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Empfang für Repräsentanten der Lagergemeinschaften

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede im Großen Saal anlässlich des Mittagessens für Repräsentanten der Lagergemeinschaften ehemaliger nationalsozialistischer Konzentrationslager in Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 2. Juli 2015 Empfang für Repräsentanten der Lagergemeinschaften ehemaliger Konzentrationslager – Rede im Großen Saal © Jesco Denzel

Es macht mich froh und glücklich, dass Sie, die ehemaligen Gefangenen in deutschen Konzentrationslagern, hier heute Mittag meine Gäste sind. Das bewegt mich im Inneren und ich freue mich sehr und danke Ihnen, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind. Denn unter all den Begegnungen, die hier im Schloss Bellevue stattfinden, ist diese eine ganz besondere.

Denn Sie sind während der nationalsozialistischen Diktatur unter brutalem Zwang und Gewalt von Ihren Liebsten getrennt worden, aus Ihrem normalen Alltag herausgerissen, und all das geschah durchweg aus reiner Willkür. Sie waren Rechtlose in jenem aus Lagern bestehenden Reich der SS, in dem Würde, Anstand und Recht mit Füßen getreten wurden. Nur mit viel Glück konnte man hier überleben, denn wer in dieses Reich verdammt wurde, der war im Grunde dem Tod geweiht.

Die Namen der Lager, in denen Sie waren und aus denen Sie nur befreit werden konnten, weil die Alliierten das Deutsche Reich zur bedingungslosen Kapitulation gezwungen hatten, diese Namen sind auf ewig Namen der Schande für uns Deutsche. Es sind Namen einer Schuld, die auch die Nachgeborenen und die an den Verbrechen Schuldlosen in Pflicht und Verantwortung nimmt: Auschwitz, Buchenwald, Bergen-Belsen, Ravensbrück, Mittelbau-Dora, Sachsenhausen, Dachau, Flossenbürg, Neuengamme.

Diese und andere Orte des Schreckens, Namen einer Hölle auf Erden, werden wir nie vergessen. Sie sollen aber nicht nur in Erinnerung an vergangene Leiden im Gedächtnis bleiben. Sondern sie sollen genau so für uns und für unsere Nachkommen Mahnung und Auftrag sein. Lasst nicht zu, dass so etwas noch einmal Wirklichkeit wird.

Sie, meine Damen und Herren, haben den Nationalsozialismus, der Terror zuerst in Deutschland und gegen Teile des eigenen Volkes übte und der dann fast ganz Europa mit Krieg und Gewalt, mit Verfolgung und Vernichtung überzog, Sie haben diese mörderische Ideologie in ihrem eigentlichen Wesen erlebt: als Ausgrenzung des vermeintlich Fremden, als Unterwerfung der Schwächeren, als Entrechtung aller, die nicht in das Muster eines vorgeblich normalen oder gesunden, oder eines angeblich deutschen oder sogenannten arischen Menschenbildes passten. Weil sie nämlich Juden waren oder Sinti und Roma oder Behinderte oder Homosexuelle oder Kommunisten oder Sozialdemokraten oder gläubige Christen, Priester, Ordensleute oder angeblich minderwertige Slawen oder weil sie nur einmal gefragt haben, ob denn das alles richtig gewesen sei: diese Verhaftungen, diese Verfolgungen, dieser Krieg.

Nationalsozialismus bedeutete Ausgrenzung und Entrechtung, in letzter Konsequenz gar Vernichtung aller, die als nicht fähig, oder nicht willens oder nicht würdig befunden wurden, zum neuen Menschen nationalsozialistischen Typs zu werden, die darum als sogenannte Untermenschen begriffen und bezeichnet wurden, deren Leben dann nichts mehr wert war.

Dass wir nun heute zusammen sein können, hier, dass Sie gekommen sind, siebzig Jahre nach dem Ende des Krieges, nach der Befreiung der Lager, das ist für uns nicht selbstverständlich, auch nicht nach so langen Jahren. Für manche unter Ihnen war das ja ein langer Weg, bis Sie zum ersten Mal wieder einem Staatsvertreter Deutschlands die Hand reichen wollten, ja bis Sie zum ersten Mal wieder einen Fuß auf deutschen Boden zu setzen vermochten.

Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie sich so entschieden haben. Sie engagieren sich heute in der Gemeinschaft der Überlebenden Ihres Lagers und setzen sich für die Interessen der ehemaligen Häftlinge ein. Sie engagieren sich, um die Erinnerungen an das Leiden wach zu halten, um die Verbrechen und die Untaten, den Terror und den Vernichtungsfuror der Nazis nicht aus dem Gedächtnis der Welt zu entlassen, aber auch um den Nachgeborenen guten Willens, um den nachfolgenden Generationen in Deutschland die Hand zu reichen.

So bin ich heute Mittag dankbar, dass ich Ihnen begegnen darf, dass wir gemeinsam zu Tisch sitzen, dass wir uns austauschen, dass wir uns in die Augen schauen können.

Es ist gut, das Böse zu bekämpfen, wo immer man kann, mit den erlaubten Mitteln, die man zur Verfügung hat. Am besten aber ist es, das Böse zu besiegen durch das Gute, durch die guten Kräfte, die in uns sind: die Kräfte des Erbarmens, des guten Willens, der Hochherzigkeit.

In diesem Sinne begrüße ich Sie alle hier im Schloss Bellevue noch einmal und heiße Sie herzlich willkommen!