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Eröffnung des XIV. Deutschen Volkshochschultages

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede im Kuppelsaal des Berliner Congress Centers anlässlich der Eröffnung des XIV. Deutschen Volkshochschultages in Berlin Berlin, 9. Juni 2016 Eröffnung des XIV. Deutschen Volkshochschultages – Rede im Kuppelsaal des Berliner Congress Centers © Guido Bergmann

In Zeiten des Wandels tun Institutionen oft gut daran, sich auf ihre Wurzeln und ihren Wesenskern zu besinnen. Denn nur wer sich seiner Identität gewiss ist, kann gesellschaftliche Veränderungen selbstbewusst mitgestalten. Lassen Sie mich deshalb, bevor ich mich der digitalen Herausforderung zuwende, über die Sie heute und morgen ja intensiver sprechen werden, zunächst eine Erinnerung aufrufen an einen Mann, der für Ihre Geschichte von besonderer Bedeutung ist. Ich denke an den liberalen Gewerkschaftsführer und Pionier der Volkshochschulen: Max Hirsch.

Er war es, der 1878 hier in Berlin die Humboldt-Akademie gründete, die erste Volkshochschule Deutschlands. Die Ziele, die ihm damals wichtig waren, sie sind immer noch aktuell, auch wenn wir sie heute wohl anders formulieren würden. Hirsch wollte, so sagte er, "höhere, wahrhaft wissenschaftliche Bildung" verbreiten, und zwar in "allen Volkskreisen". Er wollte ein thematisch breit gefächertes Angebot, und zwar "für alle, die nach gründlicher Belehrung verlangen". Ja, das kann man auch in unsere heutige emanzipatorische Sprache übersetzen, und dann stimmt es wunderbar. Nicht zuletzt wollte er jedem Einzelnen die Chance eröffnen, sich durch Bildung zu einem mündigen, selbstverantwortlichen Bürger zu entwickeln. Zu einem Bürger, der sich für seine persönliche und berufliche Entwicklung genauso engagiert wie für das Gemeinwesen, in dem er lebt.

Offen für alle, vielfältig und bürgerschaftlich engagiert – das waren die Prinzipien der Erwachsenenbildung, für die Max Hirsch ein Leben lang stand. Und diese Prinzipien sind es doch auch, die Volkshochschulen in Deutschland bis heute verbinden, so verschieden die rund 900 Einrichtungen oft auch sind, so sehr sich Trägerschaft und Publikum, Pädagogik und Programm im Laufe der Zeit auch verändert haben mögen. Und diese Prinzipien sind es auch, mit denen ich mich als Bundespräsident identifizieren kann. So danke ich Ihnen also herzlich für die Einladung, heute hier zu sprechen. Sie merken vielleicht schon: Ich bin gern zu Ihnen gekommen.

Volkshochschulen, das ist ihr erstes Prinzip, sind offen für alle. Menschen, die sich weiterbilden wollen, finden hier, wonach sie suchen und was sie brauchen, ganz egal, wie alt sie sind, woher sie stammen und welche Vorkenntnisse sie mitbringen. Als Schulen für das ganze Leben bieten sie jeder und jedem die Chance, sich persönlich weiterzuentwickeln oder sich auf neue Anforderungen im Berufsleben vorzubereiten. An Volkshochschulen können Bürgerinnen und Bürger ihr Recht auf Bildung einlösen. Damit kommt unsere Gesellschaft ihrem Anspruch auf Chancengerechtigkeit einen Schritt näher. Volkshochschulen zeigen, wie viele Gesichter lebenslanges Lernen heute hat. Und sie zeigen, dass es nicht auf den sogenannten "lückenlosen Lebenslauf" ankommt, sondern darauf, was jemand im Laufe des Lebens dazulernt, auch auf Umwegen, auch in Phasen der Selbstvergewisserung.

Volkshochschulen, das ist ihr zweites Merkmal, sind vielfältig: Ihr Themenspektrum reicht von der beruflichen bis zur politischen, von der technischen bis zu kulturellen Bildung. Sie sind auch ein Seismograph gesellschaftlicher Trends und Lebensstile. Ich denke zum Beispiel an die Lust am Konkreten, vom Gartenbau bis zur Handarbeit. An die Freude am künstlerischen Gestalten und an das Bedürfnis nach Bewegung oder gesunder Ernährung. Ich denke auch an die Sehnsucht nach Orientierung in einer unübersichtlichen Welt, in der wir gemeinsam Verantwortung übernehmen müssen. Volkshochschulen bringen uns andere Kulturen näher, sie setzen sich mit politischen, ethischen und religiösen Positionen auseinander. Sie spiegeln die Komplexität unserer Zeit, und sie zeigen Wege auf, mit dieser Komplexität umzugehen.

Damit bin ich beim dritten Merkmal angekommen: Volkshochschulen sind bürgerschaftlich engagiert. Sie haben nicht nur Aufstiegsmöglichkeiten für den Einzelnen im Blick, sondern vermitteln auch soziales und politisches Verantwortungsbewusstsein. Als Schulen der Kommunen sind sie fest verankert in ihrer Stadt, ihrer Gemeinde oder ihrem Landkreis. Sie stiften Begegnungen zwischen Bürgern, stärken das Miteinander und den Zusammenhalt. Auch Volkshochschulen sind somit Werkstätten der Demokratie.

Es ist keine vier Wochen her, da habe ich genau in diesem Raum eine Rede gehalten vor 750 haupt- und ehrenamtlichen Bürgermeisterinnen und Landräten aus dem ganzen Land, und da kam dieser Satz schon einmal vor, dass Kommunen Werkstätten und Lernorte der Demokratie sind. Das fügt sich ganz schön zusammen: Die Wahrnehmung der Leistung der kommunalen Politik durch das Staatsoberhaupt und jetzt meine Wahrnehmung Ihrer Arbeit und Ihrer Tätigkeit.

Und es gibt natürlich noch etwas, was in Zeiten wie diesen nicht fehlen darf: Ich finde es beeindruckend, was Sie gegenwärtig leisten, um Flüchtlingen einen Weg in unsere Gesellschaft zu ebnen. In Ihren Integrationskursen vermitteln Sie Menschen aus anderen Kulturen und Lebenszusammenhängen, die zu uns gekommen sind, das, was hier wichtig ist: zuerst die deutsche Sprache, das Recht, das hier gilt, vielleicht auch die deutsche Geschichte und die demokratischen Prinzipien, die in diesem Lande gelten. Sie bilden Flüchtlinge, die bei uns bleiben können und wollen, aus, Sie bilden sie auch beruflich weiter und verbessern so ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Alle, die sich hier engagieren, leisten einen wichtigen Beitrag zur Integration. Ich will Ihnen heute dafür von Herzen danke sagen.

Immer wieder haben Volkshochschulen auf gesellschaftliche Veränderungen reagiert und sie mitgestaltet. Immer wieder haben sie ihr Programm und ihr pädagogisches Handwerkszeug an neue Bedürfnisse angepasst, ohne ihren Prinzipien untreu zu werden. Und diese Anpassungsfähigkeit ist für mich auch eine der besonderen Stärken Ihrer Institution.

Es waren mehrfach politische Umbrüche, die die Erwachsenenbildung prägten und ihr sogar zu neuer Blüte verhalfen. Denken wir an die unterschiedlichen Zeiten, durch die diese Nation gegangen ist. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, in der Frühphase der Weimarer Republik, setzte mit der Demokratisierung eine regelrechte Volkshochschul-Euphorie ein. Auch nach der nationalsozialistischen Diktatur erlebten die Volkshochschulen in der jungen Bundesrepublik großen Zulauf. Sie galten damals als Stätten der Besinnung und trugen bald zur Vermittlung westlicher Werte und der Idee eines vereinten Europa bei. Und eine andere Zäsur: In der Phase des Aufbruchs nach der Friedlichen Revolution kamen in Ostdeutschland nach Jahrzehnten der Unfreiheit, in der allerdings auch die Volkshochschulen eine wichtige Aufgabe hatten, neue, vielfältige Lernprozesse in Gang. Und es waren die Volkshochschulen, denen viele Bürgerinnen und Bürger ihr Vertrauen schenkten.

Heute ist es kein Wandel der Staatsform, dem die Volkshochschulen sich stellen müssen. Es ist der digitale Wandel, der alle Bereiche unseres Lebens erfasst und somit auch die Erwachsenenbildung verändert. Wir sollten über die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung diskutieren, und zwar nicht nur unter Fachleuten, das ist relativ einfach, sondern in der ganzen Gesellschaft. Nur so kann es gelingen, die Vorteile zu nutzen, die diese Technik bietet, und zwar für alle. Und nur so kann es gelingen, auch die Nachteile zu erkennen, die mit einer schrankenlosen Kommunikation verbunden sind, die oft in aller Anonymität abläuft.

Und wer von allen spricht, der muss ganz schnell wieder bei den Volkshochschulen einkehren. Deshalb ist es gut und richtig, dass Sie, die Volkshochschulen, ihre Angebote erweitern, um Menschen eine Chance zu bieten, mit den neuen Entwicklungen Schritt zu halten. Es ist wichtig, dass sie Medienkompetenz vermitteln. Denn wir alle müssen lernen, im Strom der digitalen Informationen den Überblick zu behalten und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Wir müssen es doch irgendwie schaffen, zu mündigen Nutzern der digitalen Welt zu werden. Ich finde, das ist ein Mega-Thema der Weiterbildung.

Die Digitalisierung ist aber nicht nur ein Gegenstand der Weiterbildung, sondern sie bringt auch etwas anderes hervor, nämlich neue Formen des Lernens. Zahlreiche digitale Lernangebote sind entstanden, die den Unterricht vor Ort teilweise ergänzen, teilweise sogar ersetzen. Vieles ist da noch in der Erprobungsphase, anderes wird schon erfolgreich genutzt. Neue Anbieter – übrigens auch private – haben die Bildungsbranche belebt, Wettbewerb hat Prozesse der Erneuerung in Gang gesetzt. Das digitale Lernen, es bereichert die Bildungslandschaft.

Manche Lehrer und Dozenten, auch viele hier im Saal, arbeiten ja längst mit digitalen Medien. Sie sehen sich konfrontiert mit einem veränderten Lernverhalten der Schülerinnen und Schüler. Und der Einsatz von digitalen Geräten, er verändert auch die Rollen der Lehrenden wie Lernenden. Das erfordert oftmals ein Umdenken von allen Beteiligten. Ich finde, wir sollten digitales Lernen weder verteufeln noch als Allheilmittel verklären. Wir sollten neue und altbewährte Formen des Unterrichts nicht als Gegensätze begreifen, sondern die Stärken und die Vielfalt der neuen Angebote für uns alle nutzbar machen.

Und hier im Congress Center werden Sie nun heute und morgen erleben können, was das heißt: Digitale Angebote öffnen neue Möglichkeiten für selbständiges und gemeinsames Lernen, auch und gerade in der Erwachsenenbildung. Wer sie nutzt, kann an jedem Ort und zu jeder Zeit lernen. Er kann Inhalte exakt auf seine Bedürfnisse und auf sein persönliches Zeitbudget abstimmen. Und er kann sich schneller und besser austauschen, mit wem er will, auch über Grenzen hinweg. Das alles bedeutet mehr Freiheit für den Lernenden. Es bedeutet aber auch, dass er mehr Entscheidungen treffen und dann selbst mehr Verantwortung für seine Weiterbildung übernehmen muss.

Digitale Angebote erleichtern das lebenslange Lernen, weil sie sich gut in den Alltag einfügen lassen. Berufstätige können, wenn sie denn wollen, auf dem Weg zur Arbeit lernen, oder nach Feierabend, wenn die Kinder im Bett sind. Mit ihnen lassen sich aber auch Menschen erreichen und zum Lernen motivieren, die das klassische Kursangebot bislang nicht nutzen konnten oder wollten. Beispiel: Menschen, die auf dem Lande wohnen und keine Bildungseinrichtung in ihrer Nähe haben, können dank digitaler Medien auf Lernangebote zugreifen. Und für viele junge Leute ist lebensbegleitendes Lernen ohnehin nur noch mit Tablet oder Smartphone überhaupt vorstellbar.

Oft ist es das E-Learning, das mit der Hoffnung verbunden ist, zu mehr Chancengerechtigkeit beizutragen. Manche Wissenschaftler glauben sogar, dass das Internet höhere Bildung für alle bringen kann, zum Nulltarif. Aber Computer sind eben keine Zauberkisten, die automatisch zu mehr Chancengerechtigkeit im Bildungswesen beitragen. Der gleiche Zugang für alle reicht oft nicht aus. Es bleibt so eine Verpflichtung für Staat und Gemeinwesen, die Voraussetzungen für Chancengerechtigkeit zu garantieren. Auch darf sich wirkliche Chancengerechtigkeit nicht auf formale Gleichheit beschränken. Es ist wichtig, vom Einzelnen, von seinen Talenten, seinen Stärken und seinen Schwächen auszugehen, ganz egal, ob er im Seminarraum oder mit dem Smartphone lernt. Auch wenn es um digitale Angebote geht, müssen wir deshalb formale Gleichheit um spezifische Förderung ergänzen, damit Menschen das erreichen können, was ihre Fähigkeiten erlauben.

Was wir deshalb brauchen, sind gemeinsame Anstrengungen aller Akteure der Weiterbildung. Sie sollten Lehrmethoden mit Blick auf die neuen technischen Möglichkeiten überdenken. Und sie sollten digitale Angebote entwickeln, die auf die Bedürfnisse unterschiedlicher Nutzergruppen zugeschnitten sind, wenn Sie so wollen: personalisierte digitale Bildungsangebote. Nicht zuletzt ist es notwendig, dass Bund und Länder auf dem Gebiet der digitalen Bildung noch enger zusammenarbeiten und eine gemeinsame Strategie entwickeln. Es ist wichtig, dass sie sich austauschen, voneinander lernen und digitale Projekte besser koordinieren. Nur so können sie in einer stetig wachsenden Branche Qualitätsstandards setzen und Orientierung bieten.

Das Ziel der Anstrengungen ist klar, und ich will es noch einmal auf den Punkt bringen: Möglichst viele Menschen sollen profitieren, auch solche, denen das Lernen schwerfällt oder die aus bildungsfernen Milieus stammen.

Hier öffnet sich ein besonders weites Feld für die Volkshochschulen. Ich weiß, Sie haben bereits viele Schritte unternommen und gute Erfahrungen mit kombinierten Angeboten gemacht. Besonders beeindruckend finde ich das Online-Portal "Ich will Deutsch lernen", das die Integrationskurse für Flüchtlinge ergänzt. Wer sich hier anmeldet, kann im eigenen Rhythmus vertiefen, was er an der Volkshochschule gelernt hat, auch dann, wenn der Kurs vor Ort bereits beendet ist. Er wird online von Tutoren betreut und bekommt auf Wunsch zusätzlich Hilfe etwa bei Bewerbungen und auch beim Einstieg in den Beruf.

Volkshochschulen sind lebendige Institutionen, das beweist nicht zuletzt das Thema dieses Kongresses. Sie können gesellschaftlichen Wandel mitgestalten, gerade weil sie auf einem stabilen Wertefundament stehen und fest in ihren Kommunen verankert sind. Unsere Bürgergesellschaft braucht solche Institutionen, jetzt und in Zukunft. Ich möchte Sie deshalb ermutigen: Haben Sie auch künftig Ihr Ohr am Puls der Zeit, probieren Sie Neues aus und stellen Sie sich auch schwierigen Debatten. Und bleiben Sie dabei, wie Sie waren und wie Sie sind: offen für alle, vielfältig und bürgerschaftlich engagiert.