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Verleihung des Deutschen Umweltpreises

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache bei der Verleihung des Deutschen Umweltpreises 2015 der Deutschen Bundesstiftung Umwelt im Colosseum Theater in Essen Essen, 8. November 2015 Verleihung des Deutschen Umweltpreises 2015 der Deutschen Bundesstiftung Umwelt – Ansprache im Colosseum Theater © Marvin Ibo Güngör

Lassen Sie mich meiner Freude Ausdruck geben, dass ich heute die Gelegenheit habe, ein so gewichtiges Thema wie den Umweltschutz wieder einmal stärker in die öffentliche Wahrnehmung zu rücken.

In seiner Autobiographie "Dichtung und Wahrheit" erinnert Goethe an einen Vers, den er in seiner Jugend als Lebensweisheit gelernt hatte. Er lautet so:

"und schlägt der Hagel die Erde nieder,
’s andre Jahr trägt der Boden wieder."

Dieses Urvertrauen in den ewigen, fruchtbaren Kreislauf der Natur, der sich auch durch Katastrophen letztlich nicht zerstören lässt – " ’s andre Jahr trägt der Boden wieder" –, dieses Urvertrauen, das haben wir weitgehend verloren. Der Boden selber – also die allerselbstverständlichste Grundlage unserer Existenz, das, worauf wir leben und stehen, wovon wir leben und uns ernähren, auf dem wir wohnen und auf dem wir uns fortbewegen, der Erdboden, von dem es in der Bibel heißt, von dem wir genommen sind, und zu dem wir zurückkehren: Er ist höchst gefährdet. So sehr, dass die UNO dieses Jahr 2015 zum Jahr des Bodens erklärt hat.

Die Fachleute unter Ihnen wissen von den vielfältigen Belastungen des Bodens.

Jährlich gehen Millionen Hektar fruchtbarer Böden weltweit verloren. Wenn die Weltbevölkerung weiter so wächst wie jetzt, könnte dies dazu führen, dass im Jahr 2050 jedem Menschen nur noch halb so viel Ackerland zur Verfügung steht wie heute. Wir müssen deshalb die Böden als ein wertvolles, begrenztes Gut erkennen, das wir nur sorgsam nutzen dürfen. Flächendeckende Rodungen also, Versiegelungen, Überdüngung und Monokulturen haben innerhalb kürzester Zeit fruchtbare Böden zerstört, die in Tausenden und Abertausenden von Jahren entstanden waren.

Es ist höchste Zeit, die Aufmerksamkeit auf diese zentrale Lebensgrundlage zu lenken: Bodenverlust muss gebremst und die Rekultivierung von Böden vorangebracht werden. Ein bedeutender Beitrag, den wir in den entwickelten Ländern leisten können und zu dem übrigens jede und jeder einzelne von uns beitragen kann, ist die Beendigung der ungeheuren Verschwendung von Bodenkapazität, indem wir wieder achtsamer mit unseren Lebensmitteln umgehen und deren sorglose Vernichtung beenden. Das alte Wissen, dass man Nahrungsmittel nicht achtlos wegwirft, sollte uns wieder selbstverständlich werden.

Die Nachhaltigkeitsziele, die jüngst von den Vereinten Nationen beschlossen wurden, dienen auch dem Schutz der Böden. Dazu gehören etwa die nachhaltige Forstwirtschaft, der Kampf gegen Versteppung, Bodenverschlechterung und den Verlust der Artenvielfalt. Diese Aufgaben müssen mit Entschlossenheit angepackt werden, wir wissen es, aber wir müssen es uns immer wieder neu bewusst machen.

Und heute nun verleihen wir den Deutschen Umweltpreis 2015. Dass dies eines Tages hier, hier in dieser Region, auf diesem Boden, so geschehen würde, das hätte vor wenigen Jahrzehnten noch niemand für möglich gehalten. Und es hätte auch niemand gewagt, sich das vorzustellen.

Stellen wir uns doch nur einmal das Ruhrgebiet in den alten Zeiten vor. Das Ruhrgebiet, die Stadt Essen und dieses riesige Krupp’sche Fabrikgelände, auf dem wir uns hier befinden, nur wenige Minuten vom Stadtkern entfernt. Einst stand das alles für eine erfolgreiche und leistungsfähige Industrie, für Bergbau, für Stahl, für Gruben, für Hüttenwerke, für den Stolz auf die hier geleistete, oft ja sehr schwere Arbeit und auch für den Stolz des daraus erzielten Wohlstands. Damit stand das Ruhrgebiet aber auch für Lärm und Schmutz, für rauchende Schlote und vergiftete Böden, für schlechte Luft und stinkende Abwässer.

Kaum irgendwo wurde die Dialektik des Fortschritts so sinnfällig greifbar wie hier im Ruhrgebiet: auf der einen Seite die harte, ehrliche Arbeit, großartige Erfindungen und weltweit begehrte Erzeugnisse, auf der anderen Seite die schreckliche Umweltverschmutzung und wenig Hoffnung auf den dann sprichwörtlich gewordenen blauen Himmel über der Ruhr.

Und heute?

Inzwischen ist viel Wasser die Ruhr hinuntergeflossen – auch die Emscher, dazu gleich mehr –, und der Strukturwandel hier im Ruhrgebiet ist seit Langem in vollem Gange, auch mit allen Härten zuweilen, die er für einzelne oftmals bedeutet hat. Aber das Umweltbewusstsein, der Umweltschutz und die vorausschauenden Planungen haben eine Zeit eröffnet, die wir uns früher nicht vorstellen konnten. Es hat sich hier sehr viel getan. Natürlich hat das auch mit dem Ende der traditionellen Industrien zu tun, mit dem Ende von Bergbau, Teilen der Stahlindustrie, und natürlich ist das auch von großen Teilen der Bevölkerung als ein schmerzhafter Verlust empfunden worden. Aber wie die Menschen hier offenbar nun einmal sind, hat man das als Aufgabe und als Herausforderung angepackt. Die Menschen haben sich Ideen angeeignet, die ihnen vorher relativ fremd waren – und nun gibt es Erfolge, und es gibt nachahmenswerte Vorbilder. Der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungswirtschaft ist deutlich vorangekommen. Viele mittelständische Weltmarktführer haben ihren Standort hier im Ruhrgebiet. In den vergangenen zehn Jahren ist auch im Ruhrgebiet die Zahl der Arbeitslosen deutlich zurückgegangen. Und viele Menschen, die heute hier leben, tun das auch wegen der vielerorts wachsenden Lebensqualität hier im Revier.

Im Ruhrgebiet sind Pioniere des Wandels am Werk – nicht nur in der Wirtschaft –, und darum bin ich gern hierhergekommen. Und ich finde es gut, dass der Umweltpreis heute ausgerechnet hier verliehen wird.

Jetzt kommen wir einmal zu der vorhin schon erwähnten Emscher – oder vielmehr zu dem besonders beeindruckenden Renaturierungsprogramm der Emscher und ihrer Zuflüsse! Das ist so etwas wie ein Generationenprojekt, von dem man im restlichen Deutschland allerdings nichts oder nur sehr wenig weiß. Ich gehöre zu denen, die davon bislang nicht wussten, gestehe ich hier schon einmal. Wo gerne von den unendlichen Schwierigkeiten deutscher Großprojekte geredet und geschrieben wird, da ist dieses gewaltige Unternehmen, wie man hört, sowohl im Zeit- als auch im Finanzplan. Für einen Berliner ist das kaum vorstellbar, dass so etwas geht! Und da die ersten Abschnitte schon fertig sind, kann man heute am Ufer der Emscher – fast hundert Jahre lang bewusst zur Kloake degradiert – da kann man heute schon wieder spazieren gehen und spielen.

Bald wird die ganze renaturierte Emscher ein hoffentlich national, wenn nicht gar europäisch beachtetes Beispiel und Symbol dafür sein, was man für die radikale Verbesserung der Umwelt tun, welche gewaltigen Projekte man auch stemmen kann, wenn kluge Planung, wissenschaftliche Exzellenz, politischer Wille, ein sinnvolles Ziel und die Beteiligung der Bürger zusammenkommen. Klingt kompliziert, ist aber machbar. Das sollten wir uns für andere Themen der Politik merken. Und wenn dieses Zusammenwirken funktioniert, dann können wir unsere Flucht- und Angsttendenzen stoppen. Das ist mir wichtig, dass wir das verstehen.

Alles, was für die Bewahrung oder Verbesserung der Umwelt geplant und getan werden muss, kann und muss in großen Zeiträumen berechnet werden. Von heute auf morgen geschieht ökologisch praktisch nichts. Ökosysteme wie das Klima oder die Böden verändern sich nur sehr allmählich. Aber sie verändern sich, wenn eine bestimmte Richtung einmal eingeschlagen ist, intensiv und unaufhaltsam. Sie verändern sich langsam, aber gewaltig sozusagen.

Das heißt: Wir haben nicht ewig Zeit, schwere und schwerste Schäden aufzuhalten oder abzuwenden. Wenn sich bestimmte Ziele als notwendig erweisen, wenn sich Veränderungen unseres wirtschaftlichen oder technischen, unseres Produktions- oder unseres Verkehrsverhaltens nach aller wissenschaftlichen Vernunft als unabweisbar richtig erweisen, dann müssen sie auch politisch angegangen werden.

Gerade weil die Effekte sich erst so langsam einstellen, kann eine Richtungsänderung nicht früh genug vorgenommen werden. So viel Zeit, wie wir seit Beginn der Industrialisierung hatten, um das Klima in Richtung Lebensfeindlichkeit zu verändern, so viel Zeit haben wir für das Beenden und für die Umkehr dieses Prozesses jedenfalls nicht. Ich hoffe, dass die bald beginnende Klimakonferenz in Paris in diesem Sinn endlich das Erforderliche in die Wege leitet.

Im Ruhrgebiet kennt man das mir geradezu unheimlich erscheinende Wort von den "Ewigkeitskosten". Das sind die Kosten, die bei Grubenschließung auf unabsehbare Zeit durch die "Ewigkeitslasten" anfallen, die der Bergbau für immer verursacht hat. Für den Klimaschutz werden ähnliche "Ewigkeitskosten" anfallen – aber sie werden nach allen seriösen Voraussagen umso höher ausfallen, je später man mit geeigneten Maßnahmen beginnt.

Langfristig denken – beherzt und rasch handeln: Das ist die unabweisbare Maxime für jede Art von Umweltschutz. Die schweren Schäden, denen wir uns gegenübersehen, hat niemand als solche angestrebt. Kein böses Hirn hat sich bewusst daran gemacht, die Umwelt zu schädigen. Aber für kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolg waren wir, zumal in den 1950er und 1960er Jahren, allzu oft sehenden Auges bereit, schwerste Umweltschäden als Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen. Der Umweltverbrauch stellte ja keinen Kostenfaktor in der Preiskalkulation dar!

Wenn aber Schädliches quasi aus Gedankenlosigkeit, aus Sorglosigkeit oder auch aus Bequemlichkeit gleichsam von selber geschieht, dann braucht das Gute im Gegenteil all unseren Verstand, all unseren Willen, all unser Können.

Bei solchen hehren Forderungen wird man wohl gefragt: Geht denn das überhaupt? Dann ist es gut, wenn man auf Vorbilder und Beispiele verweisen kann. Ich kann das heute, wir alle können das heute, denn wir haben ja gesehen, wir haben drei herausragende Empfänger des Deutschen Umweltpreises hier und an ihnen richten wir uns auf.

Aus Schweden ist Professor Johan Rockström hier. Er hat mit dem Konzept der "planetaren Grenzen" objektiv nicht zu überschreitende Belastungsgrenzen der Erde ausgerechnet. Das hat zu einer Versachlichung des weltweiten Managements der Wasserressourcen und des Nachhaltigkeitsmanagements beigetragen und damit politischen Entscheidungsträgern eine Prioritätensetzung im Umwelt- und Naturschutz ermöglicht. Er befasst sich mit inter- und transdisziplinären Themen: etwa mit globalem Wasserressourcen- und Landnutzungsmanagement oder mit der sozio-ökologischen Widerstandsfähigkeit eines Ökosystems gegenüber Störungen – mit Resilienz also, wie die Fachleute es nennen.

Dann haben wir den Preisträger Professor Mojib Latif. Er leitet den Forschungsbereich Ozeanzirkulation und Klimadynamik und die Forschungseinheit "Maritime Meteorologie" im Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Seit Jahren macht er darauf aufmerksam, dass unser Planet ohne intakte Ozeane unbewohnbar wird. Er besitzt die Gabe, komplizierte Sachverhalte einfach und nachvollziehbar darzustellen.

An dieser Stelle muss ich unbedingt einen Einschub machen: Nicht nur hier auf diesem Spezialgebiet, sondern im Bereich der Politik wie im Bereich der exakten Wissenschaften gilt generell: Es ist eine Sache, etwas zu wissen und eine andere, unser Wissen zu vermitteln. Und wir brauchen auf allen Gebieten mehr Leute, mehr Kompetenz und mehr Bereitschaft, das, was wir erkannt haben, auch so zu kommunizieren, dass wir alle mitnehmen können. Herzlichen Dank besonders für den Beitrag, uns das bewusst zu machen.

Die Publikationen von Professor Latif richten sich sowohl an Experten als auch an die wissbegierige Öffentlichkeit und, was ich besonders gut finde, auch an Kinder und Jugendliche.

Und zum Schluss haben wir Michael Succow. Er war Direktor des Botanischen Instituts und des Botanischen Gartens der Universität Greifswald. Er ist wohl zu Recht als "genialer Netzwerker des deutschen Naturschutzes" anzusprechen – nicht zuletzt, weil er als stellvertretender DDR-Umweltminister und Volkskammerabgeordneter im Vereinigungsjahr 1990 hinbekommen hat, dass rund 4,5 Prozent der Fläche der DDR dauerhaft als Naturschutzflächen ausgewiesen wurde. Er hat die Grundlage für das gesamtdeutsche Nationalparkprogramm gelegt. Er engagiert sich seither auch für die Naturschutzflächen in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

Wir begegnen drei Persönlichkeiten, denen wir alle viel zu verdanken haben – und die heute verdientermaßen ausgezeichnet werden.

Diese drei, aber ganz sicher auch viele von Ihnen, die Sie jetzt hier in der ehemaligen Krupp’schen Fabrik versammelt sind, arbeiten daran, dass wir unseren Kindern eine Welt hinterlassen, in der man frische Luft atmen, klares Wasser trinken und von gesunden Böden ernten kann – in der also das Selbstverständliche selbstverständlich ist.

In diesem Sinne: Glück auf!