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Bundesfinale "Jugend debattiert"

Bundespräsident Joachim Gauck übergibt Urkunden an die Finalisten auf der Bühne beim Bundesfinale Jugend debattiert 2016 im Humboldtsaal an der Urania in Berlin Berlin, 18. Juni 2016 Bundesfinale Jugend debattiert 2016 – Urkundenübergabe an die Finalisten auf der Bühne im Humboldtsaal an der Urania © Henning Schacht

Debattieren ja! Aber warum? Ich stelle mir vor: Wer debattieren kann, der kann noch viel mehr. Sonst könnte er nicht debattieren.

Er oder sie hat sich Wissen angeeignet, kann sich ausdrücken, argumentieren, und hoffentlich auch zuhören. Er kann sich verständlich machen, sie kann sich verständlich machen und sich mit anderen auf etwas verständigen. Frei reden und debattieren können, das heißt, sich einmischen und etwas erreichen wollen. Es bedeutet, selbstbewusst und fair zugleich aufzutreten.

Und deshalb, liebe Finalistinnen und Finalisten,

deshalb könnt ihr mit Recht stolz darauf sein, bis in die Endrunde dieses Wettbewerbs gekommen zu sein. Dies ist ein Wettstreit, der regelmäßig Sieger ermittelt, aber eigentlich keine Verlierer kennt. Eine wirklich gute Debatte kennt nämlich, genau besehen, nur Gewinner. Oder, anders gesagt: Aus einer guten Debatte nehmen alle Beteiligten etwas mit nach Hause.

Der Stoff für neue Wortgefechte wird niemals ausgehen, einfach, weil es kein Thema gibt, bei dem nicht mit wenigstens zwei Meinungen aufeinander treffen können. Gucken wir mal auf den Deutschen Bundestag. Der hat allein in einer einzigen Woche im ersten Halbjahr 2016 über folgendes debattiert: die Vereinfachung von Besteuerungsverfahren, die Bekämpfung von Fluchtursachen, die Kosten des Netzausbaus, das Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten, die Arbeitsbedingungen von Hebammen und den Bundeswehreinsatz in Mali.

Wenn wir aus dem Parlament in unser tägliches Leben schauen, wird auch da ständig debattiert – mit Freunden, mit der Familie. Es gibt kaum ein Thema, das sich nicht eignen würde für Debatten, auch für Streit. Wir Menschen hören einfach nicht auf, uns auseinanderzusetzen. Sich auseinandersetzen – ein Begriff, der bei genauerem Hinsehen vielschichtig ist: Wir setzen uns auseinander, um irgendwie doch wieder zusammen zu finden. Und zusammenfinden, das muss auch nicht unbedingt heißen, dass man am Ende einer Meinung ist. Es kann heißen, dass ein besseres und vielleicht ein gemeinsames Verständnis eines Problems entwickelt worden ist.

Ich habe manchmal den Eindruck, dass hierzulande, jedenfalls manchmal, viel debattiert wird, aber dass es doch gleichzeitig eine gewisse Scheu vor inhaltlichem Streit gibt, vor klaren Alternativen, oft auch einfach vor der Konfrontation. Dabei wissen wir doch: Streit kann durchaus fruchtbar sein. Man muss ihn aushalten können. Das muss man lernen. Und wenn der Streit erhellend und am Ende produktiv sein soll, muss man ihn eben wagen und nicht alles verschleiern, in der Hoffnung, dass niemand die eigentliche Absicht bemerkt.

Und wenn Meinungen dann doch weit auseinander gehen, wenn noch dazu ein kämpferischer Gestus gewählt wird, dann beobachte ich in jüngster Zeit eine Besorgnis erregende Art, mit Streit umzugehen: Man diffamiert die Gegner oder man bezichtigt sie der Lüge oder attackiert sie gar persönlich. Macht diese Art des Umgangs miteinander Schule, dann sind wir auf einem gefährlichen Weg und wir haben gleich zwei Arten dieses gefährlichen Weges: einmal im wirklichen Leben und einmal im Netz. Auch da trainieren manche ihre Aggressivität.

Um eine Auseinandersetzung produktiv führen zu können, geben sich Menschen Regeln. Auf die Frage, welcher Grundregel Debatten folgen, oder doch wenigstens folgen sollten, findet etwa das Unterhaus des britischen Parlaments, das House of Commons, eine sehr handfeste Antwort. Zwischen den Vertretern der Regierung auf der einen Seite, und auf der anderen Seite der Oppositionsführung, befindet sich ein Tisch. Viele haben das Bild vor Augen, weil es oft im Fernsehen zu sehen ist. Auf diesem Tisch liegt – während der Sitzung – der sogenannte "Streitkolben".

Das war ursprünglich eine Waffe und jetzt symbolisiert dieses Gerät die Autorität der Krone. Zu beiden Seiten der Kammer sind rote Linien gezogen. Sie haben einen Abstand von zwei Schwertlängen zueinander. Diese Linien zu überschreiten, ist den Abgeordneten während der Sitzungen nicht erlaubt.

Das britische Parlament folgt dieser Regel seit dem Mittelalter. Heute symbolisiert der Streitkolben dort in der Mitte das Gewaltmonopol des Staates. Er erinnert uns daran, was für ein gewaltiger Fortschritt der Gewaltverzicht innerhalb von Gesellschaften ist. Dieser Verzicht hat uns Menschen auf eine andere, auf eine höhere Zivilisationsstufe gehoben.

Im Parlament, das sagt schon der Name, zählt das Wort. Hier überzeugt nur das bessere Argument, der leidenschaftlichere Vortrag, der gewitztere Umgang mit Sprache. Es kann eine Lust sein, einer Debatte zu folgen, die mit diesen Mitteln geführt wird. Und es kann Unlust entstehen, wenn nur hohl klingende Worte zu hören sind.

Liebe Finalistinnen und Finalisten,

bei Euch ist Ersteres der Fall. Ihr wisst aus eigenem Erleben: Es kann eine Lust sein, eine solche Debatte zu führen.

Und deshalb bedanke ich mich an dieser Stelle auch bei allen Organisationen, die diesen Bundeswettbewerb mit ihrer Arbeit und ihren Ressourcen ermöglichen, ich will ihnen von Herzen danken, genauso Ihnen, der Jury. Und ich will Sie darin bestärken, dieses gute Werk weiter zu fördern.

Herzlichen Dank Ihnen!