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Mittagessen anlässlich des Deutsch-Spanischen Forums

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede im Großen Saal von Schloss Bellevue anlässlich des Mittagessens des Deutsch-Spanischen Forums in Anwesenheit von König Felipe VI. von Spanien Schloss Bellevue, 18. November 2015 Mittagessen anlässlich des Deutsch-Spanischen Forums – Rede im Großen Saal in Anwesenheit von König Felipe VI. von Spanien © Guido Bergmann

Manch einer mag so eine Begegnung, wie sie hier beim Deutsch-Spanischen Forum nun schon zum achten Mal stattfindet, vor kurzem noch für eine Routineangelegenheit gehalten haben, etwas, was man unternimmt, einfach weil es schon Tradition geworden ist – nichts, von dem man etwas besonderes erwartet. Warum sollten sich denn langjährige europäische Partner noch einmal und immer wieder ihre Kooperation auf den verschiedensten Feldern vor Augen führen und sich ihrer weiteren guten Zusammenarbeit versichern?

Die vergangenen Monate allerdings haben gezeigt, dass auch in Europa, auch in der Europäischen Union gilt, was überall im Leben gilt: Nichts ist endgültig erreicht, alles Gute muss aktiv bewahrt und ausgebaut werden, wenn es nicht wieder verschwinden soll. Das gilt erst recht angesichts der barbarischen Anschläge von Paris vor wenigen Tagen. Diese Angriffe, wir erinnern uns auch an 2004, den Anschlag in Madrid, gelten auch uns allen, den offenen europäischen Gesellschaften und der in ihnen lebendigen Freiheit. Deshalb brauchen wir Verständigung untereinander, in welcher Form wir diese Zukunft schützen und verteidigen wollen.

Gerade angesichts der schweren gegenwärtigen Herausforderungen in Europa merken wir: Jede Zusammenarbeit, jedes Gespräch, jeder Austausch ist wichtig. Nichts von dem, was uns zusammenführt und was uns in die Zukunft schauen und gemeinsam in die Zukunft gehen lässt, ist überflüssig. Wir brauchen nötiger, als wir es vielleicht vor einiger Zeit noch gedacht haben, jedes glaubhafte Zeichen von Zusammenarbeit, jeden konkreten Schritt in eine gemeinsame Richtung. Spätestens der vergangene Freitag hat uns das deutlich vor Augen gestellt.

In diesem Kontext kann ich das achte Deutsch-Spanische Forum nur als höchst willkommen begrüßen und meiner Hoffnung Ausdruck geben, dass es zwischen unseren beiden Ländern die Bande noch enger knüpft und so auch der gesamten europäischen Zusammenarbeit dient.

Zwischen unseren beiden Ländern sind starke Beziehungen gewachsen, sie sind zudem eng und freundschaftlich – und sie zeigen sich in Städtepartnerschaften oder in der Zusammenarbeit in Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft. Vieles geht weit über das eigentlich Politisch-Diplomatische hinaus – und das macht diese Beziehungen gerade so lebendig.

Daher freut es mich auch sehr, gerade Sie heute hier als Teilnehmer eines zwischen- und zivilgesellschaftlichen Dialogs begrüßen zu können. Solche Begegnungsforen sind in meinen Augen wichtige Beiträge auch für eine gesamteuropäische Agora, also einen europäischen Raum der Begegnung von Menschen und Ideen, von Träumen und konkreten Vorhaben, von Engagement und Leidenschaft für das gemeinsame europäische Projekt.

Spanien und Deutschland können sich als Partner in Europa aufeinander verlassen – die Selbstverständlichkeit, mit der wir diesen Satz sagen können, ist, wenn wir es genau betrachten, unendlich kostbar. Wir erfahren ja gerade: Krisen bewältigen wir nur, wenn Eigenverantwortung und Solidarität gleich bedeutend sind. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat uns das genauso vor Augen geführt wie es die große Herausforderung der Flüchtlingsströme tut. Alleine wäre jeder europäische Staat mit der großen Zahl der nach Europa strebenden Flüchtlinge überfordert – aber ich bin überzeugt: Wenn wir die Flüchtlingskrise gemeinsam angehen und gemeinsam bewältigen, wird Europa am Ende stärker dastehen als zuvor.

Große Ziele erreichen wir nur, wenn wir auch kleine Schritte gehen. Das gemeinsame Europa wächst auch und gerade in der alltäglichen Begegnung. Deswegen freue ich mich, dass in den letzten Jahren der Austausch zwischen der spanischen und der deutschen Gesellschaft immer enger und intensiver geworden ist, gerade auch in der jungen Generation. Im Erasmus-Programm, einer der erfolgreichsten europäischen Einrichtungen überhaupt, ist inzwischen Spanien das bei Deutschen beliebteste Ziel für einsemestrige Auslandsaufenthalte – eine Zeit, die für die persönliche Entwicklung von unschätzbarem Wert ist.

Auch im Bereich der beruflichen Ausbildung fördert Deutschland diesen Austausch, wie zum Beispiel seit dreißig Jahren mit den deutschen Auslandsberufsschulen in Madrid und Barcelona.

Die Dynamik, die entsteht, wenn junge, kreative Menschen aus unterschiedlichen Ländern Gelegenheit erhalten, sich auszutauschen, Erfahrungen und Alltag zu teilen und neue Ideen zu entwickeln, sie ist nicht zu unterschätzen. Gerade hier in Berlin, aber auch an vielen anderen Orten kann man sehen, welche positiven Entwicklungen dadurch ausgelöst wurden. Man kann sehen, wie so eine Generation heranwächst, für die Europa längst Lebenswirklichkeit ist, und die sich eine andere Europäische Union als die, in der Freizügigkeit herrscht, gar nicht mehr vorstellen kann.

Ich weiß, dass man in Spanien den Weggang vieler junger Menschen ins Ausland mit Sorge sieht. Aber ist hier nicht die Chance eines regen Austausches gegeben, von dem am Ende alle profitieren können? Wird nicht mancher zurückkommen und mit dem erworbenen Wissen und Können dann die heimische Wirtschaft beleben, junge Unternehmen gründen und so Arbeitsplätze schaffen?

Bildung bleibt ein wichtiges Thema für die Zukunft der Menschen in Europa. Zuerst, weil sie dem Einzelnen Wege zu einem selbstbestimmten Leben erschließt. Dann aber auch, weil sie auf die Herausforderungen einer Berufswelt antwortet, die doch im ständigen Wandel ist. Die Beschäftigungsfähigkeit hat darum zu Recht auf diesem Forum eine wichtige Rolle gespielt.

Kein Zweifel: Im Weltvergleich geht es uns in Europa gut – vielen sehr gut. Wenn wir unseren Wohlstand und unsere Freiheit aber auf Dauer erhalten wollen, dann gilt auch hier: Stillstand ist Rückschritt. Wir müssen uns auf wesentliche Veränderungen einstellen, ja wir müssen sie aktiv in Angriff nehmen.

Unter vielen möglichen nenne ich nur das Beispiel der Digitalisierung, mit dem Sie sich auf dem Forum ja ausführlich beschäftigt haben, die alle unsere Lebensbereiche durchdringt.

Was für ein enormes Potenzial in der Digitalisierung liegt, wie sie ganz neue Wirtschaftszweige eröffnet, sehen wir etwa bei den sozialen Netzwerken. Aber auch unsere traditionellen industriellen Wertschöpfungsketten bleiben davon nicht unberührt – Stichwort Industrie 4.0.

Wir brauchen beides: "weiche", soziale Innovationen, die unser gesellschaftliches Zusammenleben verändern und "technische" Innovationen, die unsere Produktionsprozesse verbessern.

Ganz gleich in welchem Bereich: Die Grundlage einer jeden Innovation sind Menschen – Menschen, die offen, kreativ, die beharrlich und engagiert sind, die zudem bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und auch Risiken einzugehen, aus Ideen Geschäftsmodelle zu entwickeln. Und dazu gehört, dass uns bewusst ist: Menschen machen Fehler. Aber manchmal sind es gerade vermeintliche Irrtümer, die am Ende zu neuen Zielen führen: wie zum Beispiel die europäische, im spanischen Auftrag erfolgte Expedition unter Christoph Columbus, die durch einen glücklichen Irrtum zur Entdeckung Amerikas führte.

Merke: Wer immer nur auf Nummer sicher gehen will, kommt möglicherweise nirgendwo an.

In diesem Sinne erhebe ich nun mein Glas auf das Wohl seiner Majestät König Felipe, auf die spanisch-deutschen Beziehungen und auf unsere gemeinsame Zukunft in einem solidarischen Europa.