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Teilnahme am öffentlichen Fastenbrechen – Iftar-Essen

Bundespräsident Joachim Gauck und Daniela Schadt beim Austausch mit Abdallah Hajjir, Imam und Vorstandsvorsitzender von 'Darul Hikma  – Haus der Weisheit e.V.' und weiteren Teilnehmern am Ottoplatz in Berlin-Moabit beim öffentlichen Fastenbrechen Berlin, 13. Juni 2016 Teilnahme am öffentlichen Fastenbrechen – Austausch mit Abdallah Hajjir, Imam und Vorstandsvorsitzender von "Darul Hikma – Haus der Weisheit e.V." und weiteren Teilnehmern am Ottoplatz in Moabit © Jesco Denzel

Ich komme heute nicht nur als Bundespräsident, ich komme als Nachbar zu Ihnen. Das Schloss Bellevue liegt kaum zwei Kilometer entfernt. Und so habe ich Ihre Einladung dankbar angenommen, hier in Moabit gemeinsam mit Ihnen das Fastenbrechen zu feiern. Der Ramadan ist für Muslime ja nicht nur die Zeit der religiösen Einkehr und der guten Taten, er ist auch eine Zeit des Miteinanders – des Miteinanders mit der Familie, mit den Glaubensschwestern und -brüdern, mit Verwandten, Kollegen, Freunden und eben mit Nachbarn. Mein großes Dankeschön gilt allen Organisatoren des heutigen Abends, die dieses Miteinander ermöglicht haben und die Nachbarschaft lebendig werden lassen.

In den vergangenen Jahren hat sich an immer mehr Orten in Deutschland der Brauch entwickelt, Fastenbrechen öffentlich zu feiern, auch als gemeinsames Fest von Muslimen und Nichtmuslimen. Man trifft sich, wie hier in Berlin, bei Sonnenuntergang, um gemeinsam zu essen und zu trinken – und zu reden, sich tatsächlich zu begegnen.

Für mich hat solch ein Treffen große Symbolkraft, denn es signalisiert: Muslime und Nichtmuslime begegnen einander mit Respekt. Sie sind bereit, aufeinander zuzugehen. Das ist wichtig, gerade wenn wir wechselseitig noch zu wenig voneinander wissen. Auch von unseren religiösen Gebräuchen wissen wir ja zu wenig. Und es signalisiert auch: Muslime lassen andere an ihren religiösen Festen teilnehmen, und Nichtmuslime stehen nicht abseits, sie geben ihre Distanz auf. Diese Art von gegenseitiger Neugier, gegenseitiger Empathie und gegenseitigem Vertrauen ist im nachbarschaftlichen Umfeld Vorbild für das, was wir uns für unser Land als Ganzes wünschen: ein friedliches Miteinander von Verschiedenen. Sie, die Sie hier so zahlreich erschienen sind, praktizieren es bereits auf anschauliche und beeindruckende Weise.

Begegnung zu fördern, ist besonders wichtig in einer Zeit, in der sich auch gegenseitiges Misstrauen verbreitet. Nach den Gräueltaten islamistischer Gruppen im Nahen Osten und in Afrika sowie nach den terroristischen Anschlägen in europäischen Hauptstädten hat sich bei vielen Menschen das Gefühl einer alltäglichen Bedrohung eingestellt. Und bei manchem ist die Angst vor dem islamistischen Terror zu einer Angst vor den Muslimen geworden. Das ist nicht gut. Auf der anderen Seite: Nicht wenige Muslime bezweifeln ihrerseits den Willen unserer Gesellschaft zu einem gleichberechtigten Miteinander, weil sie sich diskriminiert und durch einen Generalverdacht ausgegrenzt sehen.

Es stimmt ja: In jüngster Zeit erleben wir eine gesellschaftliche Polarisierung. Aber zugleich wächst auch das Bemühen, Misstrauen und Distanz abzubauen. Auf muslimischer Seite höre ich zunehmend Stimmen, die gegen die fundamentalistische Lesart des Koran ihr eigenes, friedliches Religionsverständnis setzen. Das ist doch eine wichtige Botschaft nicht nur für die eigenen Glaubensbrüder, sondern auch für die Andersgläubigen. Und unter Nichtmuslimen registriere ich, wie verstärkt um Toleranz für andere Lebensstile und andere Glaubensrichtungen geworben wird, während zugleich die Kritik an extremen und extremistischen Glaubensformen nicht länger gescheut wird. Das ist eine Unterstützung für die friedliebenden Muslime, die in unserer Gesellschaft die weit überwiegende Mehrheit darstellen. Und es erschwert jenen das Handwerk, die den Islam missbrauchen, um abscheulichste Verbrechen zu rechtfertigen.

Alle, die wir heute gemeinsam das Fastenbrechen feiern, können bezeugen: Ein Miteinander ist möglich. Und Miteinander ist so wichtig. Manchmal kann Miteinandersein sogar lange Diskussionen ersetzen – vor allem, wenn wir als Richtschnur der Goldenen Regel folgen, die allen großen Religionen gemeinsam ist und ganz einfach lautet: Behandele andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.

Und nun wünsche ich Ihnen – und uns allen – einen schönen, gemeinsamen Abend.