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Matinee anlässlich des Musikfestes Berlin 2015

Bundespräsident Joachim Gauck bei einer Ansprache im Großen Saal (Archivbild) Schloss Bellevue Bundespräsident Joachim Gauck bei einer Ansprache im Großen Saal (Archivbild) © Guido Bergmann

Da der deutsche Bundespräsident nicht im "Schloss Schönblick" residiert, sondern im Schloss Bellevue, darf ich vielleicht auch für das, was der Anlass für diese Veranstaltung ist, einen französischen Ausdruck benutzen, zumal es dafür keine deutsche Entsprechung gibt.

Die Franzosen bezeichnen die Tage, an denen nach den großen Sommerferien das schulische, akademische, politische, kulturelle und gesellschaftliche Leben wieder beginnt, als "Rentrée". Vielleicht kann man das mit "Rückkehr", "Wiederbeginn" oder so übersetzen.

Das hat zumal in Paris, aber auch anderswo eine große Bedeutung. Die Rentrée wird in Buchhandlungen und Kaufhäusern mit Spezialaktionen begleitet, es gibt Konzerte zur Rentrée – auch Politikerinterviews! – und vieles mehr.

Bei uns in Berlin markiert das Musikfest so etwas wie die kulturelle und gesellschaftliche Rentrée – und Sie werden schon zusammen mit all den Verantwortlichen gespannt sein, ob auch diesmal das gelingt, was die Berliner immer mit Freude erwarten: ein großartiges Ereignis am Ende des Sommers. Und wir hier im Schloss Bellevue wollen gerne dabei sein und freuen uns, dass wir auf diese Weise mit den Berliner Festspielen zusammen etwas Schönes für die Berliner und ihre Gäste anbieten können.

Von Paris und Berlin gehen unsere Gedanken aber jetzt noch einmal in eine andere europäische Metropole und das hängt mit dem Thema unseres heutigen Nachmittags zusammen: Wir schauen nach Wien. Wenn es eine europäische Hauptstadt der Musik gibt, dann wird es wohl doch Wien sein. Arnold Schönberg, von dem wir heute einige kleine – allerdings "kleine" nur was den Umfang betrifft, nicht die musikalische Bedeutung! –, von dem wir also einige kleine, wunderbare Kostbarkeiten hören werden, der ist so sehr Wiener gewesen, wie man es sich nur vorstellen kann.

Und seine Musik ist so sehr in den Traditionen des Wiener Musizierens und Komponierens verwurzelt, dass auch seine revolutionären Neuerungen noch einmal an die gar nicht so wenigen Neuerungen anschließen, die es auch früher dort gab, die seit Haydn, Mozart und Beethoven sozusagen die Wiener Tradition gebildet haben.

Auch im amerikanischen Exil blieb Arnold Schönberg, was er war: Ein Jude aus Wien, geistig, kulturell und charakterlich den selbsternannten Beschützern und Bewahrern angeblich deutscher Kunst so unendlich weit überlegen.

Zu diesen Rentrée-Konzerten hier im Schloss Bellevue gehört es, dass wir jemand bitten, uns literarisch etwas zu sagen, das mit der Musik in einem bestimmten Zusammenhang steht. Ich freue mich sehr, dass es uns gelungen ist, Herrn Prof. Stephan Mösch zu gewinnen. Er ist, wie Sie im Programmheft vielleicht schon kurz gesehen haben, wie berufen dafür, heute zu uns zu sprechen.

Es gibt im Zusammenhang mit Arnold Schönberg selber ja Bezüge zur Literatur. Einer ist sehr bekannt, sogar mir, der ich nicht allzu eingeweiht bin in die Geheimnisse der Musikkultur: die Schilderung der Schönbergschen Zwölftonmusik und ihrer Erfindung in Thomas Manns "Doktor Faustus" – einer der sehr frühen und immer noch bedeutsamsten geistigen Auseinandersetzungen mit dem Phänomen, dass Deutschland sich dem Nationalsozialismus hatte ergeben können.

Weniger bekannt ist aber, dass in dem Roman "Malina" von Ingeborg Bachmann zweimal auf Schönberg Bezug genommen wird – und zwar ausgerechnet auf "Pierrot Lunaire", was wir heute hören werden. Erwähnt wird daraus zu Beginn des Romans die einzelne Zeile "O alter Duft aus Märchenzeit", sogar die Notation dazu ist abgedruckt.

"Malina" nun wiederum ist ein Roman, bei dem die Stadt Wien eine Hauptrolle spielt, die Stadt Wien auch mit ihrer musikalischen Geschichte, mit ihrer K. u. K.-Geschichte, mit ihrer Geschichte von Nationalsozialismus und Nachkriegszeit – mit ihrem Mythos wie mit ihrer Wirklichkeit.

Gegen all das Finstere und Bedrückende, das die Romanfigur beschwert, wird ganz am Ende noch einmal, wieder mit Noten, Schönbergs Pierrot Lunaire zitiert, diesmal im Zusammenhang:

"All meinen Unmut geb ich preis; und träum hinaus in sel’ge Weiten... O alter Duft aus Märchenzeit!"

Musik kann viel bewirken, sie kann vor allem, wo Worte nicht mehr weiterhelfen, Trost spenden oder uns inspirieren, sie kann uns beheimaten, sie kann von schönen, von vermissten oder ersehnten Zuständen künden. Wir alle wissen es, weil wir es in besonderen Zeiten unseres Lebens einmal oder sogar mehrfach erfahren haben. Und weil wir es immer wieder erleben und erleben wollen – und vielleicht ein wenig davon auch heute Nachmittag.