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Mittagessen anlässlich des Besuchs des Präsidenten der Republik Polen

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache beim Mittagessen im Schinkelsaal in Schloss Bellevue anlässlich des Besuchs des Präsidenten der Republik Polen, Andrzej Duda Schloss Bellevue, 28. August 2015 Besuch des Präsidenten der Republik Polen – Ansprache beim Mittagessen im Schinkelsaal © Jesco Denzel

Ich freue mich, dass Sie so bald nach Ihrem Amtsantritt hierher, nach Berlin, gekommen sind. Ich sehe darin ein wichtiges Zeichen. Willkommen also im Schloss Bellevue.

Die Begegnungen zwischen Vertretern unserer Länder sind zahlreich. Das ist gut so, und diese Begegnungen werden, so scheint es mir, mit der Zeit vertrauter, ja familiärer. So, wie es üblich ist unter Verwandten, und als wahlverwandt dürfen wir uns wohl bezeichnen.

Ein Menschenleben nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und eine Generation nach dem Fall des Eisernen Vorhangs können wir feststellen: Die Völker Europas sind selbstbestimmte Bindungen eingegangen, die sie in friedlicher und freiheitlicher Gemeinschaft miteinander leben lassen. Vor 24 Jahren besiegelten die Republik Polen und die Bundesrepublik Deutschland vertraglich ihre Freundschaft. Vor 16 Jahren trat Polen der NATO bei, vor elf Jahren der Europäischen Union. Das alles ist für mich ein bleibender Grund zur Freude, denn Ihr Land, verehrter Herr Staatspräsident, liegt mir und allen die in Deutschland politische Verantwortung tragen besonders am Herzen. Wenn ich das in dieser Runde wiederhole, sage ich wohl niemandem etwas Neues.

Als ich im März 2012 meinen Antrittsbesuch in Polen unternahm, fragte mich ein Journalist nach der Quelle meiner Polenbegeisterung. Die Antwort fällt leicht und hat gleichwohl ihre Tücken. Da sind etwa die Haltungen, die ich bewundere, den Mut und die Entschlossenheit, mit der die Polen für ihre Rechte eintreten und ihre Freiheit verteidigen. Wenn ich aber auf die wunderbaren Begegnungen und auf die tiefen Freundschaften in Polen zu sprechen komme, dann weiß ich nicht, wo ich beginnen und wo ich enden soll.

Lassen Sie mich ein Ereignis herausgreifen, das ich beispielhaft nennen will, für das Band, das unsere Länder verbindet. Es symbolisiert die beginnende Aussöhnung unserer Völker nach den Verheerungen, die das nationalsozialistische Deutschland über Polen und Europa brachte: der Brief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder im November 1965.

Ihn zu lesen, bewegt mich auch heute noch zutiefst. Über die Großherzigkeit der Geste hinaus geht eine große Aura davon aus. Sie findet sich übrigens genauso bei Karol Wojtyła, dem späteren Papst, der zu den Unterzeichnern des Briefes gehörte.

Die Autoren sprechen nicht nur von Polen und Deutschen, von den fruchtbaren Einflüssen, die die Kulturen beider Ländern aufeinander nahmen, von den gemeinsamen Heiligen, der heiligen Hedwig, der auch die Berliner eine Kathedrale widmeten. Die Bischöfe stellen all das in einen europäischen Rahmen. Sie preisen den reichen Austausch zwischen Polen und anderen abendländischen Völkern, den süddeutschen Ländern, Burgund, Flandern, Italien, später Frankreich und Österreich und den italienischen Renaissancestaaten. Polen, schreiben sie, war "jüngster von den älteren Brüdern des christlichen Europas".

Für uns Deutsche, Christen und Nichtchristen, Katholiken und Protestanten, war der Brief ein großes Geschenk. Es gibt vieles, das wir nicht vergessen werden, nicht den Hirtenbrief, nicht die anderen Gesten der Großherzigkeit, nicht das Grenzen überwindende Wesen Papst Johannes Paul des Zweiten, auch nicht das couragierte Eintreten der Gewerkschaft Solidarność für demokratische Freiheiten. Es war ein Kampf, den unzählige Polinnen und Polen für uns alle, für Europa geführt haben.

Fünfzig Jahre sind vergangen, seit der Brief seine Adressaten erreicht hat. Es hätte damals viel Phantasie bedurft, sich vorzustellen, wie gut und vertrauensvoll die Beziehungen unserer Länder nach einem halben Jahrhundert einmal sein würden.

Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten ein großes Kapital an gegenseitigem Respekt und Vertrauen aufgebaut – das haben Sie, verehrter Herr Staatspräsident, mir nach Ihrem Amtsantritt geschrieben. Lassen Sie uns darauf aufbauen, sprechen wir aufrichtig und im Geist der Freundschaft darüber, was wir voneinander erhoffen und erwarten, vertiefen wir diese Freundschaft und machen wir sie fruchtbar für Europa und jene, die sich uns verbunden fühlen – im Interesse der Bürger unserer Länder.

Und lassen Sie mich hier anfügen: Dieses Europa steht heute vor einer gewaltigen Herausforderung. Die tödliche Flüchtlingstragödie in unserem Nachbarland Österreich ist nur ein weiteres Beispiel dafür, dass Fluchten in Tragödien enden können. Diese Erkenntnis muss uns Verpflichtung sein. Sie führt uns erneut vor Augen, wie groß die Aufgabe ist, die sich uns als Europäern stellt.

Wir sind nicht ohnmächtig. Wir können und wir müssen handeln.

Auch den kommenden Generationen den Weg in eine Zukunft in Frieden, Freiheit und Wohlstand zu ebnen, das gehört zu den anspruchsvollsten und zugleich dankbarsten Aufgaben der Politik.

Auf Ihr Wohl, Herr Präsident und auf das Ihrer Frau, auf die Republik Polen und auf unsere starke Freundschaft in einem geeinten Europa.