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Empfang der deutschen Olympiamannschaft nach ihrer Rückkehr von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede im Kaisersaal des Römers anlässlich der Begrüßung der deutschen Olympiamannschaft in Frankfurt am Main Frankfurt am Main , 23. August 2015 Begrüßung der deutschen Olympiamannschaft nach den Olympischen Spielen in Rio – Rede im Kaisersaal des Römers © Thomas Lohnes

Liebe Olympioniken!

Nur wenige Menschen kann ich so anreden. Und dass ich das kann, erfüllt mich mit besonderer Freude. Wir treffen uns an einem schönen Tag, wir treffen uns in einem schönen Rathaus, in einem wunderbaren Saal. Aber das schönste, auf das wir heute stoßen, das seid Ihr mit Euren weißen T-Shirts, auf denen "Germany" steht. Das heißt Deutschland, und Deutschland sagt Euch heute Dank, wie auch Frankfurt am Main.

So, und jetzt kommt die Geschichte mit den Medaillengewinnern und mit den Unterlegenen. Wenn ich eben "Danke" gesagt habe für das ganze Land, dann gilt dieser Dank allen, die wir begleitet haben mit unseren guten Wünschen, mit Daumendrücken, mit Hoffen und Ersehnen. Aber wir wissen genau: Nicht jeder, der sich anstrengt, kommt auch mit einer Medaille zurück. Und ich will an diesem Tag, wo wir uns so freuen über die Medaillenträger – und es sind sogar welche dabei, die haben zwei Medaillen um den Hals hängen –, ich will an diesem Tag all jene würdigen, die sich genauso intensiv wie die Medaillengewinner vorbereitet haben, trainiert haben, auf unendlich viel verzichtet haben, Zoff in der Familie einkalkuliert haben und sich über eigenes Versagen oder Scheitern hinwegtrainiert haben. All denen will ich auch "Danke" sagen. Wir lernen von Euch allen, nicht nur von den Medaillengewinnern.

Das sage ich natürlich weil es einen gesamtgesellschaftlichen Bezug gibt: Niemals sind in einer Gesellschaft alle Leute bekannt und alle Leute Sieger und alle Leute auf der Sonnenseite. Aber Sportler zeigen uns, was Menschen vermögen, wenn sie an ihre eigenen Potenziale glauben. Wenn man sich schindet, wenn man etwas riskiert, wenn man mutig ist, wenn man die Ängste, die in jedem Menschen stecken, besiegt, wenn man sich noch einmal anstrengt und nicht aufgibt, und wenn man zu all dem noch bereit ist, nicht um jeden Preis zu siegen, sondern mit Fairness zu siegen. Alle Dinge, die ich eben genannt habe, gelten für die gesamte Gesellschaft. Und deshalb sind Sportlerinnen und Sportler, besonders unsere Spitzensportler, diejenigen, die uns gute Impulse geben, wie eine Gesellschaft vorankommen kann. Das ist der zweite Grund meines Dankes, und ich will ihn deutlich unterstreichen.

Ich hatte mir vorgenommen, heute keine Namen zu nennen in dieser Dankes- und Willkommensrede. Ich bitte alle großen Sieger um Nachsicht, aber nach dem, was ich eben gesagt habe, müsste ich auch einige Namen der Unterlegenen nennen. Glauben Sie mir, ich kenne Ihre Namen.

Aber ich will nun doch zwei Namen nennen. Ich sage gleich die Begründungen. Die eine ist trauriger Natur, das könnt Ihr Euch schon vorstellen und die andere ist jedenfalls auch nicht sehr überraschend. Das mache ich, weil hier jemand gezeigt hat, dass man über Grenzen, die man sich normalerweise setzt und die man auch einhalten muss, um sich nicht zu gefährden, auch gelegentlich hinaus geht, um einer Mannschaft etwas mitzugeben. Da denke ich natürlich an Andreas Toba. Wie er beim Turnen trotz erheblicher Schmerzen und Verletzungen gesagt hat: Nein, für die Mannschaft muss ich nochmal ans Gerät. Unglaublich!

Das tut gut, diesen Beifall zu hören. Und gleich wird es uns zusammen gut tun, einen ganz kurzen Moment lang, keine Minute, aber vielleicht zehn Sekunden lang zu schweigen, wenn ich den Namen nenne, den ich mir auch noch vorgenommen hatte zu nennen. Das ist Stefan Henze. Durch einen schrecklichen, sinnlosen Tod ist er aus der Reihe derer unfreiwillig ausgeschieden, die ich hier und heute willkommen heiße. Und lassen Sie uns einen Moment ihm danken für seine intensive Vorbereitung. Für seinen Sport hat er gelebt – er ist überraschend aus dem Leben gerissen worden. Und mit seinem Tod hat er durch eine Organspende, die er und seine Familie vereinbart hatten, anderen ein Stück Hoffnung auf Leben gegeben. Wir denken einen kurzen Moment an ihn. Danke an Stefan Henze.

Es ist jetzt ein bisschen ruhig geworden. Und diese Ruhe nutze ich aus, um zu sagen: Freude bewegt mich und Sorge bewegt mich und viele Leute im Land – auch wegen der Olympischen Idee. Wir haben großes Glück gehabt mit unseren erfolgreichen Athleten und auch mit denen, die ohne Medaille nach Hause kommen. Denn wir alle gehen davon aus, dass es faire Sportsleute sind. Dass sie darauf verzichtet haben, sich zu pushen, sich zu dopen. Wir wollen ein Land sein, das nicht um Medaillen um jeden Preis ringt. Ich möchte nicht Präsident eines Landes sein, das Medaillen um jeden Preis herbeischafft. Das hatten wir schon in Deutschland. Wir wollen stolz sein auf das, was wir mit Fairness und mit eigenen Mitteln geschafft haben, und das ist eine Menge, was wir schaffen können. Und diesen Stolz wollen wir uns bewahren. Wir brauchen den künstlichen Stolz nicht und die Schande der späteren Medaillenrückgabe. Und das muss in die Köpfe all derer rein, die sich, aufgeputscht, manchmal durch gewisse Medien, nur zufrieden geben, wenn wir mit Körben voller Medaillen zurückkommen. Das wollen wir nicht. Wir wollen eine gesunde Nation, die sich zutraut, etwas zu erreichen aus eigener Kraft. Und Sie, die Sportlerinnen und Sportler, die wir heute so herzlich begrüßen, Sie zeigen uns, dass wir Grund haben, unseren Kräften zu vertrauen.

Also, lieber Herr Präsident Hörmann, wenn Sie künftig an den Spitzensport denken, gefällt mir besonders, dass Sie dabei das Wort Breitensport nicht vergessen haben. Das habe ich eben mit besonderer Freude von Ihnen gehört. Denn ohne Breite keine Spitze. Oder jedenfalls: Wenn wir eine Spitze ohne Breite hätten, dann möchte ich nicht zum Empfang kommen.

Deshalb, liebe Sportlerinnen und Sportler, wenn Sie austrainiert haben und einen Moment Zeit haben für die Kids bei Ihnen im Verein, bei Ihnen in der Nähe, gehen Sie hin, ermutigen Sie sie, auch wenn sie nicht Spitze werden wollen. Wir brauchen auch Handballer und Fußballer in der Kreisklasse, und wir brauchen auch diejenigen, die in Orchideen-Sportarten zeigen: Wir können es. Wir schaffen es. Wir glauben an uns.

All denen, die sich so viele Jahre geschunden haben, um bei diesem Höhepunkt dabei zu sein, all denen, die jetzt aufatmen, wünsche ich nach dem Stress des Feierns im Flieger und davor, gute und erholungsreiche Ferien.

Macht’s gut. Wir sehen uns wieder!