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Staatsbankett zu Ehren der Präsidentin der Republik Litauen

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede beim Staatsbankett zu Ehren der Präsidentin der Republik Litauen, Dalia Grybauskaitė, im Großen Saal von Schloss Bellevue anlässlich des Staatsbesuchs Schloss Bellevue, 20. April 2016 Staatsbesuch der Präsidentin der Republik Litauen – Rede beim Staatsbankett zu Ehren von Dalia Grybauskaitė im Großen Saal © Guido Bergmann

Seien Sie alle herzlich willkommen hier in Berlin, hier im Schloss Bellevue. Ich freue mich, dass Sie heute meine Gäste sind. Unsere jüngsten Begegnungen sind mir in allerbester Erinnerung: Ihr Besuch im Oktober 2014 und ganz besonders unsere Gespräche während meines Staatsbesuchs in Ihrer schönen Hauptstadt Vilnius und dann später auf der Kurischen Nehrung, im alten Haus von Thomas Mann und an vielen anderen schönen Orten dort.

In Gedanken kehre ich manchmal zurück in Ihre Heimat, und das geschieht, wenn ich tue, was ich gern tue, nämlich Johannes Bobrowski lesen. Der Dichter Johannes Bobrowski, er war in Deutschland zuhause, hat aber zeitlebens im Bewusstsein, ja wir würden eigentlich besser sagen: in seinem Gemüt, die Zeit aufbewahrt, als er um die Memel herum aufgewachsen war, "wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten und unter ihnen die Judenheit", wie er sagte. Johannes Bobrowski sah dieses Zusammenleben als eine lange Geschichte aus Unglück und Verschuldung, wollte aber die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft nicht aufgeben.

Er sollte Recht behalten. Nach der Auflösung des Warschauer Paktes haben wir die Ostsee für ein friedliches Miteinander zurückgewonnen, als einen gemeinsamen, europäischen Kultur- und Handelsraum. Gerade die Menschen in den baltischen Staaten haben in ihrem Beharren auf freier demokratischer und nationaler Selbstbestimmung dazu einen wichtigen Beitrag geleistet. Diese Freiheit war die Voraussetzung für die enge und freundschaftliche Beziehung, die unsere Länder zum wechselseitigen Vorteil heute unterhalten.

Besonders die wirtschaftlichen Verflechtungen werden enger. Litauen zählt zu den sechs am stärksten wachsenden Staaten der Eurozone. Deutschen Unternehmen ist dies nicht entgangen. Viele investieren in Litauen. Sie tun es gerne, und sie würden es – so sagen die Experten – immer wieder tun.

Wir wissen: Der Preis, den die Litauer für ihre Unabhängigkeit zahlen mussten, er war hoch. Anfang des Jahres haben sie sich daran erinnert, wie vor 25 Jahren sowjetische Panzer den friedlichen Protest in Vilnius blutig niederschlugen. Und das war keineswegs der erste Versuch, Litauen die Souveränität zu nehmen. Wir Deutschen wollen und werden nicht vergessen, dass es auch deutsches Machtstreben war, dem Litauens Erste Republik zum Opfer fiel.

Heute wird Litauens Sicherheit und Souveränität im Rahmen des Bündnisses mit den europäischen und transatlantischen Partnern garantiert. Dieser Schutz bleibt angesichts unserer gemeinsamen sicherheitspolitischen Herausforderungen in der Nachbarschaft der Europäischen Union ganz besonders wichtig und niemand betont das stärker als Sie, Frau Präsidentin.

Die Europäische Union, der wir angehören, hat sich in der Absicht zusammengefunden, eine starke Gemeinschaft zu bilden und die gemeinsamen Werte zu verteidigen. Die aktuellen Herausforderungen zeigen uns deutlicher denn je, dass diese Entscheidung klug und richtig war. Wir können dem Völkerrechtsbruch auf der Krim, den Folgen der Wirtschaftskrise und der durch Bürgerkrieg und Terror ausgelösten Flüchtlingskrise nur gemeinsam begegnen.

"Ein gemeinsames Vorgehen macht Europa stark" – so lautete ein zentraler Satz Ihrer Rede zum Karlspreis, der Ihnen 2013 verliehen wurde, verehrte Frau Staatspräsidentin. Sie haben stets danach gehandelt, als Finanzministerin Ihres Landes, dann als EU-Kommissarin und nun als Staatspräsidentin.

Und ich freue mich, dass Litauen Ihr Bekenntnis immer wieder in praktische Politik umsetzt. Ich freue mich auch, dass Sie für das gemeinsame Handeln Europas auch bei Ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern werben. Seien Sie versichert, dass wir dabei die besonderen Herausforderungen Litauens nicht verkennen.

Der ehemalige Präsident des Europäischen Rates, Herman Van Rompuy, nannte die Kette der zwei Millionen Menschen, die sich vor 27 Jahren von Tallin über Riga bis Vilnius die Hände gereicht hatten, einmal einen der Momente, die Europa heilten. Dieses Europa zu erhalten, ist unsere gemeinsame Verantwortung.

In diesem Bewusstsein, meine Damen und Herren, bitte ich Sie, das Glas zu erheben, auf Präsidentin Grybauskaitė, auf das litauische Volk, die Unabhängigkeit seiner Nation und auf die Zukunft eines geeinten Europa!