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Deutsch-Bulgarisches Wirtschaftsforum

Bundespräsident Joachim Gauck eröffnet das Deutsch-Bulgarische Wirtschaftsforum in Sofia anlässlich der Reise nach Bulgarien Sofia/Bulgarien, 23. Juni 2016 Reise nach Bulgarien – Eröffnung des Deutsch-Bulgarischen Wirtschaftsforums © Guido Bergmann

Ich bin dankbar für diese Einladung und für die Möglichkeit, Ihnen zu begegnen und zu Ihnen zu sprechen. Sie haben sich ein kompliziertes Thema gestellt:

Maschinen kommunizieren miteinander, sie vernetzen sich und fertigen Produkte, die zugeschnitten sind auf den Verbraucher und seine Bedürfnisse. Vollautomatisiert, digital, vernetzt und individualisiert im Dienste eines Konsums à la carte – so ist das wohl zu verstehen, das neue Industriezeitalter.

Die hier anwesenden Experten wird diese Definition allerdings kaum befriedigen. Die meisten Laien aber, zu denen ich mich natürlich auch zähle, blicken staunend auf Skizzen und Diagramme, die uns die Kommunikationswege vollautomatisierter Produktionsstätten mit Lieferanten, Partnern, Märkten und Verbrauchern erklären sollen. Dieses Wirtschaftsforum widmet sich den wichtigen Fragen unserer industriellen Zukunft. Eine Vertiefung der bulgarisch-deutschen Zusammenarbeit auf diesem Gebiet, da bin ich zuversichtlich, kann die inzwischen sehr guten Wirtschaftsbeziehungen unserer Länder nur weiter verstärken. Die Voraussetzungen dafür sind gut. Das Handelsvolumen zwischen unseren beiden Ländern wächst kontinuierlich. Und gerade in der Informations- und Kommunikationstechnik sehen die Experten gute Chancen auf mehr Wachstum. Unsere Delegation hat während des Aufenthalts hier einiges von diesen Möglichkeiten in Erfahrung gebracht und wir sind ganz begeistert über das, was wir gehört haben.

Unseren Gesellschaften wird in diesem Prozess einiges an Innovations- und Veränderungsbereitschaft abverlangt. Das gefällt nicht jedem, aber dafür brauchen wir ein Klima der Aufgeschlossenheit für neue, auf den ersten Blick vielleicht ungewöhnlich erscheinende Gedanken und Ideen. Und natürlich muss eine Gesellschaft auch bereit sein, Risiken einzugehen und Außergewöhnliches zu wagen, damit Innovationen auf fruchtbaren Boden fallen und neue Technologien ihr volles Potenzial entfalten können.

Bulgarien nun hat in den vergangenen Jahrzehnten bewiesen, und zwar besonders unter dem Druck der Wirtschafts- und Finanzkrise, dass es bereit ist, sich kontinuierlich zu verändern. Ich weiß: Der Weg war beschwerlich, er ist es auch weiterhin, trotz aller Erfolge. In dem Vierteljahrhundert seit dem Beginn der Demokratisierung hat Bulgarien immer wieder Strukturreformen auf den Weg gebracht, staatliche Unternehmen privatisiert und auch den öffentlichen Dienst verschlankt.

In den Jahren vor der Finanz- und Wirtschaftskrise ist es dafür mit steigenden Wachstums- und sinkenden Arbeitslosenraten belohnt worden. Ermutigend ist, dass sich diese Entwicklung, nach dem krisenbedingten Einbruch, nun langsam fortsetzt. Eine robuste wirtschaftliche Entwicklung ist auch im Zeitalter der Industrie 4.0 die Voraussetzung für Investitionen und Innovationen.

Deutsche Unternehmer wissen: Bulgarien ist attraktiv und hat Standortvorteile – eine geringe Steuerbelastung und qualifizierte und motivierte Arbeitnehmer. Und wenn sich potenzielle Investoren etwas wünschen dürften, so ist es eine Modernisierung der Infrastruktur und eine Reform der Verwaltung, die all die positiven Entwicklungen in Bulgarien flankieren würde. Sie beklagen mangelnde Rechtssicherheit in manchen Fällen und, ja, auch ein altes Thema wird von ihnen beklagt: die Korruption.

Noch, so sagen Investoren, bleibe die bulgarische Wirtschaft deshalb unter ihren Möglichkeiten, sie fahre sozusagen mit angezogener Handbremse. Sie müssen sich vorstellen welche Dynamik entsteht, wenn man die Bremse dann lockert. Was das für einen Vorteil bringt. Ich sehe Bulgarien in der Zukunft als ein Land mit entfesselten Potenzialen. Deshalb müssen einige Fesseln jetzt gelöst werden.

Damit sind wir beim Thema: Rechtsstaatlichkeit – das wissen wir in der Europäischen Union – ist nicht nur ein langfristiger Wettbewerbsvorteil, Rechtsstaatlichkeit ist die Voraussetzung für eine prosperierende Volkswirtschaft. Eine effiziente, verlässliche und regelgebundene Verwaltung stärkt das Vertrauen von etablierten und neuen Unternehmen in den Staat ebenso wie in die eigene Zukunft. Klare und umfassende Regeln zur Korruptionsbekämpfung schaffen Transparenz und ermutigen Investoren.

Ich wünsche Bulgarien, dass es gelingt, Bremsklötze zu entfernen, die Investitionen, Wachstum und Beschäftigung noch hemmen – auf dass die Wirtschaft dieses Landes ihr volles Potenzial wirklich entfalten kann. Und ich bin mir sicher, gerade junge Menschen warten auf die Chance, ihre Fähigkeiten stärker auch im eigenen Land einsetzen und für ihr Land etwas bewegen zu können. Konferenzen wie diese können Impulse für eine solche Entwicklung geben.

Bulgarien hat Potenzial. Schöpfen Sie es aus.