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Eröffnung der Sail Bremerhaven 2015

Bundespräsident Joachim Gauck bei einer Ansprache anlässlich der Eröffnung der Sail Bremerhaven 2015 zusammen mit dem Bürgermeister von Bremen, Carsten Sieling, und dem Oberbürgermeister von Bremerhaven, Melf Grantz Bremerhaven, 12. August 2015 Eröffnung der Sail Bremerhaven 2015 – Ansprache zusammen mit dem Bürgermeister von Bremen, Carsten Sieling, und dem Oberbürgermeister von Bremerhaven, Melf Grantz © Steffen Kugler

Ich bedanke mich herzlich für die Begrüßung und auch für die Gastfreundschaft, die ich seit meiner Ankunft heute Morgen hier in Bremerhaven schon zu Lande und zu Wasser erlebt habe. Ich bin ganz in meinem Element hier im Norden, hier in der Seestadt Bremerhaven, hier auf diesem Segelfest, das ja schon deshalb ein ganz besonderes Ereignis ist, weil es nur alle paar Jahre stattfindet. Die See, Wind und Wellen und dazu diese Stimmung im Hafen, die imposanten Schiffe – da geht mir als Küstenmensch das Herz auf.

Mein Vater war Kapitän, begonnen hat er seine Ausbildung als Schiffsjunge auf einer Viermastbark. Die Segelschiffe, die wir hier auf der Sail Bremerhaven bestaunen können, wecken für mich als gebürtigen Rostocker also auch Familienerinnerungen. So ist es für mich eine besondere Freude, heute gemeinsam mit Daniela Schadt an diesem schönen Fest teilzunehmen.

Der Anblick der prächtigen Schiffe, die wir heute hier auf der Sail in so großer Zahl sehen, lässt ja leicht vergessen, wie lange viele der großen Segler schon im Einsatz sind: zum Beispiel die "Krusenstern", die ihren Heimathafen heute in Kaliningrad hat. 1926 lief sie hier in Bremerhaven auf der Tecklenborg-Werft vom Stapel. Auch die "Statsraad Lehmkuhl" gehört zu den Schiffen, die den hervorragenden Ruf Bremerhavener Werften für den Bau von Großseglern begründeten. Wie ich heute gelernt habe, wurde die "Statsraad" schon 1914 als Schulschiff für die deutsche Marine gebaut. Heute zählt Norwegen den Rahsegler stolz zu seinen besonders erhaltenswerten Kulturgütern. Auch die "Grönland", auf der ich heute mitsegeln durfte, vereint norwegische und deutsche Segeltradition, wie ja überhaupt viele Schiffe, die wir hier bewundern, die Seefahrtgeschichte gleich mehrerer Länder bereichern. Ich bin also heute zu Gast auf einem Segelschiff gewesen, das, 1867 erbaut, eigentlich norwegischen Robbenjägern als Frachtschiff dienen sollte, dann aber als Forschungs- und Expeditionsschiff berühmt wurde. Die "Grönland" gelangte 1868 zum nördlichsten Punkt, den ein Segelschiff ohne Hilfsantrieb je erreicht hat.

So viel Segelgeschichte unter den Planken zu spüren, wie ich sie heute an Bord der "Grönland" erfahren durfte – das ist schon eine Besonderheit! Die Geschichte, der Aufstieg ganzer Völker und Epochen, wurde maßgeblich geprägt durch die Kunst des Segelns und des Segelschiffbaus. Die Ägypter waren vermutlich die ersten, die die Segel hissten. Es folgten die Phönizier, Griechen und Römer. Die Beutezüge und Expeditionen der Wikinger – undenkbar, hätten sie nicht schon hochseetaugliche Segelschiffe besessen!

Nautisches Können verband sich schon früh mit wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Interessen. Was wäre der Städtebund der Hanse ohne seine mächtige Handelsflotte gewesen? Oder denken wir an die berühmten Entdecker: Christoph Kolumbus, Vasco da Gama, Amerigo Vespucci. Vielleicht haben Sie in der Einlaufparade das imposante Segelschulschiff der italienischen Marine gesehen, das den Namen Vespuccis trägt.

Von alters her verbindet sich mit der Seefahrt Abenteuerlust, Fernweh und Sehnsucht. Der Wind in den Segeln verleiht der Neugier Flügel. "Es rauscht wie Freiheit. Es riecht die Welt", dichtete Joachim Ringelnatz, obwohl seine eigenen Jahre als Seemann hart und entbehrungsreich waren. Auch dies sollten wir nicht vergessen: Die Geschichte der Seefahrt ist von Anfang an zugleich die Geschichte von harter Arbeit, Gefahren, Nöten und Sorgen.

Bremerhaven steht auch für die deutsche und europäische Auswanderungsgeschichte. Daran erinnert das "Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven", welches die eindrucksvolle Museumslandschaft Ihrer Stadt mitprägt. In großer Zahl kehrten die Menschen damals Europa den Rücken, getrieben von wirtschaftlicher Not, oft auch von politischer und religiöser Unterdrückung. Allein hier in Bremerhaven sind während der großen Auswanderungswellen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts mehr als sieben Millionen Menschen an Bord von Schiffen gegangen, um ihr Glück in der – wie man damals sagte – "Neuen Welt" zu suchen. "Neue Welt": Wieviel Hoffnung schwingt in diesen beiden Worten mit? Wieviel Enttäuschung über die alte Welt? All das klingt mir heute im Ohr, wenn ich die Berichte über die Flüchtlinge vor den Toren Europas höre.

Der Blick hinaus in die weite Welt hat Ihre Stadt, hat Bremerhaven, seit Beginn seiner vergleichsweise jungen Geschichte geprägt. Für zukunftsträchtige Geschäfte in Übersee brauchten die Bremer Kaufleute eine neue An- und Ablegestelle: "Bremer Haven". 1827 wurde der entscheidende Vertrag geschlossen. Und selbstverständlich brauchten die geschäftstüchtigen Kaufleute auch Schiffe: Mehr als 250 große Rahsegler, die dann in die ganze Welt hinaus fuhren, liefen hier in Bremerhaven in den ersten Jahrzehnten vom Stapel. Schon damals galt die Devise, die Wilhelm Kaisen, Bremens erster Bürgermeister nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, für den Wiederaufbau ausgab: "Erst die Häfen, dann die Stadt!" Was so viel hieß wie: Sind die Häfen erst instand gesetzt, dann floriert die Wirtschaft, und es geht auch für die Menschen, für die Stadt aufwärts. Bürgermeister Kaisens Leitspruch sollte für Bremerhaven eine wichtige Orientierung bleiben.

Als die wirtschaftlichen Grundpfeiler Schifffahrt, Schiffbau und Fischfang Ihre stolze Seestadt immer weniger zu stützen vermochten, haben Sie dem Hafen nicht den Rücken gekehrt. Nein, Sie haben den Blick abermals nach vorn gewandt. Sie haben sozusagen die Segel neu gesetzt und die reiche maritime Geschichte Bremerhavens für neue zukunftsweisende Projekte erschlossen. Ich denke dabei zum Beispiel an das Klimahaus Bremerhaven. Vor zwei Jahren, während meines Antrittsbesuchs in der Freien Hansestadt Bremen, bin ich dort gewesen.

Der Wandel Ihrer Stadt, die erfolgreiche Modernisierung und Revitalisierung, ist durch die Sail Bremerhaven, die Sie nun seit 1986 zum neunten Mal feiern, entscheidend vorangekommen. Mit den Windjammern und den zahlreichen Gästen kamen frische Ideen – Ideen für Bremerhavens Zukunft als Seestadt. Und noch etwas ganz Wichtiges geschah: Die Wiederentdeckung der Segeltradition schuf neuen Zusammenhalt, weckte neuen Kameradschaftsgeist. Wo wird das besser spürbar, als hier auf dem Festival der Windjammer? Hunderte helfen freiwillig mit, nicht nur in der Festwoche. Die Vorbereitungen für die Sail haben ja schon vor Jahren begonnen. Allen, die ehrenamtlich und hauptamtlich dazu beitragen, dass Segelbegeisterte aus fast zwei Dutzend Nationen hier in Bremerhaven ein solches Fest feiern können, danke ich ganz herzlich für ihren Einsatz.

Meine Damen und Herren,

Sie sehen es ja selbst: An den Schiffmasten flattern nicht nur die Flaggen zahlreicher europäischer Länder, es sind auch Windjammer aus Süd- und Mittelamerika und aus Australien dabei. Und mit den Schiffen sind Kadettinnen und Kadetten, Seglerinnen und Segler unterschiedlicher Herkunft, Kulturen und Religionen eingetroffen, hier auf "der Brücke zur Welt", wie Sie, liebe Veranstalter, die Sail Bremerhaven stolz beschreiben. Und es stimmt ja: Dies ist ein Treffpunkt für internationale Begegnungen, ein Fest der Völkerverständigung. Mannschaftsgeist, Weltoffenheit und Aufgeschlossenheit – diese Brise, die hier auf der Sail so kräftig weht, die gefällt mir. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen: Lassen Sie sich begeistern von der Geschichte und Gegenwart der Segelschifffahrt, die wir hier auf so großartige Weise erleben!

Ich komme zum Schluss. Und nun geht es offiziell los: Mit den folgenden drei Salutschüssen eröffne ich die Sail Bremerhaven 2015.