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Abendessen für die Mitglieder des Wissenschaftsrates

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache anlässlich des Abendessens für die Mitglieder des Wissenschaftsrates im Großen Saal in Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 21. Januar 2016 Abendessen für die Mitglieder des Wissenschaftsrates - Ansprache im Großen Saal © Jesco Denzel

Ich möchte bei einem Abend wie diesem mit einem Dank beginnen. Mit einem Dank an Sie alle, die Sie länger oder kürzer diese wichtige Arbeit tun, die unserem Land nützt, die der Wissenschaft nützt. Denn der Wissenschaftsrat ist natürlich ein ganz besonderes Gremium. Er führt die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens – und Vertreter des Bundes mit denen aus den Ländern. Dadurch wird der Dialog über Wissenschaftsfragen und Bildungsprobleme ein verbreiterter Dialog. Und davon hat die ganze Gesellschaft etwas.

Mir ist aufgefallen, dass die Politik von den Empfehlungen des Wissenschaftsrates offenkundig viel hält. Vielleicht kommt es ja daher, dass Sie konkrete Wege nennen, wie Ihre Vorschläge in die Praxis zu überführen wären. Es hilft ja immer ein bisschen, wenn Konkretion geliefert wird und nicht nur die großen visionären Ansagen kommen. Dadurch wird man dann auch ernst genommen. Offensichtlich ist Ihnen das in Ihrer langjährigen Arbeit gelungen. Sie halten die gesellschaftliche und die wirtschaftliche Dimension gemeinsam mit im Blick. Und Sie öffnen die Perspektive auf unsere internationalen Gesprächspartner und auf jene internationale Dimension, ohne die wir wissenschaftlichen Fortschritt ja überhaupt nicht denken können. Dann kommt noch etwas hinzu. Sie zeichnen sich auch dadurch aus, dass Sie in langen Zeiträumen denken. Damit geben Sie der Politik zusätzlich zu dem, was mittelfristig wirksam sein soll, immer wieder wichtige Anstöße. Deshalb ist es gut, wenn die Politik mit an den Tischen sitzt, an denen verhandelt wird, weil dann die Energie wächst, mit der man etwas Erkanntes auch umsetzen kann.

Ich habe eben von der internationalen Perspektive gesprochen und will später darauf noch einmal zurückkommen. Wie stark Ihre Empfehlungen und Stellungnahmen in die Debatten in der Politik gerade auch innerhalb der Bundesregierung und der Regierungen der Länder einfließen, dafür gibt es mehrere Beispiele aus den vergangenen Jahren: Ich denke an 2010 – da plädierte der Wissenschaftsrat dafür, theologisch orientierte Islamische Studien an deutschen Hochschulen zu etablieren, und er entwickelte die Leitlinien für den Aufbau eines solchen Studienfachs. Der Ausgangspunkt war vor allem ein gesellschaftlicher: Das Wissenschaftssystem müsse auf die zunehmende religiöse Pluralität im Land reagieren. Darauf haben Sie hingewiesen und die Politik hat das aufgegriffen.

Heute gibt es bereits vier Zentren für Islamische Theologie an den deutschen Hochschulen. Und heute findet diese Idee des Wissenschaftsrates breite Unterstützung, auch über die Hochschulen hinaus.

Ein weiteres Beispiel, und zwar eines, das eng verknüpft ist mit einer der Leitfragen des Wissenschaftsrates: Wie können wir das deutsche Wissenschaftssystem weiter verbessern? Wenn wir über dessen Zukunft sprechen, so gilt: Auf den Nachwuchs kommt es an, auf die nächste Generation von Forschern. Wenn wir möglichst viele talentierte und leistungsstarke junge Menschen für eine Laufbahn in der Wissenschaft gewinnen wollen, dann – und das wissen Sie natürlich viel besser als ich, der es nur von weitem sieht – müssen wir ihnen auch Angebote machen für ihre Karrierepläne. Das haben Sie in Ihrer Empfehlung vom Juli 2014 angemahnt, indem Sie die Tenure-Track-Professuren auf die Agenda gehoben haben. Und der Bund hat diese Idee aufgegriffen und verhandelt derzeit mit den Ländern über ein Programm, um mehr Planbarkeit für junge Wissenschaftler zu erreichen. Und an dieser Stelle, wo Bund und Land und Wissenschaft in einem Satz vorkommen, möchte ich einmal sagen, dass man sich über eines doch nur freuen kann: Es ist uns zur Überwindung bestimmter Hürden und Hemmnisse etwas eingefallen. Das wollen wir doch dankbar zur Kenntnis nehmen.

Lassen Sie mich noch zu einer anderen wesentlichen Entwicklung innerhalb der deutschen Hochschul- und Wissenschaftslandschaft kommen, nämlich zur Exzellenzinitiative. Vor zehn Jahren stießen Begriffe wie "Exzellenzcluster" und "Zukunftskonzepte" bei manchem noch auf Skepsis. Heute ist klar, dass wir mit dieser Initiative viel erreicht haben. Sie hat eine erfreuliche Dynamik im deutschen Wissenschaftssystem entfacht und neue Kreativität freigesetzt. Als Wissenschaftsrat haben Sie diese Initiative mitgeprägt und auch die Diskussionen um ihr Nachfolgeprogramm begleitet. Bereits in acht Tagen wird die Imboden-Kommission ihr mit Spannung erwartetes Gutachten zur Exzellenzinitiative vorstellen. Den kommenden Entscheidungen der Wissenschaftspolitik soll es dann eine Richtung weisen.

Alle diese Debatten sind wichtig, denn wir dürfen in unseren Bemühungen um ein wettbewerbsfähiges Wissenschaftssystem nicht nachlassen. Der kürzlich veröffentlichte "Innovationsindikator" der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften und des Bundesverbandes der Deutschen Industrie sieht die deutsche Wissenschaft international – man muss sagen: lediglich – auf Platz neun und rät deshalb, noch mehr auf Exzellenz zu setzen.

Zu Recht werden die Hochschulen als Herzstück des deutschen Wissenschaftssystems bezeichnet. Durch die Exzellenzinitiative sind sie international sichtbarer geworden, und sie gelten inzwischen als gut vernetzt in aller Welt. Ein schöner Beleg dafür ist, dass rund 300.000 junge Menschen aus dem Ausland an unseren Hochschulen hier in Deutschland studieren. Das sind mehr als jemals zuvor. Und inzwischen kommen auch erfreulich viele Lehrende aus dem Ausland. Angesichts dieses Erfolges stellt sich dann die Frage verstärkt, welche rechtlichen Möglichkeiten nun ausländische Studierende haben, wenn sie nach erfolgreichem Studienabschluss hier in Deutschland auch bleiben wollen. Denn Talente aus aller Welt an deutsche Hochschulen zu binden, Forschende wie Lehrende, auch das muss ja ein Ziel sein. Und jeder von Ihnen, der in den Vereinigten Staaten gelehrt oder studiert hat, weiß, wie wichtig der Zufluss von außerhalb der eigenen Landesgrenzen sein kann.

In diesen Tagen zeigen die Hochschulen noch auf andere Weise, wie weltoffen sie sind. Das will ich aufgrund der Entwicklungen der vergangenen Wochen und Monaten nicht unerwähnt lassen. Sie haben nämlich die Türen, Hörsäle und Seminarräume geöffnet für jene, die in Deutschland Zuflucht gesucht haben, hier studieren möchten und sich dafür eignen. Das verdient Respekt, denn es zeigt, dass das Wort von der Wissenschaft, die Grenzen zu überwinden vermag, auch in diesem speziellen Fall gilt. Es zeigt auch, dass Toleranz und Dialog, Vielfalt und internationaler Austausch zum Wesenskern wahrer Wissenschaft gehören. Es freut mich, dass sich zahlreiche Studierende in Deutschland für die Flüchtlinge an den Hochschulen engagieren. Übrigens nicht nur an den Hochschulen, sondern auch draußen auf der Straße, in deren Heimen, auf den Bahnhöfen. Und es gibt auch schon erste Initiativen von Wissenschaftsorganisationen, die geflüchteten Forscherinnen und Forschern beim Zugang zu unseren Universitäten helfen.

Die Bundesregierung hat dazu ein klares Signal gesetzt. Wer studieren könne und wolle, dem sei auch ein Studium zu ermöglichen. Natürlich werden dadurch auch Herausforderungen auf die Hochschulen zukommen – etwa wenn studierwillige Flüchtlinge nicht mehr im Besitz ihrer Passdokumente oder ihrer Zertifikate sind. Für solche Fälle haben die Kultusministerkonferenz und die Hochschulrektorenkonferenz bereits Kriterien beschlossen.

Auch der Wissenschaftsrat befasst sich mit dem Thema "Hochschulen und Migration". Dazu wollen Sie im zweiten Halbjahr 2016 Ihre Empfehlungen vorlegen und damit Wege aufzeigen, wie unser Land Chancen der Zuwanderung nutzen kann. Und morgen – darauf bin ich schon gespannt – werden Sie die ersten Empfehlungen des jungen Jahres verabschieden, nach intensiven Beratungen über relevante Themen, etwa die Ausbildung von Ärzten. Ich danke Ihnen für Ihr Engagement, für Ihren Rat, auch für Ihren Mut, neue Pfade einzuschlagen.

In diesem Jahr begehen wir in Deutschland den 300. Todestag eines großen Universalgelehrten, Gottfried Wilhelm Leibniz. Seine berühmte Formulierung aus der "Theodizee", der Satz von der "besten aller Welten", ist häufig missverstanden worden. Denn er galt ja nicht der Leibniz‘schen Gegenwart des 17. Jahrhunderts – dazu war der Mann viel zu weise – sondern eben den mitgedachten Möglichkeiten der Zukunft. Auch unserer Welt zu Beginn des Jahres 2016 könnte er nur schwer gelten, obwohl seitdem so viele Jahre Fortschritt über die Länder und über die Wissenschaften gekommen sind. Er gilt aber immer den Potenzialen, die alle Menschen, alle Weltenbürger in sich tragen. Die Wissenschaft kann und wird uns dabei helfen, diese weiter zu entdecken und zu fördern.