichkeiten entfalten können. Alles andere ist ungerecht gegenüber den Betroffenen – und es ist auch fatal für das Gemeinwesen. Wir alle müssen allen, die etwas leisten können und wollen, eine Perspektive bieten. Und alle anderen müssen wir dazu einladen und dazu befähigen, sich dieses Ziel ebenfalls zu eigen zu machen.

Bildung ist nicht nur ein Bürgerrecht, Bildung bietet auch Freude und Erfüllung. Und dieser Aspekt kommt mir in den endlosen und unfruchtbaren Strukturdebatten leider oftmals zu kurz. "Neugier", "Aufstieg durch Bildung" und "Bildungsbegeisterung", das sind für mich deshalb Schlüsselvokabeln, die ich mit diesem Jubiläum verbinde.

Wir müssen schon bei den Jüngsten ansetzen, um frühzeitig Chancen zu eröffnen – etwa mit einer guten Sprach- und Lerndiagnostik. Und wir müssen unser Augenmerk noch viel mehr auf die Übergänge im Bildungssystem richten. Gerade Kinder aus Familien ohne akademischen Hintergrund und aus fremden Bildungssystemen brauchen Beratung, wenn sie auf eine weiterführende Schule wechseln oder vor der Frage stehen, was dann wohl nach dem Schulabschluss kommen soll. Es ist gut, dass Nordrhein-Westfalen nun ein Zentrum für Talentförderung aufbaut. Und es ist gut, dass es Initiativen wie "Studienkompass" oder "Arbeiterkind" gibt.

Was mir besonders am Herzen liegt: Wir müssen den Einzelnen stärken und ihn auf seinem individuellen Weg unterstützen, statt ihn auf vorgegebene Bahnen oder ausgetretene Pfade zu schicken. Konformitätsdruck, ganz egal in welche Richtung er wirkt, hemmt die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit. Ich wünsche mir deshalb, dass die Berufs- und Studienberatung noch offener gestaltet wird, auch an Gymnasien. Es lohnt sich, weiter darüber nachzudenken, wie wir nicht-akademische Bildungsabschlüsse und Berufe aufwerten können. Denn ganz gleich, ob jemand eine Hochschule besucht hat oder nicht: Jede und jeder in unserem Land sollte eine Chance auf eine sinnvolle Arbeit, auf soziale Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben haben. Überkommenes Statusdenken hilft da nicht weiter: Es geht nicht um oben oder unten, höher oder niedriger, sondern darum, dass Bildung und Ausbildung zum Einzelnen passt und die Anstrengung eines jeden auf Anerkennung trifft.

Ich habe dabei nicht nur jene im Blick, die in unserem Land geboren wurden oder schon lange hier leben, sondern zum Beispiel auch jene Menschen, die aus großer Not zu uns geflüchtet sind. Sie brauchen ebenfalls Perspektiven, und es ist unsere humanitäre Pflicht, ihnen zu Bildung zu verhelfen. Die Länder, aus denen die Flüchtlinge stammen, werden gut ausgebildete Kräfte brauchen, wenn sie politisch zur Ruhe gekommen sind, junge Frauen und Männer, die ihre Heimat wieder aufbauen und Saat für Wachstum, Wohlstand und Frieden legen. Und natürlich hat auch unser Land, das ist ja kein Geheimnis, angesichts des demographischen Wandels ein Interesse daran, möglichst viele von ihnen für den hiesigen Arbeitsmarkt zu qualifizieren und Lebensperspektiven hier zu eröffnen. Mein herzlicher Dank gilt deshalb allen, die sich dafür einsetzen, Flüchtlingen ein Studium oder eine gute Ausbildung zu ermöglichen!

"Bildung ist Bürgerrecht" – wenn wir diesen Satz heute aussprechen, dann dürfen wir nicht nur an die junge Generation denken. In einem Land, in dem Menschen länger leben, müssen auch Ältere die Möglichkeit haben, zu lernen und sich fortzubilden. Mir wurde diese Möglichkeit auch eröffnet. Das wünsche ich mir dann auch für andere. So ist es wichtig, dass wir auch denen den Weg an die Hochschule ebnen, die schon im Berufsleben stehen und berufsbegleitend einen Studienabschluss nachholen oder sich auf akademischem Niveau weiterbilden wollen. Deshalb ist es gut, dass es einfacher geworden ist, auch ohne Abitur oder Fachhochschulreife ein Studium aufzunehmen. Wir brauchen viele verschiedene Wege, um aus der alternden Gesellschaft eine starke Gesellschaft des längeren Lebens und längeren Lernens zu formen.

Ein abschließender Gedanke liegt mir noch am Herzen: Bildung, gerade auch wissenschaftliche Bildung, ist mehr als nur Mittel zum Zweck. Auch da, wo sie auf den ersten Blick zweckfrei zu sein scheint, dient sie der Entwicklung des Einzelnen und damit doch der Gesellschaft insgesamt. Sie ermöglicht Selbstverständigung, und sie stiftet Sinn. Sie fördert eigenständiges Denken, lässt Urteilskraft wachsen und befähigt zur Kritik. Auf diese Weise stärkt sie eine offene Gesellschaft, deren selbstbewusste Bürger die Fähigkeit und den Mut haben, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen.

Was ich mir deshalb wünsche, sind Universitäten, die dem Einzelnen auch Spielräume lassen. Friedrich Schiller schrieb in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung: "[D]er Mensch [...] ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." Und wenn wir genau hinschauen, wohnt doch auch der Wissenschaft, bei allem gebotenen Ernst, etwas Spielerisches inne. Studierende brauchen Freiräume, damit Neugier, Kreativität und Phantasie sich entfalten können. Sie brauchen Freiräume, um auch abseits der vorgegebenen Wege nach geistigen Schätzen zu suchen und ihre Begeisterung für die Forschung zu entdecken. Ich wünsche mir, dass junge Menschen an unseren Universitäten auch in Zukunft nicht nur "Kompetenzen", "credits" sammeln, sondern dass sie sich ausprobieren können.

Wenn ich heute auf die Geschichte der Bochumer Universität zurückblicke, auf ein halbes Jahrhundert des Wachstums und des Wandels, der Denkanstöße und der Debatten, dann bin ich voller Zuversicht: Gemeinsam können wir es schaffen, die großen Herausforderungen der Bildungspolitik zu bewältigen, auch in den kommenden Jahren. Gemeinsam können wir ein menschliches, weltoffenes, leistungsstarkes Bildungssystem gestalten. In diesem Sinne wünsche ich der Ruhr-Universität alles Gute zum Geburtstag, weitere gute Erfolge und Blühen und Wachsen in den nächsten fünfzig Jahren!