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Mittagessen anlässlich des Antrittsbesuchs des Präsidenten der Portugiesischen Republik

Bundespräsident Joachim Gauck begrüßt den portugiesischen Präsidenten, Marcelo Rebelo de Sousa, mit militärischen Ehren im Ehrenhof von Schloss Bellevue anlässlich seines Antrittsbesuches Schloss Bellevue, 30. Mai 2016 Antrittsbesuch des portugiesischen Präsidenten – Begrüßung mit militärischen Ehren von Marcelo Rebelo de Sousa im Ehrenhof © Marvin Ibo Güngör

Zwei bewegte Jahre – für Portugal, für Deutschland, für Europa – sind seit meinem Staatsbesuch in Ihrem Land vergangen. Heute nun heiße ich Sie in Berlin herzlich willkommen.

Es ist für Sie ein Besuch bei Freunden. Und unsere Gesellschaften sind auf vielfältige Weise miteinander verwoben. Viele Portugiesen – rund 120.000 – sind hier in Deutschland heimisch geworden, und etwa 25.000 Deutsche leben in Portugal. Dann kommen die vielen Besucher, die Touristen, die die melancholischen Klänge des Fado oder die wunderbaren Bauwerke der Manuelinik lieben – gerade dieser kulturelle Reichtum und die Andersartigkeit gegenüber unserer deutschen Kultur zieht sehr viele Menschen aus meinem Land an. In Portugal sind rund 300 deutsche Firmen tätig und geben 60.000 Menschen Arbeit. Und dabei wird immer öfter auch in Hochtechnologie investiert oder in Dienstleistungen – und wir sehen, es ist auch das Ergebnis eines erfolgreichen Strukturwandels der portugiesischen Wirtschaft.

Portugal und Deutschland sind auf der europäischen Ebene stets verlässliche Partner gewesen. Und wir wünschen uns natürlich auch weiterhin, dass die neue Regierung diese Tradition fortführt. Herr Präsident, Sie haben vor kurzem unterstrichen, dass die portugiesische Verfassung, deren 40. Jahrestag in diesem Jahr gefeiert wird, fest mit den europäischen Werten der Freiheit und der Demokratie verbunden ist. Und indem Sie einen Ihrer ersten Auslandsbesuche beim Europäischen Parlament gemacht haben, haben Sie ein sichtbares Zeichen Ihrer Unterstützung für die europäische Idee gegeben. Das liegt mir besonders am Herzen, und so fühle ich mich Ihnen dankbar verbunden.

Die Wirtschafts- und Finanzkrise war eine schwere Zeit, gerade auch für Ihr Land. Die inneren Reformen haben wir sehr bewundert, und durch sie, wie auch durch internationale Unterstützung, ist die portugiesische Wirtschaft zurückgekehrt auf einen Wachstumspfad. Und jetzt hoffen wir natürlich alle mit Ihnen zusammen, Herr Präsident, dass dieser Pfad, der beschritten wird, dass der Weg der neuen Regierung berechenbar bleibt und nicht von populistischen Kräften in eine andere Richtung bewegt wird.

Wir haben auch über die Herausforderungen gesprochen, die im Zusammenhang mit dem Zustrom von Flüchtlingen existieren. Und ich bin dankbar für die Haltung Portugals und auch für Ihre heutige Mahnung an die Adresse Europas, dass dies eine gemeinsame Aufgabe ist, die alle Europäer angeht.

Wir treffen uns in einer Zeit, in der es eine tiefgreifende Vertrauenskrise gibt – auch bezogen auf den Zusammenhang Europas. Viele Menschen zweifeln daran, dass umsetzbar ist, was die Vorgängergeneration intendiert hat. Mit anderen Worten: Wie kann Europa diese Krisen bewältigen? Der Zweifel daran strahlt aus in diejenigen Bereiche der Politik, in denen gestaltet wird. Und deshalb vertrauen viele Menschen in Europa nicht mehr darauf, dass ein Europa des Wohlstands und der sozialen Gerechtigkeit erreicht werden kann. Dazu müssen wir uns verhalten, dazu müssen wir Stellung nehmen.

Bei allen bekannten Defiziten und Problemen: Wir, die überzeugten Europäer, wir müssen mit aller Entschiedenheit dagegen halten, wir müssen daran arbeiten, dass die historischen Leistungen nicht vergessen werden, sondern wieder ins Bewusstsein der Mehrheitsbevölkerung zurückkehren – ebenso wie die Werte, die uns einen, die aber den Menschen manchmal aus dem Bewusstsein entschwinden. Menschen vergessen oft, was sie gewonnen haben, und sie merken erst, worin dieser Gewinn eigentlich lag, wenn sie ihn bereits verloren haben.

Wir wissen, und wir bleiben dabei: Unsere Europäische Union steht für Frieden, Stabilität und Demokratie. Sie steht für die freiheitliche Gesellschaft. Und sie will, dass Bürgerinnen und Bürger mitreden und für das Gemeinwesen Verantwortung übernehmen. Das wollen wir bewahren – und gegen Skepsis und Zweifel verteidigen. Und das Schöne ist, dass unsere Länder dabei Seite an Seite stehen.

Erheben Sie mit mir das Glas auf das Wohl des Herrn Präsidenten, auf das Wohl des portugiesischen Volkes, das Wachsen und Gedeihen der portugiesisch-deutschen Freundschaft! Zum Wohl!