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Verleihung des Großen Verdienstkreuzes mit Stern an die Nobelpreisträger Stefan Hell und Thomas Südhof

Bundespräsident Joachim Gauck überreicht das Große Verdienstkreuz mit Stern an den Nobelpreisträger Stefan Hell  in Schloss Bellevue Berlin, 24. Februar 2016 Ordensverleihung an die Nobelpreisträger Stefan Hell und Thomas Südhof – Aushändigung des Großen Verdienstkreuzes mit Stern an Stefan Hell © Marvin Ibo Güngör

Sehr viel ist in unseren Tagen davon die Rede, besonders im akademischen Bereich, dass "Exzellenz" eine herausragende Rolle spielt – Exzellenz-Initiativen, Exzellenz-Cluster, darüber sprechen wir seit einigen Jahren. Und ich kann nur hoffen, dass überall dort, wo Exzellenz draufsteht, Exzellenz drinsteckt.

Heute muss ich diese Hoffnung nicht haben. Heute haben wir hier einen besonderen Exzellenz-Gipfel und da bin ich sicher, dass Exzellenz drinsteckt, denn andere haben das besiegelt mit herausragenden Auszeichnungen. Deshalb freue ich mich über unsere herausragende kleine Zusammenkunft hier im Schloss Bellevue, und Sie sind mir alle von Herzen willkommen.

Zwei deutsche Nobelpreisträger bringen einen einmaligen wissenschaftlichen Glanz in das Haus, über den ich mich sehr freue.

Sie, verehrte Preis- und künftige Ordensträger, sind zwei sehr verschiedene Forscher, die auf sehr verschiedenen Feldern arbeiten und verschiedene Lebenswege gegangen sind. Hier und da gibt es aber doch auch Gemeinsamkeiten.

Zum Beispiel Göttingen, die alte deutsche Gelehrtenstadt. Thomas Südhof ist dort geboren und hat nach altem Brauch das Gänseliesel am Markt geküsst, als er dort zum Doktor der Medizin promoviert wurde – genau an jenem Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, dem heute Stefan Hell als Direktor vorsteht.

Beide verbindet, dass sie auch so etwas wie eine Migrationsgeschichte zu erzählen haben, wenn auch eine durchaus verschiedene.

Der eine, Thomas Südhof, hat Deutschland vor mehr als dreißig Jahren in Richtung USA verlassen und ist dann auch amerikanischer Staatsbürger geworden. Dort lehrt und forscht er inzwischen an der Universität in Stanford, einem, wie er selbst sagt, Eldorado der intellektuellen Neugier, des wissenschaftlichen Austauschs und der immer neuen Anregungen durch kluge Köpfe aus aller Welt. Ich persönlich kenne die wunderbare Bibliothek mit den Schätzen, die es dort zu erkunden gibt.

Ihm war damals Deutschland zu eng, vielleicht insbesondere das wissenschaftliche Deutschland zu klein, und Sie haben selber gesagt, wie Sie die kulturelle und akademische Verwüstung noch empfunden haben, die der Nationalsozialismus in Deutschland angerichtet hatte. Immerhin war es eine deutsche Waldorfschule, die Sie dann fit gemacht haben muss für einen so erfolgreichen Lebensweg; und auch die Dissertationszeit und die drei Jahre als Max-Planck-Direktor am Institut für experimentelle Medizin in Göttingen haben Ihren wissenschaftlichen Weg mit bestimmt.

Als andererseits Stefan Hell, ein Banater Schwabe, Ende der 1970er Jahre aus Rumänien nach Deutschland gekommen war, hat er das, nach dem Joch des Kommunismus, als eine ganz große Befreiung empfunden, was ich sehr gut verstehen kann. Er ist in Temeswar aufs deutsche Lenau-Lyzeum gegangen – übrigens dieselbe Schule, die Herta Müller besucht hat und diese rühmt sich also heute, dass sie die einzige deutsche Schule mit zwei Nobelpreisträgern ist. Die sind stolz dort auf Sie, und ich wünsche mir, dass wir die Beziehungen nach dort aufrechterhalten können.

Sie, Stefan Hell, sind dann ebenfalls zunächst ins Ausland gegangen, nach Finnland, weil Sie mit einer frühen wissenschaftlichen Intuition im eigenen Land zunächst nicht so richtig zurechtkamen – bis es dann geklappt hat: Max-Planck-Direktor in Göttingen – auch dort sind kluge Köpfe aus aller Welt versammelt –, Leibniz-Preis und schließlich Nobelpreis für Chemie. Übrigens haben Sie auch 2006 den Deutschen Zukunftspreis des Bundespräsidenten erhalten – was heute natürlich vor allem unseren Preis ehrt.

Auch Ihr Bauchgefühl habe bei der Entdeckung mitgewirkt, das sagten Sie – und anschließend haben Sie ziemlich dickköpfig Ihre Erkenntnisse vertreten. Was das politisch bedeutet, kann ich nachvollziehen, was es im wissenschaftlichen Diskurs bedeutet, das kann ich nicht so richtig nachvollziehen. Vielleicht haben wir nachher Zeit, das nochmal zu erörtern. Die Wochenzeitung "Die Zeit" hat Sie "cool, spontan, ohne Grenzen im Kopf" genannt – und mit Worten zitiert, die mir sehr sympathisch sind: "Wenn alle dasselbe denken, werde ich misstrauisch". Ein Satz, der genau so von Thomas Südhof gesagt sein könnte.

Nobelpreisträger, so schließe ich daraus, kann man nicht züchten. Es sind freie Geister, Abenteurer mit Unternehmungslust – durchaus auch im ökonomischen Sinne, Stefan Hell zum Beispiel war 2015 "Entrepreneur des Jahres" – und Menschen, die zwar sehr teamfähig sind und die auch jetzt wissen und sagen, was sie anderen zu verdanken haben, die aber letzten Endes ihren eigenen Weg gehen und so richtig in kein System passen.

Das verbindet nun nach meiner Einschätzung Stefan Hell mit Thomas Südhof, bei dem man den gleichen Eigensinn und den gleichen Willen finden kann, den eigenen Weg zu suchen und zu finden.

Er erzählt nicht nur, wie er schon als Vierzehnjähriger durch halb Europa getrampt ist und Dinge unternommen hat, die er seinen Kindern nie erlaubt hätte. Er erzählt auch, dass er das Medizinstudium nicht etwa zielgerichtet aus Karrieregründen, sondern eher aus der Überlegung gewählt hat, sich damit für sein Leben am wenigsten zu verbauen, auch um der Bundeswehr zu entgehen – vor allem aber, um die Freiheit zu behalten, seinem eigenen Willen zu folgen.

Und wenn er jetzt abends um sieben oder acht alle elektronischen Geräte abschaltet, um sie erst nach dem Frühstück wieder in Betrieb zu nehmen, dann deshalb, weil er weiß, dass man nicht dauernd an alle und alles angeschlossen sein darf, wenn man seinen eigenen Kopf behalten und auf gute Ideen kommen will. Das merke ich mir mal.

Die Universität Stanford, wo Thomas Südhof jetzt arbeitet, trägt als Motto in ihrem Siegel den Satz: "Die Luft der Freiheit weht" – und zwar genau so steht es dort, nämlich auf Deutsch. Es ist die Übersetzung eines lateinischen Satzes von Ulrich von Hutten, einem Mitstreiter Martin Luthers. Wie es in Stanford genau zu diesem Motto gekommen ist, ist heute nicht mehr wirklich aufzuklären, aber eines steht fest:

"Die Luft der Freiheit weht" – das kann man wohl über das Wirken und das wissenschaftliche Ethos unserer beiden Gelehrten sagen.

Wissenschaft braucht Freiheit. Nichts braucht sie so sehr wie Freiheit. Politische und ideologische Gängelung sind deswegen genauso Gift für die Wissenschaft wie ökonomische Not oder bürokratische Fesseln. Stefan Hell hat in einem Interview gesagt: "Wenn jemand eine Idee hat zu etwas, was die Menschheit wirklich weiterbringen würde, dann braucht er Freiraum. Man muss Räume schaffen, in denen jemand seiner Idee frei nachgehen kann." Ich kann nur hoffen, dass das im deutschen akademischen Betrieb und bei den dafür verantwortlichen Politikern und Behörden gehört, beherzigt und in die Tat umgesetzt wird.

Heute ehre ich nun jemanden, der genau dafür einen Nobelpreis bekommen hat, dass er optische, physikalische Gesetze hinterfragt oder, sagen wir mal, überlistet hat – sodass wir jetzt, dank Stefan Hell, die stärksten Mikroskope aller Zeiten haben, durch die wir in das Innere von Zellen schauen können, was durchaus zum Heilen von Krankheiten beiträgt.

Und Thomas Südhof zu ehren, heißt, seiner innovativen Forscherkarriere Anerkennung zu zollen. Er hat, um es laienhaft auszudrücken, neue Regeln entdeckt: die Verkehrsregeln nämlich, die dem Transport der Informationen zwischen Zellen, besonders im Gehirn, Richtung und Ziel geben. Auch wenn Thomas Südhof seine Forschung als reine Wissenschaft betreibt, ist hier praktischer Nutzen denkbar: Bestimmte Störungen dieser Verkehrsregeln, die zu schweren Krankheiten führen, können dank seiner Arbeit vielleicht bekämpft werden.

Zur wissenschaftlichen Freiheit, von der ich gesprochen habe, gehört es nach Thomas Südhof auch, sich gelegentlich die Freiheit zu nehmen, sich ganz anderem zu widmen. Wer unausgesetzt nichts anderes als Wissenschaft treibt, der engt sich mit ziemlicher Sicherheit unnötig ein.

Von ihm stammt, was seine eigene Jugend und seine geistige Bildung und Orientierung betrifft, ein sehr bemerkenswerter Hinweis. Auf die Frage, wer auf ihn den größten Einfluss, auch im Hinblick auf seine wissenschaftlichen Erfolge gehabt habe, sagte er: "Mein Oboenlehrer. Von ihm habe ich gelernt: Zuhören und üben."

Offenkundig führen viele Wege nach Stockholm. Sehr verschiedene Wege. Und doch verlaufen sie gelegentlich parallel oder kreuzen sich sogar. Das habe ich gerade versucht, quasi experimentell nachzuweisen.

Sie wissen besser als ich: Eine wesentliche Dimension wissenschaftlicher Beweisführung und -findung ist die sogenannte Voraussagbarkeit. Einen Nobelpreis zu bekommen gehört nicht zu dieser Voraussagbarkeit.

Auf der anderen Seite gilt: Auf einen Nobelpreis folgt der Dank des Vaterlandes, und zwar in Form des, ich sage es ganz präzise: Großen Verdienstkreuzes mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland; das soll so sein, und das bleibt deswegen im strengen Sinne voraussagbar – voraussagbar auch die große Freude. Und deswegen händige ich Ihnen jetzt unmittelbar diese Auszeichnung aus, wie gesagt mit großer Freude und Dankbarkeit.