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Mittagessen anlässlich des 100. Geburtstages der Deutsch-Chilenischen Industrie- und Handelskammer

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede beim Mittagessen, gegeben von der Deutsch-Chilenischen Industrie- und Handelskammer aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums ihrer Gründung im Club de la Unión anlässlich des Staatsbesuchs in der Republik Chile Santiago de Chile/Chile, 13. Juli 2016 Staatsbesuch in der Republik Chile – Rede beim Mittagessen, gegeben von der Deutsch-Chilenischen Industrie- und Handelskammer aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums ihrer Gründung im Club de la Unión © Steffen Kugler

Unternehmergeist und Weltoffenheit – diese beiden Tugenden stehen oft am Anfang einer Erfolgsgeschichte. Und diese Tugenden waren es auch, die deutsche Kaufleute im Jahr 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, dazu inspirierten, in der Hafenstadt Valparaíso eine Industrie- und Handelskammer zu gründen. Schon damals wurden Salpeter und Kupfer über den Pazifik nach Deutschland verschifft, auf umgekehrtem Weg kamen Maschinen und Medikamente nach Chile. Die Handelskammer half, den Handel und den Austausch zwischen unseren Ländern zu verstetigen. Und sie schuf Bindungen, die in den vergangenen hundert Jahren auch Wirtschaftskrisen und politische Umbrüche überdauerten.

Heute ist die Kammer ein Dreh- und Angelpunkt der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Chile und Deutschland. Sie fördert den Handel, aber auch den Transfer von Technologie und Know-how. Sie unterstützt deutsche Exporteure, aber auch chilenische Unternehmer, die nach Geschäftspartnern und nach neuen Märkten suchen. Nicht zuletzt engagiert sie sich für berufliche Bildung, für Forschung und Entwicklung. Das Motto, das Sie sich für Ihr Jubiläum ausgedacht haben, bringt es auf den Punkt: Die deutsch-chilenische Handelskammer, sie verbindet das Beste beider Welten. Und auch deshalb freue ich mich, heute Mittag bei Ihnen zu sein. Herzlichen Dank für den so freundlichen Empfang!

Unternehmergeist und Weltoffenheit – diese beiden Tugenden zeichnen auch die Wirtschaft dieses Landes aus. Chile besitzt ein beeindruckendes wirtschaftliches Potenzial, auch deshalb, weil es auf die Krisen und Kriege, mit denen wir uns an zahllosen Orten der Welt konfrontiert sehen, nicht mit Abschottung reagiert hat. Als Bürger eines Landes, das zwischen Atacama und Antarktis, Anden und Pazifik liegt und deshalb aus europäischer Sicht etwas abgelegen erscheint, haben die Chilenen erkannt, wie wichtig eine offene, auf die Weltmärkte ausgerichtete Wirtschaft ist. Chiles Engagement für den Freihandel trägt zu Wachstum und Wohlstand bei. Und dieses Engagement liegt auch im Interesse der Exportnation Deutschland und seiner Partner in der Europäischen Union. Die gegenwärtige Überprüfung des Assoziierungsabkommens zwischen Chile und der Europäischen Union birgt die Chance, die Grundlagen für den Handel zwischen beiden Seiten weiter zu verbessern.

In einer Zeit, in der die Preise für Kupfer und andere Rohstoffe am Weltmarkt gesunken sind, wird immer mehr Chilenen bewusst, wie wichtig ökonomische Vielfalt für die Volkswirtschaft ist. Längst ist klar, dass das Land seine Abhängigkeit vom Bergbau weiter verringern, die Industrialisierung aber weiter vorantreiben und die Produktion modernisieren muss, um seine Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Deutschland wird Chile auf diesem Weg der Erneuerung weiter unterstützen. Denn die Wirtschaft ist eine tragende Säule der Beziehungen zwischen unseren Ländern. Und das soll auch so bleiben.

Wie groß das Interesse deutscher Unternehmen an Chile ist, zeigen die hochrangigen Wirtschaftsvertreter, die mich auf dieser Reise begleiten. Deutsche Investoren tragen hierzulande zu Innovationen bei und sind verlässliche Partner – ob im Bergbau oder wenn es darum geht, den Strukturwandel voranzubringen. Ich denke zum Beispiel an die Einführung von umweltfreundlichen Produktionsverfahren und den Ausbau von erneuerbaren Energien. Umgekehrt haben zuletzt auch große chilenische Unternehmen in Deutschland investiert, im Kupfergeschäft ebenso wie in der Seeschifffahrt. Wir wissen: Unternehmer, die weltweit handeln, haben ein Interesse an Rechtssicherheit und an politischer Stabilität. Und sie brauchen Vertrauen in das Land, in dem sie sich engagieren. Es sind Institutionen wie die Handelskammern, die solches Vertrauen wachsen lassen, auch über Grenzen hinaus.

Erfolgreiche Unternehmer, so haben wir es jedenfalls in Deutschland gelernt, schauen nicht nur auf den kurzfristigen Erfolg. Sie wissen, dass sie auch gesellschaftliche Verantwortung tragen. Gerade die Aus- und Weiterbildung von Arbeitnehmern ist eine wichtige Voraussetzung nicht nur für den wirtschaftlichen, sondern eben auch für den sozialen Fortschritt. Denn sie eröffnet Aufstiegschancen. Es freut mich, dass die deutsch-chilenische Handelskammer einen Schwerpunkt ihrer Tätigkeit darin sieht, die berufliche Bildung zu fördern. Die Kammer kann einiges vorweisen – die Kurse des Bildungszentrums etwa, oder Initiativen, um hier gemeinsam mit chilenischen Partnern Elemente aus Deutschlands erfolgreichem Berufsbildungssystem einzuführen, aus der dualen Ausbildung.

Ein zweites Beispiel für unternehmerische Verantwortung, das ich hervorheben möchte, ist das deutsche Prinzip der Sozialpartnerschaft. In der Bundesrepublik ist der konstruktive Dialog zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften seit Jahrzehnten ein Stützpfeiler der Sozialen Marktwirtschaft, ein Begriff, den ich übrigens wiederholen möchte. Denn die Erfahrung zeigt: Wenn beide Seiten auf Augenhöhe kooperieren und gemeinsam nach Kompromissen suchen, dann trägt das nicht nur zu wirtschaftlichem Erfolg und zukunftsfähiger Beschäftigung bei. Es begünstigt auch den sozialen Frieden und fördert eine lebendige Bürgergesellschaft.

Dafür braucht es Voraussetzungen. Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen aufeinander zugehen. Unsere ökonomischen Erfahrungen sind nicht schlecht, und deshalb finden wir dieses Aufeinanderzugehen gut. Es ist ein Erfolgsmodell. Interessengruppen können also ihre Konflikte in Verhandlungen austragen, ohne dabei das Gemeinsame aus dem Blick zu verlieren.

Und ich wünsche mir, dass wir die Fähigkeit zum Dialog und zum Kompromiss in unseren Gesellschaften in Zukunft weiter stärken können, und zwar gerade in unübersichtlichen Zeiten, in denen sich manche nach einfachen Lösungen sehnen. Denn die Bürgerinnen und Bürger sind es ebenso wie die Regierenden, die Verantwortung tragen für die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Entwicklung unserer Länder. Wir müssen unsere demokratischen Errungenschaften und unsere freiheitliche Wirtschaftsordnung immer wieder aufs Neue verteidigen. Und wir sollten uns immer wieder bewusst machen, dass Aushandlungsprozesse zwar mühsam sein können, dass sie sich auf lange Sicht aber lohnen, und zwar für alle Beteiligten.

Antonio Skármeta, der große chilenische Schriftsteller und ehemalige Botschafter in Berlin, hat diese pragmatische Haltung mit Blick auf die Demokratie einmal sehr schön beschrieben. "Die Demokratie", so sagte er, "strebt nicht nach dem Paradies auf Erden, nicht einmal nach der Gleichheit aller Menschen auf allen Ebenen. Sie ist immer noch verbesserungsfähig, gerade weil sie nicht perfekt ist und keinen Anspruch auf Perfektion erhebt."

Ich wünsche mir, dass wir in diesem Sinne weiter zusammenarbeiten und unsere Zukunft gemeinsam gestalten. Ich bin mir sicher: Die deutsch-chilenische Industrie- und Handelskammer wird dazu ihren Beitrag leisten, mit Unternehmergeist und Weltoffenheit. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Ich erhebe mein Glas auf die deutsch-chilenischen Beziehungen und auf die Freundschaft zwischen unseren Völkern.