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Eröffnung der Ausstellung "Luthers Meisterwerk"

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache in der Dreikönigskirche in Frankfurt am Main anlässlich der Eröffnung der Ausstellung 'Luthers Meisterwerk' im Bibelhaus Erlebnis Museum Frankfurt am Main , 15. September 2015 Eröffnung der Ausstellung "Luthers Meisterwerk" – Ansprache in der Dreikönigskirche © Steffen Kugler

Doktor Martinus Luther war weder ein Künstler noch ein Handwerker. Insofern ist es streng genommen etwas schwierig, über ein "Meisterwerk" zu sprechen, wenn es um eine Bibelübersetzung geht.

Luther, so könnten wir uns vergegenwärtigen, war wohl immer und zuerst und auch in einem ganz umfassenden Sinne des Wortes: ein Seel-Sorger. Ob er Professor war, Prediger oder Beichtvater, Verfasser polemischer Schriften oder Bekenner vor Königs- und Fürstenthronen: Zuerst und zuletzt verstand er sich doch als Seelsorger.

Ihn kümmerte dabei durchaus nicht zuletzt auch seine eigene Seele. Denn die meisten von Ihnen wissen, welche Frage ihn lebenslang umtrieb: "Wie kriege ich einen gnädigen Gott". Das war ja nichts anderes als die Frage, wie die menschliche Seele gottgefällig werde und dereinst in die himmlische "Seligkeit" eingehen könnte. In einer Weise und Dringlichkeit, die wir uns heute überhaupt nicht mehr vorstellen können, ging es Martin Luther um sein und der Menschen Seelenheil. Nur so können wir die große Befreiung verstehen, die er empfunden hat, als ihm seine Erkenntnis kam, dass nicht der Mensch sich sein Seelenheil verdienen kann, sondern Gott in seiner Gnade die Menschen schon gerecht gemacht hat. Das war sein großer Schatz, den er seiner Bibellektüre entnahm.

Und um nichts anderes als um das Seelenheil ging es für Luther auch im Worte Gottes, also in der Heiligen Schrift. Das sollten wir im Sinn behalten, wenn wir sein "Meisterwerk" feiern, also die deutsche Übersetzung dieser Heiligen Schrift. Die ganze Präzision und die Kraft dieser Übersetzung, die ganze Sprachgewalt und auch der poetische Zauber, es diente alles einem Ziel: der Verankerung des Wortes Gottes in den Seelen und Herzen der Menschen – zu ihrem Heil.

Als Bundespräsident darf und will ich aber jetzt weder einen theologischen noch kirchenhistorischen Vortrag halten. Das wird wohl gleich zu Recht und von Amts wegen der Ratsvorsitzende tun. Aber ich will auch nicht zu ihm kommen als wäre ich ein Fremdling.

Nun will ich aber tun, was dem Präsidenten gebührt und sozusagen säkular das "Meisterwerk" loben, dies kommt dem Staatsoberhaupt deshalb zu, weil wir es hier mit dem Werk, das wir heute feiern, mit einem der wichtigsten geistigen und kulturellen Erzeugnisse der deutschen Nation zu tun haben, und das dürfen wir auch einmal würdigen.

Wir Deutsche wären möglicherweise ganz andere, wir würden möglicherweise ganz anders denken und vor allem sprechen – wir hätten vielleicht auch eine andere philosophische, politische, psychologische Begrifflichkeit entwickelt, hätten wir nicht diese Lutherübersetzung. Luther hat uns ja nicht nur das Wort Gottes auf deutsch geschenkt – er wollte, darf ich Ihnen in Erinnerung rufen, den Erzengel Gabriel so zu Maria sprechen lassen, "wie wenn er sie deutsch hätte grüßen wollen", wie er in seinem "Sendbrief vom Dolmetschen" geschrieben hat. Luther hat uns eben auch Begriffe und Sprachbilder gegeben, die die deutsche Sprache und damit das deutsche Denken nachhaltig geprägt haben und bis heute prägen.

Insofern verneigen wir uns heute sozusagen vor einem Sprachkünstler, einem Sprachmagier im Nebenberuf, der, wenn das Sprachspiel gestattet ist, die Seele der deutschen Sprache hat lebendig werden lassen, weil ihm das Seelenheil seiner Deutschen am Herzen lag.

Wir stehen noch heute staunend vor einem Werk, das ein Einzelner geschaffen hat. Obwohl er bei der späteren Übersetzung des Alten Testaments Ratschläge von mehreren Fachleuten einholte und Mitarbeiter hatte, muss man, besonders beim Neuen Testament, von einer historischen, fast kaum glaublichen Einzelleistung sprechen.

Luther stand kein Forschungssymposion zur Verfügung, er hatte auch kein Hauptseminar, in dem er sich hätte helfen lassen können von Assistenten. Es gab nicht mal einen Oberkirchenrat und es gab schon gar keine Glaubenskongregation. Luther war ein Einzelner, einer, der gelegentlich auch einmal die Demut vergessen und mit berechtigtem Stolz etwas sagen konnte wie die folgende Passage: "Es ist niemandem verboten, ein besseres zu machen. Wer’s nicht lesen will, der laß’ es liegen; ich bitte und lobe niemanden darum. Es ist mein Testament und meine Übersetzung und soll mein bleiben und sein."

Ganz recht hatte er mit der letzten Bemerkung dann doch nicht: Diese Übersetzung, sie ist heute und schon seit langem nicht mehr nur seine, sie ist zur Referenz und gleichzeitig zur unerschöpflichen Quelle unserer ganzen sprachlichen Kultur geworden, zur Grundlage übrigens auch aller späteren deutschen Bibelübersetzungen. Diese Bibel, sie ist kurzum, zu unser aller Buch geworden.

Zum Glück! Oder sagen wir es besser mit Luther, Gott sei Dank.