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116. Deutscher Wandertag

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache anlässlich des 116. Deutschen Wandertags in der Sporthalle des Goethe-Gymnasiums in Sebnitz Sebnitz, 26. Juni 2016 116. Deutscher Wandertag – Ansprache in der Sporthalle des Goethe-Gymnasiums © Steffen Kugler

In einem schon etwas älteren, aber durchaus noch lesenswerten Buch kann man lesen:

"Das Leben der Vögel hat seine Jahreszeiten. Eines Tages, ehe noch der Herbst die Blätter färbt, erfasst sie die Unruhe, aufzubrechen.

Im Dasein des Menschen geht es ähnlich zu. Eines Tages bricht er auf. Irgendwohin. Zu einer Völkerwanderung, zu einer Pilgerfahrt, in den Krieg. Anlässe finden sich immer. Die Ursachen, die in einem höheren Sinn stets Vorwände bleiben, sind graduell sehr verschieden, und doch dürften sie mehr Gemeinsames besitzen, als wir ahnen."

Diese poetischen Sätze über den Menschen als ein Wesen des Aufbruchs stehen nicht etwa, wie man annehmen könnte, in einer philosophischen Abhandlung über Fragen des menschlichen Daseins. Nein, sie stehen in einem Reiseführer.

Ein Reiseführer, in diesem Fall über den Norden Spaniens, also jene Landschaft, durch die wohl die bekannteste und bedeutendste Pilgerroute der Welt führt, der Weg nach Santiago de Compostela zum Grab des Apostels Jakobus und zum Cap Finisterre – zum Ende der Welt, wie man im Mittelalter glaubte, als diese Wallfahrt begann.

Das Pilgern, die lange Wanderung, ist vom Mittelalter bis heute ein starkes Sinnbild geworden für das Leben selbst:

Das menschliche Leben, so erfuhren und erfahren viele auf dem Weg, es ist ein Unterwegs-Sein, geprägt von immer neuen Aufbrüchen,

von anstrengenden Wegstrecken und von erholsamen Stationen,

von Entbehrung und Erschöpfung, aber auch von gedeckten Tischen und gastfreundlichen Herbergen,

von Gemeinsamkeit mit Weggefährten, aber auch von Abschnitten, die man ganz allein gehen muss,

von Umwegen und Abwegen, von Auf- und Abstiegen,

von befestigten, gut markierten Wegstrecken und von unwegsamem Gelände, durch das man sich tastend und suchend bewegen muss,

vom Schmerz eines Abschieds und einer Trennung, aber auch vom Glück des Ankommens und von der Dankbarkeit, willkommen zu sein.

Man muss nicht gleich bis ans Ende der Welt gehen: Jede Wanderung, zu der wir uns aufmachen, wie kurz oder lang sie auch immer sein mag, wie gut vorbereitet, auf welchen gesicherten oder ungesicherten Wegen auch immer sie unternommen wird, hat etwas, und sei es noch so wenig, von dem Unvorhersehbaren, vom Abenteuerlichen einer Expedition. Jede Wanderung kann Überraschendes bescheren oder Bekanntes und schon oft schon Gesehenes in neuem Licht erscheinen lassen.

Jede Wanderung kann uns neue menschliche Begegnungen eröffnen. Nicht zuletzt auch können wir – wie auf einer Pilgerfahrt – jemanden wieder ein Stück besser oder sogar neu kennenlernen, mit dem wir eigentlich schon lange unterwegs sind und der uns immer wieder rätselhaft erscheint – uns selbst. Dem begegnen wir eben auch, wenn wir uns bewegen.

Wandern ist deswegen, nicht nur weil es beweglich und fit hält, eine der besten Lebensübungen, um sich neugierig und offen, der Natur und den Mitmenschen zugewandt durch die Welt zu bewegen.

Darum freue ich mich darüber, dass gerade Deutschland in jeder Hinsicht ein Wanderland ist und dass Wandern hierzulande zu den selbstverständlichsten Beschäftigungen gehört, die Menschen in ihrer freien Zeit unternehmen. Es ist die unkomplizierteste, dabei intensivste und im Übrigen auch schonendste Art, sich die Welt zu Eigen zu machen und immer neu über die Wunder zu staunen, die sie dem aufmerksamen Auge zu bieten hat.

In Deutschland mag das Wandern nicht erfunden worden sein – aber hier wird es seit den Zeiten der Romantik mit besonders großer Hingabe betrieben. Unsere Literatur kennt dementsprechend viele Gedichte und Erzählungen über das Wandern, unzählige Wanderlieder gibt es, bis hin zum wohl berühmtesten Liederzyklus der Weltmusik, der "Winterreise" von Schubert.

Unser Land hat von den Küsten und den flachen Ebenen im Norden bis zu den Alpen im Süden die denkbar unterschiedlichsten Landschaften. In der Mitte aber ist es von seinen Mittelgebirgen geprägt – und die Mittelgebirge sind die Wanderlandschaft par excellance. Wenn wir uns bei dem Begriff "schöne Landschaft" unwillkürlich eine Mittelgebirgslandschaft vorstellen, dann denken wir meist schon das Bewandern dieser Landschaft ebenso unwillkürlich mit.

Wandern in Deutschland ist also auch ein irgendwie besonderer Ausdruck von Heimatverbundenheit, von Heimaterlebnis und Heimatliebe. Und wenn eine ganze Reihe der schönsten deutschen Gegenden im 19. Jahrhundert, in der ersten Blütezeit des Wanderns, kurzerhand zu "Schweizen" erklärt wurden und bis heute so heißen, dann drückt das eine bewundernde Freude darüber aus, dass es auch in Deutschland selbst, in der nächsten Heimat, so schön ist wie im Inbegriff des naturschönen Landes, eben der Schweiz. Tatsächlich gibt es neben der Holsteinischen und der Fränkischen Schweiz auch die Mecklenburgische und die Rostocker Schweiz meiner Kindheit. Und sicher haben Sie, meine Damen und Herren, noch weitere Schweizen beizutragen.

Hier, das wird jeder bestätigen, der sie schon einmal gesehen hat, hier in der Sächsischen Schweiz ist es besonders schön: spektakulär das Elbsandsteingebirge, abwechslungsreich die Felsen und Tafelberge, Ebenen, Schluchten und Täler. Und die Wanderwege führen über die Grenze zu den Nachbarn nach Tschechien. České Švýcarsko sagt man auf Tschechisch zu diesem paradiesischen Fleckchen Erde. Dass wir hier ungestraft und wann immer wir wollen Grenzübertretungen unternehmen können, gehört zu den historischen Glücksfällen, für die wir immer noch dankbar sind. Jedenfalls die Älteren erinnern sich noch ganz gut und oft mit Schmerzen an die vielen Grenzen, die Europa geteilt haben.

Das Wandern ist die natürliche und naheliegende Antwort auf den einladenden Ruf der schönen Landschaft. Es ist die selbstverständlichste Art, auch Landschaften, die man zum ersten Mal kennenlernt, als Heimat zu erfahren. Es würde unsere angestrengten Debatten darüber, was eigentlich deutsche Identität ist, sehr entspannen, wenn wir uns daran erinnerten, wie einfache und schöne Haltungen wie die Freude am Wandern wesentlich dazugehören. Das ist ohne Ideologie zu haben und stellt für niemanden eine Bedrohung dar. Und wir können andererseits genauso entspannt und inklusiv feststellen: Auch Wandermuffel gehören zu Deutschland – als geduldete Minderheit.

"Wanderlust" – das ist ein besonders schönes altes deutsches Wort, das in keiner anderen Sprache ein Äquivalent hat. Und ich finde es interessant, dass diese Wanderlust immer wieder neue Generationen ergreift. Wandern ist ja nie wirklich aus der Mode gekommen – und aktuell ist Wandern so weit verbreitet wie selten zuvor. Vielleicht wird das Wandern ja in Zukunft noch bedeutender, weil es ein heilsames Gegenprogramm ist für alle die Menschen, die die Natur, ja unser gesamtes Umfeld nur noch aus ihrem Laptop und Smartphone kennen. Vielleicht wird das Wandern noch zu einem therapeutischen Programm. Wenn eine große deutsche Sonntagszeitung Recht hat, dann wandern 37 Millionen Menschen in Deutschland im Durchschnitt sechsmal im Jahr.

Und weil wir Deutschen das, was wir gerne tun, am allerliebsten im Verein tun, darum gibt es nirgendwo sonst so viele im Verein organisierte Wanderer wie bei uns. Dort, in den Vereinen und auch im Deutschen Wanderverband, wird eine Menge an ehrenamtlicher Arbeit geleistet, von der alle Wanderer, auch diejenigen, die sich nur selten aufmachen, profitieren. Ich freue mich, dies heute einmal ganz offiziell als Bundespräsident und Schirmherr des Verbandes würdigen zu können.