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Verleihung des CIVIS Medienpreises für Integration und kulturelle Vielfalt in Europa

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache im Weltsaal des Auswärtigen Amtes anlässlich der Verleihung des Europäischen CIVIS Medienpreises Berlin, 12. Mai 2016 Verleihung des Europäischen CIVIS Medienpreises – Ansprache im Weltsaal des Auswärtigen Amtes © Guido Bergmann

Die Demokratie braucht Institutionen, darunter freie Medien, denen die Menschen vertrauen können. Deshalb beeindruckt mich die Idee, die hinter dem CIVIS Medienpreis steht: Berichterstatter und Filmemacher auszuzeichnen, die glaubwürdig sind, weil sie genau hinschauen und auf Nuancen achten, gerade im Umgang mit so sensiblen Themen wie der Migration oder der Integration von Zuwanderern. Zum 29. Mal wird nun dieser Preis heute vergeben, und das zeigt, dass sich CIVIS auf diesem Feld schon engagierte, als andere sich noch wenig oder gar nicht dafür interessierten oder auch angestrengt wegschauten. Heute dürfen wir froh sein, im deutschen Sprachraum eine Medienlandschaft vorzufinden, in der Integration und Migration einen breiten Raum einnehmen.

Wir dürfen es einmal deutlich sagen: Medien haben den Menschen die Einwanderungsgesellschaft schon geschildert, lange bevor von der Politik breite Aufmerksamkeit zu erkennen war. Dieser Preis demonstriert, was kluge und sensible Journalisten und Filmemacher zu zeigen und zu leisten vermögen.

Sie tun dies in einer Presselandschaft, die ihresgleichen sucht. Respektiert und verteidigt wird die Presse von staatlichen Instanzen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, wie wir leider in vielen Staaten der Welt sehen, in diesen Tagen auch in der Türkei.

In Deutschland haben wir eigentlich eine vorbildliche Medienwelt. Und wenn ich "eigentlich" sage, so hören Sie schon eine Sorge, ein gewisses Bedenken. Es beunruhigt mich, wenn ich in diesen Tagen den Vorwurf höre, die Medien berichteten bisweilen einseitig und unvollständig besonders über die Probleme, die mit Flucht und Einwanderung einhergehen. Da ist von Widersprüchen zwischen beobachteter und berichteter Welt die Rede, von einer Glaubwürdigkeitskrise des Journalismus gar, von Medienverdrossenheit, ja sogar von "Lügenpresse".

Bitte glauben Sie mir: Ich weiß, was Lügenpresse ist. Ich habe sie erlebt – jahrzehntelang, in der DDR. Eine zentrale Stelle bestimmte damals, welche Informationen und welche Meinungen verpflichtend waren. Zensur und Desinformation bestimmten den Medienalltag. Und heute? Es ist so völlig anders – und trotzdem: Verschwörungstheoretiker behaupten im Netz und auf der Straße, dass unsere Presse gelenkt sei – so entstünden "Systemmedien". Sie alle im Saal wissen es: Das ist falsch.

Aber lassen Sie uns ruhig fragen: Wie konnte es dazu kommen, dass die Diffamierung als „Lügenpresse“ bei einem Teil der Öffentlichkeit verfangen hat? Hat beispielsweise die Sorge vor der Stigmatisierung von Fremden bisweilen dazu geführt, über Kriminalität durch Migranten nur zögerlich zu berichten? Warum fanden etwa die Übergriffe von Köln in wichtigen Medien erst Tage später Erwähnung?

Das Beste an der gegenwärtigen Debatte über Wahrhaftigkeit der Berichterstattung ist die Debatte selbst. Sie gibt den Medien Gelegenheit, ihren Ansatz darzustellen, aber auch sich zu hinterfragen und über die Standards des Journalismus neu nachzudenken. Und verschiedene Medien diskutieren seit einiger Zeit selbstkritisch über ihre Berichterstattung.

Gerade in einem aufgeregten Umfeld kann es hilfreich sein, sich an Grundsätze zu erinnern, die so einfach wie ehern sind: sagen, was ist. Das Informieren sauber trennen vom Kommentieren. Distanz halten. Sich nicht dazu hinreißen lassen, wegen einer guten Sache Fakten selektiv zu benennen.

Wer es mit diesen anerkannten Prinzipien nicht so genau nimmt, kann schon morgen vom Berichterstatter zum politischen Akteur werden. Und dann ist es nicht mehr weit, bis der Fluch der edlen Absicht dazu verführt, etwas zu verschweigen, um nicht den Falschen Argumente zu liefern. Die Lebenserfahrung zeigt aber: Nicht wer ein Problem benennt, vergrößert es, sondern wer es verschweigt.

Das Schöne an den Medien unserer freien Demokratie ist es, dass sie eben auch ein sich selbstkorrigierendes System sind. Journalisten haben gelernt aus allzu grobschlächtigen Berichten während der Asyl-Debatte der 1990er Jahre. Und sie haben gelernt aus der bisweilen "pädagogischen Bearbeitung" von Integrations- und Migrationsthemen. Dies und die Fähigkeit zur Selbstkritik sind es, auf die Leser, Zuschauer und Zuhörer am Ende vertrauen dürfen.

Lassen Sie mich nun mit einem Dank schließen – dafür, dass unsere Medien und Sie hier im Saal wesentlich dazu beigetragen haben, dass das Deutschland von 2016 sich wesentlich aufgeschlossener gegenüber Flüchtlingen und Migranten verhält als das Deutschland von 1988, als der CIVIS Medienpreis zum ersten Mal vergeben wurde. Dank also ganz speziell diesem CIVIS Medienpreis, seinen Erfindern, den Stiftern, Initiatoren und all seinen Preisträgern.