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Eröffnung der Woche der Umwelt 2016

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache auf der Bühne im Schlosspark anlässlich der Eröffnung der Woche der Umwelt 2016 in Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 7. Juni 2016 Eröffnung der Woche der Umwelt 2016 – Ansprache auf der Bühne im Schlosspark © Sandra Steins

Ein ganz herzliches Willkommen Ihnen allen, hier im Schlosspark von Bellevue! Ich begrüße Sie im "schönsten Garten" im "sandigen Land" – so schwärmte einst ein Zeitgenosse, als der erste Hausherr, das war Prinz Ferdinand von Preußen, hier residierte. In der Tat: Was wäre Bellevue, was wäre der heutige Amtssitz des Bundespräsidenten ohne diesen Park, ohne diesen besonderen Ort der Begegnung?

Und da passt es hervorragend, wenn hier Menschen zusammenkommen, denen der Schutz unserer Umwelt am Herzen liegt. Natur- und Menschenliebe zu verbinden, darum ging es schon damals bei der Gestaltung des Schlossparks unter Prinz Ferdinand. Und um diese Verbindung geht es doch auch heute bei der Woche der Umwelt. Die findet nun zum fünften Mal hier statt. Da sage ich: Herzlich willkommen zur Feier dieses kleinen Jubiläums!

Heute haben wir ja Glück, die Sonne scheint. Aber das ist nicht überall in Deutschland so. Mit Sorge beobachten wir eine zunehmende Häufung von Wetterereignissen, an die wir nicht gewöhnt sind. Gegenwärtig bekommen viele Bürgerinnen und Bürger, im Süden, im Westen des Landes, die Wucht sintflutartiger Regenfälle zu spüren. Dabei haben sogar einige Menschen ihr Leben verloren und viele andere beklagen den Verlust von Hab und Gut. Ich bin sicher, allen Opfern gilt auch Ihr Mitgefühl, so wie ich es empfinde. Und mein Dank geht an die vielen Helferinnen und Helfer, die dort unermüdlich und aufopferungsvoll bei den Aufräumarbeiten aktiv sind. Dass ich das hier heute erwähne, meine Damen und Herren, das hat natürlich einen Hintersinn. Denn durch diese Ereignisse werden die Menschen wieder auf das Thema Klima aufmerksam gemacht. Und wir überlegen dann intensiver, wie abhängig wir Menschen von einer Umwelt im Gleichgewicht sind. Auch deshalb bin ich dankbar für die vielen Initiativen in diese Richtung.

Vierzehn Jahre ist es her, dass Bundespräsident Johannes Rau die erste Umweltwoche eröffnete. Damals mahnte er, wir dürften nicht zulassen, dass Umweltfragen von anderen Debatten in den Hintergrund gedrängt werden. Diese Botschaft ist weiterhin aktuell. Schon ein kurzer Blick in das diesjährige Programm zeigt, wo überall Umweltschutz gefragt ist: bei Produktion und Konsum, beim Abbau von Rohstoffen, bei der Versorgung mit Energie und der Entsorgung von Abfällen, bei der Städte- und Verkehrsplanung, auch als Aufgabe von Bildung. Und damit ist die Liste der Umweltfragen, die Sie aufgreifen werden, ja noch längst nicht erschöpft, denken wir nur an die Bereiche Ernährung und Gesundheit.

Eine der großen Herausforderungen für den Umweltschutz liegt darin, Zusammenhänge besser zu erkennen und dann vernetzend tätig zu werden. "Global denken und lokal handeln", diese Maxime ist längst ein Klassiker. Aber Sie wissen alle: Einfach ist es deshalb nicht, sie zu befolgen. Was global gedacht und wie lokal gehandelt werden sollte, das müssen wir mühsam erarbeiten, oft auch unter Streit. Und manchmal erleben wir auch, dass beides nur schwer in Einklang zu bringen ist. Schon auf Ortsebene gibt es oft unterschiedliche Auffassungen über den richtigen Umgang mit der Umwelt. Und was ist überhaupt richtig? Je nach Interessenlage, Erfahrungshintergrund und Ansichten zum Umweltschutz sind unterschiedliche Antworten möglich.

Eines erscheint mir allerdings evident: Schutz und Schonung der natürlichen Lebensgrundlagen kann nur durch Mobilisierung möglichst vieler Kräfte gelingen. Und hier auf der Woche der Umwelt finden sich nun dafür zahlreiche Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Deshalb mein herzlicher Dank an alle, die uns aufrütteln und anspornen mit ihrem Engagement. Sie alle hier und die mit Ihnen Verbündeten zeigen uns, wie Umweltschutz mit Erfindungsgeist vorangetrieben werden kann.

Die Woche der Umwelt ist ein Gemeinschaftswerk. Mein Dank gilt Ihnen, Frau Staatssekretärin Schwarzelühr-Sutter, stellvertretend für das Kuratorium, sowie Ihnen, Herr Generalsekretär Bottermann, für das Engagement der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, die die Woche der Umwelt von Anfang an mitveranstaltet hat. Bitte geben Sie meinen Dank auch an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung in Osnabrück weiter, die hier und heute nicht dabei sind. Herzlichen Dank möchte ich auch den Ausstellerinnen und Austellern sagen, die dieses Gelände noch interessanter gemacht haben als es sonst ist. Sie haben diesen Schlosspark in ein Schaufenster umweltfreundlicher Initiativen und Technologien verwandelt. "Schaut her, es geht doch!", so könnte man die Botschaft bei der Besichtigung der Stände und Ausstellungsorte zusammenfassen. Praxisnah vermitteln Sie uns, was wir zum Schutz von Tieren und Pflanzen, zur Schonung von Boden, Wasser und Luft und zur effizienten Nutzung von Rohstoffen beitragen können. Lassen Sie sich also alle inspirieren, liebe Gäste.

Zusätzlichen Schwung für mehr Umweltschutz brauchen wir gerade jetzt – jetzt, da wir uns international auf ehrgeizige Ziele für nachhaltige Entwicklung und für den Klimaschutz einigen konnten. Mit der "Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung" und dem Pariser Klimaschutzabkommen wurden im vergangenen Jahr wichtige Weichen für das Leben der Menschheit und für die Zukunft unseres Planeten gestellt. Und in Bonn wurde vergangenen Monat die lange und schwierige Phase der Umsetzung der Klimabeschlüsse eingeleitet. Noch ist die Staatengemeinschaft von vielen ihrer Ziele weit entfernt. Auch hierzulande müssen wir uns anstrengen, erheblich anstrengen, damit wir unsere internationalen Versprechen zur Nachhaltigkeit und zum Klimaschutz einlösen können. Hinzu kommen die Herausforderungen der Energiewende. Sie werden morgen darüber diskutieren.

Mut machen können uns Schritte, die in den vergangenen Jahren zur Schonung der Umwelt getan wurden. Erinnern wir uns: Dreißig Jahre ist es her, da wurde das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit gegründet – als Reaktion auf die Atomkatastrophe von Tschernobyl. Gestern wurde in eben diesem Ministerium ein Resümee, dreißig Jahren Umweltpolitik des Bundes, gezogen – herzlich willkommen, liebe Frau Bundesministerin Barbara Hendricks. Und herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum! Offenkundig brauchte die Bundesrepublik Deutschland ein solches Ministerium, das wichtige Weichen für das Umdenken zugunsten der Umwelt gestellt hat. Neben dem Großprojekt zum Ausstieg aus der Kernenergie hat es weitere wichtige Reformen gegeben, etwa beim Naturschutz und auf dem Weg in die Kreislaufwirtschaft.

Hoffnungsvoll stimmen auch Erfolge beim Klimaschutz. Global gesehen war das Jahr 2014 das erste seit Jahrzehnten, in dem die Wirtschaft wuchs und die Treibhausgas-Emissionen der Energiebranche dennoch sanken. Im Jahr 2015, für das die Daten noch nicht vollständig vorliegen, könnte es ähnlich gewesen sein. Wachstum und Umweltbelastung müssen also nicht Hand in Hand gehen. Aber der Weg zur ressourcenschonenden Wirtschaft ist lang, das wissen wir aus eigener Erfahrung. Hierzulande sind die klimaschädlichen Emissionen im vergangenen Vierteljahrhundert um 27 Prozent zurückgegangen – auch weil wir Energie besser nutzen oder sagen wir es richtiger, weil viele Energie richtiger nutzen, um 50 Prozent effizienter als Anfang der 1990er Jahre – und weil wir vermehrt erneuerbare Ressourcen einsetzen. Innerhalb von 15 Jahren ist es gelungen, den Anteil regenerativer Energien am Stromangebot von sechs auf mehr als dreißig Prozent zu steigern. Allerdings zu erheblichen Kosten, das sollten wir nicht verschweigen. Aber sind die Alternativen dazu langfristig billiger? Das darf man auch fragen, wenn man über Kosten redet.

In vielerlei Hinsicht stehen wir allerdings erst am Anfang der Energiewende. Damit die Bundesrepublik bis zum Jahr 2050 die Zielmarke von gut achtzig Prozent erneuerbarer Energien erreicht, bedarf es eines grundlegenden Umbaus der Energieversorgung. Auch bei der Wärmeproduktion oder im Straßenverkehr sind innovative Ideen und Technologien erforderlich. Wir brauchen dafür viele Ideen und wir brauchen viele Ideengeber. Sie, die Ausstellerinnen und Aussteller unter Ihnen, zeigen uns hier im Schlosspark, wie wir die Energiewende voranbringen können: vielleicht mit Dämmstoffen, seien sie aus Kork oder Hobelspänen, mit Energiesparmaßnahmen bei der Metallverarbeitung oder mit Softwarelösungen für reduzierten Stromverbrauch, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Die Energiewende, das wissen wir alle, wird uns noch über Jahre fordern. Trotzdem dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren: Es gibt noch mehr zu tun, um den Raubbau zu beenden, den wir derzeit auf Kosten künftiger Generationen immer noch betreiben. Zum Beispiel sind die Verluste in der Tier- und Pflanzenwelt mittlerweile so alarmierend, dass die Vereinten Nationen die gegenwärtige Dekade dem Schutz der biologischen Vielfalt gewidmet haben. Gewiss, die Lebensbedingungen auf der Erde haben sich immer schon verändert, Artensterben hat es auch früher schon gegeben. Aber dieses Mal scheint es doch vor allem der Mensch zu sein, der die Verluste verursacht. Schon mehr als die Hälfte des tropischen Regenwaldes, wo doch die meisten Arten leben, ist gerodet.

Auch bei uns in Deutschland gibt es Anlass zur Sorge, wobei doch hoffnungsvoll stimmt, dass der Wert biologischer Vielfalt zunehmend erkannt und auch anerkannt wird. Die Staatengemeinschaft zählt den Bestand von Tier- und Pflanzenarten inzwischen zu den sogenannten planetarischen Leitplanken. Noch hat sich nicht überall herumgesprochen, was es mit dem Konzept der "planetary boundaries" auf sich hat – dass wir damit nämlich über einen Orientierungsrahmen verfügen, der uns helfen kann, die Stabilität unserer Erde zu bewahren, sofern wir bestimmte Grenzwerte zum Schutz von Boden, Wasser, Luft, Flora und Fauna beachten.

Welche Handlungsspielräume innerhalb der planetaren Grenzen bestehen, wird während dieser Umweltwoche ja noch diskutiert werden. Mit Sorge sehen wir, dass einige der empfohlenen Grenzwerte bereits überschritten wurden, auch jene für den Schutz von Tieren und Pflanzen. Den vielen Appellen und Aktionsplänen zum Schutz der biologischen Vielfalt müssen also endlich Taten folgen!

Auch hier gilt, was beim Umweltschutz insgesamt gilt: Jeder kann und sollte einen Beitrag leisten. Was wir essen, wie wir uns kleiden, wie wir wohnen, wie wir wirtschaften und wie wir uns fortbewegen – all das spielt eine Rolle für den Zustand der Meere, der Flüsse, der Wälder, Graslandschaften und Felder und der dort lebenden Tiere und Pflanzen – und damit für die Lebensqualität, die wir für uns und unsere Kinder erhalten wollen.

Und Naturbewusstsein lässt sich ohne eigene Naturerlebnisse kaum entwickeln. Die Bereitschaft, der Natur direkt und mit offenen Augen zu begegnen, sie ist doch ziemlich gering, jedenfalls könnte man sie deutlich erhöhen. Zu viele Menschen erleben nämlich ihre Abenteuer nur vor unterschiedlich großen Bildschirmen. Aber, das wollen wir hier nicht verschweigen, die digitale Technik kann uns die Natur auch nahebringen. Hier auf der Woche der Umwelt können Sie es ausprobieren und, zum Beispiel, mit Hilfe von Apps Tiere und Pflanzen bestimmen.

Umweltschutz, das müssen wir uns immer wieder klar machen, ist ein bedeutender, zivilisatorischer Lernprozess, und solche Prozesse sind mühsam und langwierig. Diesen Lernprozess müssen wir mit Kreativität und Leidenschaft vorantreiben, und zwar bisweilen auch gegen kurzfristige Interessen – über alle Generationen hinweg, weil Jung und Alt gleichermaßen Ressourcen verbrauchen. Umweltschutz ist also eine Aufgabe, die uns unser Leben lang begleitet.

Ich freue mich, dass bei dieser fünften Woche der Umwelt junge Menschen besonders engagiert sind und besonders zu Wort kommen. Ich bin gespannt zu hören, was Sie bewegt und was Sie bewegen möchten.

Viele der Jüngeren wollen dazu beitragen, den Zerstörungen, die wir unserem Planeten schon zugefügt haben, Einhalt zu gebieten. Wir brauchen viele, wir brauchen sehr viele, die mit Pioniergeist den Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen weiter vorantreiben.

Ich komme zum Schluss noch einmal auf diesen Schlosspark und seine Entstehungsgeschichte zurück. Wer hier im Zeitalter der Aufklärung flanierte, der sollte sich frei und im Einklang mit der Natur fühlen. Damit Auge und Geist schweifen konnten, wurden Sichtachsen zwischen den Bäumen geschaffen und anstelle von Mauern und Zäunen versteckte Gräben anlegt. "Aha-Gräben" wurden sie von den Gartengestaltern genannt, in der Hoffnung, dass sie dem Spaziergänger horizonterweiternde Aha-Erlebnisse bescheren. Und eine Menge Aha-Erlebnisse, viele neue Erkenntnisse und Ideen, das alles wünsche ich jetzt auch Ihnen – allen Mitwirkenden und Gästen dieser Woche der Umwelt, die ich hiermit eröffne.