Navigation und Service

Verleihung der Ehrendoktorwürde der Hebrew University of Jerusalem

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Hebräische Universität während des Besuchs im Staate Israel Jerusalem/Israel, 6. Dezember 2015 Besuch im Staate Israel – Ansprache anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Hebräische Universität © Sandra Steins

Wenn die Hebräische Universität mir heute die Ehrendoktorwürde verleiht, dann ist das nicht nur eine private Angelegenheit zwischen einer Universität und dem deutschen Bürger. Wenn die bedeutendste Universität Israels dem deutschen Bundespräsidenten die Ehre erweist, dann symbolisiert das zugleich die Tiefe der Beziehungen zwischen unseren Ländern.

Insofern ist mein Dank für diese Ehre heute natürlich ein doppelter: Ganz persönlich bedanke ich mich dafür, von heute an ehrenhalber ein akademischer Bürger dieser noblen Universität sein zu können, und als Präsident der Bundesrepublik Deutschland danke ich für die Auszeichnung, die auch das Land würdigt, als dessen Repräsentant ich vor Ihnen stehe.

Heute mit Ihnen hier auf dem Skopusberg zu sein, das berührt mich sehr. Dieses Universitätsgelände ist ja ein ganz besonderer Ort, gerade mit dem Blick auf die deutsch-israelischen Beziehungen. Was hier an wissenschaftlichen Erkenntnissen gewonnen und vermittelt wurde, was das akademische Leben ausmacht, das der Hebräischen Universität weltweit Achtung eingebracht hat, das baut auf Fundamenten auf, die Juden aus Europa nach Palästina mitbrachten.

Ich gestehe, dass mir erst in der Vorbereitung auf diesen Tag so recht bewusst geworden ist, wie stark die Entstehung der Hebräischen Universität gerade auch von Intellektuellen geprägt worden ist, die ihre akademische Ausbildung in Deutschland oder in deutschsprachigen Ländern erfahren haben.

Lassen Sie mich zum Beispiel an den großen Martin Buber erinnern, der zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts einen Aufruf zur Gründung der jüdischen Universität unterzeichnete und der nach seiner Flucht aus Deutschland im Jahr 1938 an der inzwischen gegründeten Hebräischen Universität zu lehren begann. Martin Buber kenne ich seit meinem Theologiestudium. Früh begegnete ich seiner gemeinsam mit Franz Rosenzweig geschaffenen Übersetzung der Hebräischen Bibel, die er in ein ganz anderes, ein poetisches Deutsch übertragen hatte. Die Botschaft der biblischen Texte, die ich doch alle kannte, hat mich damals noch einmal neu erfasst.

Aber noch einen anderen Namen möchte ich nennen: Salman Schocken, erfolgreicher Besitzer großer Kaufhäuser und Förderer jüdischer Literatur und Kultur, der nach seiner Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland im Verwaltungsrat der Hebräischen Universität saß. Er versammelte um sich einen Kreis bedeutender jüdischer Emigranten, deren Leben ebenfalls Spuren in Palästina hinterließ: unter ihnen der Philosoph Hans Jonas, die Schriftstellerin Else Lasker-Schüler und auch der Architekt Erich Mendelsohn. Er, Mendelsohn, hatte schon Schockens Kaufhäuser in Nürnberg, Stuttgart und Chemnitz entworfen, baute dann dessen Villa und Bibliothek hier in Jerusalem und entwarf schließlich die Hebräische Universität und das Hadassah-Universitätskrankenhaus.

Und jetzt noch ein weiterer Name: Ich nenne Richard Koebner, der in Deutschland nahezu unbekannte Historiker, ein Breslauer Jude, der an der Hebräischen Universität die Grundlagen für die israelische Geschichtswissenschaft schuf. Das Institut, das heute seinen Namen trägt, beschäftigt sich mit Deutscher und Deutsch-Jüdischer Geschichte und ist ein Beispiel für eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen israelischen und deutschen Wissenschaftlern.

Für mich enthalten die deutsch-jüdisch-israelischen Traditionslinien eine tröstliche Botschaft: Hinter dem grausamen, dem verdammten Deutschland, das Salman Schockens Sohn Gerschom später mit einem Bann belegen wollte, da wird ein anderes Deutschland sichtbar – ein Deutschland der Humanität, der intellektuellen Lebendigkeit und des zivilisatorischen Fortschritts. Ein Deutschland, das neben der Katastrophe von Krieg und Vernichtung existiert, die mentale Verfasstheit von Israel mit geprägt hat und nach wie vor – oder auch: wieder – wert geschätzt wird.

Ein Deutscher meines Alters kann eine Ehrendoktorwürde der Hebräischen Universität nur mit tiefer Dankbarkeit, mit Demut und mit großer Freude annehmen.

Liebe Studentinnen und Studenten, die Sie an dieser akademischen Feier teilnehmen:

Während Ihrer Lebenszeit existierte nur ein demokratischer deutscher Staat. Erst in dieser jüngsten Zeit habe ich persönlich Israel kennen lernen können. DDR-Bürgern waren Reisen ins nicht-sozialistische Ausland und damit auch Reisen nach Israel in aller Regel verwehrt. Zudem galt Israel in der offiziellen DDR-Propaganda als Speerspitze imperialistischer Interessen im Nahen Osten, als Aggressor, der auf die Vernichtung der Palästinenser zielte. Gegen Israel, das nicht selten in perfider Verdrehung ausgerechnet mit Nazi-Deutschland verglichen wurde, verbündete sich Ostberlin mit arabischen Staaten. Der Palästinensischen Befreiungsorganisation, nicht Israel, gestattete die DDR die Eröffnung einer Vertretung, versorgte sie mit Waffen, bildete auch ihre Kämpfer aus.

Die DDR nannte sich zwar durchaus antifaschistisch, doch den Überlebenden der Schoah verweigerte sie fast jede Solidarität. Eine Entschädigung oder Wiedergutmachung, wie es sie durch die Bundesrepublik im Westen gab, lehnte die DDR-Führung strikt ab. Und als sie schließlich aus taktischen Gründen nach Wegen der Annäherung zu Israel und dem Jüdischen Weltkongress suchte, war es zu spät – in der friedlichen Revolution vom Herbst 1989 wurden Partei und Regierung vom Volk entmachtet.

Erst die Abgeordneten der ersten und einzig frei gewählten Volkskammer der DDR, zu denen auch ich gehörte, konnten wenige Tage nach der konstituierenden Sitzung dieses Parlaments einstimmig eine Erklärung zu Israel verabschieden, in der es hieß: "Wir bitten das Volk in Israel um Verzeihung für Heuchelei und Feindseligkeit der offiziellen DDR-Politik gegenüber dem Staat Israel und für die Verfolgung und Entwürdigung jüdischer Mitbürger auch nach 1945 in unserem Lande."

In der DDR hat es nur wenige Juden gegeben. Erst bei meinen Reisen nach Israel, die ich nach Maueröffnung und Wiedervereinigung unternahm, vermochte ich deshalb in Begegnungen und Gesprächen mit Überlebenden die ganze Tiefe zu erfassen, wie stark Verfolgung, Vernichtung und Völkermord die Seelen der Überlebenden und selbst noch der Nachfahren verstört hatten. Die bruta facta des mörderischen Geschehens waren mir durchaus bekannt aus Biografien, aus wissenschaftlichen Arbeiten und Medienberichten. Aber wie die dunklen Schatten, die eigenen oder die nachempfundenen Traumata sich in Gesichter und Seelen eingegraben hatten, dies im Gegenüber zu lebendigen Menschen zu erfahren, schuf Begegnungen von einer ganz besonderen, unvergesslichen Intensität.

Es waren tastende Begegnungen auf dünnem Eis. Begegnungen, in denen ich spürte, dass sich auch fünfzig Jahre nach Kriegsende weder meine israelischen Gesprächspartner noch ich selbst von der Vergangenheit gelöst hatten – und sich nicht lösen konnten. Denn es gibt selbst heute, da Deutschland seit Jahrzehnten ein demokratischer Rechtsstaat ist, keine deutsche Identität ohne Auschwitz, und es gibt selbst heute, da Israel ganz anderen Bedrohungen gegenübersteht, keine israelische Identität ohne die Schoah. Aber die Begegnungen überzeugten mich dann auch persönlich davon, dass auf beiden Seiten der starke Wunsch besteht, mit dieser Vergangenheit auf eine Weise umzugehen, die eine gemeinsame Gegenwart und vor allem eine gemeinsame Zukunft möglich macht.

An dieser Stelle möchte Ihnen einfach einmal vor Augen führen, um das eben Gesagte noch zu vertiefen, wie es mir geht, wenn ich gestern Abend in Tel Aviv vor einem Konzert mit den Thomanern und dem Gewandthausorchester aus Leipzig einem Mann reiferen Alters gegenüberstehe, dem Präsidenten dieses Landes. Und dieser Mann spricht die Beziehung zwischen Deutschen und Israelis mit dem einfachen Wort Freundschaft an. Ich bin im Krieg geboren und schaue heute diesen Mann, den Präsidenten, an und frage mich: Was ist geschehen, wenn wir dieses Verhältnis Freundschaft nennen können? Ist es ein Wunder? Ja, vielleicht auch. An diesem Wunder haben sehr viele Menschen mitgewirkt. Wenn dieses Gefühl, dass etwas Gutes wachsen kann, nachdem die Hölle ihren Rachen aufgetan hat, wenn dieses Gefühl eine menschenverbindende Wirklichkeit wird, dann ist das etwas sehr Schönes. Etwas nicht nur politisch Gutes, sondern menschlich Schönes. Und wenn dann, wie gestern Abend geschehen, eine Überlebende der Shoah zu mir kommt – Betti Bausch, die häufig in Deutschland zu Gast ist –, wenn sie zu mir kommt, ihre Arme hebt, mich küsst, was ist das dann?

Fünfzig Jahre sind nun seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel vergangen. Und dieser Aufnahme von diplomatischen Beziehungen sind viele Brücken vorausgegangen, die Menschen und Institutionen zueinander gebaut hatten – wissenschaftliche, religiöse Institutionen, einzelne Menschen. Aber dann wurde diese Beziehung auch diplomatische Wirklichkeit. Wir haben in diesem zurückliegenden Jahr viel daran erinnert. Wohl alle Redner waren sich einig: Der Weg der Annäherung war mühsam. Sehr vieles verdanken wir mutigen Pionieren der Verständigung auf beiden Seiten. Die Ausstellung über diese ersten fünfzig Jahre der Beziehungen, die zurzeit in unseren beiden Ländern gezeigt wird, bewahrt neben vielem anderen auch das Andenken dieser Vorreiter einer neuen, einer besseren Zeit.

Nein, es war nicht leicht, einen neuen Anfang miteinander zu machen. Deutschland auch nur zu besuchen, war in Israel anfangs sogar staatlicherseits untersagt – die Pässe Anfang der 1950er Jahre, die Älteren werden sich erinnern, die zur Ausreise in alle Länder berechtigten, trugen ausdrücklich den Stempel: "mit Ausnahme für Deutschland". Avi Primor, der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, sprach sogar von "Feindseligkeit", die er und viele Angehörige seiner Generation jahrelang gegenüber Deutschen gehegt haben. Rolf Pauls, der erste deutsche Botschafter in Israel, wurde in dem Auto, mit dem er 1965 zur Vereidigung fuhr, von wütenden Demonstranten mit Steinen beworfen.

"Psychologische Normalisierung", erklärte Konrad Adenauer nach einem Privatbesuch in Israel 1966, sei in den Beziehungen zu Israel offensichtlich noch nicht zu haben. Völker könnten eben nicht vergessen, bedauerte er. Ich glaube allerdings, dass Konrad Adenauer, der mit Ben-Gurion so viel für die Annäherung getan hatte, und dazu in Deutschland große Widerstände überwinden musste, damals wohl zu viel zu früh erwartete. Heute wissen wir mehr über psychologische Folgen lebensbedrohlicher Situationen. Nähe, gar "Normalisierung", so etwas lässt sich nicht politisch verordnen oder gar erzwingen; Trauer und Schmerz brauchen ihre Zeit. Israelis mieden den Kontakt zu Deutschen. Und in Deutschland herrschte damals weitgehendes Desinteresse. Eine Nation, die sich damals nach dem Krieg noch überwiegend selbst als Opfer sah, konnte für die Opfer deutscher Verbrechen wenig Interesse und kaum Mitgefühl aufbringen.

Wie stark aber die emotionalen Bindungen zur deutschen Kultur in Israel trotzdem waren, zeigt, wie wenig anderes, der Auftritt von Marlene Dietrich 1960 in Jerusalem. Sie, die eine widerständige Deutsche gewesen war, die im eigenen Land vielfach als "Verräterin" beschimpft wurde, durfte, was anderen Deutschen verübelt wurde: Mit Einverständnis des Publikums, unter denen sich nicht wenige Überlebende befanden, sang sie einige Lieder auf Deutsch, in der Sprache, die in Israel damals tabuisiert und verachtet war. Das begeisterte Publikum weinte, jubelte, und dankte der Künstlerin mit einer halbstündigen Ovation.

Das Publikum war einem Menschen begegnet, einer Frau, die in Deutschland und mit der deutschen Sprache aufgewachsen war, die sich aber durch ihre Haltung fundamental von den Deutschen unterschied, die für die Schoah verantwortlich waren. In dem Deutschland der Nazis wollte sie nicht leben. Für sie war menschliche Solidarität wichtiger als bedingungslose Loyalität gegenüber einer Nation oder blinde Treue gegenüber einer Ideologie. Und so wurden durch Menschen wie sie die Grundlagen für die Annäherung zwischen unseren Völkern eben in jenen Jahren gelegt, in denen die Deutschen begannen, ihre Haltung zu verändern. Als sie besonders in vielen Kirchgemeinden und universitären Milieus die Vergangenheit nicht mehr verdrängten und ihr Gewissen erforschten. Als sie wissen wollten und darüber erschraken, zu welchen Verbrechen Deutsche imstande gewesen waren. Und als sich endlich auch eine große Mehrheit emotional für die Leiden der Opfer zu öffnen begann, so wie es etwa mit der Fernsehserie "Holocaust" Ende der 1970er Jahre bei Millionen Deutschen geschah.

Wie viel ist seitdem geschehen: der Austausch von Schülern und Studenten, die Arbeit von Aktion Sühnezeichen, Städtepartnerschaften, Kulturaustausch, Wissenschafts- und Wirtschaftskooperationen, Freundschaften und Liebesbeziehungen.

Einerseits gilt zwar: Die Vergangenheit wird nicht vergehen. Sie existiert fort in unseren Beziehungen, immer seltener als trennendes Element, aber andauernd eingewoben in das Geflecht unserer Begegnungen. Da ist etwas, was nicht völlig gelöscht ist, und was wohl nie völlig gelöscht sein kann. Andererseits kann die Vergangenheit Gegenwart und Zukunft nicht mehr allein bestimmen. Sie kann das Vertrauen nicht mehr untergraben, das bereits aufgebaut wurde, sie kann den Dialog nicht mehr verhindern, der inzwischen belastbar ist und auch Kontroversen aushält. Und tausende von jungen Israelis müssen sich heutzutage nicht mehr dafür rechtfertigen, dass sie Berlin als attraktive Stadt zum Leben, zum Arbeiten und zum Studieren sehen. Auch die Partnerschaft zwischen Ihrer Hochschule, der Hebräischen Universität, und der Freien Universität Berlin ist nur eines von mehreren Beispielen dieser tiefen und selbsttragenden Zusammenarbeit.

Unsere Begegnungen haben sich noch in einer anderen Weise geändert. Früher haben wir uns oft ausschließlich aneinander gerieben, heute lernen wir öfter voneinander: freiwillig, um uns gemeinsam neue Handlungsräume zu erschließen, auch erzwungenermaßen, wenn wir neuen Gefahren begegnen müssen. Ich spüre es an mir selbst: Jetzt, wo der Terror näher an Westeuropa heranrückt, kann ich besser, intensiver jene Bedrohung erfassen, in der die Menschen in Israel seit Jahrzehnten leben.

Allmählich begriffen auch die Bürger Europas, schrieb David Grossman bereits nach den Anschlägen gegen das französische Satire-Magazin Charlie Hebdo, was der islamistische Terror über sie bringe: "Ich rede", schrieb er, "von der Erfahrung, dass das Leben unter Terrorbedrohung den einzelnen Menschen und damit die ganze Gesellschaft verunstaltet. (...) Ich rede vom Wissen, dass man seine Lieben vor der blinden Willkür des Terrors nicht schützen kann. (...)"

Es ist traurig und beklemmend zu sehen, wie David Grossmans Worte nicht nur für das erneut so brutal attackierte Frankreich, sondern auch für Israel neue Aktualität gewonnen haben. Wie Gewalt und Terror auch in Ihrem Land wieder Angst und Misstrauen wach werden lassen. Ich wünschte, Juden und Palästinenser könnten die endlose Spirale der Gewalt endlich durchbrechen und friedlich und selbstbestimmt zu einem Miteinander finden. Ich wünschte, dass gerade Ihnen, die Sie hier im Saal sitzen und die Sie die Geschicke Ihres Landes in Zukunft lenken werden, Hoffnung und Kraft erhalten bleiben, damit auch in Ihrem Land Wirklichkeit werden kann, wonach die Menschen sich überall auf der Welt sehnen: nach einem Leben in Würde, in Gerechtigkeit, in Freiheit und Sicherheit – gleichermaßen für alle.

Sie spüren es, für mich ist das heute ein bewegender Tag. Wenn es stimmt, was ich zu Anfang gesagt habe, dass nämlich die Hebräische Universität so sehr geprägt ist von europäischer, von deutscher Kultur, dann ist es für mich eine ganz besondere Art, auch hier anzukommen: Es gibt eine intellektuelle, eine geistige und eine kulturelle Heimat, die Israel und Deutschland verbindet. Ich nehme diesen Tag zum Zeichen dafür, dass wir das Gemeinsame immer weiter suchen und entdecken und weiterentwickeln wollen.

Toda Raba.
Herzlichen Dank.