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Staatsbankett in der Republik Chile

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache beim Staatsbankett, gegeben von der chilenischen Präsidentin Michelle Bachelet, anlässlich seines Staatsbesuchs in der Republik Chile Santiago de Chile/Chile, 12. Juli 2016 Staatsbesuch in der Republik Chile – Ansprache beim Staatsbankett, gegeben von der chilenischen Präsidentin Michelle Bachelet © Steffen Kugler

"Das Leben in diesem Land ist mit nichts zu vergleichen!" so schwärmte einst ein deutscher Siedler, einer von vielen Einwanderern, die im 19. Jahrhundert in Chile eine neue Heimat fanden. Ein eigenes Stück fruchtbaren Bodens, dazu günstiges Klima – welch ein Geschenk, trotz aller Härten des Neubeginns.

Als Geschenk haben Daniela Schadt und ich auch unseren ersten Besuchstag in Chile empfunden: so viel Gastfreundschaft, so viel Herzlichkeit, so viel Intensität – ganz herzlichen Dank!

Die chilenisch-deutschen Beziehungen sind geprägt durch gewachsene persönliche Bindungen und eine vielfältige und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Sie sind ein schönes Beispiel dafür, dass Nähe zwischen Nationen auch über geographische Distanz möglich ist. Bilateral wie multilateral kooperieren wir eng miteinander: in Fragen der Friedenssicherung, beim Thema Demokratie und Menschenrechte, bei der Förderung von Handel und Wachstum sowie beim Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen.

Unsere Länder verbindet überdies, ich habe es schon angedeutet, die Erfahrung von Migration, und zwar in ihren verschiedenen Formen. Liebe Frau Präsidentin, Ihre eigene Biographie ist ein Teil dieser chilenisch-deutschen Geschichte. Viele Chilenen haben während der Militärdiktatur Zuflucht gesucht und Zuflucht gefunden in Ost- oder Westdeutschland. Sie selbst lebten ja in der DDR und wirken bis heute persönlich daran mit, die freundschaftlichen Verbindungen zwischen unseren Ländern auszubauen.

Gegenwärtig fordern uns auf der ganzen Welt neue Wanderungsbewegungen heraus. Ich will an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen und auch meinen Dank aussprechen für die Bereitschaft Chiles, syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Auch wenn Ihr Land – in Ihren Worten, Frau Präsidentin, – eine "kleine Nation" ist, erweist sich Chile damit abermals als verantwortungsbewusster Partner bei der Bewältigung großer internationaler Aufgaben.

Ihr Land hat sich zu einer politisch wie wirtschaftlich erfolgreichen Demokratie in Lateinamerika entwickelt – vielleicht zu der erfolgreichsten. Mein Respekt gilt auch dem umfangreichen Reformvorhaben, mit dem Ihre Regierung die Ungleichheit im Land verringern möchte. Es tut mir leid, wenn ich solche Worte wie Ungleichheit ausspreche, aber unsere Freundschaft darf nicht daran scheitern, die Realität wahrzunehmen. Wenn wir die Realität wahrnehmen, dann tauchen solche Begriffe auch einmal auf. In diesem Zusammenhang messen Sie besondere Bedeutung der Bildung bei. Ich freue mich über das große Interesse Chiles am deutschen System der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Gerne geben wir diese Erfahrungen weiter an andere, denen wir damit helfen können

Enge wirtschaftliche Zusammenarbeit pflegen wir in so wichtigen Bereichen wie der Rohstoffgewinnung und dem Bergbau. Wirtschaftliche, soziale und ökologische Belange bei der Erschließung von Bodenschätzen zu verknüpfen, das liegt in unserem beiderseitigen Interesse.

Zugleich sind wir uns der zunehmenden Bedeutung erneuerbarer Energien bewusst, für die Wirtschaft und für den Klimaschutz. Auch Chile spürt die besorgniserregenden Auswirkungen globaler Klimaveränderungen. Mit ambitionierten politischen Vorgaben möchten Sie die Nutzung regenerativer Energien vorantreiben. Ich freue mich, dass Deutschland dabei hilft.

Um die Zukunft zu gestalten, brauchen wir natürlich auch die Kreativität der Künstler, den Forschergeist der Wissenschaftler sowie die pädagogische Leidenschaft der Lehrenden in Schulen und Universitäten. Der rege Austausch auf diesen Gebieten zeigt auf beeindruckende Weise, wie lebendig und zukunftsgerichtet die Beziehungen zwischen unseren Ländern sind. In keinem anderen Land außerhalb Deutschlands gibt es so viele Schulen, die besonderen Wert auf das Erlernen der deutschen Sprache und die Vermittlung deutscher Kultur legen wie hier in Chile. In diesen Schulen werden Türen zur Zukunft geöffnet – für junge Menschen und auch für die deutsch-chilenische Partnerschaft.

Ich möchte meiner Rede, die ich vorbereitet habe, noch eine Bemerkung hinzufügen, die mit der Erwähnung des Komplexes "Aufarbeitung der Vergangenheit" durch Sie, Frau Präsidentin, zu tun hat. Wir haben natürlich auch über die Colonia Dignidad gesprochen, obwohl das in der großen Geschichte der Aufarbeitung der Diktatur nur ein Detail ist. Frau Präsidentin, wir können Ihrem Land nicht all das vermitteln, was unser Land unter Schmerzen gelernt hat. Auch in unserem Land gab es nach der großen Katastrophe des Krieges und des Holocausts zunächst eine allgemeine Bereitschaft, möglichst schnell zu vergessen und zu verdrängen, was an Schuld eigentlich auf der Agenda des Landes hätte stehen sollen. Natürlich gab es Opfer des Regimes und natürlich gab es engagierte, sensible Menschen, die früh dieses Thema benannt haben. Aber die Mehrheit der Nation fühlte sich wohl mit dem Vergessen und Verdrängen.

Dann kam das Wirtschaftswunder – Gott sei Dank –, und es beendete die Not und den Hunger vieler Menschen. Aber es lenkte auch ab von der Beschäftigung mit etwas, was die Nation eigentlich hätte angehen sollen. Und dann, nach etwa einer Generation, hat das Wissen und das Leiden der Wenigen die Vielen erfasst und plötzlich wurde klar: Es ist für eine Nation nützlich, sich zu fragen, was ist meine Schuld, was ist meine Verantwortung gewesen. Sich zu fragen, habe ich mitgeholfen? Habe ich mit getötet? Habe ich nur weggeschaut? Oder was habe ich sonst gemacht?

So gab es harte Auseinandersetzungen in unendlich vielen Familien und zwischen den politischen Milieus des Landes. Ich spreche von Westdeutschland, wo eine Freiheit es möglich machte. Im Osten war das alles gelenkt und instrumentalisiert, aber darüber möchte ich jetzt nicht weiter reden. Was folgt nun daraus, wenn ich das erwähne? Was ist der Sinn?

Der Sinn besteht darin, dass selbst dann, wenn uns die Erinnerung besonders schwer fällt – weil Schuld und Scham und Trauer und Reue uns belasten –, etwas ganz Eigentümliches passiert. Nicht nur, dass wir anderen Menschen, den Opfern von früher, gerecht werden durch diese Einkehr in Schuld und lange verweigerte Verantwortung. Sondern wir haben auch eine neue Beziehung zu uns selber gefunden, haben gelernt, von uns selber anders zu denken – im freien Geist, selbst wenn der Prozess dahin sehr, sehr schwer war.

Und ich erzähle davon in aller Demut, weil ich glaube, dass wir Dinge, die gelingen, auch miteinander teilen müssen. Wir haben solche Erfahrungen gemacht, die ich nicht verschweigen kann, und deshalb denke ich, dass alle Nationen, die sich wegbewegen von der Strategie des Vertuschens, Verschweigens und Verdrängens, auf einem guten Weg sind, für die Opfer von einst, für die Partner, Freunde heute – aber vor allen Dingen immer auch für uns selber.

Und mit dieser Gewissheit begrüße ich Sie aus der Tiefe meines Herzens und meines politischen Wissens. Es ist hilfreich zu sehen, dass wir auf einer gemeinsamen Wertebasis – Freiheit, Demokratie, Herrschaft des Rechts – aufbauend, miteinander über solche Dinge sprechen können, die geschehen sind, und solchem die nicht geschehen sind, die wir in Gang setzen müssen und über die wir uns, wenn sie gelingen, gemeinsam freuen können. Es gibt eine geistige Freiheit, die uns zukunftsfähig macht. Und es wäre zu schade, wenn Sie an einem begonnenen Prozess der Erinnerung, der geistigen Freiheit, eine Pause machen würden, Zeit verstreichen lassen. Das ist jetzt eine Bemerkung, in der sich politisches Wissen, das Wissen über die Züge der Menschen und sehr persönliche Erfahrungen, miteinander verbinden. Und ich denke, dass Sie genau bemerkt haben, worüber ich gesprochen habe: Ich habe aus Deutschland und über Deutschland gesprochen. Und viele von Ihnen haben mich so angeschaut, als hätten Sie mich in der Tiefe verstanden. Das ist neben der Freundschaft, die uns verbindet, neben den vielen Brücken die wir uns gebaut haben, und den schönen Veranstaltungen, die wir miteinander hatten, neben der Zukunft, die wir miteinander gestalten, Grund zu einer besonderen Freude und zu einem besonderen Gefühl der Sympathie und der Nähe, die ich zu allen empfinde, die in dieser Welt auf Menschenrechte und Freiheit und das Recht setzen.

Und in diesem Sinne, Frau Präsidentin, erhebe ich mein Glas auf das Wohl der chilenisch-deutschen Freundschaft und auf eine glückliche Zukunft Chiles.